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Nahaufnahme

In der Rubrik Nahaufnahme sprechen Fotografen/-innen und Dozenten/-innen der Ostkreuzschule über Bilder, die ihnen besonders am Herzen liegen. Diesmal haben wir die Fotografin und OKS-Absolventin Stéphanie Bonn darum gebeten, uns einen Einblick in die Entstehung ihres Fotos zu geben.

Foto: Stéphanie Bonn

Das Bild vor dem Bild.

In diesem Jahr hatte ich durch eine Freundin die Möglichkeit, Yesim zu begleiten und Momente in ihrem Leben rund um ihren schwerstkranken Sohn Eren festzuhalten.

An diesem Tag wollte ich analog fotografieren. Später beim Entwickeln entdeckte ich dieses Bild, es war mir nicht mehr bewusst, dass ich die Situation so fotografiert hatte. Hier sollte Eren auf dem Sofa fotografiert werden und ich wartete gerade bis die Eltern ihn platziert hatten.

Ich war überrascht und fasziniert, offenbarte es doch in beinahe schmerzvoller Intensität die Situation der großen Schwester Iremnur. Sie ist immer da, ist als Erste nun immer die Zweite.

Alles – und zwar 24 Stunden also rund um die Uhr – dreht sich um Eren, der absolut in allem hilfebedürftig ist. Das Leben der Mutter dreht sich vollständig um das kranke, bedürftige Kind. Für sich selbst oder gar für Iremnur, ihre Tochter, bleibt fast kein Raum, keine Kraft.

Iremnur ist da, wie immer dagewesen, die frühen Jahre nur mit ihr sind verblasst vor der unendlichen sorgenvollen Zeit seit Eren da ist.

Sie liebt ihren Bruder. Sie muss stark sein. Sie ist stark. Immer. Noch.

Der Schmerz in ihrem kleinen Gesicht ist ein Schrei nach Liebe und Zuwendung.

Das Bild ist ein Glücksfall des Unkomponierbaren.

Stéphanie Bonn, geboren 1971, ist in Südfrankreich aufgewachsen und lebt seit über 20 Jahren in Berlin. Sie studierte in Frankreich, Deutschland und England Angewandte Sprachwissenschaften. Die Ostkreuzschule für Fotografie (Klasse Ute Mahler) schloss sie 2015  ab. Derzeit arbeitet sie an einer Serie zu verschiedenen familiären Lebensformen.