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„Sonnenuntergänge gibt’s nich“

OSTKREUZ-Fotograf Harald Hauswald ist einer der bekanntesten Chronisten der ehemaligen DDR. Seine ungeschönten Schwarz-Weiß-Aufnahmen des Alltagslebens sind eindrückliche Zeitdokumente: Tristesse und Verfall, Improvisation und Gegenkultur. Weniger bekannt sind die Ende der 1980er Jahre entstandenen Farbfotos, versammelt im Bildband Ferner Osten. Im Multimedia-Porträt erzählt er die Geschichten hinter seinen Bildern.

Es war ein Auftrag für GEO – Verbindungsaufnahme mit dem Klassenfeind, wie die Staatssicherheit es formulieren würde – welcher Harald Hauswald erstmals dazu animierte, mit Farbe zu experimentieren: Er sollte die Ostberliner Szene fotografieren, die Filme dafür lieferten Kontaktleute aus dem Westen – ein Glücksfall. Farbfotografie spielte in der DDR kaum eine Rolle, denn das Filmmaterial war gerade für professionelle Fotografen schlichtweg von zu schlechter Qualität.

Vielleicht 200 Filme und ein Jahr Zeit bekam er für die Aufgabe, erinnert sich Hauswald, als er uns nun für den Multimedia-Film zurück führte in sein damaliges Leben im Ostteil der Stadt, im heutigen Szene-Bezirk Prenzlauer Berg: Choriner Straße, Gethsemane-Kirche, Kastanienallee – ein begrünter Hinterhof mit Sandkasten: „Ich sitze genau da, wo mein Vergrößerungsapparat war! Und hier war die Entwicklungsschale!“, zeigt der Fotograf und beschreibt, wie sehr sich der Standort seines einstigen Wohnhauses verändert hat.

In der Oderberger Straße treffen wir dann in einer alteingesessenen Kiez-Kneipe Harald Hauswalds Weggefährten Michael Biedowicz, heute Bildchef beim ZEITmagazin. Einst besaßen die zwei Männer die gleiche unpraktische Foto-Tasche, bemerken sie lachend; einst hockten sie nebeneinander auf steinernen Überresten des alten Stadtschlosses, im versteckten Areal ‚Hirschhof‘: Ein Szene-Treff für Künstler der DDR-Protestkultur. Jetzt brüten sie gemeinsam über fotografischen Erinnerungen.

„Man sagt, Schwarz-Weiß war immer trist und grau, aber in Farbe kommt das Triste und das Graue noch viel mehr ‚rüber – verblüffend!“, findet Harald Hauswald. Erich Honecker sei im Übrigen prinzipiell auf West-Farbfilm porträtiert worden. Und Michael Biedowicz urteilt über die Aufnahmen: „Es sind tolle Zeitdokumente, aber noch viel, viel mehr: Es ist ein sehr warmer Blick auf die Menschen und das Leben im Osten, oftmals auch ironisch. Und dass die Leute heute noch berührt sind von den Bildern, ist ein Zeichen, dass sie sich nicht von einem Fotografen abgelichtet fühlen, sondern das Verhältnis zwischen Abgebildeten und Fotograf noch immer stimmt.“

Fast einen ganzen Tag lang durften wir den OSTKREUZ-Fotografen für den entstandenen Foto-Film begleiten – und nach vielen Stunden Durch-den-Kiez-Spazieren, Plaudern und Bier trinken wurde für uns nicht nur die bewegte Vergangenheit Hauswalds zwischen Punk-Konzert und Stasi-Beschattung lebendig, sondern auch seine fortwährende Motivation spürbar: „Mir geht es immer darum, Geschichten über Menschen zu erzählen“, sagt er. „Und heute gibt es einfach viel mehr Möglichkeiten, das umzusetzen, weil die Welt offen steht!“

In Harald Hauswalds Keller warten übrigens bis heute vier ungeöffnete Kisten: Weitere 5.000 Filme aus DDR-Zeiten beherbergen sie, ein ungehobener Schatz: „Das wird eine große Überraschung“, freut sich der Fotograf. Was auf den Bildern zu sehen ist – das muss er erst selbst neu entdecken.

