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OKS-lab fragt…

In der Serie »OKS-lab fragt …« beantworten Dozenten, Fotografen, Macher und Absolventen der Ostkreuzschule Fragen zu ihrer Arbeit, ihrer Beziehung zur Fotografie und Lebensart.

Ein Gespräch mit: Tobias Kruse über sein im November 2018 erschienenes Buch „Material“ und die begleitende Ausstellung die am 10.05.2019 in der Robert Morat Galerie eröffnet.

Material #056

Max Zerrahn (MZ): Vielleicht kannst du zum Einstieg mal beschreiben wie du diese Arbeit von dem abgrenzen würdest, was du sonst so in den vergangenen Jahren gemacht hast. Ich glaube die ersten Sachen, über die ich auf dich aufmerksam geworden bin, waren deutlich Reportage-lastiger und vor allem auch oftmals Porträts. Als ich mir dann dein Buch bestellt habe…

Tobias Kruse (TK): …warst du überrascht?

MZ: Ja, wahrscheinlich war ich überrascht. Ich kann jetzt gar nicht sagen, dass ich etwas völlig anderes erwartet hätte. Und ich bin letztlich sehr zufrieden mit dem gewesen, was dann kam, das hier ist also keine Beschwerde (lachen), aber ich fand es durchaus überraschend und gleichzeitig auch sehr erfrischend. Aber die Frage auf die ich hinaus möchte, ist vielleicht: Wieso war es dir wichtig, eben diese Bilder als Buch zu veröffentlichen?

TK: Also die Bilder waren erst mal da. Sie nehmen durchaus einen großen Raum ein, in meinem persönlichen und fotografischem Kosmos. Gleichzeitig ist dieser Kosmos aber sehr schwer darstellbar. Ich glaube das hat was mit der Art zu tun, wie wir Bilder präsentieren oder wie wir überhaupt Inhalte präsentieren können, nämlich in der Regel seriell — und für Umfänglicheres ist kein Raum da.

Außerdem war ich ein bisschen müde davon, was ich Themen-Fotografie nenne, im Sinne von „ich suche mir jetzt ein Thema und dann setze ich mich da drauf, dann fotografiere ich das, dann veröffentliche ich das und so weiter“. In gewisser Weise bedient das immer dasselbe Muster: Man fährt irgendwo hin, dann braucht man Porträts, eine Übersicht, vielleicht noch eine Landschaft — es ist immer dasselbe Besteck, und das kann schon ermüdend sein.

MZ: Mal von dem Thematischen abgesehen was du ja eben schon angesprochen hattest —, stelle ich mir vor, dass es ja auch gestalterisch eine große Freiheit ist, mit so etwas wie deinem privaten Bilder-Kosmos umzugehen. Denn Reportage-Fotografie im weitesten Sinne folgt ja nicht nur einer inhaltlichen Linie, sondern auch von der Art wie man das umsetzt, gibt es andere Parameter, nach denen man sich dann vielleicht richten muss.

TK: Ja, das meine ich mit Besteck: klar du musst dann das haben, das haben, das haben, damit das am Ende komplett ist. Und das ist halt immer gleich. Und ehrlicherweise ist es auch, selbst wenn die Bilder unter Umständen gar nicht so aussehen, eine sehr technische Art Themen zu erzählen. Eben weil es im Hintergrund ein — gar nicht mal aufgeschriebenes, formuliertes — aber irgendwie dennoch vorhandenes Regelwerk gibt, wie man das zu machen hat. „Hier fehlt doch das und das noch, da musst du nochmal hin“.

Material #004 und Material #035

MZ: Also, man kann sich das dann schon so vorstellen, dass du im Prinzip auch zu der Art Fotograf gehörst die immer eine Kamera dabei hat?

TK: Das war lange Jahre so, ja. Inzwischen nicht mehr so sehr. Das heißt aber nicht, dass alles immer nur gefunden ist in dem Buch. Ich weiß auch, dass das den Eindruck macht, aber das stimmt gar nicht. Da ist auch viel inszeniert.

