OKS-lab fragt… Osttirol meets Ostkreuz

Osttirol in Österreich ist ländlich geprägt und touristisch bisher wenig überlaufen, es gilt selbst unter Alpenkennern noch als „Geheimtipp“. Es ist eine Region, in der noch viele Geschichten darauf warten, erzählt zu werden. Die Bildredakteurinnen Nadja Köffler und Ann-Kristin Ziegler, Absolventinnen der Klasse Bildredaktion 2019/2020, haben zusammen mit der Redaktion des Osttiroler Magazins dolomitenstadt.at ein Artist-in-Residence-Programm ins Leben gerufen. Sieben Absolvent*innen und Fotostudent*innen der Ostkreuzschule für Fotografie (OKS) haben im August 2020 eine Woche in der Osttiroler Bezirkshauptstadt Lienz verbracht und ganz unterschiedliche fotografische Projekte umgesetzt. Die Bildredakteurinnen Inka Recke und Julia Brigasky haben mit Nadja Köffler und Ann-Kristin Ziegler gesprochen, um mehr über dieses außergewöhnliche Projekt zu erfahren.

Ann-Kristin Ziegler & Nadja Köffler

OKS-lab: Wie ist Eure Verbindung zu Osttirol und wie kam es zu der Idee, eine einwöchige Artist-in-Residency in Osttirol ins Leben zu rufen?

Nadja Köffler (NK): Ich bin gebürtige Lienzerin und in Osttirol groß geworden. Der Chefredakteur eines dort ansässigen Medienunternehmens, Gerhard Pirkner, ist über einen Zeitungsbeitrag zu einem Buch von mir auf mich aufmerksam geworden und hat mich angeschrieben. Er war an der Umsetzung eines gemeinsamen künstlerischen Projekts für sein regionales Onlinemagazin dolomitenstadt.at interessiert und fand meinen Ostkreuzschul-Hintergrund spannend. Ann-Kristin und ich waren zu diesem Zeitpunkt noch Studentinnen in Nadja Masris Bildredaktionsklasse. Ich habe meine Idee einer möglichen Kooperation mit Nadja und Ann-Kristin besprochen und dann, zusammen mit Gerhard Pirkner, das Vorhaben einer Artist-in-Residency entwickelt. Anfangs hatten wir überlegt, Fotograf*innen nach Osttirol einzuladen, um sie für dolomitenstadt.at Auftragsarbeiten machen zu lassen. In der Planungsphase und während zahlreicher Treffen in der Redaktion hat sich schnell herausgestellt, dass wir den Fotograf*innen mehr Raum zur freien und kreativen Entfaltung geben wollen. Aufgrund der Corona-Pandemie mussten wir das Projekt mehrmals verschieben und neu konzipieren. Zum Glück konnten wir es aber realisieren.

Worum sollte es bei dem Projekt „Osttirol meets Ostkreuz“ gehen?

NK: In unserer Ausschreibung zum Programm haben wir interessierte Fotograf*innen aufgefordert, sich mit der alpinen Region Osttirol auseinanderzusetzen und ein Konzept zu erarbeiten, das Osttirol sowie das Leben und die Menschen dort aus einem anderen Blickwinkel betrachtet. Basierend auf der Qualität der eingereichten Konzepte und der Ausdruckskraft der visuellen Handschrift der Fotograf*innen haben wir eine Auswahl von sieben Projekten getroffen. Wir haben dabei natürlich auf eine heterogene Zusammensetzung der Gruppe geachtet. Wir wollten auch sicherstellen, dass die Redaktion und wir die Ressourcen haben, die Teilnehmenden bestmöglich betreuen und bei der Umsetzung ihrer Projekte unterstützen zu können.

Ann-Kristin Ziegler (AKZ): Wir wollten vor allem einen neuen, frischen Blick auf Osttirol werfen, einen Blick von Außen auf interessante Aspekte der Region – fernab von touristischen Klischees und Vorurteilen.

Foto: Michele Caliari, aus der Serie Poeninus – Osttirol

Wie habt ihr die Betreuung vor Ort organisiert?

AKZ: Vor Ort haben wir gemeinsam mit Mitarbeiter*innen der dolomitenstadt.at-Redaktion die Fotograf*innen betreut. Nadja und mir waren zwei Fotograf*innen zugeteilt, die wir im Laufe der Woche intensiv begleitet und unterstützt haben: Wir haben ihnen bei unterschiedlichen Problemen Beistand geleistet, haben aber auch Locations recherchiert und sie zu den verschiedenen Locations gefahren.

