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OKS-lab fragt…

In der Serie »OKS-lab fragt…« beantworten Dozenten, Fotografen, Macher und Absolventen im Rahmen der Ostkreuzschule für Fotografie Fragen zu ihrer Arbeit, ihrer Beziehung zur Fotografie und Lebensart.

Ein Gespräch mit: Michael Obert – Autor, Journalist, Filmemacher und Dozent für die Schreibwerkstatt an der Ostkreuzschule.

Michael Obert im Kongo, Foto: Matthias Ziegler

Menschen und Dinge in Bewegung bringen

Michael Obert ist breit aufgestellt. Als Auslandsjournalist mit Schwerpunkt Afrika und Naher Osten, als Buchautor, Filmemacher, Dozent, Coach und Gründer einer Akademie. Als Autodidakt hat er sich einen Namen in der Branche gemacht und wurde mit mehreren Preisen ausgezeichnet. Was das Erfreuliche dabei ist, das habe ich selbst erlebt. Der Erfolg ist ihm nicht zu Kopf gestiegen. Ich war für einen Tag seine Schülerin in der Bildredaktionsklasse und habe mich mit ihm für dieses Interview in einem Straßencafé in Kreuzberg getroffen. Getrunken haben wir beide ein Glas selbstgemachte Limonade.

OKS-lab: Als junger Mensch sucht man Vorbilder, die einem Mut machen. Du könntest eines sein. Verrate uns dein Rezept!

Michael Obert: Ich vertraue meiner Intuition und folge meiner Begeisterung. Am Anfang steht die Begeisterung. Der persönliche Erfolg, den jeder für sich unterschiedlich definiert, stellt sich dann irgendwann automatisch ein.

Schön, wenn es so einfach wäre. Die Begeisterung muss auch erst mal gefunden werden. Du kommst ja auch nicht von Anfang an aus der Welt des Schreibens. Du hast im Alter von 27 deine erste Karriere als erfolgreicher BWLer mit Schwerpunkt Marketing in Paris aufgegeben. Anscheinend war die Begeisterung irgendwann zu Ende.

Es hat sich alles sinnlos angefühlt und habe mich innerlich trotz allem materiellen Erfolgs total leer gefühlt. Ich bin meinem Bauchgefühl gefolgt, habe gekündigt und bin mit dem Rucksack zwei Jahre alleine durch Lateinamerika gereist. Um herauszufinden, wer bin ich und was ich damals wirklich wollte. Ich bereiste Guatemala, Kolumbien, El Salvador nach dem Bürgerkrieg und Peru zu Zeiten des Leuchtenden Pfades. Ich habe für längere Zeit mit indigenen Völkern am Amazonas und in den Anden gelebt. (Meine Intuition hat mich von Anfang an geleitet.)

Erst reisen dann schreiben – kann man schreiben lernen? Als Autodidakt musstest du dir die Kritik anhören: »Schulaufsätze drucken wir nicht.«

Während des Reisens habe ich meine Liebe zu Menschen und deren Geschichten entdeckt. Da ich allein reiste, war das Schreiben der einzige Weg meine Begegnungen und Eindrücke festzuhalten, am Anfang mit tagebuchartigen Notizen und Erzählungen. »Ich schreibe also bin ich. »Dokumentieren ist sich selbst vergegenwärtigen« – das trifft nach Roland Barthes nicht nur auf das Fotografieren zu. »Ich fotografiere es, also existiert es« Meine Schreibschule war mein jahrelanges Umherschweifen. Ich habe dann meinen Jugendtraum umgesetzt und mich zum Auslandsjournalisten erklärt. Das war vor mehr als zwei Jahrzehnten. In der Medienwelt gelte ich bis heute eher als Außenseiter.

Was hältst du davon, wenn Fotografen schreiben und Journalisten fotografieren?

Das kann in beiden Richtungen sehr gut funktionieren. Es kommt allerdings auf die Komplexität des Themas an. In den ersten 10 Jahren hab ich als Autor und Fotograf gearbeitet. Je investigativer meine Themen wurden – Migrationsrouten, Menschenhandel, Folter, Terrorismus, organisiertes Verbrechen – je krisenhafter die Recherchegebiete, desto schwieriger war es, Text und Bild unter einen Hut zu kriegen. In Momenten, in denen etwas Wichtiges für die Geschichte passierte, kam ich immer öfter in den Konflikt: Aufschreiben oder Fotografieren. Im Zweifel entschied ich mich für das Bild. Aber dieses innere Hin und Her war nicht gut für meine Bilder. Ein investigatives Thema in einem Krisengebiet richtig gut zu fotografieren, ist ein Fulltime-Job. Beides ging am Ende für mich nicht. Ich entschied mich für den Text. Unter schwierigsten Bedingungen vor Ort will ich mich voll und ganz auf mein Recherchematerial konzentrieren.

