Ute und Werner Mahler fotografieren Mode für das Frankfurter Allgemeine Magazin

Für das kommende Magazin der F.A.Z. fotografieren die Mahlers das erste Mal seit
25 Jahren wieder Mode. Uns erzählten alle Beteiligten, wie es dazu kam, wie es sich
anfühlte, und ob dies ein neuer Anfang sein könnte. Ein Blick hinter die Kulissen.

Milla, Foto: Ute und Werner Mahler

„Das machen sie eigentlich gar nicht mehr“, war die erste Reaktion der Agentur OSTKREUZ
auf die Anfrage der Stylistin Almut Vogel, die sich nach Absprache mit dem F.A.Z. Magazin wagte,
das Fotografenpaar dennoch für eine Modeproduktion anzufragen. Ihr Wagemut wurde belohnt,
denn gleich darauf folgte: „Das Konzept interessiert Ute und Werner allerdings doch, sie würden sich
gern konkreter darüber unterhalten.“

Morgen erscheint sie, die Modeausgabe des Magazins, das sogenannte Septemberheft, welches der
wichtigste Erscheinungstermin im Modebetrieb ist und den Auftakt in eine neue Saison bedeutet.
Die Geschichte erstreckt sich über 13 Seiten plus Titel, zu sehen sind 22 Schwarz-Weiß-Fotografien,
aufgenommen im Großformat. „Dafür dass unsere Hefte nur 78 Seiten stark sind, ist das viel Platz für eine Modestrecke. Trotzdem ist es dem Art Direktor sichtlich schwer gefallen, sich zu entscheiden“, so
Alfons Kaiser, verantwortlicher Redakteur des Magazins.

Von links: Fay und Annea, Foto: Ute und Werner Mahler
Von links: Marlene, Paul, (oben) Anne und Fay, Milla, Leni, Oskar, Ennie
Foto: Ute und Werner Mahler

„Das erste Treffen auf dem Gelände der OSTKREUZ Agentur und Schule war sehr herzlich und interessiert, vor allem waren die beiden schon total im Thema“, erzählt Almut Vogel. Kreative Partnerschaften als solche waren ihr Ausgangspunkt, als sie von der Redaktion nach Ideen für das Septemberheft gefragt wurde. Die Bekanntmachung der Kooperation zwischen Raf Simons und Prada im Februar dieses Jahres gaben dazu den Anstoß. Seitdem Ute und Werner Mahler unter einer Autorenschaft fotografieren – also seit den Monalisen der Vorstädte, 2009 -, hatte die Stylistin eine Zusammenarbeit mit ihnen im Sinn, wartete aber lange auf den richtigen Moment, um den Kontakt herzustellen.

Ute und Werner Mahler hatten bis zuletzt für die Sibylle fotografiert, dem legendären Frauenmagazin aus Ostdeutschland, welches jedoch 1995 eingestellt wurde. Warum die lange Pause von der Modefotografie? „Wir hatten bei der Sibylle große Freiheit und Mitspracherecht. Fotografen wurden wegen und mit ihrer besonderen Bildsprache eingesetzt. Man hat sie machen lassen. Nachdem das Heft eingestellt wurde, haben wir diese Akzeptanz bei anderen Magazinen nicht gesehen. Davon abgesehen, ich war auch damals irgendwie fertig mit der Modefotografie. Ich wollte endlich Reportagen machen, beides parallel mit gleicher Intensität hätte für mich nicht funktioniert“, so Ute Mahler.

Drei Tage wurde in Werben fotografiert – viel Zeit für eine Modestrecke heutzutage. Mit Werben an der Elbe, in Sachsen-Anhalt gelegen und die kleinste Hansestadt der Welt, verbinden die Mahlers einiges: ,,Wir kennen Werben seit Mitte der 80er Jahre, weil ein Freund dort einen verfallenden Hof rettete, weil wir dort Feste feierten und weil wir uns in die Landschaft verliebt hatten.”
Der Cast ist nicht weniger vertraut, er setzt sich zusammen aus sieben Mädchen und drei Jungen. Das jüngste Model ist sieben Monate alt: Flora. Das Baby der Stylistin findet ihren Platz an der Tafel. Milla und Fritz, Enkelkinder der Mahlers, Leni, die Tochter eines befreundeten Museumsdirektors, Ennie, Tochter der Fotografin Ina Schoenenburg; Paul und Oskar, die Jungs ihrer Galeristen, Annea und Fay, die Töchter von zwei Modellen der Sibylle. Eine von ihnen hatte Werner Mahler vor 30 Jahren schon für die Sibylle fotografiert. Und Marlene, die in einem Film mitspielt, den Anneas Mutter zur Zeit dreht. Es sind also fast alle unerfahrene Models. „Bei vielen Auftragsarbeiten ist es gewollt, dass die Modelle verlässlich sind, und ein zuverlässiges Ergebnis abliefern. Das ist meist auch richtig und wichtig. Wir aber wollen überrascht werden, wenn wir fotografieren“, so Ute Mahler.