Und jetzt ist es gar nicht so, dass es in meinem Buch keine Themen gäbe. Beim Machen dieser Bilder, da bin ich mir schon immer relativ klar, sortiere ich die dann gedanklich da schon ein. Ich mach ein Foto, es kann auch auf einem Job sein, und ich weiß, das könnte da hingehören. Zu diesem großen Raum. Nur ist das keine lineare Erzählung die da heißt „arme Leute in Saarbrücken“ oder so…

MZ: …und gleichzeitig ist es trotzdem auch kein Tagebuch, so könnte man es ja auch verstehen, wenn man das in die Hand nimmt. Hier seine Kinder, seine Freunde, genau so ein Umfeld, und dann war man hier im Urlaub und da abends noch…

TK: Nee, und tatsächlich sind es sehr, sehr viele Bilder die da existieren, ungefähr 15000, die zu diesem Konvolut gehören. Und es ist wirklich hochkomplex gewesen, sich da durchzuarbeiten und daraus eine Erzählung zu machen. Wenn man den Schutzumschlag abnimmt, dann sieht das Buch aus wie ein Suhrkamp-Bändchen und es ist auch gedacht als eine offene Erzählung, die irgendwo einsteigt und irgendwo aussteigt, ohne wirklich einen Anfang und ein Ende zu haben. Wenn man das Buch durchblättert, wird man da im besten Fall reingezogen, man muss aber nicht bei jedem Bild mitgehen. Tatsächlich ist das für mich so eine Art Versuch, literarisch vorzugehen und mir aus Notizen, die ich mache, eine Erzählung zusammenzubauen, so wie das vielleicht ein Autor auch tun würde. Der beobachtet was, schreibt das auf, strickt das mit ein, um so einen Fluss entstehen zu lassen. Es ist auch nicht so, dass das alles nur Highlights sind. Ich hätte auch ein Buch machen können aus Highlights, ein Best of. Aber das funktioniert nicht, wenn du so von Höhepunkt zu Höhepunkt eilst, dann stumpfst du ab. Deswegen gibt es immer mal Ruhephasen dazwischen, und Bilder die vielleicht ein bisschen egaler sind. Aber man braucht mal eine Pause.

MZ: Interessant. Ich habe es für mich irgendwie eher als poetisch, künstlerische Beschreibung eines Lebensgefühls gesehen und weniger als konkrete Erzählung…

TK: …dagegen habe ich auch nichts, klar, das trifft auch irgendwie zu. Natürlich halten diese Bilder auch zusammen, weil sie eine bestimmte Sprache sprechen. Das ist auch in der Literatur so, dass die Sprache die Geschichte zusammenhält, dass vielleicht ein Plot, der auf den ersten Blick gar nicht so aufregend ist, durch das, was der Autor daraus macht und wie er das macht, über seine Sprache, das auf einmal doch ganz viel erzählt. Und natürlich habe ich die Bilder gemacht. Und natürlich ist es deswegen irgendwie auch mein Leben. Aber nur weil ein Autor Dinge beschreibt, die er erlebt hat und die er in ein Buch mit einfließen lässt, ist das nicht automatisch autobiografisch.

MZ: So würde ich es auch nicht sehen. Klar es ist dein Leben, aber es ist kein voyeuristischer Blick darauf. Das hat trotzdem in dem, wie es sich in dem Buch darstellt, so eine Form von Allgemeingültigkeit, die es für mich leichter macht, mich damit zu identifizieren, das auf mich zu beziehen — ohne dass ich denke, ich habe jetzt wochenlang bei dir durchs Fenster in dein Leben reingeglotzt. Weil so ist es ja nicht.

TK: Dann kann ich ja zumindest in deinem Fall zufrieden sein, wenn es so ankommt. Tatsächlich ist es ein Versuch, so ein allgemeines Gefühl von Leben zu erzählen. Man kriegt Kinder, die werden älter. Man trennt sich. Man findet wieder zusammen, vielleicht. Und dann besteht das Leben aber auch aus ganz viel Langeweile und Alltag.

MZ: Wie war das vom Prozeß her nochmal — du hast das eben schon umrissen mit diesen 15000 Bildern, die es gab. Du hast dir dann ja auch Hilfe mit ins Boot geholt und zum einen eng mit Betty Fink, und zum anderen mit Neue Gestaltung zusammengearbeitet. Die haben bei der Bildauswahl…

TK: …Vorschläge gemacht, das ging dann so hin und her. Also es gab ja schon mal die Ausstellung in Paris und eine dazugehörige Publikation, da sind auch Teile davon drin. 

MZ: Wieviele Bilder hattest du in Paris gezeigt?

TK: Viele. Das war ein Block aus 48 quadratischen Rahmen, wo Hoch- und Querformate gleichermaßen vorkamen. Und in jedem Rahmen war ein Bild. Das heißt, da gab es schon mal eine Annäherung an den Stoff. Dann gingen nochmal zwei Jahre ins Land, und es kamen noch ein Haufen Bilder dazu. Ende 2017 war klar: ich mache ein Buch und ungefähr vor einem Jahr habe ich angefangen mich wieder neu und intensiver damit zu befassen. Ich habe die alle ausbelichten lassen und mir zu Hause so einen großen Tisch gebaut, wo die immer lagen… Das war wirklich eine langwierige und komplexe Angelegenheit, und natürlich kann ich auch nicht mehr bei jedem Bildpaar oder bei jedem Übergang sagen, warum das jetzt genau so sein muss.

