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OKS-lab fragt…

In der Serie «OKS-lab fragt … » beantworten Dozenten, Fotografen, Macher und Absolventen der Ostkreuzschule Fragen zu ihrer Arbeit, ihrer Beziehung zur Fotografie, zur Lebensart.

Über fünf Jahre begleitete der Fotograf Alexander Janetzko den Schauspieler Gerdy Zint. Die Arbeit erschien dieses Jahr als Fotobuch, entstanden in Zusammenarbeit mit dem Bildredakteur Andi Kunze.

Ein Gespräch mit:

Alexander Janetzko, Fotograf, und Andi Kunze, Bildredakteur.

Fotograf Alexander Janetzko (li) und Bildredakteur Andi Kunze (re) feat. Gerdy Zint (Foto).

Alexander Janetzko (links) und Andi Kunze (rechts) feat. Gerdy Zint (Foto), Foto: Piero Chiussi

OKS-lab: Andi und Alex, könnt Ihr kurz erzählen, wie es zu Eurer Zusammenarbeit für Alex‘ Fotobuch Sugar & Zint kam?
Alexander Janetzko: Ulrike Kremeier, Direktorin des Kunstmuseum DKW Cottbus und verantwortliche Kuratorin, kam mit dem Vorschlag auf mich zu, mit mir ein Buch der Reihe Signifikante Signaturen zu machen. Ich dachte recht bald an Sugar & Zint, also meine Arbeit mit und über den Schauspieler Gerdy Zint, nicht zuletzt, weil ich beim Start der Arbeit vor genau fünf Jahren – eher scherzhaft – zu Gerdy gesagt hatte: „In fünf Jahren mache ich ein Buch daraus!“
Andi Kunze: Alex hat mir von der Idee erzählt und mir wenig später einen Karton mit unsortierten Prints in die Hand gegeben. Im ersten Moment wirkten diese Bilder auf mich sehr verwirrend. Es kam mir fast vor wie ein intimes, privates Album.
Alex: Während unserer ersten Treffen haben wir sehr viel geredet: Über Gerdys Welt und die Geschichten zu den Bildern. Danach gab es eine grobe Einteilung in Blöcke…
Andi: …in die geschnittenen Seiten, die Hochformat-Serie und den Schluss.

Alex, Du bezeichnest Sugar & Zint auch als ein experimentelles Tagebuch. Doch anders, als man es von einem Tagebuch erwarten würde, werden die Bilder im Buch nicht chronologisch präsentiert. Weshalb habt Ihr jede Linearität vermieden und auf erklärende Bildunterschriften verzichtet?
Alex: Ich wollte absichtlich keine chronologische Abfolge, sondern wollte, dass man mit dem Buch vielseitiger umgehen kann.
Andi: Wenn dieser Arbeit Informationstexte beigestellt würden, ginge ihr das Spielerische verloren. Ich finde es immer wieder total spannend zu beobachten, wie jemand, der das Buch zum ersten Mal in den Händen hält, anfängt, hin und her zu blättern – und wie sich dabei jeder das Buch anderes erschließt. Das würde mit Captions so nicht funktionieren.
Alex: Es ging uns darum, so wenig wie möglich von den Bildern abzulenken. Der Betrachter sollte ihren Sinn nicht in den Captions suchen.

Andi, wie geht man als Bildredakteur mit so einer offenen Arbeit um?
Andi: Für mich klang die Idee von Anfang an total aufregend. Es ist das eine, ein Layout mit Bildern zu beleben, die zum Text passen. Das andere ist, mit so einem offenen Konzept zu arbeiten, dazu mit so vielen Arten von Bildern: Privatem, Setfotos und so weiter. In der Theorie im Vorfeld erschien mir das Editieren solch einer offenen Arbeit als fast schon unlösbare Aufgabe – in der Praxis hat sich dann aber alles recht schnell organisch zusammengefügt.
Alex: Es gab viele Bilder, bei denen ich nicht wusste, ob sie zusammen funktionieren. Ich entscheide das mehr aus einem Gefühl heraus, Andi geht dabei methodischer vor. Das hat sich sehr gut ergänzt.

Aus dem Fotobuch Sugar & Zint von Alexander Janetzko (Seite 1 bis 2).

