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Ein schönes Bild – Teil 1

»Wer professionell mit Bildern zu tun hat, sollte in der Lage sein, detailliert und dezidiert zu beschreiben, warum ein Bild gut ist. Ein Bild als schön zu charakterisieren, ist nur ganz am Anfang des Kurses erlaubt, denn eine der ersten Fragen, die in der Klasse Bildredaktion behandelt wird ist: Was macht ein gutes Bild und eine spannende, überzeugende Geschichte aus? Die Klasse lernt anhand eines Kriterienkatalogs Fotos zu analysieren und eine Terminologie zu benutzen, in der das Wort »schön« nicht vorkommt. Jede/r der Bildredakteur/-innen sollte ein Bild auswählen, das er/sie in dem vergangen Jahr »entdeckt« hat und begründen, warum ihm/ihr dieses Foto im Gedächtnis geblieben ist und es ihn/sie nachhaltig beeindruckt hat. Hier ihre gedankenvolle Auswahl der Bilder und ihre aufschlussreichen Texte.«
Nadja Masri, Leiterin der Klasse Bildredaktion

Aus der Serie The chosen family, Foto: Ksenia Les

Aus der Serie »The chosen family« von Ksenia Les. Ausgewählt von Anja Bäcker

Ein Jahr lang porträtierte die Fotografin die Familie Morozovy aus der Nähe von Kaliningrad, die insgesamt 13 Kinder adoptiert hat. Obwohl die Familie staatliche Unterstützung für die Kinder bekommt und günstig in einem ehemaligen Kindergarten wohnen darf, lebt die Familie an der Armutsgrenze. Es gibt strenge Regeln und die Kinder werden sehr autoritär erzogen. Dennoch haben sie ein Zuhause ohne große existentielle Sorgen. Die Kinder sind meist sich selbst überlassen, sie bekommen nur wenig Aufmerksamkeit und auch körperliche Nähe gibt es kaum. Trotzdem nennen die Kinder ihre Eltern »Mama« und »Papa« und sind stolz ein Teil dieser Familie zu sein.

Das Bild der Mutter umringt von vier Jungen, die sich an sie schmiegen und Nähe suchen, hat mich sehr berührt. Sie ist das Zentrum, an das sie sich klammern und das sie umkreisen. Sie bilden eine Einheit, verschmelzen miteinander und doch separiert sich die Mutter unter der dunkelblauen Decke, die ihr etwas Madonnenhaftes, Reines und Unnahbares verleiht. Sie umfängt die Kinder mit ihren Armen und wirkt dabei doch wie entrückt. Ihr Körper, groß und weich, liegt ausgestreckt auf dem Familiensofa. In der Alltäglichkeit des Momentes offenbart sich zur gleichen Zeit Zärtlichkeit wie Distanziertheit. 

Auf den zweiten Blick fällt auf, dass sie nicht direkt miteinander beschäftigt sind, sondern gemeinsam auf etwas blicken, was sich außerhalb des Bildes befindet – ein Fernseher. Die Jungen nutzen die Gelegenheit der Ruhe, um ihrer Mutter nahezukommen, Wärme zu spüren. Wie Schiffbrüchige in einem weiten Ozean voller Gefahren klammern sie sich an sie und finden Halt und Schutz. Das Bild zeigt für mich die tiefe Sehnsucht jedes Einzelnen nach Nähe und Gemeinschaft.

Aus der Serie #phonies, Foto: Dan Rubin

Aus der Serie »#phonies« von Dan Rubin. Ausgewählt von Annette Hempfling

Ich selfie, also bin ich

Man muß schon zweimal hinschauen, um das auf den ersten Blick als Selfie entschlüsselte Bild in seinen weiteren Ebenen zu durchdringen. Irritation und das Verlangen, dieser mit Fehlersuche beizukommen, lässt das Auge länger verweilen.

Sind wir doch durch den Selfie-Wahn von Social-Media-Süchtigen hinreichend mit Selbstporträts versorgt. »#phonies« nennt der UK Fotograf Dan Rubin seine Kreationen.

