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„So einfach wie möglich denken, aber nicht einfacher!“

Hannes Wanderer berät seit Jahren Studierende der Ostkreuzschule beim Druck ihrer Fotobücher, so auch die Bildredakteure/-innen bei ihrer Buchreihe New York Edited. Wanderer ist Verleger, Buchhändler, Berater, Ausstellungsmacher, schreibt einen Fotobuch-Blog und unterrichtet. Maritta Iseler hat ihn interviewt.

OKS-lab: Der Fotograf Wolfgang Beinert meinte über Dich, „man könnte sagen, er hat von Geburt an Druckerschwärze im Blut.“
Hannes Wanderer: Ich bin in einer Druckerei groß geworden und habe dann eine Ausbildung als Reproduktionsfotograf gemacht, zu Zeiten als es noch nicht einmal einen Scanner gab. Wir machten Reproduktionen mit fotomechanischen Mitteln, mit riesigen Kameras und Kontaktgeräten – das ist eigentlich mein Beruf.

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Hannes (rechts) mit seinem großen Bruder Jochen an einem original Heidelberger Druckzylinder in der Druckerei des Vaters, Foto: Hannes Wanderer

2004 bist Du in den sehr umkämpften Fotobuchmarkt eingestiegen und Verleger geworden. Wie kam es dazu?
Nach einigen Jahren Arbeit als Druckvorstufenexperte habe ich die Werbeagentur Peperoni gegründet. Daneben habe ich mein Leben lang fotografiert. Ich hatte eigentlich nie die Absicht, mit meinen eigenen Bildern an die Öffentlichkeit zu gehen, bis ich vor zehn Jahren mit dem Projekt Time Out anfing: Ich stand vor einem leer stehenden Laden und habe mich geärgert, dass ich mich nicht mehr erinnern konnte, was drin war, ein Friseur, ein Bekleidungsgeschäft oder ein Zeitungsladen? Dann war ich ein Jahr unterwegs, habe 3500 solcher Geschäfte fotografiert und mit diesen Bildern 2004 eine Ausstellung und das erste Buch des Peperoni-Verlags gemacht, das ein ungeheures Medienecho bekam. Es war also kein Entschluss, Fotobuchverleger zu werden, aber nach diesem Erfolg kamen Fotografen mit Projekten auf mich zu, so entstanden noch ein Buch und noch ein Buch, und vor sechs Jahren kehrte ich der Werbung den Rücken.

… und hast den Fotobuchladen mit Showroom und Onlineplattform 25books übernommen.
In erster Linie verstehe ich mich als Büchermacher und als Verleger. Im Verlag Peperoni Books sind bisher fast 100 Bücher erschienen. Ich arbeite intensiv mit den Künstlern zusammen, kümmere mich um Grafikdesign, Druckvorstufe und -betreuung usw. Daneben betreibe ich den Space 25Books mit Webshop, in dem ich alle Bücher mit meinen eigenen Rezensionen vorstelle. Im Laden sind dann neuere Titel auf einem zentralen Tisch präsentiert, insgesamt natürlich viel mehr als 25 Titel. Es ist eine sehr persönlich kuratierte Selektion, handverlesene Fotobücher aus aller Welt und viele, die es in keinem anderen Laden in Berlin gibt. Zudem unterrichte ich viel im Ausland, an der Hartford Art School (USA), und habe eine interessante Kooperation mit der Rodchenko Art School in Moskau, aus der schon mehr als 20 Bücher hervorgegangen sind. Und dann gibt es noch sehr viele Bücher, bei denen ich als Berater oder als Handwerker mitarbeite, etwa für studentische Abschlussarbeiten, Selfpublisher oder Galerien.

Hannes Wanderer, Time Out

aus Time Out, Buchprojekt von Hannes Wanderer und Andreas Göx, Foto: Hannes Wanderer

Hannes Wanderer, Time Out

aus Time Out, Buchprojekt von Hannes Wanderer und Andreas Göx, Foto: Hannes Wanderer

Wie schaffst Du das alles gleichzeitig?
Eigentlich ist es eine Überforderung. Es geht nur mit sehr viel Zeiteinsatz, Leidenschaft und Bereitschaft, auf Freizeit zu verzichten, wie auch die eigene Arbeit mit Büchern, mit Künstlern und Studenten in den Lebensmittelpunkt zu stellen. Es ist schon so, dass meine Ressourcen endlich sind und ich für die Zukunft ein paar Weichen stellen muss, um die Sachen, die ich mache, auf dem Niveau weiter betreiben zu können – also die Berliner Fotobuchgemeinde kann sich, nicht auf Überraschungen, aber auf ein paar Veränderungen einstellen.