Aus dem Fotobuch Sugar & Zint von Alexander Janetzko (Seite 1 bis 2)

Ihr steigt mit einem Einzelbild als Doppelseite ein: Es zeigt einen zugedeckten leblosen Menschen in einem Treppenhaus liegend. Sofort assoziiert man den Tatort eines Verbrechens und den Beginn einer polizeilichen Ermittlung. Weshalb fiel die Wahl auf dieses Bild?
Andi: Dieses Foto war in diesem ersten Stoß Bilder, den Alex mir gegeben hatte, noch gar nicht dabei. Das war eines der Dinge, die aus dem Schaffensprozess heraus entstanden sind. Das Aufmacherbild stand auch nie zur Diskussion, das hatte Alex schon zu Beginn in den noch leeren Dummy geklebt. Für mich ging die Arbeit erst bei den Modulen, den geschnittenen Seiten, los – hier springen wir in die Geschichte.
Alex: Ursprünglich hatte ich vor, mit dem Familienporträt einzusteigen, das jetzt das letzte Bild ist.

Und weshalb ist es nach hinten gerutscht?
Alex: Weil das Familienporträt alles, was man vorher gesehen hat, noch einmal infrage stellt.
Andi: Und dann fiel die Entscheidung für das neue Aufmacherbild auch wieder sehr schnell und organisch. Ich finde die Perspektive in diesem Bild so spannend, dieses Reinspringen – eben so, wie Alex in das Leben von Gerdy hineinspringt.
Alex: Das Bild ist spannend, weil es am Anfang steht. Es hat an dieser Stelle ein verwirrendes Moment: Man schlägt die erste Seite auf und sieht bereits das Ende. Solch ein Bild würde ich als Abschluss am Ende einer Strecke erwarten, doch hier sieht man bereits den Schluss, der aber auch „Willkommen“ heißt, der einen einlädt. Das ist ein wunderbarer Widerspruch, der auch anschließend nicht aufgelöst wird. So kann man danach als Betrachter mit den vielen Bildern in den Modulen vielleicht etwas überfordert sein, wenn man versucht, eine lineare Geschichte darin zu lesen.

Aus dem Fotobuch Sugar & Zint von Alexander Janetzko (Seite 12 bis 15).

Aus dem Fotobuch Sugar & Zint von Alexander Janetzko (Seite 12 bis 15)

Stimmt. Diese ausgelöschte Identität, die man nicht rekonstruieren kann, da das Gesicht verhüllt ist, bleibt eine Leerstelle, die der Betrachter anschließend mit den Varianten der Person Gerdy Zint, die ihm die Module und die nachfolgenden Kapitel anbieten, selbst füllen muss. Zudem handelt es sich bei dem Aufmacher um eine Inszenierung. Kann man sagen, dass dieser Einstieg das konzeptionelle Ausrufezeichen für das Buch setzt? Dass hier eben nicht die eine Identität enthüllt wird, sondern dass es vielmehr um ein Spiel mit der Realität geht: der Protagonist oszilliert zwischen Rolle und Identität ebenso wie die Fotografie zwischen Dokument und Inszenierung?
Alex: Ulrike Kremeier hat über diese verschiedenen Ebenen in ihrem Text am Ende des Buches geschrieben. Über diese Vermischung von Realitäten oder diese Ideen von Realitäten, die alle eine Möglichkeit sind. Deswegen bieten einem die Module all die verschiedenen Möglichkeiten an, die gleichzeitig alle richtig und falsch sind. Man kommt nie zu einem Ende in der Geschichte, es gibt immer eine neue Variante oder eine neue Ähnlichkeit.

Wie erreicht man, dass all die unterschiedlichen Bilder trotz dieser vielen Kombinationsmöglichkeiten über mehrere Seiten hinweg zusammen funktionieren?
Andi: Meiner Meinung nach kristallisieren sich viele Strukturen während des Arbeitens heraus. Die Seiten 12 bis 15 zum Beispiel: Man sieht Gerdy zweimal in einer klar inszenierten Situation, in der Bildwirkung einmal als Positiv und einmal als Negativ. Oder die Seiten 20 bis 23: Hier sieht man Gerdy in jedem der Bilder im Kontext eines der vier Elemente.
Alex: Obwohl sie zu unterschiedlichen Zeitpunkten während der fünf Jahre aufgenommen wurden.

