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OKS-lab fragt … Kathrin Kohle

In der Serie »OKS-lab fragt …« beantworten Dozent/-innen, Fotograf/-innen, Macher/-innen und Absolvent/-innen im Rahmen der Ostkreuzschule für Fotografie (OKS) Fragen zu ihrer Arbeit, ihrer Beziehung zur Fotografie und Lebensart.

Ein Gespräch mit Kathrin Kohle, Mitarbeiterin bei der Ostkreuz-Agentur, verantwortlich für Projekte und Ausstellungen, zum Thema »arte – Deutschland im Jahr 2019«.

© Anne Schönharting/OSTKREUZ Großer Kupferadler im Innenhof des märkischen Museums in Berlin, Selbstporträt Anne Schönharting, April/Mai 2019, aus der Serie „DER ADLER MUSS FLIEGEN“

Eva-Maria Tornette (ET): Wie ist das arte-Projekt mit allen Ostkreuz-Fotograf/-innen entstanden?

Kathrin Kohle (KK): Jörg Brüggemann, Fotograf der Agentur Ostkreuz (Anmerkung: seit Frühjahr 2019 auch neuer Mitgeschäftsführer, gemeinsam mit Anne Schönharting), hat zu der Bundestagswahl 2017 mit arte zusammengearbeitet, mit Paul Ouazan. Er ist ein sehr bekannter Regisseur in Frankreich, der auch an der Gründung von arte beteiligt war. Paul hat ein kleines Team und ist Direktor des arte atelier des recherches. Damals hat er mit Jörg Brüggemann und dem Autor Manuel Möglich zusammen eine Serie mit Foto-Filmen erarbeitet, die über arte info im Internet ausgestrahlt wurde. Der Titel dieser Serie war ‚Deutschland, deine Wähler‘. Paul Ouazan hat im Anschluss daran angeregt, dass wir mit Ostkreuz mal ein großes Projekt auf die Beine stellen könnten. So fing das alles an. Das war im Frühjahr 2018. Wir haben überlegt: Was genau können wir zusammen machen? Dabei wurde klar: Das Projekt soll zum 30-jährigen Jubiläum des Mauerfalls erscheinen. Und so haben wir gemeinsam mit den Ostkreuz-Fotograf/-innen überlegt, was für uns interessant wäre. Wir wollten keine Rückschau machen. Wir wollten auf das heutige Deutschland, 30 Jahre nach der Wiedervereinigung blicken. Paul Ouazan hat das Konzept arte info in Straßburg vorgestellt. Dort waren sie begeistert. Es gab also diesen großen Auftrag von arte an Ostkreuz: Jede/-r Fotograf/-in, es sind insgesamt 22, realisieren ein eigenes Projekt zum großen Thema ‚Deutschland im Jahr 2019‘. Alle Fotograf/-innen sollen möglichst aktuell, mit ihrem eigenen Blick und einem persönlichen Thema, auf Deutschland blicken. Das ist die Entstehungsgeschichte.

ET: Sollten alle Bereiche von Deutschland abgedeckt sein?

KK: Ja, Wir haben im Vorfeld schon darauf geachtet, dass die Deutschlandkarte möglichst abgedeckt ist. 

Deutschlandkarte im Ostkreuz-Agentur-Büro von Kathrin Kohle, mit Post-It Zetteln der verschiedenen Projektorte der Fotograf/-innen für „Deutschland im Jahr 2019“

ET: Gab es in dem Auftrag an Ostkreuz den Wunsch, Serien zu bestimmten Themen zu fotografieren?

KK: Nein, das hat sich eher nach und nach herauskristallisiert. Der Regisseur und sein arte-Team standen die ganze Zeit sehr eng im Kontakt zu den Fotograf/-innen. arte, bzw. Paul Ouazan, konnte zum Beispiel sagen: Wir wünschen uns, dass es im Text noch ein bisschen persönlicher wird. Oder: Die Bilder sind als Einzelbild interessant, aber es fehlt uns noch eine Folgesequenz. Letztendlich ist es wirklich ein anderes Medium. Es geht um Foto-Filme. Die werden aus den Fotografien montiert und dabei merkt man, dass es im Endeffekt auch eine andere Bildsprache ist.

