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OKS-lab fragt… Cale Garrido

In der Serie »OKS-lab fragt …« beantworten Dozent/-innen, Fotograf/-innen, Macher/-innen und Absolvent/-innen im Rahmen der Ostkreuzschule für Fotografie (OKS) Fragen zu ihrer Arbeit, ihrer Beziehung zur Fotografie und Lebensart.

Ein Gespräch mit Cale Garrido darüber, wie wichtig es ist, Fotograf/-innen bei Aufträgen Freiheit zu lassen, wie ein Magazin fast klimaneutral produziert werden kann und welche unterschiedlichen Herausforderungen es im Prozess des Kuratierens gibt. Cale Garrido ist Bildredakteurin bei Greenpeace Media und Kuratorin, unter anderem als Teil der Künstler/-innen Gruppe Apparat. 2017 schloss sie das Studium der Bildredaktion an der OKS ab.

Bildredakteurin und Kuratorin Cale Garrido, Foto: Heinrich Holtgreve

Verena Meyer (VM): Wie verlief dein Weg zur Ostkreuzschule?

Cale Garrido (CG): Ich habe in meinem Herkunftsland Spanien Journalismus studiert. Schon damals habe ich mich für Fotografie interessiert und bin für eine Recherche mit dem deutschen Fotografen Philipp Meuser nach Israel gefahren. Im Anschluß veröffentlichten wir unser erstes Fotobuch im Eigenverlag. Dadurch wurde mein Interesse für das Zusammenspiel aus Text und Bild geweckt. Ich habe, seitdem ich 2013 nach Hamburg gezogen bin, immer intensiver mit Fotograf/-innen zusammen gearbeitet. Zu der Zeit arbeitete ich in der Buchhandlung im Haus der Fotografie und auch in der Robert Morat Galerie. Die Fotografie wurde ein gutes Medium für mich, weiterhin im Bereich des Journalismus zu arbeiten. Durch Zufall bin ich dann auf die Bildredaktionsklasse gestoßen. Durch das Lernen des Umgangs mit Bildern im journalistischen und auch im künstlerischen Bereich, wurde mir die Magazin- und Ausstellungsbranche noch weiter geöffnet.

VM: Beide Wege gehst du auch beruflich, du arbeitest als Bildredakteurin und als Kuratorin. Aber noch mal zurück zur Ausbildung. Gab es denn einen persönlichen Höhepunkt für dich? 

CG: Mit Nadja Masri war jede Woche aufs neue voller Überraschungen, es gab immer neue Themen und neue Ansätze. Hannes Wanderer zu treffen war in jedem Fall ein Höhepunkt der Ausbildung. Mit ihm gemeinsam Bücher durchzublättern und das Editieren aus seiner Perspektive zu erfahren. Auch der Blick auf die Bildredaktion von Carmen Brunner (damals DUMMY Magazin) hat mich sehr bereichert: Dass Bild und Text sich beim gleichen Thema gegenseitig erzählen können und beide Ebenen im Magazin voneinander profitieren. Und natürlich die Ernte danach: Wie wir im Beruf immer wieder auf Personen treffen, die wir in der Zeit kennengelernt haben. Damit meine ich Bildredakteur/-innen, die einen ähnlichen Weg gehen aber auch junge Fotograf/-innen. Es ist schön zu merken, dass man sie in einem so aufregenden Moment im Leben getroffen hat und dann begegnen sie einem immer wieder. Es hat etwas von einem Familiengefühl, wir haben eine gemeinsame Herkunft – und damit auch, wie ich finde, gemeinsame Werte innerhalb der Branche.

VM: Das stimmt. Nach der Ausbildung ging es dann weiter für dich zum Greenpeace Magazin

CG: Dort habe ich schon während der Ausbildung angefangen zu arbeiten. Eine tolle Gelegenheit, da sich bei meiner Arbeit neue Fragen ergeben haben, worüber wir uns in der Klasse einmal im Monat austauschen konnten.

VM: Hast du da noch etwas bestimmtes in Erinnerung?

