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OKS-lab fragt …

In der Serie «OKS-lab fragt …» beantworten Dozenten, Fotografen und Macher der Ostkreuzschule Fragen zu ihrer Arbeit, ihrer Beziehung zur Fotografie, zur Lebensart.

Im Gespräch:

Der zweite Teil des Interviews mit Kevin Mertens, Philipp Plum und Thomas Lobenwein – Gründer der Onlineplattform emerge, Onlinemagazin für jungen Fotojournalismus

Emerge: Thomas Lobenwein, Philipp Plum, Kevin Mertens (v.l.)

Emerge: Thomas Lobenwein, Philipp Plum, Kevin Mertens (v.l.)
Foto: Nadine Bunge

Zurück zu euren Anfängen – ihr habt emerge während eures Studiums gegründet.
T.: Ja, emerge war von Anfang an ein kleines, idealistisches Langzeitprojekt. Wir sind immer ganz kleine Schritte gegangen, haben geguckt, was passiert und darauf aufgebaut. Es hat alles besser funktioniert als wir gedacht hatten und so waren wir kein dreiviertel Jahr später für den Grimme Online Award 2011 nominiert. Und wer weiß, wie es sich entwickelt, wie wir uns entwickeln.

Wie viel Zeit und Geld investiert ihr in emerge?
K: Das kann man nicht pauschal sagen. Wir rechnen unseren Zeit- und Arbeitsaufwand nicht auf. Es gibt zwischendurch Phasen, in denen man richtig Gas gibt. Ansonsten arbeiten wir alle zwei Wochen an den Veröffentlichungen, machen ein Edit und verdichten die Serie. Manchmal bewerben wir emerge mit einem kleinen Stand auf Festivals.

T: Unser Buch emerge 011, das wir mit ausgewählten Strecken herausgebracht haben, war zum Beispiel sehr zeitaufwendig. Der Relaunch letztes Jahr ebenso. Finanziell versuchen wir mit einem monatlichen Beitrag, den jeder von uns aufs Konto einzahlt, über die Runden zu kommen. Externe Programmierarbeiten und aufwendige Printerzeugnisse erfordern dann allerdings auch außerordentliche Finanzierungen, die wir von Fall zu Fall angehen, d.h. Unterstützer suchen.

Mit welchen Schwierigkeiten seid ihr hin und wieder konfrontiert?
P: Wir werden manchmal mit einer Agentur verwechselt. Die Leute können oft nicht glauben, dass wir emerge als Herzensprojekt neben unserem Beruf machen, dadurch entstehen dann manchmal falsche Erwartungen.
K: Genau, viele denken, dass da ein festes Team in Vollzeit dahinter steckt. Sie sehen die professionelle Website, unser Buch emerge 011, und vermuten hinter all dem eine Agentur oder eine Redaktion. Das ist natürlich auch ein positiver Nebeneffekt unseres Anspruchs – uns ist es wichtig, emerge ohne Werbung zu betreiben, die Strecken professionell zu präsentieren, so gut wie nur möglich. Das ist unsere Verantwortung gegenüber den Fotografen. Wir würden unseren Auftritt gerne noch professioneller machen, dazu bräuchten wir allerdings einen Programmierer, um mehr Features in die Website einbauen zu können. Da wir das Projekt selbst finanzieren, können wir manche Dinge erst nach und nach angehen.

T: Manchmal bekommen wir eine angefragte Story auch einfach nicht, zum Beispiel das Multimediastück einer Fotografin, das sie zusammen mit einer Produktionsfirma hergestellt hat. Die Produktionsfirma wollte uns verpflichten, ein Werbebanner auf die Startseite zu setzen. Da wir aber strikt gegen jegliche Werbung sind, haben wir das Stück nicht bekommen. Natürlich hätten wir verlinkt und jeder hätte was davon gehabt, aber da spielen dann auch Eitelkeiten und Konkurrenzdenken eine Rolle, leider.

