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OKS-lab fragt…

Wo begegnen sich Kunst und Wissenschaft? Wo liegt die Grenze zwischen Realität und Fiktion? Die Fotografin Ulrike Schmitz erkundet in ihren fotografischen Arbeiten diese Grenzen und lässt sie vor dem Auge des Betrachters verschwimmen. In ihrer aktuellen Arbeit The Missing Link  nutzt sie die Aufschlüsselung des Genoms eines Neandertalers im Jahr 2013 und dessen Bedeutung für die Wissenschaft als Ausgangspunkt, um sich der Frage zu nähern, inwieweit die menschliche Spezies an dem Punkt angelangt ist, in die eigene Evolution einzugreifen und sich auf gewisse Weise selber neu zu gestalten.

„Although it is possible that man has far to go before his inherent physiological and psychological make-up becomes the limiting factor to his development, this must happen sooner or later, and it is then that the mechanized man will begin to show a definite advantage. Normal man is an evolutionary dead end; mechanical man, apparently a break in organic evolution, is actually more in the true tradition of a further evolution.“ J.D. Bernal, 1929

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Aus der Serie The Missing Link, Foto: Ulrike Schmitz

In der Serie «OKS-lab fragt … » beantworten Dozenten, Fotografen, Macher und Absolventen der Ostkreuzschule Fragen zu ihrer Arbeit, ihrer Beziehung zur Fotografie und Lebensart.

Ein Gespräch mit Ulrike Schmitz, Fotografin.

OKS-Lab: Ulrike, du hast 2012 deinen Abschluss an der Ostkreuzschule gemacht. Wie ist es dir seitdem ergangen?

Ulrike Schmitz: Oh, gute Frage! Ich habe eigentlich einfach weiter gemacht, zwei weitere Projekte realisiert und glücklicherweise verschiedenste Ausstellungen gehabt. Das hat sehr viel Zeit und Energie in Anspruch genommen, aber ich hatte immer die Chance, mit den jeweiligen Räumen zu arbeiten und so die Arbeiten auf unterschiedliche Weise zu hängen. Und außerdem fange ich jetzt im Herbst wieder an zu studieren. An der Universität der Künste in Berlin gibt es einen Masterstudiengang, der sich Kunst im Kontext nennt und in dem du deine Kunst immer in Bezug zu gesellschaftlichen Fragen und Problemen siehst. Es nehmen Künstler aus verschiedenen Ländern und Bereichen teil, was bestimmt gut ist, weil man ganz anders auf seine fotografische Arbeit guckt und sich für andere visuelle Ausdrucksformen öffnet. Und es gibt auch  Gemeinschaftsprojekte, in denen man sich größere Themen gemeinsam ansieht und jeder sich dann mit seinem Medium einbringt. Der eine macht eine Performance, der andere malt und ich würde fotografieren. Und ich möchte in die Richtung gehen, wo Kunst und Wissenschaft sich treffen, weil mich das in meinen Projekten immer wieder interessiert.

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Aus der Serie The Missing Link, Foto: Ulrike Schmitz

Wo wir schon beim Thema wären: In deiner aktuellen Arbeit beschäftigst du dich mit einer sehr wissenschaftlichen Frage. Inwiefern gibt es eine Verbindung zu deiner Abschlussarbeit Museum Deiner Erinnerung, in der du dich einem eher persönlichem Thema widmest, der Geschichte deiner Großeltern als Zwangsarbeiter in der UdSSR ?

Auf den ersten Blick ist es keine persönliche Geschichte. Aber ich bin in einem Wissenschaftsumfeld aufgewachsen, mein Vater ist Wissenschaftler und ich habe selber eine zeitlang wissenschaftlich gearbeitet. Insofern hatte ich immer Kontakt mit dieser Form von wissenschaftlichen Fragestellungen. Für mich spielen beide Arbeiten mit der Grenze zwischen dem Realen bzw. der Dokumentation und der Fiktion. Das war ja bei Museum Deiner Erinnerung auch schon so. Ich finde es immer wieder spannend an dieser Linie entlang zu gehen, an der man als Betrachter vielleicht nie genau weiß: Erzählt sie mir jetzt etwas aus dem realen Leben oder hat sie sich das ausgedacht. Ich denke, das verbindet beide Arbeiten.

Und wie bist du auf das Thema gekommen?

Also ich habe sehr lange recherchiert. Ich wollte immer etwas zu Biotechnologie machen. Das wusste ich. Aber es ist sehr schwierig, das zu visualisieren. Irgendwann bin ich auf ein Interview mit dem Harvardprofessor George Church gestoßen, der ein Verfahren entwickelt hat -zunächst theoretisch-, wie man einen Neandertaler neu entstehen lassen könnte. In dem Moment hat mein Kopf angefangen, Bilder zu produzieren und ich wusste sehr schnell, dass ich dazu was machen will. Außerdem hat mich die Idee des Transhumanismus fasziniert, der davon ausgeht, dass der Mensch zwar eine Spezies ist, wie jede andere auch, aber dass wir in der Evolution kurz davor stehen, einen Schritt weiter zu gehen und uns in den nächsten Jahrzehnten so stark verändern, dass wir eine neue Spezies entwickeln und bewusst in den eigenen Prozess eingreifen.

