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„Wir wollen nicht langweilen.“

Das DUMMY Magazin feiert den 10. Geburtstag. OKS-lab spricht mit der Bildredakteurin Carmen Brunner.

DUMMY Cover Nr. 40 Jubiläums-Ausgabe und Nr. 39 Körper

DUMMY Cover Nr. 40 Jubiläums-Ausgabe und Nr. 39 Körper

Mit Ausgabe 40 feiert das DUMMY Magazin sein 10-jähriges Bestehen auf dem Zeitungsmarkt. DUMMY ist ein vierteljährlich erscheinendes Gesellschaftsmagazin, das sich in jeder Ausgabe einem Thema widmet: Glauben, Juden, Liebe, Behinderte, zuletzt dem Thema Jubiläum. Der Name DUMMY ist Programm, jede Ausgabe ist ein Prototyp. Die Frage, wie ein modernes Gesellschaftsmagazin heute aussehen müsste, begleitet die Redaktion von Ausgabe zu Ausgabe. So wird das Magazin jedes Mal von einer neuen Artdirektion gestaltet. Carmen Brunner ist seit zwei Jahren die Bildredakteurin des mehrfach preisgekrönten Magazins. Ein Gespräch über die Fotografie in DUMMY.

Eine Leserin schreibt auf die DUMMY Magazin Facebook-Pinnwand: „Das einzige Magazin, bei dem ich immer auch ein bisschen Angst habe beim Aufschlagen“. Ist die Angst berechtigt?
(Lacht) Naja, es gibt auch Leute, die sagen, wir sind eine Zumutung. Positiver oder negativer Art. Ich finde das ganz gut. Wir erzählen Geschichten und zeigen Bilder, von denen manche eine Zumutung sind. Wir wählen dabei aber ausschließlich Inhalte mit Qualität, die wir interessant finden. Ich hoffe, die Freude auf die Inhalte ist größer als die Angst davor.

Kannst Du genauer beschreiben, was Du unter Inhalten mit Qualität verstehst?
Der Anspruch an die Fotostrecken in DUMMY ist sehr stark inhaltlich motiviert. Eine Anforderung ist es, ein Thema von einer anderen Perspektive zu beleuchten. Gibt es noch etwas an einem Thema, das man nicht kennt? Wir versammeln im Heft viele verschiedene fotografische Stile. Ich suche nicht nach einer durchgängigen Bildsprache. Wir zeigen den Konzeptkünstler neben dem Old-School-Reportage-Fotografen, das Stilllebenkonzept und die Fundstücke von Ebay. Das sind alles Arbeiten, die in ihrer Nische eine hohe Qualität haben.

Was bedeutet das für die visuelle Qualität der Fotografie?
Ich kriege von Fotografen manchmal schöne Arbeiten vorgeschlagen, die aber inhaltlich nicht ausreichend pointiert sind. Arbeiten, bei denen entweder das Konzept oder die Geschichte hinter den Bildern nicht in gleichem Maße interessant sind wie das Betrachten. Umgekehrt gilt das natürlich auch. Das tollste Konzept reicht nicht, wenn die Bilder visuell nicht überzeugen. Ich glaube, viele Fotografen haben Schwierigkeiten, sich einem Thema zu stellen und ein straffes Konzept zu entwickeln, das wir als Magazin spannend finden.

Eine große Frage: Was ist ein gutes Bild?
Schreckliche Frage! Wenn das nur so eindeutig wäre!  Im Geheimnis-Heft haben wir zum Beispiel die fantastische Fotoserie „Park“ von Kohei Yoshiyuki gezeigt. So etwas hat man noch nie gesehen. Er zeigt Paare, die beim Rummachen in öffentlichen Parkanlagen von Voyeuren beobachtet und manchmal sogar begrabscht werden. Das sind gute Bilder.
Auch unerwartete kleine Beobachtungen führen meist zu einem guten Bild. Zum Beispiel Stephen Gills „A Series of Dissappointments“ im Scheiße-Heft.
Gute Bilder sind natürlich auch jene unserer Stripper-Serie im Körper-Heft. In ihrer Rohheit und in ihrer Authentizität des im Eigenheim Gemachten passen sie genau zum Thema. Sie sind nicht langweilig und sie sind keine Wiederholung von oft Gesehenem. Manchmal kann ein gutes Bild eines sein, das man nicht sofort versteht und manchmal ist ein gutes Bild gerade gut, weil es alles auf einen Punkt bringt. Wie unser Cover des Körper-Heftes. Man rafft sich gerade noch so auf, ist aber auf der anderen Seite ein bisschen resigniert und denkt, oah, überall ist er im Weg, der Körper.

Überraschung ist somit ein wichtiger Punkt?
Ich finde schon. Das soll den ruhigeren Sachen aber nicht den Wind aus den Segeln nehmen. Ich finde es schön, auch Altbekanntes ganz behutsam zu beobachten oder wegen seiner Schönheit willen. Es kommt immer auf die Heftmischung an. Wenn einen auf jeder Seite eine Pointe anspringt, das geht nicht, das nervt.

Musst Du eine nackte Brust oder einen Penis pro Ausgabe zeigen?
(Lacht) Nein, dazu gibt es keine Regel, aber ich würde natürlich wahnsinnig gern in jedem Heft einen Penis einbauen.

