Ein schönes Bild – Teil 1

„Wer professionell mit Bildern zu tun hat, sollte in der Lage sein, detailliert und dezidiert zu beschreiben, warum ein Bild gut ist. Ein Bild als schön zu charakterisieren, ist nur ganz am Anfang des Kurses erlaubt, denn eine der ersten Fragen, die in der Klasse Bildredaktion behandelt wird ist: Was macht ein gutes Bild und eine spannende, überzeugende Geschichte aus? Die Klasse lernt anhand eines Kriterienkatalogs Fotos zu analysieren und eine Terminologie zu benutzen, in der das Wort ‚schön‘ nicht vorkommt. Jede*r Bildredakteur*in sollte ein Bild auswählen, das sie/er in dem vergangen Jahr ‚entdeckt‘ hat und begründen, warum ihr/ihm dieses Foto im Gedächtnis geblieben ist und es sie/ihn nachhaltig beeindruckt hat. Hier ihre gedankenvolle Auswahl der Bilder und ihre aufschlussreichen Texte.“

Nadja Masri, Leiterin der Klasse Bildredaktion

Foto: Snezhana von Büdingen, aus der Serie Meeting Sofie. Ausgewählt von Carolin Klemm

Sofie.

Für mich sieht sie auf den ersten Blick fast aus wie ein Mädchen. Möglicherweise liegt das an meinem bisher oberflächlichen Bild von Menschen mit Downsyndrom. Ich kannte, soweit ich mich erinnere, nur Fotos von Kindern und Jugendlichen, die durch augenscheinliche Anzeichen dieser Anomalie erkennbar waren. So entstand in mir ein gleichförmiges Bild von kindlichen, hilfsbedürftigen, unselbstständigen Menschen, ohne dass ich mir darüber je wirklich bewusst war. Die Serie Meeting Sofie hat mir vor Augen geführt, wie kurz gedacht meine Vorstellung war.

Sofie ist eine junge Frau, selbstbewusst steht sie eine Zigarette rauchend vor dem Tor ihres Zuhauses, blickt mit wehendem Haar in die Zukunft, ihre Wangen durch die Kälte rosig wie ihr Nagellack. Es umgibt sie ein Gefühl von Aufbruch und gestrandet sein. Gestrandet in einem kleinen Dorf im Harz, Eilenstedt.

Die Umgebung scheint kahl und trist, vormals herrschaftlich, nun vernachlässigt. Fast zeitlos wirkt Sofie in ihrem Strickpullover und dem offenen Pelzmantel, den sie scheinbar gerade übergeworfen hat. Nur die Cordhose im wieder angesagten Paisley-Muster gibt mir einen zeitlichen Verweis. Mit zusammengekniffenen Augen schaut sie mich an, herausfordernd und vertraut zugleich. Ich spüre eine Nähe, als würde ich ihr gegenüberstehen.

Snezhana von Büdingen gelingt es mit ihrer berührenden Serie Meeting Sofie eine besondere und poetische Intimität zu schaffen. Die Kamera, die zwischen Sofie in ihrer Lebenswelt und der Fotografin präsent gewesen sein muss, ist nahezu vergessen. So wird es mir ermöglicht, verschiedene Momente aus Sofies Leben mitzuerleben. Dabei fühle ich mich nicht als Voyeur, denn durch die Offenheit und Authentizität, die sie ausstrahlt, fühle ich mich willkommen.

Foto: Sebastien Leban aus der Serie Tangier, the lost island. Ausgewählt von Inka Recke

Der Klimawandel und seine Folgen gehören zu den dringlichsten gesellschaftlichen Herausforderungen, vor der die Menschheit heute steht. Obwohl es am Ende jeden von uns treffen wird, scheinen sich viele Menschen die Konsequenzen nur ungern vor Augen zu führen.

Der Fotograf Sebastien Leban hat das Bild auf der Insel Tangier aufgenommen und es zeigt zunächst eine scheinbar banale Szenerie. Man erkennt eine Landschaft, es ist sehr grün, zwei junge Mädchen liegen mit einem Schwimmreifen im Wasser. Erst auf den zweiten Blick wird deutlich, dass sich die beiden nicht etwa in einem Pool oder am Strand befinden, sondern am Rande einer überfluteten Landstraße. Die Absurdität der Situation scheint die beiden nicht zu kümmern, während der Betrachter irritiert ist und erst nach und nach die verschiedenen Ebenen des Bildes erfasst. Offensichtlich ist die Überflutung der Landschaft nichts merkwürdiges für die Mädchen, obwohl sich das Wasser in menschlichen Lebensraum ausbreitet. In mir löst das Bild Emotionen aus: Was ist passiert? Was wird noch passieren? Und kann es auch mir passieren? Was bedeuten die Veränderungen für unser aller Leben und was bedeutet es eigentlich, wenn wir so tun, als ginge uns das im Einzelnen nichts an?!