MZ: Aber es gibt immer wieder solche Blöcke, in denen man das relativ klar nachvollziehen kann. 

TK: Ausflüge in die Farben…

Material #083 & Material #082

MZ: Genau, solche Farbblöcke, oder dann aber auch solche Formen. Da denke ich jetzt an dieses Zaun-Bild, wo so eine Latte fehlt und daneben das Brett das „die Lücke füllt“ auf dem nächsten Foto…

TK: Das ist ja so beim Serien zusammenstellen, dass das bei Fotografen als ein bisschen verpönt gilt, wenn man über Formen und Farbe geht. Wobei das natürlich trotzdem extrem wichtige, wesentliche Gestaltungsmittel sind — viel mehr hat man ja kaum.

MZ: Ich fände es auch absurd, davon nicht Gebrauch zu machen, ehrlich gesagt. 

TK: Ich wollte mich davon auch ein bisschen freimachen. Und das gerade auch noch mal betonen. Wie diesen Rot-Rausch… und dann geht es ins Gelb. 

MZ: Mir hat das total gut gefallen. Dass das eben nicht so ein intellektuelles Verbiegen darstellt, sondern eher einer spielerischen Intuition folgt…

TK: Ja, das hat für viele Diskussionen gesorgt. Dann haben Jörg (Brüggemann) und Heinrich (Holtgreve) auch nochmal mit drauf geschaut, klar holt man sich dann Rat. Vor der Ausstellung in Paris hat mir Ute (Mahler) sehr geholfen. Und die Grafiker natürlich auch, die haben auch viele Vorschläge gemacht, einige fand ich gut, einige nicht so. Was zum Beispiel auch von denen kam, war der Vorschlag, die Bilder ab und zu mal verrutschen zu lassen, wie so eine Irritation in der Wahrnehmung oder im Erzählfluss, wenn man sich verhaspelt, verstolpert und mal so rausgerissen wird. Das fand ich gut, obwohl ich vorher nie ein Freund davon war, wenn Bilder so angeschnitten werden und dann auf der nächsten Seite weitergehen. Aber in dem Ablauf ist das sehr passend.

MZ: Mir gefällt das vor allem gut, weil ich immer den Eindruck habe, dass oft in Fotobüchern, und dann eben auch im Ausstellungskontext, dazu geneigt wird, die Bilder so ein bisschen künstlich aufzublasen. Das heißt da wird dann ein großer Weißraum drum herum gebaut — und ich finde ehrlich gesagt, dass in dem Buch generell die Bilder auf eine sehr nahbare Art präsentiert sind — auf diesem offenen Papier, immer ganzseitig, usw. Und dann wird es eben noch einmal gebrochen durch diese Seitenbrüche, die du gerade beschrieben hast — das ist ja letztlich fast eher ein respektloser Umgang mit dem Material, keine Überhöhung, das ist ja eigentlich genau das Gegenteil. Wie auch der etwas klapprige Umschlag — das ist insgesamt eine stimmige Geschichte, das hat mir sehr gut gefallen, dass das nicht nur so einzelne Elemente sind, die da querschießen, sondern dass diese Idee dann auch mit der nötigen Konsequenz zu Ende geführt ist.

TK: Das Papier war ganz wichtig, das ist kein Bilderdruck-Papier und nicht gestrichen. Auf gestrichenem Papier stehen die Bilder besser, das haben wir ganz bewusst nicht gemacht, damit das eben näher und rauer ist, eher wie so ein Textbuch. Das war dann auch wirklich challenging, das zu drucken…

MZ: Würdest du das für dich in dieser Form als eine abgeschlossene Arbeit bezeichnen? Man legt ja seinen „Lifestyle“ nicht ab und du fotografierst ja wahrscheinlich so oder so ähnlich weiter.  Aber ist es für dich so auserzählt?

TK: Ich fotografiere hier nicht mehr so intensiv weiter. Auf jeden Fall gibt es Momente, wo ich dann trotzdem noch Bilder mache, von denen ich denke, dass die da reingehören. Aber dadurch, dass es jetzt das Buch gibt und die Ausstellung, ist das auf eine Art auch abgeschlossen. 

MZ: Und für die Ausstellung bleibst du bei dem vorhandenen Material, so wie es im Buch erschienen ist?

TK: Nee, ich glaube schon, dass da auch noch das eine oder andere Bild hängen wird, das da nicht drin ist. Weil das dann alles wieder einer anderen Logik folgt, da bin ich gerade mittendrin, und es ist wieder ganz schön aufreibend, ehrlich gesagt. 