Du hast nun im dritten Jahr die Studierenden der Bildredaktionsklasse der OKS beim Druck ihres Buches der Reihe New York Edited beraten. Es wurde bis zum Schluss korrigiert und sogar kurz vor der Drucklegung noch eine Seite ausgetauscht. Kannst Du uns einmal eine Fotobuchproduktion in der Praxis beschreiben?
Grundsätzlich gilt, die Produktion eines Buches, bis es wirklich gedruckt, gebunden und eingeschweißt auf Paletten im Lager steht, ist ein sehr komplexer Prozess. Jede einzelne Komponente ist beherrschbar, aber alle zusammen zu denken, ist eine Herausforderung – die Gesamtanzahl an Variationsmöglichkeiten ist gewaltig. Die Ausgangsfrage: ist das Format hoch oder quer, groß oder klein; das Zweite ist, soll es einen einfachen oder einen edlen, hochwertigen Charakter haben. Daraus resultiert dann, wird es ein leinengebundenes Buch mit Prägung oder soll es sich eher wie eine Broschüre oder ein Magazin anfühlen. Das sind die zwei wesentlichen Fragen, Format und Ausstattung. Dann kommt die Frage der Bindung dazu – einfache Rückstichheftung, Fadenheftung, Soft- oder Hardcover. Wenn man diese Fragen für sich vom Inhalt her beantwortet hat, wenn man weiß, welchen Charakter das Buch haben soll, dann kann man konkreter werden: Werden Seiten gefalzt und was ergibt sich daraus für eine Bogenaufteilung? Muss die Seitenzahl durch 2, 4, 8, 12, 16 teilbar sein? Welche Papiersorte führt zu welchem Druckbild in Schwarzweiß, in Farbe, mit Lack oder ohne Lack? Was bedeutet das für die Bindung und wie wird das Cover verarbeitet?

Besuch bei Hannes Wanderer, 25 Books, Foto: Florian von Ploetz

Die Klasse „Bildredaktion“ 2014/15 bei Hannes Wanderer, 25 Books, Foto: Florian von Ploetz

Was ist ein gutes Fotobuch? Kannst Du ein paar Tipps geben?
Es gibt keine feststehenden Kriterien. Es gibt nicht das gute oder das weniger gute Fotobuch. Ich habe bei Peperoni-Books winzige Bücher gemacht, Postkartengroß mit 60 Seiten, die sind trotzdem groß. Völlig andere in Hardcover würde ich gleichermaßen als gelungen betrachten. Es gibt aber Fälle, bei denen ich denke, dass Bücher nicht gut funktionieren.

1. Das ist der Fall, wenn die Seiten nicht mehr ergeben als eine Abfolge von interessanten Bildern. Ein Kriterium ist, wenn sich eine Aura, eine Stimmung, eine Erzählung oder ein Begreifen entwickelt. Es gibt Arbeiten, die eher auf das Einzelbild abzielen, dann kommt ein Katalog dabei heraus, was ja legitim ist, aber nicht unbedingt ein gutes Buch. Ich denke, es gibt viele fotografische Arbeiten, die in einem Buch am besten zur Geltung gebracht werden können, besser als etwa in einer Ausstellung: das gilt oft für serielle Arbeiten, da man im Buch die Reihenfolge vorgeben und mit korrespondierenden Bildern eine Dramaturgie entwickeln kann. Erst recht gilt das für alles, was dokumentarisch und narrativ funktioniert, weil man durch Abfolge, Unterbrechung oder Überraschung den Betrachter führen und in eine Geschichte hineinziehen kann.

2. Das Buch muss dem Inhalt entsprechend angemessen ausgestattet sein. Ich habe in meinem Verlag total simpel hergestellte Bücher herausgegeben, die internationale Preise bekamen, weil sie vom Inhalt her gedacht einfach richtig sind. Gerade bei Studenten erlebe ich immer wieder, dass viele Ideen für Details da sind. Man kann ja seiner Kreativität freien Lauf lassen. Ich muss dann aber oft auf die Bremse treten und empfehle: Entscheide erst einmal, was für ein Buch das werden soll. Ich hasse Bücher, bei denen man nicht weiß, warum Raffinessen eingebaut sind, wie transparentes Papier, gekürzte Seiten, Ausklapper oder spezielle Cover-Materialen, ohne dass es einen erkennbaren Zusammenhang zum Inhalt gibt. Ich habe oft das Gefühl, dass inhaltliche Schwächen mit solchen Dingen übertönt werden sollen. Es gibt natürlich gute Beispiele, wo gestalterische oder verarbeitungstechnische Besonderheiten Sinn machen. Man muss aber, jedenfalls, wenn es nicht um Einzelstücke, sondern um eine Auflage geht, auch an die Kosten denken.

