Facebook

Ateliergespräch mit Michael Kerstgens

Am Mittwoch, den 12. November 2014, war Michael Kerstgens beim Ateliergespräch in der Ostkreuzschule zu Gast und stellte sein Fotobuch Coal not Dole vor. Er berichtete von seinen Erfahrungen als Fotograf und gab den Studierenden viele Tipps mit auf den Weg.

Michael Kerstgens (links), Gast des Abends, und Moderator Thomas Sandberg, Fotos: Charlotte Krauss

Michael Kerstgens (links), Gast des Abends, und Moderator Thomas Sandberg, Fotos: Charlotte Krauss

Zunächst erzählte er von seiner „visuellen Sozialisierung“ und seinem Weg zur Fotografie. Michael Kerstgens wurde 1960 als Sohn deutscher Eltern in South Wales geboren. Die Familie zog 1965 zurück nach Deutschland. Er wuchs in Mülheim an der Ruhr auf, besuchte die Handelsschule und begann eine Ausbildung zum Speditionskaufmann. Kerstgens wurde stark von Musik beeinflusst. Das Coverfoto von Quadrophenia (Album von The Who, 1973 erschienen) ließ ihn erstmals Fotografie bewusst wahrnehmen. Diverse Zeichen- und Typografiekurse – er wollte eigentlich Illustrator werden – brachten ihn schließlich zur Fotografie. 1982 begann er sein Studium an der Folkwangschule in Essen und besuchte dank Presseausweis nebenbei verschiedenste Konzerte. Auf der Suche nach sich selbst folgte er dem Leitspruch von Robert Frank: „The eye should learn to listen before it looks.“ Während seines vierten Semesters war die New Colour Photography hoch im Kurs, alle fotografierten im Mittelformat. Doch Kerstgens ging nie mit der Mode, verkorkste auch mal Filme im Labor und empfand die Technik eher als Mittel zum Zweck. Über sich selbst pflegte er zu sagen: „Ich bin Autodidakt an der Gesamthochschule Essen.“ Kerstgens machte einige Reportagen und arbeitete 1987/88 regelmäßig für Spiegel und Stern. 1989 begleitete er den Hochseilartisten Philippe Petit, der auf einem 800 Meter langen Drahtseil die zweite Ebene des Pariser Eiffelturms bestieg – die Geschichte wurde weltweit publiziert.

Der Seiltänzer Philippe Petit balanciert auf einem 800 m langen Drahtseil zur zweiten Ebene des Eiffelturms, Paris, 1989, Foto: Michael Kerstgens

Der Seiltänzer Philippe Petit balanciert auf einem 800 m langen Drahtseil zur zweiten Ebene des Eiffelturms, Paris, 1989, Foto: Michael Kerstgens

Nach stolzen 23 Semestern erhielt er 1993 sein Diplom zu einer Arbeit über jüdisches Leben in Deutschland. Schon während seines Studiums zog es ihn oft nach Großbritannien, wo er einen Teil seiner Kindheit verbracht hatte. Er interessierte sich für die Arbeiterbewegung, die für ihn auch Parallelen zum Ruhrgebiet aufwies. 1984 fuhr Michael Kerstgens nach South Yorkshire und dokumentierte in der Kleinstadt Barnsley das Leben der Bergleute. Diese waren gerade in den Streik getreten, weil die Kohleförderung in England, welche rund 180.000 Menschen beschäftigte, eingestellt werden sollte.

Buchcover Coal not Dole von Michael Kerstgens, erschienen 2014 bei Peperoni Books

Buchcover Coal not Dole von Michael Kerstgens, erschienen 2014 bei Peperoni Books

Striking miners picking coal on a spoil heap, Elsecar, South Yorkshire, 1984

Striking miners picking coal on a spoil heap, Elsecar, South Yorkshire, 1984

Der Fotograf hatte zwei Wochen eingeplant, blieb jedoch sechs. Er fotografierte mit einer kleinen Leica, manchmal einer Nikon, hatte nur ein Objektiv und 50 Filme dabei. Da er sich mit dem Blitz nicht gut auskannte, benutzte er ihn sporadisch. Er half in der Suppenküche bei Gewerkschaftstreffen und lebte mit den Arbeitern. So gewann er ihr Vertrauen und konnte aus einer Nähe fotografieren, die anderen Journalisten vorenthalten blieb. Mit den Worten „This is Michael from Germany. He’s a mate.“ wurde er oft vorgestellt und erhielt überall uneingeschränkten Zugang. Michael Kerstgens ist kein Freund fotografischer Neutralität, sondern des partizipativen Fotografierens: „Ich habe immer versucht, projektorientiert zu arbeiten und langfristige Projekte zu machen. Man kann nur so viel mitnehmen, wie man bereit ist, von sich einzubringen.“ Es bedürfe emotionaler Nähe und Empathie, nicht nur Sympathie. Statt sich in die Szene zu zoomen, müsse man räumliche Nähe herstellen. Es sei ein großes Privileg, als Fotograf Mäuschen zu spielen und in fremde Lebensbereiche einzutauchen.

