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OKS-lab fragt …

In der Serie «OKS-lab fragt … » beantworten Dozenten, Fotografen, Macher und Absolventen der Ostkreuzschule Fragen zu ihrer Arbeit, ihrer Beziehung zur Fotografie, zur Lebensart.

Ein Gespräch mit:

Corinna von der Groeben, Fotografin

New York Edited. Cityscapes„, das kollektive Abschlussprojekt der Bildredakteure an der Ostkreuzschule Berlin und der am International Center of Photography (ICP) in New York ausgebildeten Fotojournalisten, lief als dritte Ausgabe bereits vom Stapel.  Teil davon ist auch die Portrait-Serie Shifts – Einwohner New Yorks vor und während ihrer Arbeitszeit – konzipiert und fotografiert von der deutschen Studentin Corinna von der Groeben. Wir trafen uns mit ihr auf ein Gespräch in Berlin.

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„Shifts“ von Corinna von der Groeben, in „New York Edited. Cityscapes“

OKS-lab: Du hast 6 Jahre in Karlsruhe an der Kunsthochschule Malerei studiert, wie kam es dann zum Fotojournalismus-Studium am ICP in New York City?
Corinna von der Groeben: Nach meinem Meisterschülerabschluss in Karlsruhe habe ich im Rahmen des Frida Kahlo-Stipendiums an der Kunstakademie Escuela Nacional de Pintura, Escultura y Grabado La Esmeralda, Mexico City, 2012 an einem Fotoprojekt gearbeitet. Aufgrund dieser Arbeit wurde mir eine Bewerbung am ICP in New York empfohlen. Für den Studiengang „Photojournalism and Documentary Photography“ habe ich mich dann deshalb entschieden, weil ich durch die Arbeit als Dokumentarfotografin die Möglichkeit bekomme, mich mit Menschen, Lebensentwürfen und unterschiedlichen Welten intensiv auseinanderzusetzen.

Hat das Studium am ICP an deiner Arbeitsweise und Auffassung als Fotografin eine nachhaltige Veränderung bewirkt? 
Ja. Ich habe am ICP die Möglichkeit gehabt, meinen bisherigen Schwerpunkt, die Kunstfotografie, mit der Dokumentation von Geschehnissen unserer unmittelbaren Umgebung zu verbinden. Es gab viele inhaltliche und technische Anregungen, die halfen, meinen Fokus auf die Dokumentarfotografie weiter zu verfolgen und zu perfektionieren. Mein letztes Projekt widmete ich dann einem ganz persönlichem Thema: Dem Weg meiner an Demenz erkrankten Tante. Diese Arbeit forderte mich auch persönlich und emotional auf eine ganz besondere Weise. Und durch die Verbindung von Dokumentations- und Kunstfotografie konnte ich dem sehr intimen Charakter des Themas gerecht werden, ohne die Grenzen der Diskretion zu verletzen. Diese Arbeit stieß am ICP auf großes Interesse und erhielt viel positive Resonanz von Dozenten und Kollegen. Das bestärkte mich in der Auffassung, dass alle Themen, die uns beschäftigen, auch die eher leisen und unspektakulären, Relevanz besitzen.

Dein Abschlussthema „Shifts“ war die einzige konzeptionelle Serie unter den bei uns eingereichten Arbeiten. Diese oftmals als verkopft bezeichnete Herangehensweise des Konzeptuellen liegt nicht unbedingt in der amerikanischen Fotojournalismus-Tradition. Gab es da Unverständnis?
Es war sicher eine Mischung aus vielen Aspekten, die dieses Projekt für mich schwieriger machte, als ich es zunächst erwartet hatte. Ich musste für diese Arbeit schon im Vorfeld viel recherchieren und organisieren, beispielsweise um Leute zu finden, die sich bei der Arbeit fotografieren ließen, was auch immer die Einverständniserklärung der Arbeitgeber voraus setzte, da ich ja vor Ort arbeiten wollte. Einfach auf die Straße gehen und fotografieren, um Street Photography im klassischen Sinne abzuliefern, das funktionierte hier nicht. Viele Kollegen verstanden oft nicht, warum ich keine Studioportraits aufnahm, bei soviel Vorarbeit. Aber dann hätte es für mich nicht gestimmt. Der Arbeitsplatz, der Raum, in dem sich der Arbeitende bewegt, das ist eine inhaltliche und visuelle Ergänzung, es gehört unbedingt dazu. Und es entsprach so auch meinem Verständnis von Fotojournalismus im dokumentarischen Sinn. Ich gebe aber zu, dass ich meinen konzeptuellen Ansatz nicht selten gegen die vom traditionellen amerikanischen Fotojournalismus geprägten Erwartung einer „Story“ verteidigen musste. Dass mir das dann gelungen ist, freut mich sehr.

