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#achtensPREVIEW: „Sápmi“

Was hat der achte Jahrgang zu sagen?

Wenn jährlich im Herbst die Abschlussklasse zur Vernissage lädt, sehen Fotografen und Bildredakteure, Freunde und Förderer der OKS gezielt hin, welche Themen die Studenten a. D. in die Welt tragen, und mit welcher Bildsprache? Angehende Absolventen haben uns zur „Sneak Preview“ geladen und geben Einblicke in ihre Arbeit „in progress“. Ob als Bildstrecke oder Multimedia-Interview – immer unerwartet.

#ANNINA OLIVERI, Fotografin Abschlussklasse 2014
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„Manchmal weiß ich nicht, ob Tag oder Nacht ist. Hier oben herrscht ein anderes Zeitempfinden. Den Rhythmus bestimmten die Tiere oder das Wetter, der Mensch passt sich lediglich an. Verwandtschaft ist das Wichtigste, aber trauen kann man niemandem außer sich selbst. Ich fühle mich oft verloren, denn alles, was ich zu wissen geglaubt habe, ist hier nutzlos.“
Solche Notizen macht sich Annina Oliveri, während sie am Schreibtisch ihres verstorbenen Großvaters sitzt, rund 200 Kilometer nördlich des Polarkreises, in Finnisch-Lappland: eine Region, in der eines der letzten indigenen Völker Europas beheimatet ist, das Volk der Sami.

OKS-lab: Wie hast Du Dein Thema gefunden?
Annina Oliveri: Das Leben dieser Menschen hat mich schon immer fasziniert, und so beschloss ich, mich im Rahmen meiner fotografischen Abschlussarbeit näher mit diesem mysteriösen Volk zu beschäftigen. Im Frühling vergangenen Jahres machte ich über Familienkontakte Bekanntschaft mit einem samischen Rentierhirten. Bereits bei diesem Aufenthalt konnte ich ihn und seine Familie einige Tage lang begleiten und erste Einblicke in Leben und Kultur der Sami gewinnen. Bei einem weiteren Besuch lebte ich mehrere Wochen mit der Familie. Ich folgte ihrem Lebensrhythmus, begleitete sie bei der Arbeit und knüpfte Kontakte zu den übrigen Mitgliedern ihrer Sippe.

Wie schwierig war es für Dich, den porträtierten Menschen näher zu kommen und Vertrauen aufzubauen?
Die meisten von ihnen leben in Kuttainen, einem isolierten Dorf in der schwedischen Provinz Norrbotten, an der Grenze zu Finnland. Mit wenigen Ausnahmen sind alle Bewohner/-innen Laestadianer, gehören einer in der Umgebung weit verbreiteten lutherischen Glaubensgemeinschaft an, die sowohl in kirchlichen als auch moralischen Fragen als sehr konservativ gilt. Als Fremde ist es nicht einfach, mit Samen eine engere Beziehung aufzubauen, speziell, wenn sie gläubig sind. Die Familie selbst ist nicht religiös geprägt und hat im Dorf gewissermaßen eine Außenseiterrolle inne. Sie behandelte mich von Anfang an wie ihresgleichen.

Das Schicksal der Familie – und damit auch Deine Arbeit – haben eine dramatische Wendung genommen. Was ist geschehen und wie bist Du damit umgegangen?
Zwischen den ersten beiden Besuchen wurde bei Johan-Antti, dem Vater der Familie, Krebs diagnostiziert. Dies hatte zur Folge, dass sich innerhalb kürzester Zeit praktisch die gesamte Sippe von der Familie abwandte, sogar ehemals gute Freunde Abstand nahmen. Die neue Situation veränderte meine eher beobachtende Position. Ich wurde emotional stark in die Familie eingebunden, was meine Arbeit erheblich beeinträchtigte. Die Spannungen zwischen Familie und Sippe erschwerten auch meinen Zugang zur Sippe, daher konzentrierte ich mich stärker auf die Familie: Doch auch hier stieß ich plötzlich auf verschlossene Türen. Die schwierige Lage machte es mir praktisch unmöglich, meine fotografische Tätigkeit fortzusetzen. So beschloss ich zunächst, mir ein neues Thema zu suchen.

Schließlich hast Du aber doch wieder Zugang zu Deinen Protagonisten gefunden?
Im Frühjahr starb Johan-Antti im Alter von 64 Jahren. Ich schob einen erneuten Besuch der Familie, nur noch Mutter und Sohn, lange vor mir her. Unbehagen mischte sich mit Angst und Trauer. Als ich schließlich doch nach Kuttainen fuhr, wirkten beide überraschend munter, und auch unser Verhältnis entspannte sich. Da ich jedoch den Jungen in dieser Zeit immer noch nicht fotografieren durfte, konzentrierte ich mich zeitweilig auf eine Selbstversorgerin namens Marianne. Erst im Juli dieses Jahres, bei meiner letzten Reise, wurden Christina und Jonah wieder zugänglicher und ich durfte erneut Bilder machen. Lange Zeit war nicht klar, ob aus meiner Arbeit am Ende eine stimmige Serie entstehen kann. Da beschloss ich, es mit meiner Arbeit wie die Sami mit ihren Herden zu halten: Sie lassen sich von den Tieren leiten, ohne auf deren Bewegung großen Einfluss zu nehmen.

Die Abschlussklasse 2014 lädt zur Vernissage am: 17. Oktober 2014, 19 Uhr, SEZ Berlin.
Vom 18. bis 26. Oktober wird die Abschlussausstellung dort zu sehen sein.

Annina Oliveri (Klasse Sibylle Fendt), wurde 1983 in Zürich geboren. Sie arbeitet derzeit in Lappland und der Schweiz und pendelt zwischen diesen Orten und Berlin.

#achtensPREVIEW ist eine Gemeinschaftsproduktion der OKS-Absolventen ‚Bildredaktion‘ Matthias Erfurt, Massimo Rodari, Alena Siamionava und Annette Streicher mit der Abschlussklasse 2014.
Besonderer Dank für die Koordination: Nancy Göring.