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OKS-lab fragt …

In der Serie «OKS-lab fragt … » beantworten Dozenten, Fotografen, Macher und Absolventen der Ostkreuzschule Fragen zu ihrer Arbeit, ihrer Beziehung zur Fotografie, zur Lebensart.

Ludwig Rauch – Fotograf und Dozent an der OKS – zeigt eine umfassende Werkschau „Noch ein Leben“ in Cottbus. Maritta Iseler und Florian von Ploetz besuchten ihn zwei Wochen vor Ausstellungseröffnung in seinem Berliner Atelier.

Ein Gespräch mit:

Ludwig Rauch, Fotograf

Ludwig Rauch in seinem Atelier, 2014, Foto: Florian von Ploetz

OKS: Wie kam es zu dem Titel „Noch ein Leben“?
Ludwig Rauch: Ursprünglich hatte ich an den englischen Titel „still alive“ gedacht: Er transportiert diese Mehrdeutigkeit, die auch Thema meiner Bilder ist, „Noch am Leben“ und  „Noch ein Leben“. Im Deutschen funktioniert das Wortspiel nicht und so hat es sich auf „Noch ein Leben“ reduziert. Auf gewisse Weise funktioniert dieser Titel auch als Überschrift meines beruflichen Weges. Ich bin seit 30 Jahren Fotograf, ich habe die DDR verlassen und im Westen von vorn angefangen und ich habe mich mit vielen Dingen beschäftigt, mit Bildjournalismus, aber auch mit Foto-Kunst und mit den äußersten Randgebieten der Fotografie, mit Licht, mit Malerei, mit Farb-Experimenten. Eine Weile habe ich zum Beispiel mit dem Maler Ulrich Kubiak gemeinsam Bilder produziert. Jetzt zeige ich einen Querschnitt meiner Arbeit, der natürlich auch ein Rückblick ist, und ich staune manchmal selbst, wie malerisch manche meiner Fotografien wirken, wie aus journalistisch intendierten Projekten künstlerische wurden, wie das eine oft ins andere übergeht.

Ihr habt als Team Kubiak & Rauch gemeinsam Bildobjekte gemacht und dabei Fotografie und Malerei verbunden. Dabei ging es nicht um Auftragsarbeiten oder Bildjournalismus, sondern um Kunst.
Ja. Wobei ich natürlich Fotograf bin und bleibe. Für mich ist die Trennlinie zur Kunst im Laufe der Jahre nicht klarer geworden. Der Kunstmarkt hat Mitte der neunziger Jahre die Fotografie als Kunst für sich entdeckt. Ob alles, was da gehandelt wurde und wird, Kunst ist, ist eine ganz andere Frage. Für mich ist es auch egal. Es gibt keinerlei Grund, sich irgendetwas einzubilden. Wenn man als Fotograf und Künstler arbeitet, dann muss man eben auch Geld verdienen. Ich bin jemand, der Zeit seines Lebens Auftragsarbeiten gemacht hat, für Magazine, Werbekunden, Museen – und sich dafür hat bezahlen lassen. Ich lebe von meiner Arbeit – und zwar in vielerlei Hinsicht: finanziell, aber auch inspirativ: Ich gehe raus, ich treffe Leute, bereise Länder, tauche in die unterschiedlichsten Lebenswelten ein. Wer weiß, ob ich so manchen Menschen kennengelernt, so manche Situation erlebt, so manches Bild entdeckt hätte, wenn mich ein Auftrag nicht in die entsprechende Situation gebracht hätte. Vielleicht wäre man viel festgefahrener. So denke ich über Bilder nach, über die ich vielleicht sowieso nachgedacht hätte. Wenn aus solchen Situationen und Möglichkeiten künstlerische Arbeiten entstehen, und das war oft der Fall, bin ich dafür einfach nur dankbar.

Die Ausstellung wird diese große Bandbreite zeigen. Wie ging der Prozess zur Auswahl vonstatten?
Ich habe der Museumsdirektorin und Kuratorin Ulrike Kremeier Vorschläge gemacht. Sie hat daraus ausgewählt und wir waren uns sehr schnell einig, aus welchen Werkgruppen wir Arbeiten ausstellen und welche wir weglassen. So zeigen wir zum Beispiel kein Bild aus der Serie „Paradise“, in der es um den internationalen Kunstmarkt geht. Insgesamt ist es trotz der großen Ausstellung natürlich nur ein Bruchteil von dem, was es gibt. Ich war echt fleißig in den letzten dreißig Jahren. Wir haben Arbeiten gewählt, die für größere Serien stellvertretend sind. Es wird in einem der großen Haupträume eine Wand geben, an der 42 Bilder nebeneinander hängen, querbeet durch alle Bereiche. Gegenüber ist einer der Leuchtkästen aus der Serie „Triaden“, die in der Ausstellung vollständig gezeigt wird. Von den zwischen 500 und 600 existierenden Portraits, meist zeitgenössischer Künstler, zeige ich nur 15 oder 20.