CG: Die Frage, die mich am Anfang beschäftigt hat, war, wie viel man als Bildredakteur/-in in einem Briefing vorgibt und wie viel Freiheit man den Fotograf/-innen lässt. Wie viel möchte man mitbestimmen und wie viel lässt man die Fotograf/-innen entscheiden. 

VM: Und was wäre deine These?

CG: Manches hat mit dem Charakter des Magazins zu tun und formal mit der Gestaltung eines Magazins, das gehört dann zu den Vorgaben. Ich denke aber, dass man den Fotograf/-innen vor Ort genug Freiheit lassen sollte. Wir in der Bildredaktion sitzen meistens vor dem Computer und haben gewisse Vorstellungen, doch die Realität sieht manchmal ganz anders aus. Die Kunst besteht darin, Fotograf/-innen zu finden, die zur Geschichte und im besten Fall auch zu den Autor/-innen passen, mit denen sie unterwegs sind. Herauszufinden wie die Fotograf/-innen arbeiten und das Vertrauen zu haben, dass sie die Idee so umsetzen, dass es passt, ist das Wichtigste. 

VM: Du hast dann also hauptsächlich Aufträge gegeben und weniger nach Bildern in Datenbanken recherchiert. 

CG: Das Heft berichtet seit 25 Jahren über Umweltthemen. Eine Redaktion, die sich so lange einem Thema widmet, hat oft genaue Vorstellungen, worüber noch nicht ausreichend berichtet wurde. Es geht hauptsächlich darum, inspirierende Geschichten zu finden, die zu einem konstruktiven Nachdenken über Umweltthemen führen. Die Geschichten beim Greenpeace Magazin sind deshalb im großen Teil Eigenproduktionen. Die eigene Recherche, die ich betrieben habe, hat dann nicht bei Agenturen, sondern oft im Austausch mit Fotograf/-innen direkt oder auf Fotofestivals, Blogs, in Ausstellungen und Buchhandlungen stattgefunden.

VM: Was ist eine Veröffentlichung, die dir im Kopf geblieben sind?

CG: In der Rubrik „Portfolio“ werden Arbeiten zu den Schwerpunkten des Magazins vorgestellt. 2016 habe ich auf dem Fotofestival in Arles das Buch-Dummy von Mathieu Asselin gesehen: Eine fotografische, investigative Arbeit über Monsanto. Das war mein allererster Vorschlag im Magazin. Die Arbeit, die aufwändig recherchiert wurde und auch auf der visuellen Ebene vielfältig umgesetzt ist, haben wir damals exklusiv im deutschsprachigen Raum drucken können. 

Monsanto: A Photographic Investigation von Mathieu Asselin erschienen im Greenpeace Magazin 5.17, Fotos: Cale Garrido

VM: Spannend! Was mich noch interessieren würde: Ich habe gelesen, dass die Herstellung des Greenpeace Magazins überwiegend klimaneutral funktioniert. Wie schafft ihr das?

CG: Da gibt es so viele Faktoren, die mit hineinspielen. In vielen Bereichen kann man die hundert prozentige Klimaneutralität nicht erreichen. Es ist eher ein Prozess, in dem man immer besser werden muss. Das Greenpeace Magazin druckt natürlich auf Recyclingpapier. Das ist für das Druckergebnis nicht unbedingt einfach, da das Papier sehr viel Farbe aufnimmt. Man muss in der Litho sehr viel entgegensteuern. Es kostet Arbeit, aber das ist etwas, was die Verantwortlichen für das Magazin natürlich mit Überzeugung machen. Es spielt auch eine große Rolle wie man als Verlag im Alltag funktioniert: Wie trennen wir Müll, wie viel Papier nutzen wir, welches Wasser trinken wir? Werden unsere Server mit Ökostrom gefüttert, hat die Druckerei ein Öko-Siegel? Es wird viel Wert darauf gelegt zu sehen, wie Dinge hergestellt und welche Ressourcen verwendet werden. Das Magazin hat auch ein Warenhaus, alle Produkte haben dort ein Öko-Siegel und werden in Absprache mit der Organisation Greenpeace und anderen Umweltinstituten geprüft. Auch beim Beauftragen der Fotograf/-innen, achtet man auf Nachhaltigkeit. 