Was hat Dich die Arbeit an der Serie „Shifts“ gelehrt?
Es war tatsächlich eine lehrreiche Entwicklung. Ich hatte die Vorstellung, dass sich die Persönlichkeiten der Menschen mit dem Tragen der Arbeitskleidung verändert; ich dachte: Genau das muss ich festhalten. Aber es war nicht so, die Menschen haben sich nicht wirklich verändert. Es ist lediglich unsere Wahrnehmungshaltung, die das sehen will. Es ist eine Erwartung, die von der Realität nicht erfüllt wird.

Hattest Du die fertigen Bilder bereits vorher im Kopf?
Ja, und das ist manchmal einfach gefährlich! Das habe ich dabei gelernt.

Eine heikle Frage: Das Studium am ICP ist sehr kostspielig. Wie hast Du es finanziert? 
Es gibt die Möglichkeit, sich in Deutschland um ein Stipendium zu bewerben. Von meiner Vorgängerin weiß ich, dass der DAAD die Kosten übernommen hat. Man kann sich aber auch direkt am ICP nach einer Bewährungsprobe von vier Monaten um ein Stipendium bewerben. Diesen Weg habe ich gewählt und ich hatte Glück: Ich habe das Stipendium bekommen.

War es einfach, eine Bleibe zu finden?
Ich hatte das große Glück, dass ich fast die ganze Zeit über bei Freunden wohnen durfte. Dadurch hatte ich auch einen wunderbaren Rückzugsort, um mich von der sehr anstrengenden Arbeit im Fotolabor zu erholen.

Wie war die Ausstattung am ICP?
Sehr gut. Der fast permanente Zugang zu den modernen Arbeitsplätzen, die umfangreiche Bibliothek und unterschiedliche Seminarangebote ermöglichen ein Arbeiten auf sehr hohem Niveau.

Du hast vorhin kurz den „Careers-Day“ erwähnt. Was genau passiert da?
Die Studenten erhalten per Auslosung Bewerbungsgesprächspartner wie beispielsweise Bildredakteure, Galeristen oder Agenturvertreter. In einem bestimmten Zeitrahmen präsentieren die Studenten dabei ihre Arbeiten und stehen Rede und Antwort.

Abschließend: Möchtest Du das Studium am ICP weiter empfehlen?
Ja, unbedingt! Es war eine produktive Zeit, in der jeder seine Grenzen ausloten kann. Nicht zuletzt sind der internationale Austausch – am ICP lernen Fotografiestudenten aus aller Welt – und die geknüpften Kontakte sonst nicht so einfach zu bekommen. Das Handwerk der Fotografie und eine eigene Herangehensweise konnte ich mir innerhalb eines absolut professionellen Rahmens erarbeiten, immer unterstützt von fachlich sehr guten und erfahrenen Dozenten.

Corinna, danke für das Gespräch!

 

Corinna von der Groeben (*1986) studierte zwischen 2005 und 2010 an der Staatlichen Akademie der Bildenden Künste Karlsruhe und war Meisterschülerin von Prof. Franz Ackermann. Am ICP New York ließ sie sich zur Dokumentarfotografin und Fotojournalistin ausbilden. Sie hat bereits an mehreren Gruppen- und Einzelausstellungen in Deutschland und in der Schweiz teilgenommen.

Hier geht’s zu ihrer Website.

Bildnachweis Portraitfoto: Carolina Magis Weinberg