Bewerben sich für die Veröffentlichungen bei euch mehr Fotografen oder Fotografinnen
T: Es hält sich die Waage. Wir können viele Stories von Fotografinnen zeigen, ohne suchen zu müssen. Das finde ich wunderbar, denn sie sind oft auch sehr erfolgreich, wenn es darum geht, Preise zu gewinnen. Sandra Hoyn zum Beispiel hat dieses Jahr, mit der bei uns erschienenden Strecke „Die Kampfkinder“ den Henri-Nannen-Preis gewonnen.

Wer entscheidet über die Auswahl der Bildstrecken? Kommt es dabei zu großen Diskussionen?
P: Über die Bildstrecken entscheiden wir gemeinsam. Ansonsten hat jeder eigene Aufgabenbereiche innerhalb von emerge, mit eigener Entscheidungsgewalt. Wichtige Entscheidungen treffen wir natürlich zu dritt.

K: Es gibt auch mal lautstarke Diskussionen, wir sind eben drei unterschiedliche Charaktere. Manchmal sind wir uns aber auch sehr schnell einig.

Habt ihr Bildstrecken, die euch – in welcher Form auch immer – fehlen?
P: Wir bekommen eigentlich eine Vielfalt an Themen angeboten…

T: … ja, thematisch fehlt uns eigentlich nichts, die Bandbreite ist groß – und was noch nicht ist, kann ja noch werden!

K: Wir sind allerdings auch oft überrascht, wenn wir sehen, woran die Fotografen arbeiten…

T: Was uns aber fehlt, sind mehr gute Multimedia-Beiträge, daran wird in Deutschland nicht so konsequent gearbeitet wie im Ausland.

Was müsste eurer Meinung nach passieren, damit Fotografen wieder angemessen bezahlt werden?
T: Im Prinzip sind Fotografen heute freier, nur nicht finanziell. Die guten Geschichten gibt es daher trotzdem, vielleicht auch gerade deshalb. Die Leute machen ihr Ding, egal ob sie es verkaufen können. Als Fotograf wirst du aber heute im Bereich Reportage tatsächlich nicht mehr reich werden. Du musst dich breit aufstellen und drei, vier Jobs bedienen können. Auftragsfotografie, Bildbearbeitung oder dein Buch verkaufen, um das Geld zu verdienen, mit dem du dann losgehst, deine persönlichen Geschichten zu produzieren.

P: Ich denke, es wird neue Möglichkeiten geben. Es tun sich neue Wege auf und wer weiß, was die Zukunft in fünf Jahren bereithält?! Einige Fotografen schaffen es jetzt schon, sich auf neue Art zu finanzieren. Auch emerge ist erst am Anfang und wir sind bereit, nach neuen Wegen zu suchen, um unser Projekt zu finanzieren.

Wie geht emerge damit um? Ihr zahlt für die Veröffentlichung auch kein Geld.
K.: Was emerge für die Fotografen leisten kann, ist, zu zeigen, wie stark Fotografie als Kommunikationsmittel sein kann. Also – Fotografie als eine Möglichkeit, Einblicke in Krisengebiete zu bekommen und dadurch das dort Vorherrschende den Betrachtern bewusst zu machen.

Was plant ihr für die nächsten drei Jahre?
T: Unsere nächsten konkreten Projekte sind zum einen ein Online-Bookstore, in dem wir die Bücher der auf emerge präsentierten Fotografinnen und Fotografen anbieten wollen. Dann wird es ein Print-Magazin geben, das zwei Mal im Jahr erscheinen soll. Eventuell noch eine kleine, feine Workshop-Reihe… Das ist die Planung für das nächste Jahr, reicht ja auch erst mal.

P: Wir arbeiten auch an einem ständig wachsenden Publikum, je mehr Leute die Arbeiten sehen, desto besser, aber das ist wiederum abhängig von der medialen Präsenz. Medienpartnerschaften helfen uns da weiter, gerade haben wir eine mit dem Onlinemagazine TONIC gestartet.

K: Unser großes Ziel wäre die Förderung oder das Angebot eines Stipendiums für Fotografen bzw. finanziell oder ideell einen Fotografen unterstützen zu können, damit der sich keine oder zumindest weniger Gedanken über die Finanzierung seines Projektes machen muss. Oder mit emerge einmal im Jahr einen Preis vergeben zu können, das wär’s. Aber erstmal steht ab Mitte November unser neuer Bookstore an.

www.emerge-mag.com