War es schwierig, sich für diese wenigen Portraits zu entscheiden?
Klar, es war schwierig, aber darüber darf man nicht lange nachdenken. Wenn nur 20 gezeigt werden können, kann man fast schon in die Kiste greifen und irgendeins nehmen, anstatt sich zu fragen, welches wichtiger ist. Es gibt sicher Bilder, die mir selbst wichtiger sind, weil es eine persönliche Beziehung gibt oder gab, weil ich die Person sehr geschätzt habe oder das, was sie macht, toll finde. Aber das muss ja für den Betrachter nicht so sein.

Die Portraits, die du in der Ausstellung zeigst, sind alle Personen des öffentlichen Lebens …
Fast alle. Es gibt zum Beispiel das Bild einer jungen Frau, Lena. Das musste ich einfach machen. Aber es gibt natürlich eine Reihe von Bildern, hinter denen ein Auftrag steckt. Ich habe mehrfach Martin Walser für verschiedene Zeitschriften fotografiert. Mit ihm habe ich nette Gespräche geführt, man kennt sich jetzt und da hängt man auch an so einem Bild.

Lena Freitag, Berlin 2005, Fotograf: Ludwig Rauch

Bei dem Bild von Lena ist besonders deutlich, dass du auch aus der Kunst schöpfst, es erinnert stark an niederländische Genrebilder, wie jene Jan Vermeers.
Lena kam in mein Atelier und hatte das Kopftuch auf, das nichts anderes als eine gefärbte Windel ist und das war das Bild. Kunsthistorisch wurden mit Genrebildern ja erstmals Menschen, die nicht aus dem religiösen Bereich kamen, sondern aus dem Volk, in einer Weise gemalt, wie heute allerschönste Fotografie nur funktionieren kann. Im Grunde ist das auch der Beleg dafür, dass alles von Anfang an da ist. Das Licht in einem Portrait von Annie Leibovitz ist nicht schöner als in der frühen niederländischen Malerei.

Was ist für dich ein gelungenes Bild?
Das ist ja die Kernfrage, auch in der Kunst: Was ist Kunst? Wir haben keine festen Parameter wie in der Wissenschaft, in der Mathematik, sondern es hat viel mit Empfinden zu tun und mit Bauchgefühl. Aber, um es auf eine Formel zu bringen, versuche ich es meinen Studenten unter anderem so zu erklären: Anspruch und Einlösung. Wenn mein Anspruch, den ich an ein Bild habe, eingelöst wird, dann ist es ein gutes Bild. Wenn ich glaube, die Urfragen der Menschheit in einem Bild klären zu können, dann wird es natürlich schwierig. Wenn ich aber etwa bei einem Portrait möchte, dass der Mensch gut aussieht und vielleicht noch eine Bildidee dazu habe, mir das gelingt, fotografisch umzusetzen, dann kann ein gutes Bild entstehen. Ob es dann Kunst ist, ist nochmal eine andere Frage. Kunst weist über sich selbst hinaus. Kunst erzählt das Große im Kleinen. Kunst erzählt von den Visionen, Stimmungen, Träumen und Sehnsüchten eines Moments, einer Zeit, manchmal nur eines Individuums. Aber nochmal: ob ein Bild ein gutes Bild ist, oder Kunst, das lässt sich nicht anhand einer Formel beurteilen.

Wenn der Anspruch nicht bekannt ist, wie kann man das Bild dann bewerten?
Du kannst das Bild lesen, das Bild erklärt sich aus sich selbst heraus. Gerade wenn es das tut, dann ist es ein gutes Bild. Es gibt natürlich in der Kunst schon länger das Konzeptuelle, also Bilder unter eine Idee zu stellen, was dazu führt, dass ich sie ohne eine Erklärung nicht mehr lesen kann. Das ist mir persönlich zu wenig. Ich nehme das zur Kenntnis, finde es manchmal interessant, es hat aber nicht allzuviel damit zu tun, wie ich selbst als Fotograf agiere.