VM: Das Thema Umwelt begleitet dich auch in deiner zusätzlichen Tätigkeit als Kuratorin. In der Ausstellung Urgent Arts of Living regen Fotos die Debatte über die aktuelle ökologische Krise an. Das Projekt lief über parallel platform. Darüber werden junge Kurator/-innen gefördert und im Prozess unterstützt. Wie lief die Zusammenarbeit für dich ab?

CG: Die Zusammenarbeit begann im September 2018 in Zagreb, dort haben sich alle Teilnehmer/-innen vorgestellt. Sieben Institutionen wurden mit sieben aufstrebenden Kurator/-innen gepaart. Die 28 teilnehmenden Künstler/-innen haben anschließend angefangen, eine neue Arbeit zu entwickeln. Final wurden diese dann erst im März 2019 in Derby auf dem Format Festival präsentiert. In den Monaten dazwischen gab es für uns immer wieder die Möglichkeit in einem Google Drive zu sehen, woran gerade gearbeitet wurde. Der Prozess wurde also offen gelegt, was manchen schwerer, manchen leichter fiel. Ich schaute immer wieder, welche Arbeiten zusammenpassten und welchen Rahmen sie ergeben. Thematisch war das Umweltthema nicht von Anfang an klar. Das habe ich mir zwar gewünscht aber konnte ich erst entscheiden, nachdem ich die Arbeiten der Künstler/-innen gesehen habe. Parallel war ich auch eine Woche in Litauen, in Kaunas, um die Kaunas Photography Gallery und das Team vor Ort näher kennenzulernen. Die Ausstellung „Urgent Arts of Living“ eröffnete schlussendlich im Juni und präsentierte die Werke von Fábio Cunha aus Portugal, Marie Lukasiewicz aus Frankreich und Ana Zibelnik aus Slowenien.

Installation im öffentlichen Raum To Walk a Mountain von Fábio Cunha aus der Ausstellung Urgent Arts of Living, Kaunas Photography Gallery, Litauen, Foto: Fábio Cunha

VM: Was waren Herausforderungen für dich?

CG: Herauszufinden, wie man als Kurator/-in innerhalb des Entstehungsprozesses der künstlerischen Arbeiten vorgeht. In diesem Kontext arbeitet man nicht mit abgeschlossenen Werken. Wir konnten mit den Künstler/-innen offen darüber diskutieren, wo es fotografisch hingeht, die Arbeiten im Austausch entwickeln. So war es auch bei dem Fotobuch, das dabei entstand, woran ich mit dem Grafiker Tom Mrazauskas gearbeitet habe. Die Grenzen zwischen der künstlerischen und der kuratorischen Entscheidung waren also hier ganz offen und mussten von uns neu gedacht und gestaltet werden.

Ansicht der Gruppenausstellung Urgent Arts of Living mit Arbeiten von Fábio Cunha, Ana Zibelnik und Marie Lukasiewicz, Kaunas Photography Gallery, Litauen, Foto: Fábio Cunha
Katalog Urgent Arts of Living, Fotos: Fábio Cunha, Ana Zibelnik und Marie Lukasiewicz, Bild- und Textredaktion: Cale Garrido, Grafikdesign: Tom Mrazauskas, herausgegeben von Kaunas Photography Gallery and Parallel Platform, 2019, Foto: Marie Lukasiewicz

VM: Ich würde gerne noch weiter über die parallel platform Ausstellung mit dir reden. Aber es gibt auch noch ein anderes spannendes Thema, über das ich dich gerne befragen möchte: Die aktuelle Ausstellung mit deinem Kollektiv Apparat. Bekannte Fotograf/-innen, wie Jakob Ganslmeier, Hannes Jung und Maria Sturm, sind Teil davon. Wie ist eure Gruppe entstanden?

