Ein schönes Bild – Teil 2

„Wer professionell mit Bildern zu tun hat, sollte in der Lage sein, detailliert und dezidiert zu beschreiben, warum ein Bild gut ist. Ein Bild als schön zu charakterisieren, ist nur ganz am Anfang des Kurses erlaubt, denn eine der ersten Fragen, die in der Klasse Bildredaktion behandelt wird ist: Was macht ein gutes Bild und eine spannende, überzeugende Geschichte aus? Die Klasse lernt anhand eines Kriterienkatalogs Fotos zu analysieren und eine Terminologie zu benutzen, in der das Wort ‚schön‘ nicht vorkommt. Jede*r Bildredakteur*in sollte ein Bild auswählen, das sie/er in dem vergangen Jahr ‚entdeckt‘ hat und begründen, warum ihr/ihm dieses Foto im Gedächtnis geblieben ist und es sie/ihn nachhaltig beeindruckt hat. Hier ihre gedankenvolle Auswahl der Bilder und ihre aufschlussreichen Texte.“

Nadja Masri, Leiterin der Klasse Bildredaktion

Foto: Mustafah Abdulaziz, aus der Serie Water. Ausgewählt von Julius Stiebert

Ohne Wasser können wir Menschen schlicht nicht überleben – daher der Spruch „Wasser ist Leben“. Bereits heute gibt es Konflikte um das begehrte Gut. Und in Zukunft wird es eher noch mehr, als weniger solcher Spannungen geben. Der Fotograf Mustafah Abdulaziz beschäftigt sich in seinem Projekt Water mit dem Lebenselixier.

Dieses Foto hat er am Benue-Fluss in Nigeria aufgenommen. Es zeigt eine Frau, die ein Behältnis auf ihrem Kopf trägt – das lässt sich sofort erkennen. Vermutlich bringt sie Wasser nach Hause. Schaut man genauer hin, dann zeigt das Bild jedoch noch sehr viel mehr: Da ist diese unglaubliche Weite, die erahnen lässt, welchen Weg diese Frau auf sich nimmt, um eine Schüssel Wasser zurück zu ihrem Haus zu transportieren. Eine Anstrengung, die zumindest für diejenigen Menschen unvorstellbar ist, die mit Wasseranschluss im Haus aufgewachsen sind. Und die erschreckend ist, wenn man bedenkt, dass der Zugang zu sauberem Wasser ein anerkanntes Menschenrecht ist. Die Realität sieht vielerorts anders aus, gerade auch in Nigeria.

Die Schüssel ist so groß, dass dies nicht nur eine enorme Kraftanstrengung durch die Frau vermuten lässt; die Größe der Wasserschüssel im Verhältnis zu ihrer Trägerin symbolisiert gleichzeitig die Bedeutung, die Wasser für unser aller Leben hat. Die verzierte Schüssel scheint dabei wie für das Bild gemacht. Das bunte Obst steht im starken Kontrast zur kargen Landschaft.

Abdulaziz’ geschickte Komposition setzt die Frau mit ihrem Wasserbehälter aber auch auf Höhe des Wassers, unterhalb der zu sehenden Landteile. Das verstärkt die Wirkung dessen, was sie dort eigentlich transportiert: Sie trägt nicht nur Wasser, sie trägt die gesamte Welt auf ihrem Kopf. Eine Welt, in der es immer bedeutender wird, wer Wasserquellen kontrolliert und damit Zugang zu ihnen hat.

Die Tatsache, dass Abdulaziz eine Frau fotografiert hat, ist darüber hinaus sicher kein Zufall. Es sind die Frauen, die Wasser holen. Die damit für das Überleben ihrer Familien sorgen und Stärke zeigen


Foto: Noah Berger. Ausgewählt von Franziska Kempgen

Brände in Kalifornien nahe der Stadt Brentwood. Starke Winde wehen über die von der Hitze und Trockenheit des Sommers ausgedörrte Landschaft. Sie treiben lodernde Flammen vor sich her. Feuerwehrleute bewegen sich durch das brennende Gelände von abschüssigen Wiesenhängen. Durch die Richtung des Windes scheinen die Flammen von der Ebene ins Dunkel zu ragen, an dessen Grenze sich der Einsatz der Männer orientiert. Der Blickwinkel wirkt geschützt von einem schmalen Zaun am unteren Bildrand.

Man erschließt sich das Thema unmittelbar, doch der gewählte Bildausschnitt irritiert in seiner Perspektive. Vom linken Rand kommend, ragt trockenes Gras wie eine lodernde Zunge diagonal in die Fläche hinein; geradezu losgelöst vom restlichen Raum. Oder ist es anders herum? Ist es die in dunkles, rauchiges Blau getauchte Ebene, die an ihren Rändern sich mit züngelnden Flammen auf den trockenen Bewuchs aus vergilbtem Gras zubewegt? Ein Wechselspiel entsteht, das sich perspektivisch nicht auflösen lässt.