Ein im Würgegriff gehaltenes Porträt von Kim Kardashian, wie ein Abziehbild auf ein Smartphone geklebt, dahinter eine uns unbekannte Frau, die das Porträt erst durch ihren Umriss des Kopfes mit wehenden langen Haaren zum eigentlichen Bild macht. Aufgenommen auf einer belebten Straße im wirklichen London. Ob diese #phonies mit einem Smartphone oder einer Nur-Kamera aufgenommen sind und ob das hier zu sehende Foto durch eine Montage entstanden ist, bleibt ungeklärt. Mögen wir dem Fotografen glauben schenken, dass seine »Fakebilder« mit einem Smart#phonie aufgenommen sind. Die Bild-in-Bild-Gestaltungsmethode macht mit Hilfe der Promi-Selfies jeden Passanten für einen kurzen Augenblick zum Shooting Star. Ist es nicht das, was wir alle gerne wären? 

Hinter dem Drang zur Selbstdarstellung liegt das Bedürfnis, das eigene Dasein zu bestätigen – eine Spur des eigenen In-der-Welt-Seins zu hinterlassen. Wenn ein Bild uns innehalten lässt, über das eigene Sein zu reflektieren und ein Thema klug und visuell nach allen Regeln der Kunst zeigt, kann man von einem »schönen« Bild sprechen.

Aus der Serie ADAM, Foto: Aurel Salzer

Aus der Serie »ADAM« von Aurel Salzer. Ausgewählt von Josefine Lippmann

Aurel Salzer ist ein junger Schweizer Fotograf, der sich in seiner Serie »ADAM« intensiv mit Identitätsvorstellungen auch in Bezug zu seiner eigenen Vergangenheit auseinandergesetzt hat.

Laut einer Theorie des französischen Psychoanalytikers Jacques Lacan beginnt die Entwicklung des Ichs, nachdem sich das Kind im Spiegel zu erkennen beginnt. Dieses Selbsterkennen im Spiegel ist aber gleichzeitig auch ein Verkennen und der Beginn einer Entfremdung. Paradoxerweise macht es jedoch diese Distanz zu sich selbst überhaupt erst möglich, dass man einen Begriff von sich als Individuum hat. Später im Leben kann sich diese Erfahrung der Separiertheit in Gefühle der Isoliertheit umwandeln. Insbesondere dies versucht Aurel Salzer in der Serie »ADAM« darzustellen;  die Bilder werden so zur Projektionsfläche, die es ermöglichen soll, die eigene Position darin zu dekonstruieren.

Ein Junge steht starr vor einer Wand, um ihn ranken sich Blumen. Auf dem Kopf trägt er einen Motorradhelm. Als ich das Bild zum ersten Mal gesehen habe, wirkte der Junge auf mich sofort, als wäre er nicht von dieser Welt. Der Helm wurde für mich zum Raumfahrerhelm, die Kleidung zum Schutzanzug. Das Bild hat etwas Statisches und Verspieltes zugleich und friert künstlerisch einen verträumten, surrealen und intimen Moment ein. Es wirkt wie ein Sinnbild für diesen Abschnitt im Leben, in dem man sich selbst versucht zu finden und noch nicht so recht weiß: »Wohin mit mir?«

Aus der Serie Dairy, Foto: Prue Stent

Aus der Serie »Diary« von Prue Stent. Ausgewählt von Sara Walter

Das dumpfe Geräusch und der leichte Druck auf den Ohren, die Schwerelosigkeit und das Gefühl ganz für sich zu sein, all das verbindet man mit dem Tauchen unter Wasser. Mit unseren eingeschränkten Sinnen haben wir das Gefühl, die Welt um uns herum bliebe kurz stehen, bis man wieder auftaucht. Doch es ist kein bedrückendes Gefühl, sondern viel mehr befreiend, und genau das verkörpert dieses Foto von Prue Stent für mich, nämlich Freiheit. Es weckt in mir als Betrachter eine Sehnsucht nach genau dieser Unbeschwertheit und Leichtigkeit, die diese drei tauchenden Frauen ausstrahlen. Dabei wirkt es als würden die Frauen eine Symbiose mit sich als Gemeinschaft und dem Wasser, welches sie umgibt, bilden. Die rosa Farbe des Wasser unterstreicht hierbei ihre Weiblichkeit und lässt sie wie Töchter der Venus wirken. Sie werden in ihrer Nacktheit keineswegs bloßgestellt, sondern strahlen Würde und Selbstbewusstsein aus. Die beschriebenen emotionalen Ebenen in diesem Bild verknüpfen sich am Ende zu einem Gesamtwerk, welches die Natürlichkeit und Freiheit der Frau an sich aufzeigt.

