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OKS-lab fragt … Miguel Brusch

In der Serie »OKS-lab fragt…« beantworten Dozenten, Fotografen, Macher und Absolventen im Rahmen der Ostkreuzschule für Fotografie Fragen zu ihrer Arbeit, ihrer Beziehung zur Fotografie und Lebensart.

Ein Gespräch mit Miguel Brusch, Fotograf und Absolvent der Ostkreuzschule 2018, über seine Arbeit im Projekt Stadtschreiber, über Symbolik, Instagram und was das Wichtigste ist an einem Foto.

Christian, #Altglienicke, April 2019 aus dem Projekt 'Stadtschreiber' von Miguel Brusch
Christian, #Altglienicke, April 2019

Für die Initiative ‚Neue Berliner Räume‘ bespielt Miguel Brusch seit Mai 2019 für drei Monate den Instagram Kanal @stadtschreiber.berlin mit Fotografie aus der Peripherie Berlins.

Robert Rausch (RR): Hallo Miguel. Schön, dich hier mitten in der Stadt zu treffen. Kannst du zunächst mal etwas über das Projekt ‚Stadtschreiber‘ erzählen, und wie es dazu kam?

Miguel Brusch (MB): Ja gerne. Vor ein paar Monaten kam der Kunstverein ‚Neue Berliner Räume‘ (NBR) auf mich zu und wollte ein Projekt eben mit dem Titel ‚Stadtschreiber‘ machen, das ausschließlich über Instagram läuft. Die einzige Vorgabe ist, dass es in Berlin stattfindet.

Ich hab mich dann mit den Leuten von ‚NBR‘ getroffen – super nette Leute, die schon einige Kunstprojekte in Berlin auf die Beine gestellt haben. Die haben mir inhaltlich und formal komplett freie Hand gelassen. Ich fand das natürlich super, komplett meinen eigenen Stil einbringen zu können, frei von allen Vorgaben.

#Zehlendorf, April 2019, aus dem Projekt 'Stadtschreiber' von Miguel Brusch
#Zehlendorf, April 2019

RR: Sind außer dir noch weitere Künstler beteiligt?

MB: Außer mir sind noch drei weitere Fotografen für Instagram geplant. ‚NBR‘ entwickelt das Projekt aber immer weiter. Sie überlegen auch, wenn das mal eine Weile gelaufen ist, daraus eine Ausstellung oder ein Buch zu machen.

RR: Dann direkt mal die Gretchenfrage: Ist das bezahlt?

MB: Ja (beide lachen). Das ist bezahlt, ja. Nicht pro Bild, sondern pauschal für den Zeitraum. Das Tolle ist: ‚NBR‘ ist eine Initiative von vier Leuten, die alles aus eigenem Interesse und in diesem Fall auch mit eigenem Geld machen. Die arbeiten alle in Vollzeit und stecken ihr privates Geld in Projekte, die sie zusammen machen wollen.

RR: Das ist auf jeden Fall sehr anständig. Und es klingt nach einer Aktion mit viel Leidenschaft. Du hast gesagt, das Projekt ist total frei von inhaltlichen oder formalen Vorgaben. Wie gehst du so ein Projekt denn an?

MB: Ich habe mir selber dabei auch keinen weiteren Rahmen gesteckt, außer dass ich in der Peripherie von Berlin fotografiere. Im Unterschied zu anderen Projekten von mir, zum Beispiel „Blackpool“ [Anm. die Abschlussarbeit an der OKS von 2018], will ich nicht unbedingt eine konkrete Geschichte erzählen. Ich nehme die Peripherie als Rahmen, um spannende Bilder zu finden und um dort Menschen zu begegnen.

#Eichwalde, Mai 2019

RR: Die Strecke kann ja auch durch das Thema oder deinen Stil zusammengehalten werden.

MB: Ja, ich habe mir gerade das neue Buch von Alec Soth gekauft, ‚I Know How Furiously Your Heart Is Beating‘. Der rote Faden darin ist, dass er Leute in ihrem Zuhause portraitiert. Das ist keine zusammenhängende Geschichte wie in seinem Buch ‚Sleeping by the Mississippi‘. Das sind eher Fragmente, aber am Ende ergibt es ein großes Ganzes.