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Aus der Arbeit The Missing Link, Foto: Ulrike Schmitz

Ist das allgemein ein Thema, was dich beschäftigt?

Ich finde, es gibt viele Science Fiction-Filme, die jeder kennt und die ich unterhaltsam finde, aber die haben nicht wirklich was mit mir zu tun. Irgendwann im Laufe der Recherche ist mir klar geworden, wie viel in der Biotechnologie schon möglich ist. Ich war z.B. an einem Institut, in dem künstliche Herzzellen hergestellt werden, die dort dann einfach in einem Gefäß schwammen. Das Ziel der Wissenschaftler ist es, dass man mithilfe dieser Zellen Teile des Herzens neu bauen oder auswechseln kann, wenn jemand einen Herzinfarkt hatte. Da ist mir klar geworden, dass ich überhaupt keine Ahnung habe. Ich finde, dass diese Themen sehr wenig in der Öffentlichkeit behandelt werden. Im Kunstbereich gibt es schon Künstler die sich mit der Thematik befassen und irgendwo ganz unten auf Spiegel Online in der Rubrik Wissenschaft gibt es auch mal einen Artikel dazu. Aber gemessen an der Masse von alltagspolitischen Themen, die immer wiederkehren in der Presse, bekommt man in der Richtung sehr wenig mit, obwohl es teilweise weitgehende Einschnitte sind und schon so viel zulässig ist.

Wie bist du weiter vorgegangen, als du dich für das Thema entschieden hattest?

Als erstes habe ich ein Konzept geschrieben. Die Geschichte, die dem vorausgeht, ist folgende: 2013 haben Wissenschaftler weltweit zusammen das Genom des Neandertalers entschlüsselt, in dem sie dessen alte Knochen zerkleinert haben und daraus DNA-Reste extrahieren konnten. Diese konnte sie dann mit Hilfe von moderner Computertechnik entschlüsseln. Der schön erwähnte Professor aus Harvard hat dann ein Buch dazu geschrieben, wie man über Wege der synthetischen Biologie in einer menschlichen Zelle zu 95% ein Neandertaler-Genom herstellen kann. Und wenn man es dann schaffen würde, diese Zelle mit den Genen eines Neandertalers einer menschlichen Frau einzusetzen, dann würde sie eine Mischung aus Neandertaler und Mensch zur Welt bringen. Und das ist keine Phantasterei!

Erst mal denkt man natürlich, dass ist nicht real, aber dann habe ich recherchiert und gemerkt, dass es wissenschaftlich ernsthaft geprüft wird und dass viele Schritte schon gegangen worden sind. Außerdem symbolisiert die Geschichte für mich die Stufen der Wissenschaft. Am Anfang versucht man zu verstehen, wie Natur funktioniert und entschlüsselt das Genom. Und dann beginnt man, die Natur nachzubilden anhand neuer Möglichkeiten in der synthetischen Biologie. Und der letzte Schritt ist dann, dass man nicht mehr nur kopiert, sonder versucht, etwas komplett Neues zu gestalten. Auf Basis dieser drei Schritte habe ich mein Konzept aufgebaut und dann entlang dieses Systems versucht, Bilder und Geschichten zu finden, die diese Stufen symbolisieren. Ich habe verschiedene Institute kontaktiert, z.B. eine Biobank in Estland oder das Max-Planck-Institut für Evolutionäre Anthropologie in Leipzig, wo tatsächlich die Computer und Leute sitzen, die das Genom entschlüsselt haben und die haben mir alles erklärt. Dann bin ich an diese Orte gereist, aber eben nicht, um im klassischen Sinne zu dokumentieren. Ich habe versucht, Bilder zu finden, in die ich dann künstlerisch eingreife, so dass der Betrachter nicht auf Anhieb weiß, worum es geht. Es gibt zwar eine Erklärung zu jedem Bild, aber diese Liste ist sozusagen geheim. Das Konzept war auch von Anfang an darauf ausgerichtet, die Bilder in einer Ausstellung zu präsentieren. Ich will, dass man in die Ausstellung geht und anfängt, sich seine eigene Geschichte zu überlegen. Das Einzige, was ich an Information gebe ist, dass es real ist. Am Ende gibt es dann vier Zeilen, die den Hintergrund erklären.

Ein großer Teil deiner Arbeit scheint Recherche zu sein. Kannst du das prozentual festmachen?