Ludwig Rauch in seinem Atelier, 2014, Foto: Florian von Ploetz

Du lehrst seit 2009 an der Ostkreuzschule. Was ist dir bei der Lehre wichtig?
Das erste, was ich von den Studenten erwarte, ist Engagement und das Bewusstsein, dass sie wollen, was sie tun und vieles dem unterordnen. Es muss ihnen klar sein, dass es ein schwieriger Weg ist, sich als Fotograf zu behaupten. Dann wünsche ich mir, dass sich die Studenten etwas trauen, einmal etwas ausprobieren und sich nicht immer nur an den klassischen Sujets orientieren. Ich betreue zurzeit eine Abschlussklasse und man wird bei ihrer Abschlussausstellung Positionen sehen, die auch für die Ostkreuzschule untypisch sind. Ich bin sehr froh, dass es Studenten gibt, die diesen Weg einschlagen, was für die Schule nur ein Gewinn sein kann. Es müssen nicht alle sozialdokumentarische Fotografie betreiben.

Was kannst du aus dem Unterricht von deinen Schülern mitnehmen?
Wenn man als Fotograf arbeitet, ist man sehr viel allein. Sicher gab es Jobs, wo ich mit dem Autor unterwegs war, diese Zeiten sind aber weitestgehend vorbei. Und dann ist es toll, wenn man mit jungen Leuten zu tun hat, kommunizieren kann und sieht, wie sie denken, fühlen und wofür sie sich interessieren. Und vielleicht auch das Gefühl, ein bisschen was vermitteln zu können.

Du hast von 1981–85 Bildjournalismus und 1986–89 an der Hochschule für Grafik und Buchkunst (HfGB) bei Arno Fischer in Leipzig studiert. Wie entscheidend war dieses Studium für deine eigene Arbeit aus heutiger Sicht?
Als junger Mensch habe ich schon daran geglaubt, dass man als Fotograf durch die Welt reisen und viel erleben kann. Ich habe mein halbes Studium in der Dunkelkammer verbracht und eine Menge gelernt. Es hat sich aber sehr schnell herausgestellt, dass das System der DDR und ich nicht kompatibel waren. Ich bin kein vordergründig politischer Mensch, der in der Opposition war oder gegen den Staat agiert hat. Ich habe mich als Fotograf gesehen, meine Bilder gemacht und bin damit sehr schnell angeeckt, hatte ab 1986 Publikationsverbot für alle journalistischen Medien der DDR, was ich damals nicht verstanden habe. Im Januar 1989 bin ich nach West-Berlin übergesiedelt.

Wie sind deine Erfahrungen in der Zusammenarbeit mit Bildredakteuren?
Ich habe in den 90er Jahren für viele Magazine gearbeitet, Zeit, Stern, Tempo, Newsweek, Jobs in aller Welt gemacht. Am Anfang war ich total begeistert, habe etwa eine große Ökoreportage mit Jutta Ditfurth als Autorin gemacht und war am Aralsee. Irgendwann habe ich mich gefragt, was passiert da eigentlich wirklich. Jedes Magazin hat ein anderes Foto genommen, darunter war keins, das ich ausgewählt hätte. Und es hat mich gestört, dass manche Magazine nur auf eine bestimmte Optik eingeschossen waren. Die wussten schon, was sie wollten, bevor sie wussten, wie es wirklich ist. Die Bildredakteure sind natürlich involviert, aber nicht ausschlaggebend. Was man heutzutage manchmal erlebt, ist, dass Bildredakteure zu viel Arbeit haben und nicht auf Einreichungen antworten, das finde ich unhöflich. Von den aktuellen Bildredakteuren kenne ich einige, habe ein gutes Verhältnis zu ihnen und ahne, was für ein schwieriger Job das geworden ist, mit der Fülle von Material und mit dem Preisdruck im Nacken umzugehen.

Herr Rauch, danke für das Gespräch!

Das dkw. Kunstmuseum Dieselkraftwerk Cottbus, in Kooperation mit der Lyonel Feininger Galerie Quedlinburg, zeigt mehr als 200 fotografischen Arbeiten von Ludwig Rauch.
Eröffnung am 04. April, Ausstellungsdauer vom 05. April bis 25. Mai 2014.

Ludwig Rauch (*1960) studierte in Leipzig Fotografie, lebt und arbeitet heute freiberuflich in Berlin. Seit 2009 Dozentur an der Ostkreuzschule. Fotografierte für zahlreiche Institutionen, Firmen und Magazine. Gründete 1991 die Kunstzeitschrift „Neue Bildende Kunst“ mit Matthias Flügge und Michael Freitag. 1992–2005 gemeinsame Arbeit mit Ulrich Kubiak als Künstlerduo „Kubiak & Rauch“. Seine Arbeiten sind in zahlreichen Galerien, Museen und in verschiedenen Privatsammlungen vertreten.

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