Meine ganz Devise: So einfach wie möglich denken, aber nicht einfacher. Das Entscheidende ist nicht, was wäre unter optimalen Bedingungen, unter unbegrenzten finanziellen und zeitlichen Ressourcen denkbar, sondern, was kriegt man mit den Ressourcen, die man zur Verfügung hat, hin – das ist eine ganz andere Herausforderung, der sich jeder stellen sollte.

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Bonds and Borders aus der Reihe New York Edited, Foto: Florian von Ploetz

Nach welchen Kriterien entscheidest Du, ob Du ein Buch zum Verkauf in deinem Laden anbietest?
Es ist eine kuratierte Selektion. Ich kann nicht jedes Buch, das ich auslege, vorher in der Hand haben. Ich bestelle Bücher aus Japan, Mexiko oder den USA und folge dabei meinem Instinkt. Mir werden auch viele Bücher von Selfpublishern oder Verlagen angetragen und ich muss aufgrund der Informationen und Bilder, die ich im Netz finde, entscheiden. Es hängt vom Thema ab, von der Bildästhetik, von der Frage, ob ich das selber gerne sehen würde, und ob es interessant und für die Öffentlichkeit diskussionswürdig ist.

Und wann verlegst Du ein Buch bei Peperoni Books?
Da spielen sehr persönliche Dinge eine Rolle. Das Themenspektrum bei Peperoni Books ist extrem breit: es sind künstlerische, dokumentarische und historische Arbeiten, auch sehr persönliche Positionen. Die Frage ist, finde ich die Arbeit ästhetisch oder inhaltlich spannend genug, um mich selbst ein paar Wochen oder Monate damit zu beschäftigen. Denn wenn ich mich entscheide, ein Buch zu machen, bedeutet das, dass ich mit den Künstlern bis zur Fertigstellung und darüber hinaus intensiv zusammenarbeite. Es ist mir deshalb wichtig, dass ich persönlich Lust habe, das Buch zu präsentieren, und dass ich Argumente für die Presse, den Buchhandel und das Publikum habe, sich mit diesem Buch zu beschäftigen?

Welche Rolle spielen Texte in deinen Büchern?
Gute Frage, denn Texte können sehr wichtig sein, ihre Bedeutung wird oft unterschätzt. Die Rede ist nicht von feuilletonistischen Texten, in denen die Arbeit gelobt wird, sondern korrespondierende Texte, die einen Zugang zum Thema öffnen oder eine andere Perspektive. In vielen Fällen mache ich mich selbst auf die Suche nach Autoren, die etwas Gescheites beitragen können.

Das Medium Fotobuch erlebt gerade einen Boom, die Titelzahl steigt unablässig, während das gedruckte Buch eigentlich in der Krise steckt. Was hältst Du davon?
Es ist zu simpel, zu sagen, das Fotobuch erlebt einen Boom – ich würde da widersprechen. Das stimmt hinsichtlich der Vielzahl der Titel, die erscheinen. Es werden aber insgesamt nicht mehr Bücher gekauft. Wirtschaftlich ist das ein großes Problem. Die Bücher erscheinen in kleineren Auflagen, je kleiner die Auflage, desto höher der Herstellungspreis. Die Marktpreise steigen aber nicht äquivalent. Erklären lässt sich das ganz einfach: Die Möglichkeiten, Bücher in kleinen Auflagen herzustellen, sind heute wesentlich besser. Das ist ein neu entwickelter Markt, der technologisch begründet ist.

Warum wollen viele Fotobücher drucken?

