Ein schönes Bild – Teil 1

»Wer professionell mit Bildern zu tun hat, sollte in der Lage sein, detailliert und dezidiert zu beschreiben, warum ein Bild gut ist. Ein Bild als schön zu charakterisieren, ist nur ganz am Anfang des Kurses erlaubt, denn eine der ersten Fragen, die in der Klasse Bildredaktion behandelt wird ist: Was macht ein gutes Bild und eine spannende, überzeugende Geschichte aus? Die Klasse lernt anhand eines Kriterienkatalogs Fotos zu analysieren und eine Terminologie zu benutzen, in der das Wort »schön« nicht vorkommt. Jede/-r der Bildredakteur/-innen sollte ein Bild auswählen, das er/sie in dem vergangen Jahr »entdeckt« hat und begründen, warum ihm/ihr dieses Foto im Gedächtnis geblieben ist und es ihn/sie nachhaltig beeindruckt hat. Hier ihre gedankenvolle Auswahl der Bilder und ihre aufschlussreichen Texte.«
Nadja Masri, Leiterin der Klasse Bildredaktion
Aus der Serie Red Ink von Max Pinckers. Ausgewählt von Jakob Weber

Vier abgenutzte Tischtennisschläger mit rotem Belag liegen auf einem türkis schimmernden Metalltisch. Die banale Abbildung einer scheinbar alltäglichen Szene. Der Fotograf Max Pinckers war 2017 in der nordkoreanischen Hauptstadt Pjöngjang, um dort für das Magazin The New Yorker zu fotografieren. In ständiger Begleitung von Regierungsmitarbeitern entschied er sich dazu, die ihm dargebotene inszenierte Realität zu hinterfragen und den theatralen Charakter mit seinem improvisierten Blitzlicht zu betonen. Auf dem von mir ausgewählten Bild wird die staatlich perfekte Inszenierung gebrochen. Die Beläge der Tischtennisschläger haben sich teilweise abgelöst, es kommt eine neue Realität unter der Oberfläche zum Vorschein.

Pinckers schafft durch Farbe und Komposition ein für mich ästhetisch höchst ansprechendes Bild, welches gleichzeitig die Lebensrealität Nordkoreas mit einer sehr eigenen subversiven Bildstrategie reflektiert.

Aus der Serie The Space Between Us von Edgar Berg. Ausgewählt von Catherine Waibel

Fünf junge Frauen mit nacktem Oberkörper stehen dicht beieinander in einem ruhigen See. Ein ungewöhnliches Porträt, besonders da die Gesichter der Frauen von der Kamera abgewandt und ihre Haare von Bademützen bedeckt sind. Dadurch kommen vor allem ihre schmalen Schultern auf elegante und sinnliche Weise zur Geltung. Es geht nicht um das Individuum, sondern um die Gruppe, zusammen formen sie eine Art Skulptur. Die Köpfe der fünf Wassergestalten spiegeln sich im See, was eine leicht surreale Stimmung erzeugt.

Die Lichtstimmung hat eine besondere Wirkung im Bild. Beruhigend, fast poetisch fällt das Abendlicht auf die Körpern der Frauen und die stillen Wasseroberfläche. Das Bild wirkt sorgfältig komponiert und strahlt in Form und Farbe eine angenehme Harmonie aus. Während die weißen und türkisfarbenen Bademützen auf die Farbtöne des Wassers abgestimmt zu sein scheinen, kommt das Sonnenlicht mit der nackten Haut in Einklang.

Aus der Serie Beyond The Clouds von Hart Lëshkina. Ausgewählt von Max Zerrahn

Selten kommt es vor, dass ich mich dabei ertappe, wie ich minutenlang auf ein Bild starre. Selten bleibe ich an einem Bild nicht nur beim ersten Sehen, sondern auch bei jeder weiteren Begegnung hängen. Immer wieder. It stops me in my tracks würden unsere englischsprachigen Freunde dazu sagen.

Ein Close-Up, vier Perlen, gebettet wie die Erbsen in einer Schote. Aber es ist keine Schote, es ist Haut, ein Schnitt, eine Wunde, die den Perlen Unterschlupf bietet, sie in sich aufnimmt. Haut an der ich mich festgucke, ein Schnitt den ich nicht begreife. Es ist dieses Nicht-Verstehen, das mich zum Immer-Wieder-Hinschauen zwingt. Ein Bild so verstörend wie ästhetisch ansprechend. Rätselhaft, eklig, erhaben und schön. Wieso blutet es nicht? Wieso tut es trotzdem weh?

Tati und Erik sind ein Künstler-/Fotografen-Duo das unter dem Namen Hart Lëshkina arbeitet und vor allem im Bereich der Mode- und Kunstfotografie tätig ist.