The shapeshifter, Foto: Marilyn Minter

»The shapeshifter« von Marilyn Minter. Ausgewählt von Mayela Illi

Eine junge Frau umhüllt von Wasser, pastellfarben, was an ihr runter zu fließen scheint, ohne dass sie nass wird. Schärfe und Unschärfe wechseln sich vor allem wegen des Wassers ab, scheinen zu fließen. Auch ihr Blick scheint scharf und gleichzeitig unscharf zu sein, direkt zum Betrachter gerichtet durchbohrt er ihn mit Schärfe und gleichzeitig ist er sanft, verträumt, scheint in die Ferne zu blicken und ganz woanders zu sein. 

Das Bild ist inszeniert. Klar, die abgelichtete Frau ist eine der größten Performerinnen unserer Zeit, dennoch wirkt es in seiner Gesamtheit rein, intim, natürlich. Sie wirkt zerbrechlich, überhaupt nicht laut und schrill. Zwei Welten scheinen durch diese undurchsichtige Wand ineinander zu verschwimmen: Bühne und Realität. Ich selbst habe erst auf den dritten Blick erkannt, wer da zu sehen ist und das hat mich überrascht. Dieser fragile Blick, der mich durch diese bunte Flüssigkeit fast schüchtern trifft, löste eine nicht dagewesene Sympathie und ein unbekanntes Interesse aus. 

Entstanden ist das Foto zu einem Beitrag über einen neuen Film, in dem sie, Lady Gaga, wohl neue Seiten von sich zeigt.

Bandage the knife not the wound, Foto: Broomberg & Chanarin

»Bandage the knife not the wound« by Broomberg & Chanarin. Ausgewählt von Nuša Hernavs

Über eine Billion Bilder wurden im letzten Jahr weltweit erzeugt, hauptsächlich über die Sozialen Medien, zwecks Selbstvermarktung und -ausschlachtung, verbreitet. Seit nunmehr zwanzig Jahren befragen Broomberg und Chanarin in forensischer, paranoider Weise das Medium der Photographie nach seinen ursprünglichen Chiffren: der kulturellen, emotionalen, politischen und monetären Währung von Fotografien.

Für »Bandage the knife not the wound« reflektieren die Künstler ihr prekäres Verhältnis zu Raum und Zugehörigkeit ihrer Heimat (Südafrika), zur Photographie und einander, in Hinwendung zu jener Handvoll Fotografien, die ihnen von Bedeutung bleibt. Aus den eigenen Archiven, Unfälle und Missgeschicke einbezogen, erarbeiteten sie eine Serie von Montagen, ein visuelles Ping-Pong, erinnernd an die exquisite corpse der Surrealisten, nach der jedes Bild auf sein vorhergehendes antwortet. Die Ergebnisse druckten sie zu inkrementellen Ebenen auf Verpackungskartons für Fotopapiere. Zergliedert entlang der Faltungen und Perforierungen des vorgefertigten Materials, bilden die Werke ihren digitalen Ursprung ab: algorithmisch, entbehrlich und ferner denn je von einem, ihrem Original.

Für mich bedeutete ein »schönes« Bild zu finden, die Suche nach einer starken Fotografie, die etwas Bedeutendes zu der Zeit, in der wir leben, aussagt. Ich will die Betrachter zur Neugier anregen und nach ihrem visuellem Gedächtnis befragen. Ein »schönes« Bild ist für mich ein Foto, das aus der Kakophonie der visuellen Materialien heraussticht. Im Idealfall fragt man sich, was bedeutet ein Bild im kulturellen Sinne und welche Rolle spielt es in unserem Leben?

Immer wenn ich mir die Arbeiten von Broomberg und Chanarin ansehe, frage ich mich nach deren zugrundeliegenden Ideen. Bedeutung und Verantwortung von Fotografie in unserer Gesellschaft sind die grundlegenden Auseinandersetzungen der beiden als Künstler. So treten durch das Medium der Fotografie soziologisch-profunde Fragestellungen zutage.