Du schlägst einer Redaktion das Thema vor und schlägst selbst den Fotografen (jemanden, der ein Gefühl fotografiert) vor. Was für eine Rolle spielt für dich ein guter Bildredakteur?

Es gibt zwei Möglichkeiten aus einem Edit eine spannende Geschichte zu machen: Die Bildredaktion liest zuerst den Text und zieht sich aus dem angebotenen Bildmaterial die Personen und die Orte, die in der Geschichte vorkommen. Nicht sehr mutig, nicht mein Favorit. Deutlich vielversprechender: Den Text erst mal außen vor lassen und die stärksten Bilder auswählen. Da wird ein viel spannenderes, poetisches Storytelling herauskommen. Erst die Befreiung der Bildebenen vom Text schafft die Chance für ein Gesamtkunstwerk mit hoher innerer Spannung, Originalität und Dramaturgie. So können Bild und Text sich ergänzende Räume der Story öffnen und erkunden.

Was ist Deine aktuelle Herzensangelegenheit?

Ende 2016 habe ich die Reporter Akademie in Berlin mit einer Meisterklasse Reportage gegründet, sozusagen mein Baby. In Zeiten von gesellschaftlichem Rechtsruck, Fake News und Medienpopulismus brauchen wir sehr gut ausgebildete Journalisten. Mein Anliegen ist es, an der Akademie meine Erfahrungen und über Jahrzehnte entwickelten Werkzeuge und Kniffe weiterzugeben. An schönen Orten in Berlin vermittle ich Nachwuchsjournalisten in praxisorientierten Workshops alles, was sie für das Genre der Reportage im Qualitätsjournalismus brauchen. Auch immer mehr Fotografinnen und Fotografen sind dabei. Einige wollen selbst mehr schreiben und kommen in die Masterclass. Andere belegen den Workshop »Auslandsreporter/in«, in dem sie lernen, wie sie ihre Jobs im Ausland professionell vorbereiten, damit sie exzellentes Material mitbringen. Mit diesen Fragen sitzen Autoren und Fotografen im selben Boot: Wie finde ich den richtigen Fixer? Wie überwinde ich interkulturelle Barrieren? Wie sorge ich vor Ort für Action? Wie komme ich wieder gesund aus einem Krisengebiet zurück?

Bei aller Vorbereitung und Planung ist die Realität vor Ort dann doch ganz anders als die Erwartung. Bei der Recherche für die Reportage »Die Menschenfänger« für das SZ Magazin kam es in Libyen zu einem dramatischen Vorfall.

Auf einem Schiff der Libyschen Küstenwache sind der Fotograf Moises Saman, unser Fixer und ich nachts weit draußen auf dem Mittelmeer auf ein Schlauchboot mit Flüchtlingen gestoßen. Erst im letzten Moment bemerkten wir ein Schnellboot von Schleusern. Sie haben mit Raketenwerfen und schweren Maschinengewehren sofort das Feuer auf uns eröffnet. Sehr viele Menschen sind in dieser Nacht gestorben. Wir haben überlebt, aber es war knapp.

Hast du unterwegs oft Angst?

Ohne Angst hätten Menschen, die in Krisengebieten arbeiten, keine große Überlebenschance. Angst ist ein gesunder Impuls und Instinkt. Wenn sie sich meldet, höre ich auf sie.

Was kannst du zukünftigen Geschichtenmachern empfehlen?

Die eigene Begeisterung und Leidenschaft zum Kern ihrer Arbeit zu machen. Herzblut, Berufung, Vision – Menschen und Dinge in Bewegung bringen. Dann wird das Geschichtenerzählen zum schönsten Beruf der Welt.

Michael vielen Dank für das Gespräch.

Für zukünftige Fotografen könnte folgender Workshop interessant sein:
»Gut leben als freier Journalist und Fotograf« 

Michael Obert, 1966 in Breisach am Rhein geboren ist Journalist und Buchautor. Bekannt wurde er durch seinen Bestseller Regenzauber, in dem er seine siebenmonatige Reise von der Quelle bis zur Mündung des Niger in Westafrika beschreibt. Sein Regiedebüt Song from the Forest (2013) wurde mit mehreren internationalen Dokumentarfilmpreisen ausgezeichnet und schaffte es 2016 in die Vorauswahl für die Oscars. Seine vielfach ausgezeichneten Reportagen sind unter anderem erschienen in Süddeutsche Zeitung Magazin, Zeitmagazin, Die Zeit, GEO, Greenpeace Magazin und Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung. 2017 gründete Michael Obert die Reporter-Akademie Berlin. Er ist ausgebildeter Coach und interkultureller Trainer für die Entsendung in Krisen- und Kriegsgebiete. Lebt in Berlin-Kreuzberg.