NK: Wir waren auch Ansprechpartnerinnen, wenn es zu Verständigungsschwierigkeiten zwischen den Fotograf*innen und den Osttiroler*innen kam. Ein Fotograf hat an der Grenze zwischen Italien und Österreich fotografiert. Mit ihm sind wir die Berge hoch gewandert und haben ihm auch manchmal assistiert. Andere Fotograf*innen sind auf eigene Faust losgezogen – das hing von den Themen ab, je nachdem wie viel Vorbereitung für die Shootings notwendig war.

Wie habt ihr euch gegenseitig bei diesem Projekt unterstützt?

AKZ: Wir standen im ständigen Austausch. Es war ja unser erstes gemeinsames großes Projekt und auch das erste Mal, dass wir gemeinsam eine größere Kooperation mit einem Medienunternehmen eingegangen sind. Das war eine enorme Verantwortung, denn die sieben teilnehmenden Fotograf*innen hatten ebenfalls Erwartungen, denen wir natürlich gerecht werden wollten. Wichtig war uns dabei, in direkten Dialog mit den Fotograf*innen zu treten und herauszufinden, mit welchen Erwartungshaltungen sie nach Osttirol gekommen waren. Wir haben außerdem 1:1-Feedbackgespräche mit jede*r Fotograf*in geführt, einmal zur Halbzeit des Aufenthalts und einmal am Schluss, in denen wir das Material gesichtet und besprochen haben. Wenn der*die Fotograf*in zum ersten Mal ihre Bilder gezeigt hat, war das immer ein sehr besonderer Moment für beide „Parteien“: Welche Geschichten sehen wir in den Strecken oder welche vielleicht nicht? Uns ist aufgefallen, dass die Fotograf*innen oft ganz intuitiv fotografiert haben und gar nicht bewusst das eine Motiv suchen. Im Gespräch haben wir dann versucht, diese unbewusste Motivation gemeinsam mit ihnen zu definieren, damit sie in den nächsten Tagen weiter in diese Richtung arbeiten konnten. Das war sicherlich die größte und spannendste Aufgabe des gesamten Projekts.

NK: Durch die enge Begleitung der Fotograf*innen führten wir auch außerhalb der Feedback-Abende etliche inhaltliche Gespräche, in denen wir gemeinsam mit ihnen ihre Gedanken weitergesponnen, Konzepte weiterentwickelt, aber durchaus mal kritisch nachgefragt und ihre Zugangsweisen hinterfragt haben. Dadurch war die ganze Woche sehr intensiv – und eben auch so spannend! Wann hat man schon mal die Gelegenheit, eine Woche mit so vielen gleichgesinnten Leuten gemeinschaftlich an einem Projekt dieser Größe zu arbeiten? Das ist wirklich ein Luxus und ein großes Privileg. Wir fühlten uns als Teil eines großen Ganzen – über den reinen Orga-Aufwand hinaus.

Foto links: Massimiliano Corteselli, aus der Serie Im Dazwischen. Foto rechts: Maidje Meergans aus der Serie Girlhood.

Es ist ja recht selten, dass man als Bildredakteur*in so direkt in den Prozess involviert ist. Oft sieht man Arbeiten, die schon fertig sind. Hat dieser Einblick Eure Arbeit als Bildredakteurinnen beeinflusst?

NK: Dieses Projekt hat uns sehr geholfen, bestimmte Entscheidungen oder auch Zweifel der Fotograf*innen besser nachvollziehen zu können, mit denen sie sich im Arbeitsalltag konfrontiert sehen. Das Verständnis für das fotografische Arbeiten und die unterschiedlichen Herangehensweisen – das bei uns als Bildredakteurinnen ja eigentlich gegeben sein sollte – hat sich auf jeden Fall noch einmal verändert. Mir ist klarer geworden, dass ich mich als Bildredakteurin in einem „Dazwischen“ bewege – in einem Zwischenraum, in dem ich als Bindeglied zwischen den Fotograf*innen, den Bildern und dem Publikum fungiere. Es geht darum, die fotografische Idee so zu vermitteln, dass sie von der Leser*innenschaft beziehungsweise den Rezipient*innen verstanden wird. Das Gefühl und die Message, die die Fotograf*innen über ihre Bilder kommunizieren wollen, kommen ja leider nicht immer beim Gegenüber an. Dieser Aspekt war ein Teil der Gespräche. Da war natürlich viel Feingefühl notwendig. Ich glaube, insbesondere bei einem Artist-in-Residency-Programm, bei dem es um die Umsetzung eigener Ideen und Gedanken geht, kann Kritik viel verletzender oder irritierender wirken als bei Auftragsarbeiten, mit denen man sich nicht immer unbedingt identifiziert. Daher war es uns wichtig, in der Kommunikation mit den Fotograf*innen immer auch Wertschätzung für ihre Arbeiten auszudrücken und ihnen mit Respekt zu begegnen.