CG: Drei in Berlin lebende Fotograf/-innen der Gruppe haben sich bei den Wiesbadener Fototagen getroffen, weil sie dort Ausstellungen hatten. Sie haben darüber geredet, wie es ist, in der Fotografie meist alleine zu arbeiten. Und wie schön es wäre sich als Kollektiv zusammenzuschließen, mit dem man einen gewissen Zusammenhalt hat. Sie überlegten, mit wem man gut zusammen arbeiten könnte. Das ging auch über den Freundeskreis hinaus. Ich wurde gefragt, ob ich als Kuratorin Teil der Gruppe werden möchte. Wir alle stecken in einer ähnlichen Phase im Leben und haben ähnliche Herausforderungen, wollen außerdem innerhalb der Gruppe auf Augenhöhe arbeiten. Als Kuratorin versuche ich hier den Überblick und auch eine Art neutralen Blick auf die verschiedenen Arbeiten zu behalte, um auch manchmal als Moderatorin zwischen den Fotograf/-innen fungieren zu können. Mittlerweile haben wir einen Verein gegründet. Auch dort bin ich Mitglied der Gruppe, nicht mehr und nicht weniger, nur mit einer anderen Rolle. 

VM: Mitte August habt ihr eure erste Ausstellung mit dem NamenDIE ANDEREN SIND WIR. Bilder einer dissonanten Gesellschaft eröffnet. Es geht um gesellschaftliche Spaltungen zwischen Hoffnung und Angst, Toleranz und Ablehnung, Zusammenhalt und Rückzug. Wie kam es zu dem Thema?

CG: Die Gruppe entstand kurz nach der Bundestagswahl, als die AfD in das Parlament eingezogen ist. Das war für alle ein Moment zum Nachdenken. Man fragte sich, was eigentlich gerade in unserer Gesellschaft passiert und wie sich die Meinungen verschieben. Die Projekte der Gruppe gingen deshalb alle von der gleichen Frage aus. Wir versuchen mit der Ausstellung herauszufinden: Gibt es eigentlich eine diffuse Angst, die unser politisches Handeln beeinflusst? 

Aus der Serie The Wolf Is Present, Foto: Hannes Jung

VM: Was für Arbeiten erwarten uns denn, wenn wir die Ausstellung besuchen?

CG: Es sind Arbeiten, die sich unter anderem mit Meinungsunterschieden beschäftigen. Zum Beispiel die Arbeit von Hannes Jung, die sich mit einer polarisierenden Debatte auseinandersetzt, nämlich mit der Rückkehr des Wolfes. Der Wolf ist aber in seinen Bildern nicht zu sehen. Jung fragt sich in dieser Arbeit: Wie berechtigt sind unsere Ängste vor gesellschaftlichen Veränderungen? Es sind neun dokumentarische und künstlerische Positionen, die uns dazu bringen, uns über eine der größten Herausforderungen unserer Zeit Gedanken zu machen: Es zu schaffen, sich mit Menschen zu unterhalten, die vielleicht eine ganz andere Ansicht zur Gesellschaft haben. Und sie nicht klischeehaft zu porträtieren oder in eine Schublade zu sortieren. Herauszufinden, wie bestimmte Meinungen entstehen, das ist in unserer Gesellschaft immer schwieriger geworden. Wir bewegen uns in „Comfort Zones“, sprechen mit Menschen, die das Gleiche denken, im digitalen als auch im realen Leben. Wie geht man damit um, sodass sich die Welt nicht weiter spaltet, sondern mehr gemeinsam gestaltet wird? Das ist die Frage, der wir uns stellen.

VM: Gibt es etwas worauf man besonders in der Ausstellung achten kann?

CG: Die Arbeiten sprechen für sich und stellen sehr viele Fragen. Teilweise unterhalten sich auch bestimmte Arbeiten miteinander. Wichtig wäre es zu versuchen, mit keiner vorgefertigten Meinung in die Ausstellung zu gehen, sondern sich wirklich den einzelnen Fragen der Arbeiten zu stellen. Die Ausstellung möchte Besucher/-innen dazu bringen, über unser zukünftiges Zusammenleben als Gesellschaft nachzudenken. 

Aus der Serie Den Bach runter, 2018-19, Film-Still: Hahn und Hartung

VM: Vielen Dank für das Gespräch!

CG: Danke. 

Credit des Beitragsbildes: Philip Meuser