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OKS-lab fragt … Göran Gnaudschun

In der Serie »OKS-lab fragt …« beantworten Dozent/-innen, Fotograf/-innen, Macher/-innen und Absolvent/-innen im Rahmen der Ostkreuzschule für Fotografie (OKS) Fragen zu ihrer Arbeit, ihrer Beziehung zur Fotografie und Lebensart.

Ein Gespräch mit Fotograf und OKS-Dozent Göran Gnaudschun über das Verhältnis von Fotografie, Wahrheit und Realität und wie er seiner Abschlussklasse an der OKS beigebracht hat, beides unter einen Hut zu bringen.

Dozent und Fotograf Göran Gnaudschun, (c) Alberto Novelli
Dozent und Fotograf Göran Gnaudschun, Foto: Alberto Novelli

Robert Rausch (RR): Du arbeitest seit 2004 als Dozent für Fotografie. Merkt man den heutigen Student/-innen an, dass sie mit den digitalen Medien groß geworden sind?

Göran Gnaudschun (GG): Ja, im Unterricht schon. Wenn die sich langweilen, gucken die in ihre Handys. Im Ernst: Ich beobachte eine Gegenbewegung. Die Wertschätzung des analogen Bildes ist wieder sehr hoch. Mit Negativen zu arbeiten, bedeutet Konzentration, weil man nicht unendlich viele Bilder belichten kann. Das schafft eine andere Ruhe in den Bildern. Und analoge Prints sind Unikate. Das macht mehr Arbeit, kostet mehr Geld und sieht anders aus. Diesen anderen Look schätzen die Absolventen.

RR: Im aktuellen Jahrgang machen drei Klassen von drei verschiedenen Lehrer/-innen ihren Abschluss. Gibt es da Unterschiede?

GG: Auf jeden Fall! Ich glaube sogar, es ist total verschieden was wir lehren, zum Teil widersprüchlich. Aber wir alle sind uns einig, dass wir die Talente erkennen und stärken wollen, die jemand mitbringt, um sie weiter in eine Richtung zu führen, die der Person entspricht. Unsere gemeinsame Hauptaufgabe ist es, den Student/-innen zu helfen – A – ihre Themen und – B – den eigenen Ausdruck dafür zu finden.

RR: Es geht also nicht um richtig oder falsch.

GG: Es geht darum, sensibel für die Fragilität des Wirklichkeitsbegriffs zu sein. Was ist wirklich und was ist die eigene individuelle Interpretation dessen? Fotografie ist ja nur scheinbar objektiv und Wahrheit ist durch Fotografie nicht darstellbar. Doch wenn wir wissen, dass wir die Welt nicht darstellen können, dann sind wir frei, eine andere Wahrheit zu finden und eine freiere, stimmigere Aussage über die Welt zu treffen.

RR: Diese Freiheit haben auch andere Künste. Was ist speziell an der Fotografie?

GG: Als Fotograf kann man zwar nicht die Wirklichkeit zeigen, sie ist dennoch Grundvoraussetzung für das eigene Tun. Wir müssen rausgehen und uns die Welt mit der Kamera erschließen. Wir können nicht wie die Maler direkt aus der Phantasie schöpfen.

RR: Wie vermittelt man das den Student/-innen?

GG: Wichtig ist eine Mischung aus Fleiß und Bewusstsein. Es kann nichts werden, wenn du nicht fotografierst, wenn du dich nicht an der Wirklichkeit reibst. Das Feuer der Fotografie entsteht erst, wenn du raus gehst und Bilder machst. Im Studium können die Student/-innen die eigenen Grenzen testen und sehen, wie weit sie gehen können. Im Gespräch über die Bilder, auch über die anderer Fotograf/-innen, eröffnen sich anschließend neue Wege für die Umsetzung. Die offene aber fördernde Kritik ist wichtig. Wenn der Knoten platzt und mit Überzeugung eine stimmige Serie entsteht, ist das eine echte Freude.

