Facebook

„OKS-lab fragt…“

In der Serie «OKS-lab fragt…» beantworten Dozenten, Fotografen, Macher und Absolventen im Rahmen der Ostkreuzschule für Fotografie Fragen zu ihrer Arbeit, ihrer Beziehung zur Fotografie und Lebensart.

Ein Gespräch mit:

Hannes Wiedemann, Fotograf und Absolvent der Ostkreuzschule

Hannes Wiedemann, der dieses Jahr sein Studium an der Ostkreuzschule für Fotografie mit seiner Abschlussarbeit „Bits and Pieces“ abgeschlossen hat, beschäftigte sich in seinem vorhergehenden Projekt „Grinders“ mit der Bodyhacking-Szene in den USA. Er macht einen Gegenvorschlag zum vorherrschenden Allgemeinbild unserer digital- und technikorientierten Zukunft, die visionär meist sauber und aufgeräumt bebildert wird. Er unterstreicht dagegen die menschliche Komponente und integriert die soziale Frage sowie Körperlichkeit in seine Arbeit.

OKS-lab: Wie bist du zu der Idee von Grinders gekommen?

Hannes Wiedemann: Zunächst habe ich nach Themen gesucht, die abseits von Evergreens der dokumentarischen Fotografie liegen. Ich war auf der Suche nach einem Thema, etwas Konkretem, das etwas über die Gegenwart erzählt. Mein Interesse an den Themen Wissenschaft, Technik und Technologie, aber auch Körperlichkeit war schon immer sehr stark.

Wie genau hat sich das ergeben? Das ist ja kein Thema was sich so auf dem Silbertablett präsentiert…

Nein, aber es ist auch nicht so ungewöhnlich. Es wurde schon einiges berichtet über diese Szene und ich habe das aufgegriffen, beziehungsweise noch aufgegriffen als es mehr den Charakter einer Subkultur hatte. Dann habe ich angefangen zu recherchieren wie ein Journalist es auch tun würde. Ich habe mich bei einigen Mitgliedern der Szene gemeldet und gesagt: Hallo, kann ich vorbeikommen?

Wieviel Zeit hast du aufgewendet für die Strecke?

Ich habe erst recherchiert, dann bin ich rüber geflogen und bin circa sechs Wochen durch die USA gereist; mit einem sehr straffen Zeitplan und habe sechs oder sieben Locations besucht. Dabei bin ich viel geflogen, viel gefahren und habe einen nach dem anderen zuhause besucht. Ein Arbeitstreffen habe ich in einer Garage in Kalifornien mitbekommen. Es sind viele Teilnehmer, tendenziell eher aus dem Westen der USA – aus Utah, Nevada – angereist um sich dort für ein Wochenende zu treffen und gemeinsam zu experimentieren. Das war aber die einzige größere Zusammenkunft, ansonsten habe ich Leute eher zu Hause besucht.

Kanntest du vorab schon jemanden persönlich?

Nein, niemanden. Manche Menschen waren etwas schüchterner, manche waren tendenziell eher bereit, sich in der Öffentlichkeit zu präsentieren. Manche waren auch richtiggehende Rampensäue. Allerdings gibt es in den USA auch keine ausgeprägte Aversion dagegen, fotografiert zu werden, so wie wir das aus Mitteleuropa kennen, besonders aus Deutschland. Tendenziell sagen Menschen in den USA doch eher ja, wenn sie gefragt werden, ob sie fotografiert werden dürfen. Viele finden das auch total super und fangen sofort an zu posen. Es ging eher darum, sich davon frei zu machen und Dinge einfach passieren zu lassen. Es ist nichts gestellt.

Es war also einmal dieser Block von fünf bis sechs Wochen?

Ja, das war auch der Großteil. Ich bin dann noch zu einer Messe nach Texas gereist, aber das war nicht sehr ergiebig, weil es nicht so praktisch wurde, nicht so körperlich, wie bei den Experimenten zu Hause. Es gibt tatsächlich nur ein Foto, das ich in Deutschland aufgenommen habe, weil Leute, die ich schon aus den USA kannte, zu einer Veranstaltung nach Deutschland eingeflogen wurden, um dieses „Produkt“ vorzustellen und darüber zu sprechen.

Kannst du etwas zu diesem Bild hier sagen?