Ich finde den Ansatz gut, sich frei zu machen und einfach mal intuitiv zu fotografieren. Und spontan zu gucken: was sehe ich da, was für Leute begegnen mir, in was für Situationen komme ich. Ganz leicht, nur mit Kamera und 50mm Objektiv.

RR: Du fotografierst also auch für Instagram nicht anders als sonst, trotz mobiler Nutzung, kleinen Screens und Optimierung für das Square-Format?

MB: Nein. Ich schaue, welche Bilder nebeneinander stehen sollen, aber vom Format her nicht. Ich persönlich fotografiere jetzt wieder mehr im Querformat. In meiner Arbeit ‚The Black Pool‘ gibt es gar kein Querformat, weil ich das Fragmentarische vom Hochformat mag. Ich fand es auch passend, das Meer nicht im klassischen Querformat zu fotografieren, sondern quasi ein Portrait vom Meer zu machen. Ich liebe es sowieso, Portraits zu machen. Ein gutes Portrait würde ich allem vorziehen. Auch wenn ich was Sozialkritisches mache, dann mache ich das immer durch ein Portrait.

Bild aus 'The Black Pool' von Miguel Brusch
Ohne Titel, aus der Serie ‚The Black Pool‘ von Miguel Brusch

In ‚Blackpool‘ dienen die Landschaftsaufnahmen als Verstärker für die Portraits. Sie verorten einerseits den Rahmen – aber sie sind eigentlich Symbole, Symbole für das Leben der Stadt. Ich wollte das nicht so plakativ zeigen, nicht unbedingt Drogensüchtige die sich einen Schuss setzen oder Alkoholleichen auf dem Pier, sondern mehr mit dieser Symbolik arbeiten. Für viele Menschen dort ist Blackpool ein schwieriger Ort zum Leben. Aber das Meer ist ein Aspekt, der die Leute dort hält, den sie genießen, der ein bisschen Hoffnung macht.

Aus der Serie und dem Buch ‚The Black Pool‘ von Miguel Brusch
Ohne Titel, aus der Serie ‚The Black Pool‘ von Miguel Brusch

Gleichzeitig versuche ich meine Bilder sehr simpel zu halten, mit wenigen Elementen im Bild. Ich gehe da sehr emotional ran. Ich versuche Emotionen über Farben und vor allem über das Licht zu transportieren – auch beim Stadtschreiber. Bis jetzt habe ich dafür alle Bilder im Sonnenlicht aufgenommen und ich würde das auch gerne beibehalten. Ich möchte keinen depressiven Blick auf Marzahn zeigen. Durch die Lichtstimmung die ich wähle, entsteht aber auf der anderen Seite etwas leicht Surreales, Mysteriöses.

RR: Auch etwas Filmisches.

MB: Ja, das höre ich immer wieder. In meinen Bildern sind oft nicht so viele Elemente. Aber ich glaube  dass da im einzelnen Frame trotzdem viel passiert, mal mehr, mal weniger, natürlich. Ein großes Vorbild von mir ist Nicolas Winding Refn [Anm.: Regisseur von „Drive“ oder der „Pusher“-Trilogie]. Es ist Wahnsinn, was er mit den Farben macht. Seine Kompositionen sind relativ simpel, aber die Farben, und das Licht, …

Außerdem sollte für mich ein Bild im Idealfall immer über das Gezeigte hinaus gehen, rätselhaft sein. Ein Bild sollte Fragen aufwerfen und nicht beantworten. Das ist eigentlich das Wichtigste für mich.

Aus der Serie und dem Buch 'The Black Pool' von Miguel Brusch
Ohne Titel, aus der Serie ‚The Black Pool‘ von Miguel Brusch

RR: Im Buch deiner Abschlussarbeit ‚The Black Pool‘ gibt es neben den Portraits und diesen reduzierten, symbolischen Bildern vom Meer auch ein oder zwei Bilder, die anders aufgebaut sind. Es ist spannend zu sehen, wie gut diese Bilder in der Sequenz des Buches funktionieren.

MB: Stimmt, diese Bilder müssten nicht unbedingt drin sein. Das Bild mit der Straßenflucht ist zum Beispiel anders. Aber es trägt eine bestimmte Stimmung. Es ist „aufgeladen“, hat meine Lehrerin Linn Schröder (Anm.: Dozentin an der Ostkreuzschule) oft zu Bildern gesagt, die eine bestimmte Stimmung erzeugen. Ein passender Begriff, finde ich. Linn geht da sehr emotional und intuitiv ran. Sie ist eine Meisterin des Edits. Aber es war trotzdem ganz schön harte Arbeit, das Material von eineinhalb Jahren und sechs Reisen herunter zu editieren auf 30 Bilder. 

