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OKS-lab fragt…

In der Serie «OKS-lab fragt…» beantworten Dozenten, Fotografen, Macher und Absolventen der Ostkreuzschule Fragen zu ihrer Arbeit, ihrer Beziehung zur Fotografie und Lebensart.

Ein Gespräch mit:

Michael Hauri, Gründer und Geschäftsführer der Digital Storytelling Agentur 2470.media. Als Dozent unterrichtet er an renommierten Foto- und Journalistenschulen.

Foto: Anje Kirsch

OKS-lab: Du bist Gründer der Agentur 2470.media und leitest diese seit acht Jahren erfolgreich. Wie seid ihr gestartet?

Michael Hauri: Die Idee entstand während des Fotojournalismus-Studiums im Rahmen eines Seminars an der Hochschule Hannover. Gemeinsam mit drei Kommilitonen sollten wir eine Business-Idee präsentieren, die wir anschließend Dank eines Förderprogramms umsetzen konnten. Für die Gründung brauchten wir natürlich einen Namen. Und 24-70 ist einfach das klassische Reportage-Objektiv, das wir auch auf eine einsame Insel mitnehmen würden.

Worin liegt der Kern eurer Arbeit?

Anfangs haben wir uns eher als Produktionsstudio für Multimedia-Reportagen verstanden – die Kunden hatten eine Idee im Kopf und sind zu uns gekommen, weil sie sie mit uns umsetzen wollten. Mittlerweile sind wir zu einer Agentur geworden, die von der Strategie über die Formatentwicklung und Produktion bis hin zur Erfolgsmessung alles anbietet, was für unsere Kunden im Bereich Digital Storytelling relevant ist. Im Kern geht es aber immer um das Erzählen einer guten Geschichte.

Was ist digitales Storytelling?

Unter dem Begriff verstehe ich das (journalistische) Erzählen von Geschichten in digitalen Formaten.

Wie ist eine gute Geschichte aufgebaut? Wie funktioniert Storytelling?

Geschichten haben drei Vorteile. Erstens: Sie machen uns neugierig und wecken Aufmerksamkeit. Zweitens: Sie involvieren uns emotional. Und drittens: Geschichten speichern wir in unserem episodischen Gedächtnis ab. Das ist dieselbe Stelle, an der auch unsere persönlichen Erfahrungen liegen. An gute Geschichten kann man sich deshalb lange erinnern. Das funktioniert allerdings nur, wenn sie uns tatsächlich emotional berühren.

Mittlerweile gibt es eine ganze Reihe an Erzählformaten des Digital Storytelling und es entsteht der Eindruck, als ginge es ausschließlich um die Devise „Höher, schneller, weiter“. Wie haben sich die Anforderungen an den Journalismus verändert?

Ich kann verstehen, dass dieser Eindruck entsteht, bin jedoch nicht dieser Meinung. Die besten Storys im Web sind oft sehr einfach gemacht. Die Nutzer werden immer bequemer, und das ist vollkommen okay. Wir können diese Tatsache sogar nutzen: Ein gut gemachter Audio-Podcast kann unter Umständen mehr bewirken als eine komplexe interaktive Webdoku. Was zählt, ist die Story!

Gibt es bei euch einen thematischen Leitgedanken, dem ihr folgt? Oder gibt es auch Aufträge, die ihr von vornherein ausschließt?

Wir sind nur an nachhaltigen Projekten interessiert. Das sind einerseits eigene journalistische Arbeiten. Andererseits sind das Aufträge von Unternehmen und Institutionen, mit denen wir uns identifizieren können. Für Alnatura stellen wir beispielsweise schon seit Jahren die regionalen Bio-Produzenten vor. Zudem sind wir auch im Bereich Forschungskommunikation tätig, wo es meistens darum geht, komplizierte Sachverhalte leicht verständlich zu erzählen.

Würdest du sagen, dass Multimedia Projekte mehr können als eine einfache Fotostrecke?

Es geht hier nicht um ein Entweder-Oder. Spannender finde ich die Frage, welche neuen Spielformen das Web für die Fotografie ermöglicht. Die meisten deutschen Fotojournalisten denken immer noch in Printformaten. Ich überspitze das jetzt mal ein wenig: Alle wollen Bücher produzieren, aber keiner liest sie. Neue Formate und Distributionskanäle können nur entstehen, wenn wir viel stärker als bisher untersuchen, was die User in den unterschiedlichen Zielgruppen wollen und über welche Kanäle wir sie am besten erreichen.

Und welche Eigenschaften sollte dann ein Fotoredakteur mitbringen?

Für mich hat ein Fotoredakteur zwei Hauptaufgaben: Er ist Ideengeber und Garant dafür, dass die veröffentlichten Bilder kein Fake sind. Außerdem finde ich den spielerischen Umgang mit dem Medium Fotografie und Erfahrung im Bewegtbild-Bereich wichtig. Denn die Grenze zwischen stehendem und bewegtem Bild ist fließend.

Heute unterrichtest du an unterschiedlichen Bildungsinstitutionen für Fotografie und Medien. Wie wird das Thema digitales Storytelling bei den Studenten aufgenommen?

Es gibt sehr innovative Ausbildungsstätten, die ganz auf digitale Themen setzen. Deren Studierende brauche ich davon nicht erst zu überzeugen. An anderen Schulen steht eher die Tradition im Vordergrund. Aber auch dort kann ich mit dem Thema Storytelling ansetzen. Denn gute Geschichten funktionieren völlig unabhängig vom Medium, mit dem sie erzählt werden.

Michael Hauri ist Gründer und Geschäftsführer der Digital Storytelling Agentur 2470.media. Als Dozent unterrichtet er an renommierten Foto- und Journalistenschulen und war im Dezember 2016 zu Gast in der Bildredaktionsklasse an der Ostkreuzschule für Fotografie.