Habt ihr gemeinsam editiert und die Ergebnisse besprochen?

AKZ: Ja, es war spannend und sehr sinnvoll, sich dazu auszutauschen. Manche Fotograf*innen hatten im Vorhinein bestimmte Motive im Kopf, die sie auch umgesetzt haben. Als wir uns gemeinsam den Edit angesehen haben, wurde deutlich, dass diese Motive im Zusammenhang mit dem Konzept doch nicht so gut funktionieren. Dann haben sich die Fotograf*innen gemeinsam mit uns eine neue Ausrichtung überlegt. Wir haben die Fotograf*innen dabei unterstützt, eine Idee loszulassen und etwas Neues auszuprobieren, den Mut zu haben, die Richtung zu ändern, auch wenn die Zeit knapp und begrenzt auf eine Woche war. Diesen Prozess zu begleiten war sehr lehrreich und eine besondere Erfahrung für uns. Und genau für solche Erfahrungen war das Artist-in-Residency-Programm da, ein Projekt umzusetzen, sich dabei auszuprobieren mit Unterstützung, ohne Druck eine*r Auftraggeber*in.

Foto: Lena Maria Loose, aus der Serie Die blaue Leiter
Foto: Eva-Maria Tornette, aus der Serie The most important room

Welche Genres habt ihr für das Artist-in-Residency-Programm ausgewählt, um eine möglichst große Vielfalt abbilden zu können?

NK: Das fotografische Spektrum ist sehr breit angelegt und was die Bildsprache betrifft, ist so gut wie alles dabei. Es reicht von Landschaftsfotografie über Portraits bis zu Modeaufnahmen. Eine der Fotografinnen hat beispielsweise ein kafkaeskes Buch eines Osttiroler Literaten fotografisch interpretiert. Ein anderer ist mit der Großformatkamera in die Berge gegangen und hat Aufnahmen von Gipfeln der „Osttiroler Dreitausender“ gemacht. Es gibt eine dokumentarische Arbeit zum Leben an der Isel, einem der längsten frei fließenden Gletscherflüsse Österreichs. In einer weiteren Arbeit wurden drei junge Mädchen aus der Region eine Woche lang begleitet, um zu porträtieren was sie bewegt und wie das Leben der Jugendlichen in dieser Region aussehen kann.

Ihr kennt euch aus der Bildredaktionsklasse an der OKS. Gab es die Idee, weitere Bildredakteur*innen zu involvieren?

NK: Anfangs hatten wir die Idee, das ganze Artist-in-Residency-Programm größer anzulegen, also zum Beispiel weitere Bildredakteur*innen einzuladen, um den Fotograf*innen je eine*n Bildredakteur*in an die Seite zu stellen. Oder das Projekt viel größer zu denken und Personen aus verschiedenen Disziplinen einzuladen wie Grafikdesigner*innen, Illustrator*innen, Kurator*innen und Journalist*innen, die alle noch nicht etabliert sind und sich an einem gemeinsamen Projekt weiterentwickeln, sich gegenseitig unterstützen und inspirieren wollen. Das wäre für dieses Mal allerdings leider zu utopisch gewesen, aber das kann ja noch kommen.

Foto: Max Korndörfer, aus der Serie Lass den Fluss es forttragen

Könnt ihr uns erzählen, wie aus euch ein Team geworden ist? Was schätzt ihr aneinander und an der Arbeit miteinander?

NK: Wir haben uns schon während der Ausbildungszeit super verstanden und gut ergänzt. Wir sind nicht immer einer Meinung, aber genau das macht es spannend. Wir begegnen uns immer auf Augenhöhe. In den Feedbackgesprächen haben wir gemerkt, dass wir auch hier ein gutes Team sind: Jede bringt nochmal einen weiteren Aspekt ein, den die andere noch nicht genannt hat und so entsteht so ein inspirierender Ping-Pong-Effekt. Ich schätze Ann-Kristins intuitive Art an Dinge heranzugehen, während ich manchmal eher verkopft bin. Gerade beim Editieren von Bildstrecken baue ich nun mittlerweile auch vermehrt auf meine Intuition; Bilder funktionieren ja stark über Gefühle. Gleichzeitig hat die Arbeit an unserem Projekt gezeigt, wie sehr wir uns aufeinander verlassen können, gerade wenn es mal brenzlig wird. Dann jemanden zu haben, der hinter dir steht, ist viel wert.