Aus der Serie Outremonde (Underworld) von Laura Henno. Ausgewählt von Marit Lena Herrmann

Der Blick wird bei dieser Fotografie unmittelbar in das Zentrum, auf das Gesicht der Frau gezogen. Ihr Blick, traurig oder in sich ruhend, die roten Haare, ihre Sommersprossen. Von dort aus wandert der Blick weiter, Details werden zu einer Geschichte, die dieses Bild erzählt.

Ich erkenne die braun gebrannten Arme, fast schon ein Sonnenbrand und schließe daraus, dass sie häufig oder lange in der Sonne ist. Ich sehe die Tätowierungen, den Schriftzug STEM CELL und das Ornament am linken Arm. Ich betrachte das dicke Buch, das auf ihren Beinen liegt und die verschlissenen Kissen und Polster im Hintergrund. Schaue ich mir die Umgebung an, dann frage ich mich, wo sie sitzt und ihr Buch liest? Mit Tüchern umhangen werden hölzerne Gerüste sichtbar.

Die Fotografie Annie at Church von Laura Henno ist Teil ihrer Serie Outremonde (Unterworld). In dieser hat sich die Fotografin mit der sogenannten Slab City, einer ehemaligen Militärbasis in der kalifornischen Wüste beschäftigt. Seit Jahrzehnten wohnen dort Menschen in Bussen und Zelten, als Einsiedler-/innen, Lebenskünstler-/innen und Alternative. Die Fotografin hat Monate mit diesen Menschen verbracht, sie kennen gelernt und die Umstände, in denen sie leben. Das Bild der jungen Annie verbindet Kontraste: die ephemere, brüchige Umgebung und die ruhende Person, das altmodisch wirkende Oberteil und die Tätowierungen. Dadurch geht das Porträt der jungen Frau über das Zeigen einer Person hinaus. Es erzählt eine Geschichte.

Trapped aus der Serie Homegrown von Julie Blackmon. Ausgewählt von Eva-Maria Tornette

Dieses Foto ist ein politisches Statement, aber wir müssen genau hinschauen. Wir befinden uns in einer typisch amerikanischen Doppelgarage, ein Katze schaut uns ernst und mürrisch an und in den dreckigen Scheiben lesen wir spiegelverkehrt F-U-C-K. Das Licht scheint staubig und geheimnisvoll auf verschiedene Dinge des alltäglichen Familienlebens. Und dann, beim genauen Betrachten, sehen wir ein selbstgemaltes Protestschild: „Resist“. Und ein Wahlplakat von Clinton und Kaine aus dem Jahr 2016 lehnt an der Wand. Das Jahr in dem Trump zum Präsidenten gewählt worden ist, der die Weltordnung verschoben hat. Dieses Foto macht unmißverständlich klar, auf welcher Seite die Fotografin Julie Blackmon steht. Und ohne dass wir die Betonfrisur und die orangene Haut von Trump sehen, oder Menschen die an der mexikanische Grenze verhaftet werden, verstehen wir durch dieses Foto, dass das amerikanische Leben sich seit dem Wahltag verändert hat.

Foto: Eileen Powers. Ausgewählt von Henryc Fels

Drei Monate vor Aufnahme ihres Selbstporträts wurde die Fotografin Eileen Powers mit Lymphdrüsenkrebs diagnostiziert. Der Verlust ihrer Haare, als Folge der Chemotherapie, war für sie gleichbedeutend mit dem Verlust ihrer Identität. Sie begann daraufhin sich fotografisch mit ihrem veränderten Körper auseinanderzusetzen.

Die Silhouette einer nackten Frau, ihr gedankenverlorener Blick aus dem Fenster, vorbei an einer rotgestrichenen Scheune. Der starke Kontrast zwischen Licht und Schatten, der Blick auf die typisch amerikanische Landschaft und die warme Farbstimmung des Bildes, erinnern im ersten Moment des Betrachtens an die melancholischen Bilder des amerikanischen Malers Edward Hopper. Wie die Bilder Hoppers, erzeugt das Bild ein Gefühl der nachdenklichen Isolation. Eingeschlossen in dem dunklen, schlichten Raum, scheint die Zeit still zustehen. Wo das Licht den Vorhang trifft, verliert sich der Körper in der Textur des Stoffes. Gleichzeitig wirkt der schattenhafte Umriss neben dem Kopf wie die Erinnerung an Haare, die früher vielleicht über der rechten Schulter lagen.

Mit der Ambivalenz zwischen Vergänglichkeit und Sein, schafft Powers mit ihrem ruhigen Bild auf eine assoziative Art die einschneidende Veränderung ihrer eigenen Identität zu visualisieren. Aber anders als Hopper, vermittelt sie dabei auf einer weiteren Ebene auch eine hoffnungsvolle Entschlossenheit. Ihre kraftvolle Körperhaltung schafft den Eindruck, sie blickt nicht in die Vergangenheit, sondern in die Zukunft.

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