NUM branch meeting for Darfield Main Colliery at Mitchell & Darfield Social Club, Roy Kilner Road, Wombwell, 1985

NUM branch meeting for Darfield Main Colliery at Mitchell & Darfield Social Club, Roy Kilner Road, Wombwell, 1985

Police attempt to prevent miners picketing access to Cortonwood Colliery, South Yorkshire, 1985

Police attempt to prevent miners picketing access to Cortonwood Colliery, South Yorkshire, 1985

A Wombwell pub, 1985

A Wombwell pub, 1985

Stuart ‘Spud’ Marshall, miner at Darfield Main Colliery, with his granddaughter Carla, Wombwell, Barnsley, 1984

Stuart ‘Spud’ Marshall, miner at Darfield Main Colliery, with his granddaughter Carla, Wombwell, Barnsley, 1984

Der Streik bewirkte nichts, die Zeche wurde geschlossen und das Thema geriet in Vergessenheit. Kerstgens konnte seine Geschichte nicht verkaufen. Erst mit dem Finanzcrash 2008 änderte sich das, die Fotostrecke bekam eine historische Dimension. Jahrelang hatte Kerstgens mit dem Protagonisten seiner Geschichte, dem damals 34-jährigen Spud Marshall, in Briefkontakt gestanden. 2009 starb Spuds Ehefrau Marsha, Mitbegründerin des Women Against Pit Closures movement (WAPC) und starke Rednerin in der Arbeiterbewegung. Im Jahre 2013, 30 Jahre nach dem Streik, machte sich Kerstgens nochmals auf nach Wombwell in der Nähe von Barnsley. Er fotografierte den Ist-Zustand, in Farbe – sein Sohn Paul begleitete ihn auf dieser Reise. Fazit: dort hat sich wenig verändert, es herrscht hohe Arbeitslosigkeit, die Menschen leben mental in der Vergangenheit. Aus beiden Teilen entstand das Fotobuch Coal not Dole (Kohle statt Stütze) beim Peperoni Books Verlag. Für Michael Kerstgens schließt sich damit der Kreis. Nach wie vor macht er fast jedes Jahr Urlaub in Wales. Inzwischen fotografiert er digital, mit einer kleinen Fujika.

Former miner Spud Marshall (Darfield Main Pit) standing in front of his sold house on Rimington Road in Wombwell, Barnsley, South Yorkshire, 2013

Former miner Spud Marshall (Darfield Main Pit) standing in front of his sold house on Rimington Road in Wombwell, Barnsley, South Yorkshire, 2013

Beim Ateliergespräch gab Kerstgens einige Literaturtipps. So empfahl er zum Beispiel den Essay Die Bilder sind flach und die Welt ist eine Scheibe von Klaus Honnef (erschienen in Photonews, März 2012) oder das Fotobuch Higley von Andrew Phelps, in dem Heimat als Raum thematisiert wird. Außerdem gab er den Studierenden einen Rat: „Drei gute Geschichten sollte man hinkriegen, vielleicht fünf, wenn man Glück hat. Sucht bei euch selbst! Eine gute Geschichte hat Relevanz für einen selbst und auch für die Gesellschaft.“

Michael Kerstgens, 1960 in Großbritannien geboren, lebte ab 1965 in Mülheim an der Ruhr. 1982-93 studierte er Design und Fotografie auf Diplom an der Folkwangschule Essen. Ab 1987 arbeitete er freischaffend als Fotograf für verschiedene nationale und internationale Firmen und Magazine. Nach kürzeren Lehrtätigkeiten in Ostfriesland und Dessau ist er seit 2007 Professor für Dokumentarfotografie an der Hochschule Darmstadt. Seit 2009 lebt er mit seiner Familie in Oberhausen (Rheinland). Sein Fotobuch „Coal not Dole“ ist 2014 bei Peperoni Books erschienen. Heute wurde ihm der „Ruhrpreis für Kunst und Wissenschaft 2014″ verliehen. Wir gratulieren herzlich!

http://kerstgens.de/

Siehe auch Vorstellung des Buches Coal not Dole von Thomas Sandberg in B7, Bilderzeitung der Ostkreuzschule, S. 40-43.