Dieses Gerät heißt North Star, der Chip ist ungefähr so groß wie eine zwei Euro Münze. Das ist im Grunde ein Mikroprozessor auf einem kleinen Board, mit Silikon versiegelt. Durch Magnetismus aktiviert, fängt er für circa eine halbe Minute an zu blinken und macht lustige Muster. Da sind LEDs drin, die durch die Haut schimmern. Der Chip wird klassischerweise entweder in den Handteller eingesetzt oder in den Unterarm.

Das Entstehungsjahr der Arbeit war 2015 und 2016… und nun hattest du eine Menge Material…

…im Herbst 2015 kam ich nach der ersten Reise wieder, das Material lag auf dem Tisch und musste editiert werden. Das erste Ziel war es, die Strecke Magazinen anzubieten – was dann auch mit DUMMY geklappt hat.

Somit ist die Idee zum Buch erst später entstanden und du hast damit ja auch den dritten Platz beim Kassel Dummy Award 2017 gewonnen.

Kurz danach. Die Reichweite ist durch den Preis dann gestiegen und ich habe mit diesem Projekt auch noch anderes gemacht, u.a. eine Reihe an Ausstellungen und Veröffentlichungen. Es hat jetzt aber keine Buchangebote von Verlagen geregnet. Das wäre auch eher ungewöhnlich, da die Finanzierung von Buchprojekten eine entscheidende Frage ist. Es gibt ja heute auf dem Fotobuchmarkt nur selten Geld vom Verlagshaus, das ist ja bekannt. Das tolle an dem Kassel Dummy Award ist aber, dass die Preisträger-Bücher, sowie die gesamte Shortlist, die ungefähr fünfzig Bücher umfasst, auf Reise gehen. Und zwar auf etwa zehn Festivals weltweit wie zum Beispiel Lodz, Moskau, Istanbul, Dublin und noch eine ganze Reihe mehr.

Hast du die vierzig Bücher von Grinders selber gebaut?

Die habe ich selbst gemacht, per Hand mit einer Ösenzange. Das Papier war nicht speziell präpariert, ich habe es einfach geöst wie jedes andere Material auch.

Du hast eine Auflage von vierzig Büchern selber produziert, die inzwischen alle vergriffen sind. Würdest du noch nachproduzieren?

Ich habe im Hinterkopf, dass Grinders eventuell noch mal neu aufgelegt werden müsste. Jetzt habe ich einmal ausprobiert wie das ist ein Fotobuch eigenhändig zu produzieren, diesen Editionsprozess etwas gelernt. Wobei ich dabei Unterstützung hatte, ich habe das nicht alleine in meinem stillen Kämmerlein gemacht. Ich habe an einem Workshop in Istanbul von Rafal Milach und Anja Nalecka-Milach teilgenommen: Rafal Milach ist ein sehr starker Editor und Anja Nalecka-Milach ist eine wunderbare Fotobuchdesignerin. Die beiden haben mir mit Rat und Tat zur Seite gestanden, wobei ich das Design am Ende selbst übernommen habe. Aber bei vielen zündenden Ideen wie bei der Formatentscheidung usw. wurde ich beraten.

Vierzig Exemplare: das hat eine geringe, aber interessante Reichweite. Die Bücher zirkulieren, aber sie zirkulieren auf eine sehr intime Art. Zum Beispiel habe ich neulich herausgefunden, dass die Getty Research Library sich ein Exemplar beschafft hat. Keine Ahnung wie, aber sie haben es getan und man kann es jetzt im Getty Research Lab ausleihen. Menschen forschen daran und schreiben darüber wieder andere Arbeiten – das ist eine ganz andere Art von Distribution als wenn die Arbeit in einem Magazin erscheint oder beispielsweise bei Onlinemedien landet. Ich habe verschiedene Verwertungsarten ausprobiert und alles hatte seine Vorteile und seine schönen Seiten.

Wie sind denn die Reaktionen der Betrachter auf dein Buch?