Aus dem Fotobuch Sugar & Zint von Alexander Janetzko (Seite 20 bis 23).

Aus dem Fotobuch Sugar & Zint von Alexander Janetzko (Seite 20 bis 23)

Andi: Das ist ja auch ein Punkt, der für die Zusammenarbeit von Fotograf und Bildredakteur spricht: Sugar & Zint lebt von dieser extremen Nähe zwischen Alex und Gerdy. Der Fotograf taucht in seine Geschichte ein und dann kann es schwer sein, solch andere Facetten, wie eben in den Beispielen angesprochen, in der Geschichte zu sehen. Als Bildredakteur sieht man die Bilder von außen, man ist so etwas wie eine erste Instanz, die sich fragt: Funktioniert das? Kommunizieren die Bilder etwas und wenn, ist es das, was sich der Fotograf beim Auslösen gedacht hat oder irgendetwas Ähnliches oder etwas ganz Anderes? Der Bildredakteur kann unter Umständen neue Strukturen in den Bildern sehen und helfen, dass die Geschichte Form und Rhythmus bekommt. Bedingt durch meinen filmischen Background laufen bei mir dann auch im Hinterkopf so Sachen wie Sergei Eisenstein und die assoziative Montagetheorie mit.
Alex: Ich habe nicht die fertige Geschichte im Kopf, wenn ich fotografiere. Das ist dann eine andere Phase der Arbeit als die der Bildauswahl und der bildredaktionellen Arbeit. Auf bestimmte Zusammenhänge komme ich nicht von alleine, da suche ich den Austausch. Ein Bildredakteur hat nur das, was er sieht. Als Fotograf ist man oft so sehr mit seiner Arbeit verknüpft, dass solch eine Zusammenarbeit die Geschichte extrem bereichern kann.

Könnt Ihr euch vorstellen, wieder ein Fotobuch zu machen?
Alex: Ich werde jetzt an meinen Langzeitprojekten arbeiten. Unter anderem fotografiere seit langer Zeit in Uganda, daraus soll schon irgendwann ein Buch werden und auch aus meiner Arbeit in Israel, die schon relativ abgeschlossen ist. Ich finde, ein Buch ist eine gute Form, so etwas wäre dann ein Abschluss.
Andi: Wenn ich es mir raussuchen dürfte, würde ich nur noch Ausstellungen und Fotobücher editieren (lacht).

Alex und Andi, danke für das Gespräch!

Alexander Janetzko studierte von 2005 bis 2008 an der „Ostkreuzschule für Fotografie“ in Berlin und arbeitet seither als freier Fotograf im In- und Ausland. Seine Arbeiten werden international in Magazinen, Büchern und Ausstellungen veröffentlicht. Schwerpunkte seiner Arbeit sind essayistische Dokumentationen, Reportage und Portrait. 2012 gründete er mit Sandra Weller und Piero Chiussi die „Agentur StandArt“.

Hier geht’s zur Website und zum Blog von Alexander Janetzko.

Andi Kunze studierte 2012/13 Bildredaktion an der „Ostkreuzschule für Fotografie“ in Berlin. Nachdem er viele Jahre als Szenenbildner an filmisch inszenierten Welten gearbeitet hat, widmet er sich seit Ende 2012 als freier Bildredakteur der fotografischen Realität. Neben seiner Arbeit für den „vorwärts“ ist er seit Anfang 2014 Mitglied der „Agentur StandArt“ und unterrichtet gelegentlich die Erstellung von Audioslideshows in der Bildredaktionsklasse der „Ostkreuzschule“.

Hier geht’s zur Website von Andi Kunze.

Das Fotobuch Sugar & Zint“ erschien in einer limitierten Auflage im Sandsteinverlag in der Reihe „Signifikante Signaturen“ im März 2014. Vorgestellt von Ulrike Kremeier (Direktorin des Kunstmuseum DKW Cottbus“) und herausgegeben von der „Ostdeutschen Sparkassenstiftung“.