Also bestimmt 80%. Dann kommt noch viel Organisation und Planung für die Reisen  hinzu. Ich würde sagen das reine Bild machen sind 8%. (lacht) Die Kontaktaufnahme kostet auch viel Zeit, weil man sich ja immer erst vorstellen muss. Dann schickt man das Konzept und hofft, dass sie ja sagen. Leider habe ich vor Ort dann oft wenig Zeit, weil man ja immer irgendwie stört. Wenn sie sehr großzügig sind, habe ich ein paar Stunden am Stück, in denen ich frei rumlaufen kann.

Und planst du deine Motive, bevor du einen Termin hast?

Eigentlich nicht. Das ist genau das, was ich an dem Prozess so spannend finde. Ich plane natürlich genau, wohin ich gehe und habe auch eine Vorstellung, was da sein könnte. Aber was dann passiert, ist komplett intuitiv. Wenn ich vorher zu viel rational aufbaue, dann sind die Bilder irgendwie tot und leblos. Es muss was passieren, was nicht geplant ist und was nicht rational zu erschließen ist, weil man sonst im Bild nicht mehr rüber bringt, als wenn man es aufschreibt. Ich bin dann für ein paar Stunden wie in einem Rausch und manchmal klappt es und manchmal eben auch nicht.

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Aus der Serie The Missing Link, Foto: Ulrike Schmitz

Du benutzt in deinen Arbeiten auch Filmstills. Was hat es damit auf sich?

Genau. Der Schwerpunkt der Arbeit liegt schon auf eigenen Fotografien, aber ich habe zum Beispiel auch ein Still aus einem Computerspiel und Filmstills aus der ersten Frankenstein-Verfilmung eingebaut. Ich habe die Bilder nicht einfach eins zu eins ausgeschnitten, sondern habe sie immer noch verfremdet. Aber das ist für mich auch eine Art von Fotografie, im Grunde ist es auch egal, was es ist, aber es ist immer ein Bestandteil der Realität. Das war die Idee.

Was ist deiner Meinung nach die Aufgabe der Fotografie heutzutage und was möchtest du mit deinen Arbeiten bewirken?

Es ist schwierig. Ich denke, man will als Fotograf schon kommunizieren bzw. zu irgendwas einen Kommentar abgeben. Aber ich habe das Gefühl, das muss ich ganz ehrlich sagen, dass alles schon irgendwie fotografiert worden ist und häufig ist der Blick voyeuristisch oder schulmeisterhaft und belehrend. Das versuche ich ganz stark zu vermeiden. Ich möchte schon Fragen anreißen, aber nicht im Sinne von: Ich weiß was Besonderes! Ich habe mehr gesehen als andere! Ich glaube, es ist eher eine Auseinandersetzung, die ich auch für mich selber machen will, um Sachen zu verstehen und um mich besser zurechtzufinden.  Ich würde die Leute gern anstoßen, sich Fragen zu stellen. Das schon. Aber ich sehe mich nicht als jemand, der anderen was erklären muss. Das können Wissenschaftler in ihrem Bereich viel besser als ich. Es geht mir eher darum, Fragen und Themen zusammenzubringen, die auf den ersten Blick nichts miteinander zu tun haben.

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Aus der Serie The Missing Link, Foto: Ulrike Schmitz

Und noch eine letzte Frage: Welchen Rat würdest du einem jungen Fotografen geben, der gerade seinen Abschluss macht?

Oh Gott. Ich sehe mich gar nicht in der Position, dass ich jemandem etwas raten kann. Aber ich glaube einfach, jeder macht am Ende das, was er machen muss. Man kann gar nicht sagen, man sollte dieses oder jenes machen. Das fand ich auch an der Ostkreuzschule gut, diese Freiheit! Die hat mir total geholfen. Man konnte ja eigentlich machen, was man wollte. Man hat sich natürlich auseinander gesetzt, aber im Endeffekt war man frei, inhaltlich und thematisch. Ich wusste zwar nicht immer, wie ich etwas in eine visuelle Form bringe, aber ich wusste immer, was mich interessiert. Und ich glaube, das geht fast allen dort so. Und ich glaube das ist es: Folge einfach dem, was dich interessiert!!

Vielen Dank für das Gespräch!

Ulrike Schmitz hat ihren Abschluss an der Ostkreuzschule für Fotografie 2012 bei Sibylle Fendt gemacht. Seither arbeitet sie an freien künstlerischen Projekten und macht Ausstellungen. Ihre Arbeiten wurden u.a. bei reGeneration3, Musée de l’Elysée, Lausanne und PLAT(T)FORM, Fotomuseum Winterthur, Schweiz gezeigt. Seit 2016 studiert sie an der Universität der Künste in Berlin den Masterstudiengang Kunst im Kontext.