Zunächst ist es ein gut komponiertes Foto, das eine unschuldige Spielsituation abbildet  – doch dann wird klar, dass etwas nicht stimmt. Die Aufnahme bekommt etwas irritierendes, beinahe dystopisches und macht trotzdem neugierig darauf, welches Thema hier visualisiert wird.

Auf der US-amerikanischen Insel Tangier sind die Folgen des Klimawandels bereits extrem stark spürbar: Jahr für Jahr verliert die Insel Land an den Ozean und trotzdem weigert sich der Großteil der Bewohner*innen, den Klimawandel als Phänomen anzuerkennen. Der Fotograf Sebastien Leban hat die Insel und seine Bewohner auf respektvolle und vorurteilsfreie Art und Weise portraitiert.

Foto: Adam Ferguson, aus der Serie Portraits of Dignity.
Ausgewählt von Gillian Henn

Eine junge Frau im Profil, ihre Konturen leuchten im warmen, weichen Licht. Ihr Blick ist melancholisch, fast abwesend, gleichzeitig ausdrucksstark. Es ist ein dunkelhäutiges Mädchen. Sie trägt eine helle, ordentliche Bluse, wie Teil einer Schuluniform. Ihr Haar wird verdeckt von einem Tuch aus royalblauen Stoff, besetzt mit goldenen Details, die das Licht reflektieren. Sie trägt kleine, goldene Ohrringe. Im Hintergrund ein gedecktes, tiefes, dunkles Nachtblau. Ich sehe ein starkes, respektvolles und intimes Porträt. Die volle Kraft und Botschaft dieses Bildes erschließt sich jedoch erst im Kontext:

Die junge Frau heißt Rahab Ibrahim. Rahab ist eine von 276 Schülerinnen aus Chibok, einem Dorf in Nordnigeria, die 2014 von der Terrorgruppe Boko Haram entführt wurde. Dieser Vorfall erregte medial viel Aufmerksamkeit. Die Namensliste der entführten Mädchen und ein Video, in dem sie in dunkle Roben gehüllt, angsterfüllt, eng an eng zusammenstehen und so zu einer Masse verschmelzen, gingen um die Welt.

Jahrelang blieben die Teenager vermisst, aus Mädchen wurden Frauen, in der Gewalt von Extremisten, die dafür bekannt sind, ihre Gefangenen zu schlagen, zu vergewaltigen und zu versklaven. 2017 wurden viele der Mädchen überraschend freigelassen. Heute leben sie abgeschirmt auf einem Universitätscampus und versuchen, ihre Vergangenheit zu bewältigen.

Nach mehreren Jahren der Berichterstattung über Boko Haram bekamen der Fotojournalist Adam Ferguson und die New York Times die Erlaubnis, die jungen Frauen zu besuchen. Es entstanden 83 Porträts.

Den Namen auf der Liste, und der Gruppe aus dem Video Gesichter zu geben, die Mädchen durch eine Reihe von Porträts in würdiger Weise als die jungen Frauen darzustellen, zu denen sie geworden waren, lässt aus Opfern Persönlichkeiten werden. Jede für sich. 

Rahab Ibrahim im Halbprofil mit Ohrring erinnert an Vermeers Das Mädchen mit dem Perlenohrgehänge. Doch Ferguson, der sich intensiv mit der nigerianischen Kunst und Kultur befasst hat, zitiert ein ganz anderes Gemälde: das der Prinzessin Ghanas, Adetutu Ademiluyi, Tutu genannt, das als Ikone des Friedens Nigerias gilt.

Das Bild von Adam Ferguson beschäftigt mich, und bringt mich subtil dazu, mich mit der Geschichte und den Problematiken der Mädchen und der Region auseinanderzusetzen. Je mehr Hintergrundwissen ich erlange, umso bedeutender wird das Porträt. Formal ist es so leise und reduziert, gebrochen in seiner Schönheit durch die Melancholie des Mädchens, dass ich mich daran nicht sattsehe. Manchmal verliere ich mich auch in dem malerischen Bild dieser jungen Frau und schweife ab, sodass der Kontext doch für einen Moment verblasst…

Foto: Diana Cheren Nygren, aus der Serie When The Trees Are Gone. Ausgewählt von Pia Telebuh

Inmitten großstädtischer Umgebung ist eine Familie in Badekleidung zu erkennen – allein in einem Pool auf einem Dach. Doch wo sind die anderen Badenden? Warum schwimmen und planschen sie nicht? Sie scheinen nach etwas Ausschau zu halten. Doch wonach suchen sie? Mitten in der Stadt auf dem überfluteten Dach eines Hauses? Erst nach genauerem Hinsehen fällt den Betrachtenden auf, dass die zunächst friedlich und so natürlich wirkende Atmosphäre des Bildes, sowie der gesamte Bildaufbau, wenig realistisch ist.