Das Orange der Feuersglut teilt die Flächen, bildet eine Grenze. Im Hintergrund, in der Weite des dunklen Blaus, in dem es keinen Himmel gibt, sind Baumkronen zu erkennen und man versucht einen Horizont als Orientierung auszumachen, doch ist dort nur eine vernebelte Straße, vielleicht auch ein Flusslauf? Der ersehnte Horizont als Orientierung in einer Landschaft der ineinander verschränkten Flächen, durch die sich der Mensch mühsam bewegt, bleibt verwehrt.

Noah Bergers Aufnahme lässt einen letztlich fragend zurück; sie entwickelt jedoch, dem ungeachtet, das Wirkungsvermögen, uns das Spannungs- wenn nicht gar Ohnmachtsverhältnis von Mensch und Natur im Ausnahmezustand vor Augen zu führen.

Foto: Thirza Schaap, aus der Serie Plastic Ocean. Ausgewählt von Amélie Mittelmann

Die letzten Jahre waren stark geprägt vom wachsenden Bewusstsein für die Umweltverschmutzung unseres Planeten und dem daraus resultierenden Klimawandel. Ein Hauptthema ist die Plastikverschmutzung unserer Ozeane. Projekte wie „The Ocean Cleanup“ oder „Parley for the Oceans“ setzen sich unermüdlich für die Plastikentfernung aus den Meeren ein. So auch die niederländische Fotografin Thirza Schaap.

Sie teilt ihre Zeit zwischen Amsterdam und Kapstadt auf, um an ihrer fortlaufenden Serie „Plastic Ocean“ zu arbeiten. Sie sammelt Plastik an den Stränden des Kaps, aus dem sie wunderschöne Kunstwerke schafft. Es ist ein Kunstprojekt, mit dem sie begonnen hat, um ein Bewusstsein für die Verschmutzung zu schaffen, und zu versuchen, die Verwendung von Plastik zu verhindern oder zu reduzieren. Sie kreiert künstlerische Skulpturen und versucht dadurch, eine emotionale Reaktion beim Publikum hervorzurufen, indem sie einen Widerspruch schafft. Sie sagt: „Unsere Strände sind mit Plastikkonfetti bedeckt, und es gibt wirklich nichts zu feiern.“ 

Ich habe dieses Foto aus ihrer stetig wachsenden Serie gewählt, weil die Ästhetik mich anspricht. Diese einfache, fast kindliche Darstellung des gemalten Horizonts mit der klaren Teilung in Himmel und Erde. Davor der riesige Haufen Plastikflaschen, der erst nach genauem Hinsehen abstoßend wirkt. Schönheit und Tragödie in einem Bild. Die Fotografie wirkt wie ein Gemälde und das gefällt mir besonders gut, denn ich finde, dass sich in Zukunft viel öfter unterschiedliche Kunstformen verzahnen sollten, um Geschichten zu erzählen.

Fotografie kann präventiv oder pro-aktiv sein. Sie kann im Vorfeld schon beeinflussen und versuchen, dadurch die Welt zu einem besseren Ort zu machen. Ich finde, dieses Bild schafft genau das und vereint Kunst und Dokumentarfotografie auf eine besondere Weise. 

Foto: Yann Gross und Arguiñe Escandón, aus der Serie AYA. Ausgewählt von Julia Brigasky

Was ist es, das uns hier entgegenspringt? Auf den ersten Blick sehe ich in der glänzenden, grünen Flüssigkeit eine sich aufbäumende Kobra. Überhaupt, dieses raumfüllende Grün. Kein frühlingshaftes, hoffnungsvolles, sondern eher ein schlammiges, altes Grün, das mich in die Tiefen eines Urwalds transportiert. Im Kontrast steht dazu die weiße Bluse der kleinen älteren Dame, die uns scheinbar mühelos den Inhalt eines Behälters entgegenschleudert. Jegliche Bewegung ist wie eingefroren, man könnte Cartier-Bressons „moment décisif“ zitieren und läge nicht falsch.

Verde ist aus der Strecke AYA, die Yann Gross und Arguiñe Escandón im peruanischen Amazonas fotografiert haben. Der Fotograf und die Fotografin haben sich hineinbegeben in diese Welt, in der unter anderem Schamanismus und die Beziehung zur endogenen Pflanzenwelt eine wichtige Rolle spielen. Ich mag dieses Bild, weil es mir Fragen stellt. Was passiert hier und warum? Und mich zu einer Auseinandersetzung mit „dem Anderen“ einlädt.