Material #052

MZ: Das ist auch noch ein Thema, worauf ich dich ansprechen wollte, inwiefern sich der Prozeß zwischen Buch und Ausstellung unterscheidet? Ich nehme an, von der Präsentation her ist das mittlerweile anders geplant als das, was du vorhin von Paris erzählt hast?

TK: Die Idee hinter diesem Block und diesen relativ vielen Bildern, die gleich groß sind, war ein Versuch, das zu demokratisieren. Und dann auch über die Nachbarschaften der Bilder Bezüge zu konstruieren und beim Betrachter entstehen zu lassen. Die auch immer wieder anders waren, das hing nicht nur in Paris, sondern auch noch in München, Schwerin, in Rom und in Marseille. Und ich war immer da zum Aufbauen und habe die Bilder jedes Mal anders gehangen. Das war eine echt interessante Erfahrung, zu schauen, was passiert eigentlich, wenn ich jetzt dies neben das hänge? Aber ich glaube, die wenigsten Leute gucken sich das richtig an, weil es schon sehr massiv aussieht. Dieses blockartige, in seiner Vielheit. Ich glaube ich hab die Besucher damit zu sehr allein gelassen, das haben viele nicht verstanden. Und es ist jetzt schon die Entscheidung, da jetzt mehr vorzugeben.

MZ – Also das klarer zu strukturieren und weniger Bilder zu nehmen?

TK: Ja, weniger Bilder, und die Nachbarschaften nehmen natürlich ab, wenn ich keine Bilder da drüber und drunter und schräg drunter hänge. Da hast du ein Bild und dann drum rum nochmal 8 – das ist schon komplex, das überfordert manche. Ich finde es ein bisschen schade, denn in dem Moment wo man anfängt, das in Reihe zu hängen, wird es etwas gewöhnlicher. 

Material #008

MZ: Ich hab mir die Bilder auf der Robert-Morat-Webseite, die da jetzt schon als Teaser zu sehen sind, mal angeschaut, und fand auch diese Auswahl schon sehr interessant. Dieser Gummibaum, beispielsweise…

TK: Das ist eins meiner Lieblingsmotive!

MZ: Ich bleib da immer dran hängen…

TK: Die Demokratisierung über die wir sprachen, das hat auch immer etwas mit der Gleichwertigkeit der Ereignisse zu tun. Der Tag auf dem Land im Liegestuhl, wo man halt liest und nochmal baden geht, ist genauso bedeutend ist wie eine Reise nach New York. Das macht für mich keinen Unterschied, das ist alles gleichbedeutend.

MZ: Und sowas wie dieser Gummibaum, kannst du sagen was solche Bilder für dich ausmachen? Es gibt ja Bilder, die sind „obvious hits“, auch aus unterschiedlichsten Gründen, und das ist…

TK: Sowohl beim Fotografieren selbst, als auch jetzt, stehe ich da Kopf schüttelnd davor und hab, wie meistens, irgendwelche ambivalenten Gefühle, über die Schönheit der Dinge, in dem Fall so ein blöder Gummibaum, und gleichzeitig diese unmögliche Hässlichkeit der Welt. Wie die da so stehen auf diesem abgestorbenen Rasen und im Hintergrund so ein Parkplatz — das ist so ein komischer Unort. Das ist alles so sinnlos, das drückt das für mich aus. Trotzdem finde ich es total schön, wie der da seine Fühler ausstreckt.

MZ: Ich finde es total interessant, dass derartige Motive dann so einen gleichberechtigten Einzug finden und als Teil einer solchen Erzählung mit einfließen. Und da tatsächlich ihren Platz finden…

TK: Das ist genau das, was ich meine.

Das Buch „Material“ ist bereits erschienen und im Kerber Verlag erhältlich.

Die Ausstellung „Material“ eröffnet am 10.05.2019, 19 Uhr in der Robert Morat Galerie, 107 Linien Straße, 10115 Berlin und läuft bis zum 29.06.2019., Dienstag bis Samstag, 12 – 18 Uhr.

Weitere Informationen über Facebook oder Robert Morat Galerie

Tobias Kruse wurde 1979 in Mecklenburg geboren. Er studierte Fotografie bei Prof. Ute Mahler an der Ostkreuzschule für Fotografie und besuchte die Meisterklasse von Prof. Arno Fischer. Seit 2011 ist er Mitglied bei der Agentur OSTKREUZ. Seit 2017 unterrichtet er selbst an der Ostkreuzschule für Fotografie. Seine Arbeiten werden international ausgestellt und publiziert. Tobias Kruse lebt und arbeitet in Berlin.

Alle Bilder aus Material © Tobias Kruse

Portrait Tobias Kruse © Anne Schönharting/Ostkreuz