ET: Ja. Das glaube ich. Von Jordis Antonia Schlösser, die in den verlassenen Dörfern neben dem Braunkohletagebau Garzweiler fotografiert hat, weiß ich, dass ihr der Auftrag mit Mikrofon loszugehen großen Spaß gemacht hat. Einen Sound beim Fotografieren aufzunehmen war für einige bestimmt eine große Herausforderung.

© Jordis Antonia Schlösser/OSTKREUZ Manheim liegt in der Abbauzone des Tagebaus Hambach und muss nach den Plänen von RWE weichen, Nordrhein-Westfalen 2019, aus der Serie „GARZWEILER“

KK: Ja, das stimmt. Alle Fotograf/-innen sind mit Kamera und Mikrofon losgezogen, haben fotografiert, den Sound aufgenommen und noch einen persönlichen Text über ihr Projekt geschrieben.

ET: Die Texte der Fotograf/-innen sollten cineastisch sein?

KK: Sie sollten möglichst narrativ sein, als würde man dem Betrachter genau schildern, was dort passiert bzw. was man erlebt hat.

ET: Mussten die Fotograf/-innen alle Texte selbst schreiben?

KK: Ja, möglichst, damit es auch sehr persönlich wird. Die Texte wurden von arte abgenommen, danach wurden sie ins Französische übersetzt und anschließend von den Fotograf/-innen eingesprochen. Und wenn alle Daten abgegeben waren, begann der Regisseur mit der Montage. Das passierte im Juni und Juli 2019.

© Linn Schröder/OSTKREUZ Meine Kinder, Kleiner Roßkardtsee, 2018 aus der Serie „DATSCHE“

ET: Und Du bist diejenige bei der alle Fäden des Projekts zusammenlaufen bei Ostkreuz?

KK: Ja, sozusagen. Aber wir haben das Projekt zu dritt betreut. Jörg Brüggemann und ich hatten die Projektleitung inne, und Mayela Illi unterstützte uns. Jörg Brüggemann war insbesondere derjenige, der mit den Fotograf/-innen inhaltlich nochmal Dinge absprach. Er kennt die Schwierigkeiten am besten, weil er selbst alles schon einmal durchlaufen hat. Ich habe in erster Linie mit arte kommuniziert.

ET: Und jetzt sind alle Filme in der Mediathek von arte zu sehen?

KK: Ja, seit dem 9. Oktober. 

ET: Wie viele Minuten hat jeder Foto-Film?

KK: Jeder Film dauert ca. sechs bis zehn Minuten.

ET: In denen soviel Arbeit steckt! Kannst Du ein paar einzelne Reportage-Themen der Ostkreuzfotograf/-innen umreißen?

KK: Sebastian Wells, unser jüngster Fotograf, ist zum Olympiastützpunkt Kienbaum in Brandenburg gereist und hat dort die einzelnen Disziplinen begleitet, Jugendliche und Kinder, die jetzt schon für Olympia trainieren. Die Kanuten, die Judokas, Turner und Schwimmer zum Beispiel. Er hat dort die Atmosphäre eingefangen, sowohl in dem Dorf als auch in dem Sportzentrum. Das ist ein Hochleistungszentrum, dass es schon früher zu DDR Zeiten gegeben hat. 

©Sebastian Wells/OSTKREUZ Die Triathleten Selina Klamt und Giulio Ehses beim Schwimmtraining, 2019, aus der Serie „KIENBAUM“

Tobias Kruse ist in Anklam unterwegs gewesen, dort hat er früher studiert. Es war für ihn der persönliche Antrieb, noch einmal nach Anklam zu reisen und zu schauen, wie die Stimmung jetzt ist. Als er dort Ende der 90iger studiert hat, war es sehr rechtsextrem.