Leni, Foto: Ute und Werner Mahler
Milla, Foto: Ute und Werner Mahler
Von links: Milla und Marlene, Foto: Ute und Werner Mahler

Wie hat es sich denn nun angefühlt, nach so langer Zeit mal wieder Mode zu fotografieren?
„Ach, wunderbar. Es hat großen Spaß gemacht. Es war, als wäre gar nicht so viel Zeit verstrichen.
Wir haben mit den Modellen gesprochen wie damals, man hat sich fast in die alte Zeit versetzt gefühlt. Wobei, das stimmt natürlich nicht ganz, wir haben heute ja all unsere Erfahrungen da mit einfließen lassen, die Arbeit beinhaltet Vieles aus den letzten Jahren. Aber auch die Kleider, die Mode an sich war toll. Da kommst du ins Träumen, lässt dich inspirieren, hast viele Bilder im Kopf mit denen du spielen darfst“, schwärmt Ute Mahler, die in unserem Gespräch mehrmals von Bühnenbildern spricht.

Von links: Fay, Annea, Oskar, Baby Flora, Paul, Milla, Leni, Marlene, Ennie,
Foto: Ute und Werner Mahler
Marlene, Foto: Ute und Werner Mahler
Leni, Foto: Ute und Werner Mahler

Bewusst sollte keine lineare Geschichte, kein Handlungsstrang erzählt werden, vielmehr spielten die
Fotograf*innen mit der Idee einer Familienfeier. Einem Fest, von dem sich die Jugendlichen und Kinder abseilen, durch den Ort und die Felder streifen, schwimmen gehen, sich die Zeit vertreiben. Dabei war den Fotograf*innen wichtig, dass es sich nach Familie anfühlt, nicht nach Teenagern, die flirten.
Wir finden Kleinstadt in den Bildern, Monalisen und auch die Ströme.

Von links: Marlene und Leni, Foto: Ute und Werner Mahler
Ennie, Milla, Marlene und Leni, Foto: Ute und Werner Mahler

Ob das Fotografieren mit der aufwändigen Großformatkamera ein Thema für den Auftraggeber war?
„Wir arbeiten mit der Plattenkamera. Anders wäre ein gleichberechtigtes Fotografieren kaum möglich“, sagt Ute Mahler. Seit über zehn Jahren arbeiten die Fotograf*innen nun unter einer Autorenschaft.
„Wir hätten auch mit einer Digitalkamera fotografieren können, um den Aufwand auf ein Minimum zu reduzieren, aber wie willst du das zu zweit anstellen? So, mit der Großformatkamera, bauen und diskutieren wir jedes Bild gemeinsam.“
Das F.A.Z. Magazin nickte also die Plattenkamera und drei Tage Produktion ab, und vergab die carte blanche, welche eine große Freiheit beim Fotografieren bedeutet, fernab von Anzeigenkunden und inhaltlichen Vorgaben. „Wir freuen uns einfach sehr über die Zusammenarbeit mit den Mahlers“, sagt Alfons Kaiser, „und sind schon lange Fan ihrer Fotografie. Generell lieben wir die deutschen Klassiker und Schwarz-Weiß-Fotografie. Nicht systematisch, aber  Magazine sind ja eh eher bunt, allein schon durch die Anzeigen. Und wir mögen das Zeitlose und Ernsthafte, das diese Arbeiten vermitteln.“

Fritz und Milla, Foto: Ute und Werner Mahler

Könnte dies ein kleiner Neuanfang sein, könnten sich die Mahlers vorstellen, unter den richtigen
Bedingungen, wieder mehr Mode zu fotografieren? ,,Wir waren überrascht, welchen Spaß es gemacht hat. Aber es war auch ein super Ausgangspunkt, diese carte blanche von der F.A.Z., denn wir konnten ohne Vorgaben fotografieren, konnten unsere Bilder machen. Klar, dass wir das gern wiederholen
würden”, verrät Ute Mahler.


Das Frankfurter Allgemeine Magazin erscheint morgen, am 12. September 2020
als Beilage in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung.


Am 3. Oktober 2020 eröffnet die Ausstellung An den Strömen, von Ute und Werner Mahler in
der Galerie Springer in Berlin. Auch Arbeiten aus dieser Modestrecke werden dort gezeigt.

Ute Mahler (*1949) und Werner Mahler (*1950), Mitbegründer*in der Agentur Ostkreuz.

Ute und Werner Mahler wurden in den 1970er Jahren in der Leipziger Hochschule für Grafik und Buchkunst ausgebildet. Namhafte Lehrer*innen wie Prof. Arno Fischer oder Prof. Evelyn Richter lehrten zu dieser Zeit an der Kunsthochschule, hier entstand eine Elite der Fotografie im Osten Deutschlands. Sie besuchten schon das gleiche Gymnasium, wurden aber erst ein paar Jahre später ein Paar. Gemeinsam, und jede*r für sich, erarbeiteten sie sich ein hoch gelobtes und viel beachtetes fotografisches Œuvre und wurden für Ihre Arbeiten mehrfach ausgezeichnet. 

Von 2000 bis 2015 war Ute Mahler Professorin an der Hochschule für Angewandte Wissenschaften in Hamburg, Werner Mahler gründete mit Thomas Sandberg die Ostkreuz Schule für Fotografie in Berlin Weißensee. Sie leben in Lehnitz bei Berlin.

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