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OKS-lab fragt …

In der Serie «OKS-lab fragt …» beantworten Dozenten, Fotografen und Macher der Ostkreuzschule Fragen zu ihrer Arbeit, ihrer Beziehung zur Fotografie, zur Lebensart.

Im Gespräch mit:

Kevin Mertens, Philipp Plum und Thomas Lobenwein – Gründer der Onlineplattform emerge, Onlinemagazin für jungen Fotojournalismus

Emerge

Wer steckt hinter Emerge? Foto: Nadine Bunge

OKS:Was ist emerge?

Phillip: emerge ist ein Onlinemagazin für jungen Fotojournalismus, das sich darauf konzentriert, aufstrebende Fotografen eine Plattform zu bieten. Die Idee entstand, weil so eine Website nicht existierte. Im Internet findet man zwar unheimlich viele Blogs und Seiten mit unterschiedlichen fotografischen Positionen. Auf emerge haben wir das auf den Bildjournalismus verdichtet.

Kevin: Außerdem wollen wir die hohe Qualität von Fotografien zeigen, die trotz der schwierigen Zeit für Reportagefotografen entstehen. Vor allem junge Leute stürzen sich mit Enthusiasmus in Langzeitprojekte, gehen dabei teilweise ein hohes persönliches und finanzielles Risiko ein und produzieren super Storys. Diese möchten wir so gut wie möglich im Web präsentieren. Deswegen liegt bei uns der Fokus nur auf der Fotografie, super clean, ohne Technikbeiträge.

Thomas: Nicht zu vergessen: Emerge ist auch Werbung für die Fotografen. Bildredaktionen werden über die Plattform auf interessante Fotostrecken aufmerksam und drucken diese dann – was ja schon bei Stern und Geo passiert ist. Im Prinzip wollen wir auch zur Diskussion anregen, durch Kommentare, aber das haut bisher noch nicht so richtig hin.

Wer steckt hinter emerge?

T: Drei ehemalige Studenten der Ostkreuzschule für Fotografie.

P: Aber auch drei unterschiedliche Charaktere. Wir haben alle einen anderen Bezug zur Fotografie – als Bildredakteure und als aktive Fotografen. Das zeigt sich an unseren eigenen Arbeiten und wenn wir über Bildstrecken diskutieren. Auch deswegen sind auf emerge unterschiedlichste Bildstile vertreten.

Wieso habt ihr die Plattform für andere Fotografen gegründet und nicht für Eure eigenen Arbeiten?

T: Wir wollten eine Website für Leute schaffen, denen es so geht wie uns. Für Fotojournalismus fehlt der wirtschaftliche Markt. Heutzutage gibt es keine Redaktionen mehr, die vierwöchige Fotoreisen bezahlen. Es gibt aber immer noch Menschen, die tolle Geschichten fotografieren – und wir wollen diese Fotostrecken zeigen. Die finanziellen Probleme beschäftigen uns als Fotografen auch, für die Eigenwerbung hat aber jeder von uns seine persönliche Webseite.

K: Wir können unsere Fotoarbeiten nicht selber bewerten, oder entscheiden, ob diese zu emerge passen würden. Das müssten dann andere machen.

T: Würden wir unsere eigenen Fotos zeigen, wäre die Seriosität von emerge weg. Das würde das Projekt verwässern und uns unglaubwürdig machen.

emerge ist für Besucher und Fotografen kostenfrei. Stand das zu Beginn schon fest?

T: Wenn wir mit dem Gedanken angefangen hätten, damit Geld verdienen zu wollen, dann wäre das schon Mal der falsche Gedanke gewesen. Das hätte dem widersprochen, was wir tun wollten. Fotografen bemerken ganz schnell, dass man etwas auf ihre Kosten betreiben will und dann kriegt man ihre Geschichten nicht. Bisher haben wir nur eine Fotoserie nicht bekommen, weil der Fotograf Geld haben wollte. Von über 80 Strecken kam nur 2-3 Mal die Frage, ob wir etwas bezahlen können. Allen anderen war sofort klar, um was es geht. Die Fotografen denken einfach so wie wir. Das hat von Anfang an so funktioniert.

K: emerge kann nur ein Non-Profit Unternehmen sein. Sobald Werbung reinkommt, kriegt das einen komischen Touch. Wir wollen nicht, dass dahinter ein kommerzieller Charakter steckt.

Wie habt Ihr Euch als Team gefunden?

K: Philipp und ich hatten ein grobes Konzept für emerge entwickelt und dafür eine Story von Thomas angefragt. So sind wir mit ihm in Kontakt gekommen. Im Gespräch haben wir ziemlich schnell herausgefunden, dass wir alle auf der gleichen Wellenlänge liegen – und von da an waren wir zu dritt.

Wie gestaltete sich rückblickend für Euch die Anfangszeit?

T: Die Plattform hat sich ziemlich schnell verselbstständigt. Am Anfang haben wir Schulen und Fotografen angeschrieben, und gefragt, ob sie Fotostrecken auf emerge veröffentlichen wollen. Schon bald bekamen wir mehr Angebote als wir nachgefragt haben und nach einem Jahr mussten wir gar keine Anfragen mehr stellen.

P: Viele Fotostrecken waren schon woanders veröffentlicht, die beispielsweise auch schon Preise bekommen hatten. Jetzt stellen wir einige Bilder online, die zuvor noch nicht zu sehen waren.

Nach welchen Kriterien sucht ihr die Fotostrecken und Fotografen aus?

T: Es ist wichtig, dass die Bilder eine Geschichte erzählen und eine eigenständige, interessante Bildsprache haben. Der Fotograf muss etwas mitzuteilen haben.