Es gibt sehr viele Leute, die denken, sie haben hier etwas, das die Welt sehen muss – in vielen Fällen ist das aber nicht der Fall. Trotzdem, alles was neu ist, ist interessant und wenn eine entsprechende Energie dahinter steht, und über Festivals, Blogs oder Social-Networking in die Öffentlichkeit kommt, zieht es Aufmerksamkeit. Dadurch haben wir einen Markt, der sehr lebendig ist. Für die Interessenten wird es aber immer schwieriger, den Überblick zu behalten und zu vermeiden, kurzfristigen Trends nachzulaufen. Für Verleger, die ernsthaft über Jahre ihr Geschäft aufbauen und langfristig ihren Lebensunterhalt verdienen wollen, wird es bei den vielen Selfpublishern und Kleinverlagen, die zumindest am Anfang nonprofit arbeiten, immer schwieriger. Nonprofit geht kurzfristig und mit viel Energie. Entweder diese Verlage werden dann ernst zu nehmende Publisher oder sie ziehen sich vom Markt wieder zurück. Außerdem glaube ich, dass viel Eitelkeit und persönlicher Ergeiz eine Rolle spielen. Weil es einfacher geworden ist, gibt es viele, die ihre Arbeiten selber publizieren, aber leider oft unreflektiert. Für Magazine gibt es Bildredakteure, für Galerien Kuratoren – das ist ein Filter. Diesen Filter gibt es zumindest im Fotobuchbereich nicht mehr.

Portrait Hannes Wanderer

Hannes Wanderer in seinem Laden, Foto: Florian von Ploetz

Kannst Du uns zuletzt noch eine Buch-Empfehlung geben?
Das ist natürlich ein ständiger Fluss, da mich Bücher immer wieder sehr berühren. Ich nenne zwei sehr unterschiedliche Bücher.

Katrien de Blauwer – I do not want to disappear silently into the night
Es ist heute ein richtiges Genre geworden, mit Gefundenem oder Archiv-Material zu arbeiten. Ich finde, dass ein großer Teil großer Mist ist. Aber nicht dieses Buch. Es werden aus Jahrzehnten und aus aller Welt stammende Materialien zusammengetragen, Schnipsel aus Magazinen, Fotos, Postkarten und Briefpapier, Tapetenreste oder Speisekarten. Es hat ein sehr stringentes Konzept. Auf diesen Papieren werden mit ganz außergewöhnlichen Ausschnitten immer zwei Bilder kombiniert. De Blauwers Kunst besteht im Weglassen, die Ausschnitte sind immer so gewählt, dass das Bild ein Geheimnis behält. Im Ergebnis ein Spiegelkabinett von menschlichen Sehnsüchten von Irrungen und Wirrungen.

Paddy Summerfield – Mother and Father
Es ist ein phantastisches Beispiel dafür, dass eine Bildserie in einem Buch am besten zur Geltung gebracht werden kann. Diese Bilder könnten an der Wand nie diese Kraft entwickeln. Summerfield hat einfach die letzten zehn Jahre des Lebens von Mutter und Vater fotografiert. Er zeigt sie als winzige fragile Figuren bei ihrem alltäglichen Tun. In einem Familienalbum wäre jedes einzelne Bild ein mittelprächtiger Schnappschuss. Aber die Serie entfaltet eine emotionale Wucht, die unfassbar ist. Genau die richtige Distanz, er fotografiert immer nur aus dem Haus heraus in den Garten. Das ist wie ein Kammerspiel, das da stattfindet: Der Mann und die Frau, die sich schon entfremdet haben, der Mann kümmert sich trotzdem rührend. Und der Sohn blickt mit Liebe und Sorge auf seine alten Eltern. Am Ende ist der Garten verwildert, der Mann verliert seine Frau und der Sohn Mutter und Vater. Das kann sich kein Fotograf ausdenken, sondern das ist gefühlt – ein unglaublich trauriges Buch. Ich glaube nicht, dass das Buch insgesamt ein großer Verkaufserfolg ist. Ich weiß nur, dass viele Besucher mit dem Buch in der Hand und Tränen in den Augen meinen Laden verlassen haben. Kein Buch habe ich bei 25books öfter verkauft als dieses.

Danke für das Gespräch!

Hannes Wanderer (*1958) wächst in der Druckerei seiner Eltern mit Bildern und Texten, Druckmaschinen und verschiedenen Satztechniken auf. Er fotografiert und lernt in Bielefeld das Handwerk des Reprofotografen. Nach der Arbeit in einem Pariser Verlag und später als Krankenpfleger, Lagerarbeiter und auch immer wieder als Druckvorstufenexperte gründet er in Berlin die „Peperoni“ Werbeagentur. 2004 entsteht der Verlag „Peperoni Books“ und 2009 bezieht Hannes das Office mit Store und Showroom „25books“.