Es geht hier nicht um bloße Draufsicht, sondern um Immersion. Ich werde eingeladen, meine Wahrnehmung zu erweitern, mehr zu sehen und Lebensweisen kennenzulernen, die jenseits der Mehrheitsgesellschaft einen anderen Umgang mit Natur und ihren Ressourcen pflegen. Verde fordert mich dazu auf, meine eigene Lebensweise in einem Industrieland, in dem vieles auf Kosten anderer geschieht, zu überdenken, zu relativieren, zu hinterfragen.

„We didn’t want to bring back trophies, but tried to understand a bit more, even if the result was that we realized that we were totally ignorant. It was a good lesson in humility”, beschreibt Yann Gross die Arbeit in Peru. In der Beschäftigung mit Fotografie ist das für mich ein zentraler Punkt: mit offenem und empathischen Blick andere Realitäten verstehen zu lernen.

Foto: Rachel Israela Scheidt. Ausgewählt von Olaf Janson

Das Bild zeigt den nackten Körper einer jungen Frau vor hellblauem Hintergrund. Auf den ersten Blick nichts ungewöhnliches. Erst bei genauerer Betrachtung fällt auf, dass der Faden eines Tampons zu sehen ist. Der französische Begriff Tampon bezeichnet in der deutschen Sprache einen länglich gepressten Watte- oder Mullbusch, der in der Medizin Verwendung findet. Er dient zur Aufnahme von Flüssigkeiten oder zur Stillung von Blutungen. Der Begriff wird heute meistens für das Hygieneprodukt verwendet, das Frauen zum Auffangen der Regelblutung nutzen.

Die Menstruation war lange kein Thema für die große Öffentlichkeit. Von jeher sprechen Menschen eher verschämt über das Thema. Das Phänomen wurden in den Frauenzeitschriften und anderen Medien aufgegriffen. Doch seit einigen Jahren findet eine regelrechte Enttabuisierung statt. Der Finanzausschuss des Bundestages beschloss erst vor kurzem, den Mehrwertsteuersatz für Tampons und ähnliche Produkte auf sieben Prozent zu reduzieren, denn die Periode ist kein Luxus!

Die Fotografie “Diamonds are a girl’s friend and tampons” von Rachel Israela Scheidt symbolisiert für mich ein selbstbewusstes, starkes aber zugleich auch intimes Bild einer Frau. Das Foto steht für mich für Akzeptanz und Gleichberechtigung. Rachel Israela Scheidt schafft es mit dieser Fotografie eine wichtige Thematik und den visuellen Anspruch eines Bildes durch eine klare, reduzierte Komposition und Farbgebung zu verbinden und mich somit auf eine unaufgeregte und unvoyeuristische Art zu fesseln.

Foto: Morganna Magee, aus der Serie All the things unsaid. Ausgewählt von Signe Heldt

Es ist unmöglich, jemandem Trauer zu beschreiben, der sie nicht gefühlt hat. Wie Joan Didion feststellt: „Trauer erweist sich als ein Ort, den keiner von uns kennt, bis wir ihn erreichen.“

Zehn Jahre nach dem Verlust ihres Vaters begann die Fotografin Morganna Magee Port­raits ihrer entfremdeten Familienmitglieder mit Fotografien der Natur zu kombinieren. Trauer ist in ihrer fortlaufenden Serie „All the things unsaid“ von zentraler Bedeutung.

Unweit ihres Heimatortes, inmitten eines dicht bewachsenen Waldes, befindet sich eine Lichtung. Zu dieser kehrt die Fotografin zu unterschiedlichen Jahreszeiten regelmäßig mit ihrer 8-x-10-Großformatkamera zurück und lässt Aufnahmen entstehen.

Leichter Nebel erstreckt sich über die Landschaft, das gedämpftes Tageslicht lässt die Farben des Waldes matt und kühl erscheinen. Doch mittendrin, umrahmt von Bäumen und Büschen, erstrahlt ein Strauch in seiner vollen Blütenpracht.

Durch die Komposition und die gegebenen Wetter- und Lichtverhältnisse schafft es Magee, einer fast banalen Landschaft einen tiefgreifenden Sinn zu verleihen. Der von Gestrüpp umgebene, zentral positionierte Rhododendronbusch sowie der weit geöffne­te helle Himmel visualisieren metaphorisch für mich, dass sich während des Prozesses der Trauer auch etwas Positives entfalten kann: Hoffnung und Dankbarkeit. Für mich ist es eine Fotografie, die es schafft, die transformative Kraft der Trauer wiederzugeben.