K: Die Fotos müssen ein gesellschaftsrelevantes Thema haben. Das kann vom gewöhnlichen Alltag bis zu Kriegs- oder Krisengebieten reichen. Die Bilder sollten zeigen, dass der Fotograf viel Arbeit, Zeit und Gedanken investiert hat. Nur einen Tag lang eine Demo zu fotografieren, reicht nicht aus. Da sind vielleicht schon spannende Bilder dabei, aber die Bildstrecke müsste darüber hinaus gehen, zum Beispiel zeigen, warum die Leute auf die Straße gehen.

P: Im besten Fall ist in den Bildern eine eigene Handschrift lesbar. Wir zeigen junge Autorenfotografen, die zwar noch am Anfang ihrer Karriere stehen, aber trotzdem schon eine eigene fotografische Position haben.

T: Wir arbeiten auch mit den Fotografen an ihren Fotos. Wenn wir eine Geschichte bekommen, die noch nicht richtig rund ist, aber man merkt, dass der Fotograf weiß, was er will, dann arbeiten wir gemeinsam daran. Das macht dann richtig viel Spaß.

P: Außerdem muss eine Verbindung zu Deutschland bestehen. Die Fotostrecken kommen von Fotografen, die im deutschsprachigen Raum leben, weil sie hier studieren oder eben von hier kommen.

T: Den Bezug haben wir so eingegrenzt, damit wir auch wissen, worüber wir sprechen.

Wie viele Fotostrecken sind inzwischen online?

K. Knapp 100.

T: Zusätzlich gibt’s noch neun Multimedia-Projekte.

Welche Rolle spielen Multimedia-Projekte auf emerge?

T: Eigentlich schon eine große Rolle. Es wäre schön, wenn wir noch mehr online stellen könnten, aber Multimedia hat sich bis jetzt in Deutschland bei den Fotografen nicht so durchgesetzt. Es existieren zwar schon einige multimediale Arbeiten, oft stimmt leider die Qualität nicht. Wir sind immer auf der Suche nach neuen tollen Projekten.

Welche Fotografen bewerben sich bei Euch und welche schaffen es, genommen zu werden?

K: Die meisten sind Fotostudenten von Fotoschulen beziehungsweise Universitäten oder junge Fotojournalisten, die am Anfang der Karriere stehen, die oft schon Jobs haben, aber noch nicht etabliert sind. Die Grenzen sind nicht ganz scharf gezogen. Wenige sind auch Autodidakten.

T: Das Alter spielt zumindest keine Rolle. Jung bedeutet, eher eine moderne Bildsprache zu zeigen. Und die Fähigkeit, mithilfe der Bilder eine Geschichte zu erzählen, dem Betrachter ein Stück Lebenswirklichkeit nahe zu bringen, das sind die Hauptkriterien um uns für die Story zu interessieren. Einige „unserer“ Fotografen haben inzwischen eine kleine Karriere hingelegt. In zehn Jahren wird man womöglich auf Emerge schon viele Namen entdecken können, die dann zu den etablierten im Business gehören. Zum Beispiel Sandra Hoyn, die für ihre Fotostrecke, die auf Emerge steht, dieses Jahr den Henri-Nannen-Preis bekommen hat.

Wer ist Eure Zielgruppe?

P: Fotointeressierte, Fotostudenten, Fotojournalisten, Bildredakteure.

T: Einen richtigen Überblick über unsere User haben wir nicht. Wir können nur messen, wer uns auf Facebook mag oder unseren Newsletter abonniert hat. Den bekommen beispielsweise viele Redaktionen und Journalisten aus Deutschland, Österreich, der Schweiz und Italien. Wenn die dann Bilder haben wollen, und die Fotografen kontaktieren, kriegen wir das nicht immer mit. Wir arbeiten ja nicht als Agentur. Wir zeigen nur die Fotos.

Was ist Euer Plan für die kommenden Jahre?

K: Wir würden es gerne schaffen, pro Jahr einen Fotografen zu fördern, also auch finanziell, damit dieser sich keine Gedanken um Geld machen muss, sondern intensiv an einem Projekt arbeiten kann.

T: In unserem nicht niedergeschriebenen Manifest steht, dass wir ein Präsentations- und Fördermedium sein wollen. Als Fördermedium können wir allerdings leider erst in Erscheinung treten, wenn wir ein bisschen mehr Geld haben.

Was treibt Euch an, den Fotojournalismus zu fördern?

T: Das darf man einen Fotojournalisten nicht fragen. Kurz gesagt: Leidenschaft und Neugierde.

P: Der Fotojournalismus steckt zwar in einer wirtschaftlichen Krise, aber das hat nichts damit zu tun, dass die Fotogeschichten, die produziert werden, keine Relevanz haben. Im Gegenteil: Fotografien werden mehr konsumiert denn je, sie besitzen auch so eine hohe Qualität wie noch nie. Die Problematik ist die Distribution und der Geldmangel, sodass Fotojournalismus nicht mehr gefördert wird. Aber das ist temporär. Gerade durch das Internet muss sich erst wieder ein neues Geschäftsmodell entwickeln.

K: Die Krise liegt ja nicht darin, dass keiner eine Berichterstattung will, sondern sie liegt bei den großen Medien, die Probleme haben ihr Geschäftsmodell am Laufen zu halten. Weil sie jahrelang ihre Artikel kostenfrei ins Internet gestellt haben und so über zehn Jahre das Konsumverhalten der Leute verändert haben. Die Menschen sind noch nicht bereit, für Onlineinhalte Geld zu bezahlen, aber sie kaufen auch keine Magazine und Zeitungen mehr. Darunter leiden jetzt die Fotografen. Die Krisenzeit wird zwar noch eine Weile dauern, aber es wird wieder besser werden.