Selbstporträt: Harald Hauswald

Selbstporträt: Harald Hauswald/ OSTKREUZ

Besonderer Dank gilt an dieser Stelle unserem Film-Protagonisten Harald Hauswald, der ebenso geduldig wie begeistert all unsere Fragen beantwortet und uns auf eine Zeitreise mitgenommen hat an die Original-Schauplätze seines Lebens in der ehemaligen DDR – wie auch Michael Biedowicz (Bildchef ZEITmagazin), der sichtlich Freude daran hatte, mit seinem Freund Harald über dessen Bilder und gemeinsame Erinnerungen aus Ostberliner Zeiten zu sprechen.

Ganz herzlich bedanken möchten wir uns zudem bei Betty Fink (Agenturleitung OSTKREUZ), die uns sozusagen 24/7 Zugang zum Bild-Archiv gewährt und mit Rat und Tat zur Seite gestanden hat, sowie bei Stephan Cleef (ebenfalls Agentur OSTKREUZ) für seinen unermüdlichen Einsatz und die wunderbare, eigens komponierte Filmmusik. Nicht zuletzt, danke sehr, Maik Reichert, für die kreative Kameraführung und den Feinschliff im Schnitt – es war uns ein Vergnügen!

Mitarbeiter/-innen des Projekts
Bildredakteure/-innen: Viktoria Fahrnleitner (Produktionsplanung, Bildredaktion), Claudia Lenz (Konzept, Dreh, Bildredaktion), Massimo Rodari (Set-Fotograf, Location Scout), Alena Siamionava (Dreh, Bildredaktion), Annette Streicher (Konzept, Interviews, Dramaturgie), Gilbert Waller (Schnitt)

Dramaturgie/Musik: Stephan Cleef
Kamera: Maik Reichert

Harald Hauswald wurde 1954 in Radebeul geboren; 1970-1972 Lehre als Fotograf; 1977 Umzug nach (Ost-)Berlin; verschiedene Jobs, u. a. Telegrammbote, Heizer, Restaurator, Fotolaborant und Fotograf in der Stephanus-Stiftung; 1989 Aufnahme in den „Verband Bildender Künstler der DDR“; Ausstellungen in der DDR, der BRD, den USA, der Schweiz, in Frankreich, Italien und den Niederlanden; seit 1989 freischaffender Fotograf, Gründungsmitglied der Agentur OSTKREUZ; Foto-Reportagen für GEO, „Stern“, ZEITmagazin, DAS MAGAZIN u. a.; Mitarbeit an mehreren Büchern; 1997 Erhalt des Bundesverdienstkreuzes; 2006 Verleihung des „Einheitspreis – Bürgerpreis zur Deutschen Einheit“.

Im Erinnerungsjahr 25 Jahre nach dem Mauerfall ist Harald Hauswald 60 Jahre alt geworden. Zum Jubiläum sind seine Bilder im Literaturhaus Leipzig in der Ausstellung „Vor Zeiten“ zu sehen, noch bis 27. Juni. Im Leipziger Lehmstedt Verlag sind die beiden Fotobände „Vor Zeiten. Alltag im Osten. Fotografien 1976–1990“ und „Ferner Osten. Die letzten Jahre der DDR. Fotografien 1986-1990“ erschienen.

OSTKREUZ – Agentur der Fotografen wurde 1990 von sieben Fotografen und Fotografinnen gegründet und nach dem Namen des Berliner S-Bahnhofes benannt. Sie ist die erfolgreichste von Fotografen geführte Fotoagentur Deutschlands, mit internationalem Renommee. Ihr Motto: Nicht nur abbilden, sondern auch eine Haltung zeigen. Heute gehören der Agentur 18 Fotografen und Fotografinnen an.

Homepage von Harald Hauswald sowie bei der OSTKREUZ-Agentur