Nahaufnahme: Jana Kießer

In der Rubrik Nahaufnahme sprechen Fotograf*innen und Dozent*innen der Ostkreuzschule für Fotografie (OKS) über Bilder, die ihnen besonders am Herzen liegen. Dieses Mal haben wir die Fotografin und OKS-Absolventin Jana Kießer gebeten, uns einen Einblick in die Entstehung ihres Fotos zu geben.

Ich bin für einen Fotojob in Frankreich und bleibe danach noch ein paar Tage in Marseille. Marseille wurde als Risikogebiet eingestuft. Man muss die Maske jetzt sogar auf der Straße tragen.

Ich wohne bei Freundinnen eines Bekannten, wir wollen zum Strand. Ich will vorher noch duschen, um meine Beine zu rasieren; mein Bekannter will schnell los. „Ach komm!! Das musst du doch nicht machen! Ich verstehe überhaupt nicht, warum Frauen sich rasieren!“ fährt er mich laut an. Ich entgegne ihm: „Ich würde mir auch lieber keine Gedanken darüber machen, aber leider bin ich in einer Gesellschaft aufgewachsen, in der Frauen sich enthaaren sollen, um akzeptiert zu werden. So wurde ich sozialisiert und das kann ich nicht auf einmal rückgängig machen. Das braucht Zeit. Ich wünschte, ich könnte einfach mit behaarten Beinen und Rock rumlaufen, aber so weit bin ich noch nicht.“

Wenn ich meine Antwort lese, finde ich, sie klingt wie aus einem Buch. Ja, ich habe gelesen, um so antworten zu können. In den letzten Tagen hatten der Bekannte und ich mehrere Auseinandersetzungen.

Ich habe keine Lust mehr, mit den anderen zum Strand zu gehen. Ich bleibe Zuhause und genieße die Ruhe. Alleinsein hat mir gefehlt. Ich dusche und rasiere meine Beine. Aus Versehen schneide ich mich. Im Bad liegt ein zerbrochener Spiegel.

Ich hole meine Kamera und inszeniere dieses Bild.

Dass mein Körper kommentiert und beurteilt wird, ist unerträglich und übergriffig. Der anscheinend gut gemeinte Kommentar, dass er nicht verstehe, warum Frauen sich überhaupt rasieren, ist genauso sexistisch wie wenn er meine Stoppeln an den Beinen kritisiert hätte. Du hast fremde Körper nicht zu kommentieren, es ist nicht dein Recht!

Ich habe den Schmerz in eine Fotografie verwandelt. Meine Kamera hilft mir, zu verarbeiten. Sie beruhigt mich, sie ist mein Ausdrucksmedium, sie verbindet mich mit meiner Umgebung, sie hilft mir, zu verstehen.

Jana Kießer (*1989) lebt und arbeitet als freie Fotografin in Berlin. 2018 schloss sie die Ostkreuzschule für Fotografie in der Klasse von Prof. Linn Schröder ab. In ihrer künstlerischen Arbeit setzt sie sich mit Machtmissbrauch, Sexismus und sexualisierter Gewalt auseinander.

Ihre Serie “das bleibt unter uns” wurde unter anderem bei Âme Nue in Hamburg und in der Kulturwerkstatt Auf AEG in Nürnberg ausgestellt. Das gleichnamige Künstlerinnenbuch stand 2019 auf der Shortlist des Kassel Dummy Award und erhielt den Deutschen Fotobuchpreis in Silber sowie eine lobende Erwähnung der Deutschen Gesellschaft für Photographie.

Seit Beginn des Lockdowns im März 2020 arbeitet Jana an einer Serie in Zusammenarbeit mit Annemie Martin: Von Kartoffelrosen und brennenden Baumkronen – eine fotografische Unterhaltung während der Pandemie mit Notizen, Gedanken, Erinnerungen und Träumen.

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