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Nahaufnahme: Stefan Turtzer

In der Rubrik Nahaufnahme sprechen Fotografen/-innen und Dozenten/-innen der Ostkreuzschule für Fotografie (OKS) über Bilder, die ihnen besonders am Herzen liegen. Diesmal haben wir den Fotografen Stefan Turtzer darum gebeten, uns einen Einblick in die Entstehung seines Fotos zu geben.

Ohne Titel, Foto: Stefan Turtzer

Innerhalb kürzester Zeit hat sich Fridays for Future zur größten Jugendbewegung, die es in Deutschland je gab, entwickelt und sich ein enormes Gehör in Politik und Gesellschaft verschafft. Das Mädchen auf diesem Foto ist ein Teil davon. Das Bild entstand an einem Freitag im Jahr 2019 im Invalidenpark, dem Berliner Treffpunkt der Bewegung. 

In den letzten Monaten habe ich dort einzelne Jugendliche angesprochen und aus der Masse isoliert als Individuum porträtiert. Fernab des Personenkultes um einige Wenige, wollte ich erkunden, welche Menschen eigentlich diese Bewegung an der Basis ausmachen. Dabei habe ich sowohl engagierte Aktivist/-innen als auch eventuell nur einmalige interessierte Teilnehmer/-innen abgelichtet. Jede/-r für sich ist ein Teil des Phänomens dieser Jugendbewegung und gibt ihr ein Gesicht. Durch eine Bildreihe von individuellen Porträts, soll so ein Porträt über die junge Generation und ihre Bewegung entstehen.

Das Thema fasziniert mich, weil ich bei den Jungen und Mädchen diesen magischen Moment ihrer absoluten Meinungsstärke, ihrer festen Überzeugung, die Welt zu einem besseren und gerechteren Ort zu machen und ihrem guten Gefühl das Richtige zu tun, einfangen und festhalten möchte.

Das Porträt des Mädchens ist, wie die meisten anderen Bilder, in einer relativ kurzen, spontanen Begegnung entstanden und ohne allzu viele Anweisungen. Es geht mir nicht darum etwas zu inszenieren, sondern zu zeigen, wie sich die Jugendlichen selbst präsentieren. 

Ich mag die Natürlichkeit der Aufnahme. Das Bild könnte auch in einem anderen Kontext entstanden sein. Mir gefällt, wie das Mädchen so selbstverständlich selbstbewusst und herausfordernd mit dem Hauch eines Lächelns direkt in die Kamera schaut ohne dabei zu posieren. Der Hintergrund lässt nicht erkennen, dass hier gerade eine Demonstration stattfindet. So ist der Fokus ganz auf die Person gerichtet und nicht auf die Veranstaltung. 

Wenn ich in das Gesicht des Mädchens schaue, frage ich mich, wie wird diese Zeit mit Fridays for Future wohl ihre Zukunft beeinflussen? Was wird bleiben von ihrer Bewegung und ihren Überzeugungen? Wie werden sie und die anderen jungen Menschen ihrer Generation in den kommenden Jahren und Jahrzehnten unsere Gesellschaft prägen?

Stefan Turtzer wurde 1977 in Herford geboren. Er belegte 2018/19 das Seminar von Grit Schwerdtfeger an der OKS und stellte dort zum Abschluss seine Arbeit „Der Thälmannpark aus. Nach mehrjährigen Stationen in Berlin, Mexiko-Stadt und Düsseldorf, lebt und arbeitet er seit 2015 wieder in Berlin.

Einige Arbeiten zu dem laufenden Projekt sind unter dem Arbeitstitel „Ich möchte Teil einer Jugendbewegung sein“ auf Stefan Turtzers Webpage zu sehen.