AKZ: Ich könnte im Prinzip alles wiederholen, was Nadja bereits gesagt hat. Wir haben uns von Anfang an ausgetauscht und sind sehr offen miteinander umgegangen, auch was unsere Schwächen oder Unsicherheiten betrifft. Jetzt können wir uns in solchen Momenten gegenseitig stützen. Nadja ist sehr strukturiert, gerade was die Kommunikation und Projektplanung betrifft, das war für die Umsetzung des Projektes essentiell. Sie gibt mir einen Rahmen, in dem ich mich sicher bewegen kann. So können wir Ideen gemeinsam weiterdenken, was von Anfang an gut funktioniert hat. Ein weiterer sehr wichtiger Punkt ist unsere transparente Kommunikation, damit wir beide immer den gleichen Informationsstand haben. Und wir haben großes Vertrauen in die andere Teampartnerin: Gerade wenn man einen ähnlichen oder gleichen Berufsweg einschlägt, kann es sein, dass man sich als Konkurrentinnen sieht. Wir sind gegen diese Ellenbogen-Mentalität und versuchen einander zu unterstützen, zum Beispiel bei einem neuen Projekt die Kolleg*innen um sich herum mit ins Boot zu holen, damit diese ihre Kompetenzen und Stärken einbringen können. Keine*r kann alles alleine. Jede*r hat Schwächen oder Unsicherheiten und in einem breit aufgestellten Team kann man diese ausgleichen. Nur so können großartige Ergebnisse entstehen.

Wird es in 2021 eine Wiederauflage des Artist-in-Residency-Programms geben?

AKZ: Das wissen wir leider noch nicht. Wir beide würden wahnsinnig gerne ein ähnliches Projekt umsetzen und am liebsten noch weitere Personen einbeziehen. Leider kann man zur Zeit nichts so richtig planen, aber wir behalten es im Kopf. Wenn es nicht in 2021 passiert, dann bestimmt in einem anderen Jahr. Da bin ich zuversichtlich.

NK: Noch läuft das Projekt ja – es soll eine Ausstellung und auch ein Buch geben – aber wir haben natürlich schon Pläne für die Zukunft geschmiedet. Wir überlegen, das Konzept an sich weiterzuentwickeln und vielleicht in einer anderen Stadt mit einer anderen Redaktion und natürlich anderen Teilnehmer*innen umzusetzen. Ideal wäre natürlich, das Netzwerk der Ostkreuzschule weiterhin dafür nutzen zu können und diese Kooperation auszubauen. Unser Ziel wäre es, dass jede*r davon profitiert, egal auf welcher Seite, egal in welcher Rolle: Studierende der Fotografie und der Bildredaktion können sich ausprobieren und lernen; und die lokalen Redaktionen bekommen tolles Material und spannende Geschichten. Aber zuerst muss das noch laufende Projekt abgeschlossen werden, bevor wir wieder unsere Fühler ausstrecken. Diese Projekte sind “Herzblutprojekte”, voller Leidenschaft für die Fotografie. Und die braucht es auch in Zukunft dringend!

Foto: Émilie Delugeau, aus der Serie Drei Frauen mit dem Rücken zu uns gewandt betrachten die Erde. Dieses Bild entstand nach einer Zusammenarbeit mit dem Osttiroler Modedesigner Bernd Mühlmann.

Liebe Ann-Kristin, liebe Nadja, herzlichen Dank für dieses sehr interessante und inspirierende Gespräch! Wir wünschen Euch weiterhin viel Erfolg.

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Nadja Köffler ist freie (Bild-)Redakteurin und Hochschulprofessorin für Kulturelle Bildung. Sie forscht, lehrt und schreibt zu Fragestellungen im Bereich Fotografie und Geschlecht, diversitätssensible Bebilderung und Weltraumfotografie und Weltbilder. Freiberuflich arbeitet sie kuratorisch, vermittelnd wie journalistisch für diverse Medienunternehmen, Vereine und Kultureinrichtungen wie zuletzt für das WestLicht, ipsum und den Deutschen Jugendfotopreis.

Foto: Isabelle Bacher

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Ann-Kristin Ziegler arbeitet als freie Bildredakteurin für Publikationen wie der Freitag und Die Epilog. Außerdem betreut und realisiert sie Fotobuch-Projekte in Zusammenarbeit mit Fotograf*innen. Seit 2019 ist sie Teil von Fototreff Berlin und kuratiert dort im Team eine Veranstaltungsreihe, die sich mit künstlerischer und dokumentarischer Fotografie auseinandersetzt.

Foto: Marzena Skubatz