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OKS-lab fragt…

In der Serie «OKS-lab fragt…» beantworten Dozenten, Fotografen, Macher und Absolventen im Rahmen der Ostkreuzschule Fragen zu ihrer Arbeit, ihrer Beziehung zur Fotografie und Lebensart.

Im Frühjahr 2016 hat Merlin Nadj-Torma die Bildredaktionsklasse besucht, um ihre aktuelle Arbeit The sound of a low whisper vorzustellen. OKS-lab spricht mit der Fotografin über die Zusammenarbeit mit Bildredakteuren, ihren Multimedia Arbeiten und über das Thema Vermarktung.

Merlin Nadj-Torma. Credit: Frank Schinski

Merlin Nadj-Torma. Foto: Frank Schinski/Ostkreuz

OKS-lab: Du hast für Deine Arbeit „Here is everything as 22 stars:)“ einen Preis gewonnen. Bitte erzähle uns etwas darüber.

Merlin: Ich habe den ZEITmagazin Fotopreis 2015 im Rahmen des Fotodoks Festival bekommen.
Die Arbeit handelt vom Leben in einem illegalen Flüchtlingscamp an der serbisch-ungarischen Grenze, einem Ort zwischen Hoffnung und Hoffnungslosigkeit. Meine Fotos habe ich mit SMS Nachrichten kombiniert, die ich von den Flüchtlingen erhalten habe. So ist eine Multimedia Arbeit entstanden.

OKS-lab: Wie wichtig ist das Zusammenspiel Multimedia / Fotografie in der jetzigen Zeit?

Merlin: Es gibt sehr viele Möglichkeiten, unterschiedliche Medien miteinander zu kombinieren. Das hat viel Potenzial. Multimedia macht in meinen Augen aber nur Sinn, wenn eine neue Ebene geschaffen wird und die Bilder mit neuen Informationen erweitert werden. Bei meiner Arbeit „Here is everything as 22 stars :)“ hatte ich das Gefühl, dass meine Fotos nur die halbe Geschichte erzählen. Die gesammelten SMS geben die Gedanken und Gefühle der Flüchtlinge wieder. In ihnen kommen sie selbst zu Wort. Im Journalismus wird oft über andere Menschen berichtet, aber das wollte ich nicht. Ich wollte sie lieber selbst sprechen lassen, und so habe ich die original Nachrichten mit meinen Fotos kombiniert. Das war erst nicht geplant und hat sich erst im Nachhinein ergeben. Es hat einfach Sinn gemacht.

OKS-lab: Die Klasse war beeindruckt von dieser Arbeit. Dein Ansatz hat voll ins Schwarze getroffen.

Merlin: Vielen Dank.

OKS-lab: Du warst vor einigen Monaten in unserer Klasse, um deine Arbeit „The sound of a low whisper“ von uns editieren zu lassen. Bitte erzähle uns etwas über das umfangreiche Projekt.

Merlin: Die Arbeit handelt vom Thema „Glaube“. Sie ist durch ein Stipendium der VG Bildkunst entstanden und hat vier Bausteine. Dafür war ich über einige Jahre in Israel, Jordanien, Ägypten und in der Türkei unterwegs und habe biblische Orte fotografiert. Die Frage „Wie sehen diese Orte aus, und was macht sie seit Jahrhunderten so besonders?“ hat sich mir gestellt. Mit der Zeit hatte ich das Gefühl, dass nicht die Orte an sich besonders sind, sondern dass es erst der Glaube ist, der sie besonders macht. Daher habe ich neben Landschaftsaufnahmen Menschen bei Gebeten und in anderen Situationen fotografiert. Ihre Körperhaltungen sagen viel über ihr Empfinden aus, wie zum Beispiel gebeugte Körper von Demut zeugen können. Meine Arbeit soll dazu anregen sich zu hinterfragen, wo man selber zum Glauben steht.

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Bei der Arbeit: Editieren für eine Ausstellung. Fotos: Anje Kirsch

OKS-lab: Wie bist du in Kontakt mit der OKS gekommen?

Merlin: Ich habe Nadja Masri auf dem Fotodoks Festival in München kennengelernt. Anfang des Jahres war ich bei der Präsentation des NY Edited Buches der Bildredaktionsklasse 2015/2016. Dort sind Nadja und ich wieder ins Gespräch gekommen, und so hat sich die Zusammenarbeit mit euch ergeben.

OKS-lab: Wer editiert sonst Deine Arbeiten? Wie funktioniert die Zusammenarbeit?

Merlin: Ich spreche mit Freunden und Bekannten über meine Arbeit, die auch Fotografen sind oder sich dafür interessieren. Wir treffen uns in unregelmäßigen Abständen, auch während eines Arbeitsprozesses. Dann zeigen wir uns unsere Bilder und editieren gemeinsam. Einige meiner Freunde leben im Ausland, der Austausch funktioniert dann über das Internet. Ein guter Freund ist der Ostkreuz Fotograf Frank Schinski. Mit ihm tauschen wir uns auch hin und wieder über unsere Arbeiten aus.

OKS-lab: Wie hat der Tag mit uns gefallen, was hast du mitgenommen?