Die amerikanische Fotografin Diana Cheren Nygren kreiert in ihrer Serie When The Trees Are Gone eine Reihe solcher Bilder, welche Strandbesucher in einer urbanen Szenografie zeigen – mal vollkommen selbstverständlich im Wasser auf dem Dach sonnenbadend, mal etwas verwirrt durch die Gegend streichend.

Die Menschen auf dem ausgewählten Bild wirken wie auf der Suche nach einem anderen Ort oder einem Ausweg – einem bewohnbaren, nicht überfluteten Flecken auf der Welt. Die eigentliche Absurdität und schließlich augenscheinliche Inszenierung des Bildes, welche den Betrachtenden nicht nur unsere vom Klimawandel geprägte Welt auf dystopisch anmutende Art vor Augen hält, sondern auch das Aufeinandertreffen von Natur und gebauter Umwelt thematisiert, lässt mich verblüfft und nachdenklich zurück, was dieses Bild für mich besonders spannend macht.

Foto: Corinna Kern, aus der Serie George’s Bath. Ausgewählt von Kerstin Raasch

Unebene Fliesen, eine schmutzige Badewanne, Geschirr, Kleidung und eine Plastiktüte liegen zusammen darin. Zugleich handelt es sich um eine ungewöhnliche Perspektive.

Mehrmals schaue ich auf das Foto. Wer wäscht zusammen Geschirr und Kleidung? Und das auch noch in der Badewanne? Meine Neugier wächst.

George’s Bath ist eine Serie von Corinna Kern, die stets aus derselben Perspektive die Badewanne von George zeigt. Mal ist sie mit Geschirr gefüllt, mal mit Kleidung, mal sitzt George kaffeetrinkend oder lesend in ihr, mal sieht man ihn, wie er schlichtweg badet.

Warum fotografiert sie ausschließlich die Badewanne? George ist ein Messie. Die Strecke und das stellvertretend ausgewählte Foto zeigt einen der wenigen frei zugänglichen Plätze in seinem Haus.

Corinna Kern schafft es, das umzusetzen, was ein gutes Bild ausmacht: Zuerst weckt sie Neugierde. Sie fotografiert aus einer interessanten Perspektive und erzählt Georges Geschichte, besonnen, mit großer Würde, in einer ruhigen Art und Weise, die wie ein Stillleben anmutet, ohne dabei Stereotypen zu bemühen. Fotos von vollgestellten Zimmern bleiben dem Betrachter erspart.

Stattdessen zeigt die Fotografin George dort, wo er handlungsfähig ist, auch wenn dieser Raum eher klein ist.  Eine sehr gelungene Erzählweise, die auf neue Art ein alt bekanntes Phänomen zeigt.

Foto: Espen Eichhöfer, aus der Serie Papa, Gerd und der Nordmann.
Ausgewählt von Anja Dinges

Dies Bild ist von Espen Eichhöfer und aus der Serie Papa, Gerd und der Nordmann. Auf dem Bild sehen wir einen alten Mann in der Natur Norwegens, sein Hemd ist zerrissen, er wirkt etwas verwahrlost und fast ein wenig verlassen. Er läuft, vielmehr er steigt, gebeugt, abseits der Wege durch die Wildnis. Wir sehen ihn von hinten, dadurch kann man kaum etwas von seinem Gesicht erkennen. So entsteht ein Gefühl der Distanz, der alte Mann bleibt dem Betrachter fremd und lässt Raum für eigene Bilder und Geschichten. Wer ist der Mann, wo geht er hin, warum ist sein Hemd zerrissen? Mein Blick wandert im Bild über den alten Mann in die Ferne, über den Wald in die Berge.

Ich bin beim Gang durch die Ausstellung Kontinente an diesem Bild hängen geblieben. Es erinnert mich an meinen eigenen Vater und berührte sofort mein Seele. Mein Vater sieht so ähnlich aus, wenn er mit seinen abgewetzten Klamotten durch die Wälder in den Bergen streift.

Das Bild wirkt auf mich, als wäre der alte Mann mit der Natur verbunden, er braucht keine festen Wege, weil er sich hier auskennt. Er hat sich in die Landschaft zurückgezogen, er hat sich hier quasi vor der Welt versteckt, er lebt in ihr. Hier in der Wildnis interessiert es keinen, ob die Kleidung sauber und ohne Löcher ist und niemand fragt nach dem woher und wohin.

Die Natur hat immer etwas ursprüngliches, wildes aber auch unheimliches, weil wir sie nicht ganz verstehen, sie weckt Sehnsüchte in uns nach Ruhe und Unendlichkeit. Wir sind ständig auf der Suche nach unserem Ursprung und wo kommen wir der Suche näher, als in der Stille der Natur. Sie lässt uns ganz klein werden in dieser hektischen Welt, aber hier können wir uns wieder ganz auf uns selbst besinnen. Auf unsere Sehnsucht nach Heimat, nach einem Ort der Zuflucht und auf unsere eigene Familie.

In der Serie Papa, Gerd und der Nordmann geht es um die Frage nach der Heimat. Für mich trifft dieses Bild diese Frage.