Welche Aufgaben hat die Fotografie in DUMMY?
Die Fotostrecken haben die gleichen Aufgaben wie die geschriebenen Texte. Geschichten zu erzählen oder das Thema, um das es geht, von einer anderen Seite zu beleuchten. So, dass es einen hoffentlich manchmal überrascht, manchmal provoziert oder auch manchmal ein bisschen Leichtigkeit ins Heft bringt. Fotografien sind selbstständige Beiträge. Das gilt auch für die Bebilderungen der Texte. Wir versuchen, wenig mit Belegmaterial zu arbeiten, sondern versuchen, auch etwas zu finden, das den Text bereichert. Manche Texte brauchen auch keine oder nur wenige Bilder. Dann stehen wir auch zur Bleiwüste.

Was macht DUMMY in der Kiosklandschaft besonders?
Ich würde es am liebsten vor dem Hintergrund meiner eigenen Erfahrung beschreiben. Ich kannte DUMMY noch nicht so lange, bevor ich da angefangen habe. Ich war der Magazine ein bisschen überdrüssig. Ich habe irgendwann nach meinem Umzug nach Berlin ein DUMMY-Heft in einer Bar gefunden und es von vorne bis hinten durchgelesen. Dabei habe ich mir nie gedacht, oh schon wieder, oder das wiederholt sich, überall schon gelesen.
Mir macht das Monothematische extrem Spaß. Für mich war das damals auch als Leser eine super Erfahrung. Daneben profitiert DUMMY von der Tatsache, dass es nur vierteljährlich erscheint. Wir haben länger Zeit, daran zu arbeiten und der Leser behandelt das Heft viel wertvoller. Leser lesen jede Seite, verbringen mehr Zeit damit. Nicht zuletzt, da wir alle täglich mit Informationen zugeschossen werden.

DUMMY ist auch ein sehr politisches Magazin. Was möchtest Du mit Deiner Bildauswahl bei Deinen Lesern erreichen?
Wir wollen nicht langweilen und den Lesern eine spannende, aufregende und interessante Zeit schenken. Für mich ist es immer sehr interessant zu merken, wie viel man in der Welt auch übersieht und wie ein neue Perspektive die Wahrnehmung verändern kann. Im besten Fall erreichen wir dadurch eine Art Horizonterweiterung.

DUMMY-Leser schauen also anders auf die Welt?
Ich glaube schon. DUMMY ist dabei aber keine große Leser- und Weltverbesserungsmaschine. Es ist ein bisschen wie eine Koordinationsübung beim Sport. Wenn du gewohnt bist, eine Bewegung immer gleich zu machen und es dann mal anders machen musst, dann bringt dir das auch was.

Es kommen immer wieder neue Magazine kleiner Verlage auf den Markt, die Fotografen die schöne Möglichkeit einer Veröffentlichung im Print bieten, aber oft nicht oder kaum Honorare für Bilder zahlen können. Wie sieht das bei DUMMY aus?
Wir bezahlen Honorare. Die goldenen Zeiten gibt es aber auch bei uns nicht mehr.

Ich bin Fotograf und habe eine Geschichte fotografiert, die unbedingt in DUMMY gezeigt werden muss. Wie wirst Du darauf aufmerksam?
Ich kriege sehr viele Anfragen um Mappentermine zu machen. Wir sind ein sehr kleiner Laden; ich habe dafür leider keine Zeit. Das ist für die Fotografen schade und auch für mich. Es ist toll, Arbeiten vorgeschlagen zu bekommen. Gute Arbeiten, die in DUMMY passen, erreichen mich am besten per Email. Ich bemühe mich, zurückzuschreiben, immer schaffe ich es aber nicht. Oder zum Beispiel Fotofestivals: Ich war in diesem Jahr Portfolio Reviewer bei Photo España. Dort hat mir ein Fotograf eine sehr berührende Fotostrecke über autistische Drillinge gezeigt. Diese Arbeit drucken wir im Jubiläum-Heft ab.

Wie habt ihr das Jubiläum-Heft konzipiert?
DUMMY hat es bis jetzt 10 Jahre lang geschafft, auf dem Zeitschriftenmarkt zu bestehen. Das wollten wir mit einem ganz besonderen Heft feiern. Wir hatten uns echt was vorgenommen. Es gibt jeweils eine neue Geschichte zu den bisher 39 dagewesenen Themen. Das Thema der 40. Ausgabe ist zudem Jubiläum. Auch dazu gibt es eine Geschichte. Jedes einzelne Thema wird von einem anderen Art-Direktor gestaltet. Das heißt, es endet in einem Heft mit 40 Geschichten zu 40 verschiedenen Themen, die von 40 verschiedenen Art-Direktoren gestaltet wurden. DUMMY Jubiläum wird kein „Best of“, es wird ein „Noch-Besser“.

Das Interview erschien in der Oktober-Ausgabe 2013 von Photonews.

Carmen Brunner wurde 1980 in Klagenfurt, Österreich geboren. Sie absolvierte einen Lehrgang für Fotografie und ein Studium der Anglistik und Medienwissenschaft. Seit 2008 arbeitet sie für Wolfgang Tillmans, den sie bei Bildauswahl, Gestaltung und Produktion von Büchern unterstützt. Sie ist Absolventin der Klasse Bildredaktion (Jhg. 2011/2012) und übernahm 2011 die Bildredaktion des Magazins DUMMY.