Claudia, Gordiani aus der Serie "Are You Happy" von Göran Gnaudschun
Claudia, Gordiani aus der Serie Are You Happy?, Foto: Göran Gnaudschun

RR: Du selbst zeigst bis zum 26. Oktober 2019 deine Arbeit Are You Happy? aus der Peripherie von Rom in der Galerie Poll in Berlin. Mathias Königschulte schreibt in der taz vom 21. September 2019 von der Offenheit zwischen Fremden, die in deinen Fotografien der Serie erfahrbar wird. Wie kommt das zustande?

GG: In Italien bin ich öfter Menschen begegnet, die der Fotografie aufgeschlossen gegenüber stehen; die wissen, wie sie eine Bella Figura abgeben. Interessant wird es aber erst nach der Pose. Man muss sich Zeit nehmen, damit sich Dinge entwickeln. Und man muss vermitteln, dass man ehrlich und mit Engagement an etwas Größerem interessiert ist. Mir ging es in den Vororten von Rom nicht darum zu zeigen, wie jemand aussieht. Viel mehr interessierte mich, was hinter den Menschen steckt, welches Zeit- und Lebensgefühl die Menschen in den ärmeren Wohngegenden der Peripherie haben. Der Titel Are You Happy? stammt aus dem neorealistischen Film Accattone von Pier Paolo Passolini, der in Roms Vorstädten spielt und mit Laiendarstellern gedreht ist. Wenn die Menschen dein Anliegen verstehen, sind sie offener dafür, sich fotografieren zu lassen. Dann entwickeln auch zurückhaltende Personen eine enorme Präsenz, die sich durch das Foto auch dem Betrachter vermittelt.

TangenzialeEst-Piazzale Prenestino, Prenestino Labicano, aus der Serie "Are You Happy" von Göran Gnaudschun
Tangenziale Est-Piazzale Prenestino, Prenestino Labicano, aus der Serie Are You Happy?, Foto: Göran Gnaudschun

RR: Das bringt mich noch einmal zurück zu deinen Student/-innen an der Ostkreuzschule, die bestimmt ebenfalls mit viel Herzblut an ihren Projekten arbeiten. Dadurch kommt vor dem Abschluss sicher auch Nervosität auf, oder?

GG: Ja, es entsteht eine besondere Form von Energie. Der Abschluss ist aber natürlich nicht das Ende. Die Arbeit muss gut und vorzeigbar sein. Sie kann aber nach dem Abschluss noch weiter entwickelt werden. Das nimmt für alle etwas Druck raus. Das Talent eines Fotografen, die guten, starken Arbeiten, erkennt man trotzdem sofort.

RR: Anschließend stehen die Absolvent/-innen vor der Aufgabe, sich im Berufsleben durchzusetzen. Wie sind die Student/-innen auf die Arbeitswelt vorbereitet?

GG: Mit künstlerischer Arbeit oder als Journalist/-in zu überleben ist schwer. Natürlich träumt jeder von Erfolg. Aber die Generation, die jetzt ihren Abschluss macht, ist sich der Herausforderungen durchaus bewusst. Die machen früh ihre Namen bekannt und wissen, dass sie auch an Brotjobs, zum Beispiel in der kommerziellen Fotografie, denken müssen. Wer so realistisch ist, hat es später leichter, auch seine Träume zu verwirklichen.

RR: Herzlichen Dank für das Gespräch.

Das Interview erschien am 27.09.2019 gekürzt in der Sonderbeilage von Neues Deutschland zur Abschlussausstellung des Jahrgang 13 der Ostkreuzschule für Fotografie.

Die Ausstellung der Abschlussklasse läuft in der Zeit vom 28.09. – 06.10.2019, täglich 12 – 20 Uhr, in den Reinbeckhallen, Reinbeckstraße 17, 12459 Berlin.

Die Ausstellung „Are You Happy?“ von Göran Gnaudschun in der Galerie Poll, Gipsstraße 3, 10119 Berlin, läuft bis zum 26. Oktober 2019.