ET: (zeigt auf die Karte an der Wand) Wenn ich mir die Deutschlandkarte so ansehe, mit den ganzen Projekten in den verschiedenen Bundesländern, gibt es in Bayern ein Loch. Aus Touristensicht ist das aber das Klischee von Deutschland, die Alpen und Bayern.

KK: Ja, aber Anne Schönharting hat sich auf die Suche nach dem Adler begeben. Sie ist durch ganz Deutschland gereist und hat auch in Berchtesgaden in den Alpen fotografiert. Sie hat ein bundeslandübergreifendes Projekt realisiert. Und es gibt Stephanie Steinkopf, die mit ihrem Bruder, der Fahrer eines Schwerlastentransports ist, durch Deutschland gefahren ist. Sie hat sich auch kreuz und quer durch das Land bewegt.

ET: Wo sind Ute Mahler und Werner Mahler gewesen?

© Ute Mahler und Werner Mahler/OSTKREUZ Menschen am Fluss, Werben, 2018 aus der Serie „ELBE“

KK: Die beiden haben gemeinsam an der Elbe fotografiert. Und Frank Schinski hat an der Grenze zu Polen fotografiert. Im Endeffekt wird es leider nicht ganz aufgehen, dass alle Bundesländer abgedeckt sind. Alle sollte eine persönliche Beziehung zum eigenen Thema haben und deswegen spielen die Bundesländer, aus denen die Fotograf/-innen kommen, natürlich auch oftmals eine wichtige Rolle.

© Johanna-Maria Fritz/OSTKREUZ Victoria und ihr Hund Karl in Ihrem Zimmer im Haus des Vaters, 2019 aus der Serie „BADEN-BADEN“

ET: War es arte wichtig, dass auch das Thema deutsch-französische Freundschaft vorkommt?

KK: Nein, gar nicht, es sollte insbesondere nur um Deutschland gehen. Es musste allerdings darauf geachtet werden, dass alles auch in der Übersetzung für die Franzosen verständlich ist. Heinrich Holtgreve ist zum Beispiel nach Buxtehude gefahren, um einen Ort zu untersuchen der sprichwörtlich ‚am Ende der Welt‘ liegt. In seinem Text gibt es Referenzen und Sprichwörter, die nur Deutsche verstehen. Es war eine schwierige Aufgabe für die Übersetzerin, diese Begriffe so ins Französische zu übersetzen, dass man sie in Frankreich auch versteht.

ET: Verstehe, so wie Ostfriesenwitze. Das sind bei den Franzosen die Sch’tis. Danke, ich habe einen guten Überblick Eurer Arbeit bekommen!

© Espen Eichhöfer/OSTKREUZ Hochhaus „Weisser Riese“, Duisburg, 2019 aus der Serie „VATER“

Deutschland im Jahre 2019“ 30 Jahre nach dem Fall der Mauer machen die 22 Fotograf/innen der Agentur OSTKREUZ eine persönliche Bestandsaufnahme Deutschlands im Jahre 2019.

Fotograf/innen der Agentur OSTKREUZ: Jörg Brüggemann, Espen Eichhöfer, Sibylle Fendt, Johanna-Maria Fritz, Annette Hauschild, Harald Hauswald, Heinrich Holtgreve, Tobias Kruse, Ute Mahler, Werner Mahler, Dawin Meckel, Thomas Meyer, Frank Schinski, Jordis Antonia Schlösser, Ina Schoenenburg, Anne Schönharting, Linn Schröder, Stephanie Steinkopf, Mila Teshaieva, Heinrich Völkel, Maurice Weiss, Sebastian Wells
Regie: Paul Ouazan

Am Montag, 18.11.2019 wird es im Babylon Kino Berlin um 19:30 Uhr einen Abend geben, bei dem alle Filme präsentiert werden. Der Regisseur Paul Ouazan wird anwesend sein.