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Nahaufnahme

In der Rubrik Nahaufnahme sprechen Fotografen/-innen und Dozenten/-innen der Ostkreuzschule über Bilder, die ihnen besonders am Herzen liegen. Diesmal haben wir den Fotografen und OKS-Absolventen Sebastian Wells darum gebeten, uns einen Einblick in die Entstehung seines Fotos zu geben.

Zaatari, Jordanien, 21.08.2017:
Ein Imam verlässt eine provisorische Moschee im Flüchtlingslager Zaatari.

Es ist Freitag Mittag im August 2017. In der glühenden Mittagshitze diskutieren einige Männer in einer Moschee, im DIY-Style zusammengebastelt aus einigen Containern, recht wild durcheinander. Alle Wände sind mit Vorhängen und Teppichen verkleidet, um die Sonne und damit die Hitze so gut es geht auszusperren. Die Gruppe ist erbost, erklärt mir mein Übersetzer Ihab, sie bekämen zu wenig Unterstützung für ihre Moschee und auch die allgemeine Situation sei schwierig, es fehle wie immer am Nötigsten, vor allem Wasser und Medizin.

Ich befinde mich im Flüchtlingslager Zaatari, irgendwo in der jordanischen Wüste im Regierungsbezirk Al-Mafraq im Norden des Landes. Keine 20 Kilometer läuft man bis zur syrischen Grenze. 2012, kurz nach Beginn des Krieges, wurde Zaatari in Windeseile aus dem Boden gestampft. In wenigen Monaten wurden Geröll, Sand und Staub massenhaft zunächst mit Zelten, später mit Containern versehen. Das Camp ist der Lebensmittelpunkt von nach wie vor etwa 80.000 Geflüchteten aus Syrien, gleicht einem Zwischending aus Logistikzentrum und Slum.

Das Bild entstand in Rahmen meines Abschlussprojekts »Utopia« über Flüchtlingslager. Jordanien war meine erste Station, sechs weitere Länder sollten folgen. Der Mann im Bild ist der Imam der Moschee. Es zeigt ihn im Moment nach dem Freitagsgebet, als er die Moschee verlässt, um durch die Sonnenglut zu seinem Container zu gehen, vielleicht auch zum Markt oder der langen Warteschlange vor den Gebäuden der Lagerleitung. Er schaut kurz zu mir, sezierend und hilflos zugleich, und tritt ins gleißend helle Licht, vom Schwarzen ins Weiße. Unser Sehnsuchtsort ist grau.

Sebastian Wells, geboren 1996 in Königs Wusterhausen, lebt und arbeitet als freier Fotograf in Berlin. Mit gerade mal 15 Jahren startete er seine fotografische Karriere mit Aufnahmen lokaler Sportveranstaltungen. Seit her hat er einige Preise gewonnen und arbeitet neben zahlreichen Veröffentlichungen auch an eigenen dokumentarischen Projekten. Von 2015- 2018 studierte er an der Ostkreuzschule für Fotografie, die er mit seinem fortlaufenden Projekt Utopia abschloss. Seit Anfang 2019 ist Sebastian Wells nun Mitglied bei der Agentur Ostkreuz.