Im Falle des Buchs bin ich ja meist nicht dabei, die Leute verbringen damit Zeit im Stillen. Bei Ausstellungen bekomme ich das zum Teil unmittelbar mit, wenn Besucher mich ansprechen. Die Reaktion gibt’s dann sofort in retour. Es geht natürlich sehr viel ums Thema, es geht viel um mich: wie der Aufnahmeprozess entstanden ist, wie ich das herausgefunden habe… Aber es ist letztendlich vor allem eben auch Handwerk: Recherche und journalistisches Handwerk. Es ist nicht unfassbar ausgefuchst, es ist eine Editorial Story so wie jede andere auch.

Auch wenn es im Grunde eine dokumentarische Arbeit ist, geht es mir auch um die visuelle Ikonographie. Es geht darum, wie Zukunft als Idee illustriert wird, mit welchem Bildmaterial unsere Vorstellung von der Zukunft in verschiedenen Medien ausgeschmückt wird. Darüber habe ich auch geschrieben und gesprochen. Und da ist die Bildsprache eine Art Gegenvorschlag zu dem ganzen Stockfoto-Kram, der im Netz herumschwirrt und immer suggeriert, dass die Zukunft sauber, harmonisch und total grün sei. Dabei werden ja Verteilungsfragen und soziale Fragen außen vor gelassen. Meine These dazu ist, dass durch Erfindungen und künftige Technologien die soziale Frage eben nicht gelöst wird und dadurch wird auch weiterhin alles schön dreckig bleiben. Es braucht eine andere Art von Ikonographie als die, die wir meistens vorgesetzt bekommen durch Werbung, Pop-Kultur und Stockfotografie.

Was war deine bevorzugte Art der Präsentation: war es nun die Ausstellung, war es das Editorial oder ist es das Buch?

Das Buch ist schon besonders toll – ich finde, dass es sehr gut funktioniert. Es ist relativ groß, eine einzelne Seite hat fast A3-Format und dementsprechend sind viele der Abbildungen im Buch überlebensgroß. Das ist bei der Wand auch oft der Fall, aber es schockiert einen im Buch noch etwas mehr. Und ich finde es auch schön, wie es gedruckt ist: auf einem eher billigen Papier, was aber auch auf einen subkulturellen Zine-Charakter anspielt.

Ich habe auch schon sehr extreme Layouts gesehen in Magazinen, im FOG Magazin zum Beispiel vor einem Jahr. Da wurden alle Bilder über acht Doppelseiten – insgesamt 16 Seiten – aneinander gereiht, liefen wie ein Filmstreifen durch das gesamte Heft und auch auf den Bund in der Mitte des Buches wurde nicht wirklich Rücksicht genommen, ebenso nicht auf den Seitenumschlag. Das Bild ging einfach auf der nächsten Seite weiter wenn man umgeschlagen hat. Ich bin für alle diese Experimente offen.

Du hast keinen akademischen, wissenschaftlichen Hintergrund in Richtung Technik?

Nein, ich habe keine Naturwissenschaften studiert. Als Kind habe ich viel Zeit in einer Volkssternwarte in Franken verbringen dürfen und hatte Ingenieure und Wissenschaftler um mich herum, die dort in ihrer Freizeit an ihren Sachen geschraubt haben. Dieses Improvisieren habe ich dort immer beobachtet. Später habe ich mich mal für IT interessiert, für Hacking im Allgemeinen und für die politische Dimension der Digitalisierung. Das habe ich nicht professionell weiterverfolgt, aber es interessiert mich bis heute.

Hannes Wiedemann (*1991 in Hof) lebt und arbeitet als freier Fotograf in Berlin. Im Jahr 2017 graduierte er an der Ostkreuzschule für Fotografie, Klasse Sibylle Fendt.
Im Mittelpunkt seiner Arbeit steht die menschliche Physis im Anthropozän. Während Grinders (2016) die Bodyhacking-Szene in den USA dokumentiert, ist sein Projekt Bits and Pieces (2017) eine fotografische Odyssee durch Seoul, der “Welthauptstadt Plastischer Chirurgie”. Grinders wurde der dritte Preis des Kassel Dummy Award 17 verliehen und als Zweitplatzierter des BJP Breakthrough Award ausgewählt. Bits and Pieces ist derzeit für den La Fábrica / Photo London Dummy Award nominiert.

www.hanneswiedemann.com

Alle Bilder in diesem Beitrag stammen aus der Strecke Grinders von Hannes Wiedemann.

Ein Beitrag von: Caroline Scharff, Miriam Klingl