Aus der Serie und dem Buch 'The Black Pool' von Miguel Brusch
Ohne Titel, aus der Serie ‚The Black Pool‘ von Miguel Brusch

RR: Beim ‚Stadtschreiber‘ auf Instagram läuft es praktisch umgekehrt: die Serie entsteht kontinuierlich Bild für Bild – und erst am Ende ist vollständig zu erfassen, was das Edit als Ganzes ist. Große Marken und Influencer steuern das Gesicht und die Dramaturgie ihres Kanals planmäßig und im Voraus. Das sieht dann schnell berechenbar und langweilig aus. Was denkst du denn persönlich über Instagram?

MB: Das ist zwiespältig. Für mich persönlich ist Instagram ein Marketingtool. Als Nutzer wird man aber schnell erschlagen: es gibt Inspiration, klar, aber die ganzen Ideen und Bilder die man da sieht töten auch die Vorstellungskraft. Daher versuch ich, meinen eigenen Konsum runterzufahren. Am schlimmsten sind die Stories.

RR: Ja, die hab ich auch noch nie kapiert. (beide lachen)

MB: Deswegen finde ich es toll, dass ‚Stadtschreiber‘ jetzt im britischen ICON Magazine gedruckt wird. Die haben mich für die Ausgabe zum Bauhaus-Jubiläum angefragt. Sie suchten noch einen anderen Blick, einen Gegenpol in der Bauhaus Geschichte. Es freut mich natürlich sehr, die ‚Stadtschreiber‘ Bilder dort als Serie gedruckt zu sehen.

#Eichwalde, Mai 2019, aus dem Projekt 'Stadtschreiber' von Miguel Brusch
#Eichwalde, Mai 2019

RR: Deine Bilder habe ja auch ein Leben als Prints in Ausstellungen.

MB: Ja, jetzt gerade zum Beispiel, zuerst bei den ‚Odessa Photo Days‚ und jetzt im MASLO Art Center in Khmelnytsky in der Ukraine. Das ist unglaublich. Ich hätte nie gedacht, dass meine Bilder mal durch die Ukraine touren.

Als wir für die Abschlussarbeit ein Buch geplant haben war ich zuerst skeptisch, weil ich meine Bilder anfangs nicht als Buch gesehen habe. Im Nachhinein hat sich aber gezeigt, dass beides funktioniert.

Und wenn dann, wie dieses Jahr, sogar in Arles bei den ‚Rencontres de la Photographie‘ meine Bilder an der Wand hängen ist das natürlich super. Die ‚Blackpool‘ Serie wird da zusammen mit anderen Abschlussarbeiten der Ostkreuzschule im ‚FOTOHAUS ParisBerlin‘ gezeigt. Das ist sehr cool.

RR: Das schaue ich mir auf jeden Fall an. Vielen Dank erstmal für das Gespräch. Und ich freu mich schon auf die nächsten Projekte von dir. Was machst du heute noch?

MB: Ich gehe noch raus und fotografiere für ‚Stadtschreiber‘. Ich überlege noch, wo ich hin fahre, …, vielleicht nach Schmöckwitz.

#Französisch Buchholz, Juni 2019, aus dem Projekt 'Stadtschreiber' von Miguel Brusch
#Französisch Buchholz, Juni 2019

Das Stadtschreiber Projekt ist unter @stadtschreiber.berlin auf Instagram zu finden. Es ist eine Initiative von Neue Berliner Räume, einem nomadischen Projektraum in Berlin.

Miguel Brusch, Fotograf, Berlin
Miguel Brusch, Fotograf, Berlin

Miguel Brusch, Jahrgang 1983, lebt und arbeitet derzeit in Berlin. Er studierte zunächst Südostasienstudien, Ethnologie und Medien & Kommunikation in Hamburg. 2018 machte er seinen Abschluss an der Ostkreuzschule in der Klasse von Linn Schröder mit der Arbeit ‚The Black Pool‘.

Alle Bilder © Miguel Brusch