Merlin: Der Tag mit euch hat mir sehr gut gefallen. Es war total spannend, wie unterschiedlich ihr gearbeitet habt. Es wurde ja in zwei Gruppen gearbeitet. Eine Gruppe hat für eine Magazinstrecke editiert, die anderen für eine Ausstellung.
Bei dem Edit für die Magazinstrecke fand ich es interessant, dass einige Bilder ausgewählt wurden, die ich selber gar nicht verwendet hätte. Es war noch einmal ein anderer, möglicher Ansatz.

Bei der Gruppe die für die Ausstellung editiert hat, waren viele spannende und wie ich finde sehr intelligente Ideen dabei. Ihr habt eine schöne Form gefunden, das Inhaltliche auch im Edit in den Bildpaaren widerzuspiegeln. Das war eine ganz eigene, neue Interpretation der Arbeit die mir sehr gefallen hat. Geplant ist ja tatsächlich eine Ausstellung. Ich werde dabei auf jeden Fall Elemente von eurer Arbeit mit einbringen.
Gewünscht hätte ich mir noch, bei dem Entstehungsprozess dabei gewesen zu sein. Es waren hoffentlich nicht zu viele Bilder für euch! (Lacht) Mich hätte total interessiert, wie ihr mit meinen Bildern umgegangen und auf bestimmte Ideen gekommen seid.

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Bildredaktionsklasse 2016/2017 mit Merlin Nadj-Torma. Foto: OKS

OKS-lab: Deine Arbeit hatte für uns einen Lerneffekt aufgrund der unterschiedlichen Bausteine. Man kann so vieles aus dem Projekt machen, das ist sehr spannend. Für wie wichtig hältst du die Zusammenarbeit mit Bildredakteuren?

Merlin: Da ich bisher nicht oft für Magazine gearbeitet habe, ist meine Erfahrung in der Zusammenarbeit mit Bildredakteuren nicht sehr groß. Wenn ich mit Bildredakteuren zusammen gearbeitet habe, wurden meine Bilder vor allem gelayoutet, gemeinsam besprochen wurden sie weniger.
Ich kann mir aber sehr gut vorstellen, verstärkt mit Bildredakteuren zusammen zu arbeiten. Denn sie haben Erfahrung im Editieren und auch die nötige Distanz zu den Arbeiten, oft ein großer Vorteil.

OKS-lab: Wie schwer ist es, mit den eigenen Arbeiten an Magazine und Galerien zu gehen?

Merlin: Mir selber fällt es schwer. Ich verschicke natürlich Arbeiten, aber das Selbstvermarkten macht mir wenig Spass. Ich kenne einige Leute, denen das nicht so schwer fällt.

OKS-lab: Kannst Du Dir vorstellen verstärkt für Magazine zu arbeiten?

Merlin: Ich kann mir grundsätzlich vorstellen mehr für Magazine zu arbeiten. Es ist spannend, dass man in Welten eintaucht, die man sonst nicht erlebt. Thematisch zu arbeiten, ist eben super. Zudem ist es reizvoll, weil die Arbeit eine große Reichweite hat und die eigenen Fotos gedruckt werden. Aber es ist nicht mein Hauptziel mit Magazinen zusammen zu arbeiten. Mein Fokus liegt eher auf anderen Dingen.

OKS-lab: Du engagierst Dich stark in sozialen Bereichen. In welchen genau und inwieweit beeinflusst dich das in deiner Arbeit als Fotografin?

Merlin: In Berlin engagiere ich mich in einem Nachtcafé für Obdachlose. In Serbien habe ich als Freiwillige mit Roma, Flüchtlingen und benachteiligten Menschen gearbeitet. Viele der Roma kannte ich bereits durch die Fotografie, da konnte ich das gut zusammenbringen. Umgekehrt entstand die Fotoserie vom Camp durch die soziale Arbeit in der Flüchtlingshilfe. Ich fotografiere auch für Hilfsorganisationen und soziale Einrichtungen. Da kann es schon sein, dass mich ein Thema besonders berührt und ich mich dann später in diesem Bereich engagiere. Meine Arbeit als Fotografin ergänzt sich gut mit dem sozialen Engagement. Es ist wie beim Tischtennis, es ist zweiseitig.

OKS-lab: An welchem Projekt/Auftrag arbeitest du momentan und was hast du damit vor?

Merlin: Momentan arbeite ich an der Verwertung meiner Arbeiten. Ich bin damit beschäftigt, meine Projekte aufzuarbeiten und abzuschließen. Zum Beispiel möchte ich ein Fotobuch, das ich vor einigen Jahren konzipiert habe publizieren. Das ist ein kleines Buch zum Thema Suizid. Über das Thema wird nur selten gesprochen, dabei ist Selbstmord eine der häufigsten gewaltsamen Todesursachen. Es wäre gut dafür Öffentlichkeit zu schaffen.

OKS-lab: Dabei wünschen wir Dir viel Erfolg! Vielen Dank für das Gespräch Merlin.

Merlin Nadj-Torma hat Kommunikationsdesign mit Schwerpunkt Fotografie an der Fachhochschule Hannover studiert. Sie lebt und arbeitet in Berlin, zwischendurch hat sie Station in Serbien und Italien gemacht.

Ihre Website: www.throughmyeyes.de