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OKS-lab fragt…

In der Serie «OKS-lab fragt …» beantworten Dozenten, Fotografen, Macher und Absolventen der Ostkreuzschule Fragen zu ihrer Arbeit, ihrer Beziehung zur Fotografie und Lebensart.

Ein Gespräch mit:

Fabian Weiss, Fotograf, Mitglied der Bildagentur „laif“ und Gewinner des CNN Journalist Awards über seine Arbeit als Künstlerischer Leiter für das  Magazin „Hello“ mit dem Titel „Mach neu!“

Die Bildredaktionsklasse 2017/18 der Ostkreuzschule für Fotografie hatte letztes Jahr die Gelegenheit sich mit einer historischen Bildrecherche an dem Magazin Hello zu beteiligen. Die Ausgabe Mach neu! beschäftigte sich mit dem Berliner Bezirk Hellersdorf, wofür auch auch historische Fotografien gezeigt werden sollten. Die weiteren Teile des Magazins entstanden im Rahmen eines Workshops innerhalb einer Woche unter der Leitung von Fabian Weiss gemeinsam mit der lokalen Bevölkerung.

OKS-lab: Kannst Du kurz erzählen, wie es zu dem Projekt kam?

Fabian Weiss: Das Projekt entstand durch eine langjährige Kooperation von meinem Verein FROH! mit dem Redaktionsbüro DIE BRÜDER. Wir arbeiten seit mehreren Jahren zusammen bei der Konferenz der unabhängigen Magazine in Hamburg (IndieCon) und realisieren gemeinsam einen einwöchigen Magazin-Workshop. DIE BRÜDER hatten zuvor schon ein Projekt für das Quartiersmanagement Hellersdorf gemacht und so kam die Idee, auch dort einen Workshop anzubieten, der Bewohner jeden Alters des Viertels mit einbezieht.

Kannst Du Deinen Aufgabenbereich der Künstlerischen Leitung des Magazins genauer beschreiben? 

Wir von FROH!​ gestalten unsere Workshops meist im Team, sodass die Kompetenzen fließend sind und oft verschwimmen. Jedoch bringe ich natürlich meine Erfahrung aus dem Bereich der Fotografie stark ein und kümmere mich deshalb meist um die Handhabung und das Briefing der visuellen Geschichten. Bei Mach neu! in Hellersdorf war dies zum einen die Arbeit mit schon vorhandenem Archivmaterial der TeilnehmerInnen als auch die Recherche von Bildern zu Texten im historischen Kontext und das Briefing und die Beratung der FotografInnen zu neuen Geschichten.

Wie habt Ihr die weiteren, verschiedenen Mitwirkenden gefunden und zusammengestellt?

​Die Mitwirkenden haben ​sich etwas anders zusammengefunden als bei den meisten unserer Workshops. Normalerweise haben wir einen öffentlichen Call oder kooperieren mit Hochschulen und erreichen somit ein eher homogenes und junges Teilnehmerfeld mit akademischem Hintergrund. In Hellersdorf mussten wir uns stark auf unsere Partner vor Ort verlassen und auch spontaner auf verschiedene Bedürfnisse und Zeitfenster durch Arbeitstätigkeiten oder sonstige Verpflichtungen reagieren. Aber zusammen mit Alumnis vorangegangener Workshops und einem partizipativen Konzept haben wir, glaube ich, eine gute Mischung geschaffen und konnten auch flexibel auf die verschiedenen Altersgruppen und Bedürfnisse eingehen.

Weshalb waren Euch auch historische Bilder wichtig?

Ein Bezirk wie Hellersdorf lebt von seiner Geschichte​, denn als letzte Platte der DDR ist der Bezirk in einer Zeit und an einem Ort entstanden, wo stark an den Grundgerüsten und Überzeugungen der Gesellschaft gearbeitet wurde. Um diesem Umstand gerecht zu werden, war es uns auch wichtig zu zeigen, woher dieser Bezirk kommt, um zu verstehen, in welchem Zustand er sich heute befindet.

Was macht Hellersdorf für dich aus?

Im diesem Prozess hatte ich das Glück, Hellersdorf aus einem sehr direkten Blickwinkel sehen zu können und auch einen tieferen Einblick in das Quartier zu bekommen. Hellersdorf ist für mich nach diesem Workshop auf jeden Fall mehr geworden als die Vorurteile von hässlicher Platte und billigem Wohnraum. Es ist ein Ort, der in einem Schwebezustand verharrt zwischen Vergangenheit und Neuzeit, zwischen DDR und BRD, zwischen Berlin und Brandenburg, zwischen Natur und Beton, und auch zwischen Isolation und Zusammengehörigkeit. So richtig kann sich das Quartier nicht entscheiden. Modernisierungsversuche wie die Internationale Gartenschau werden zwiegespalten aufgenommen und das Zusammenleben schwankt zwischen Einsamkeit und absoluter Zusammengehörigkeit in aktiven Gruppen und Projekten.

Wer hat die Bilder für das Magazin editiert?

Das Editieren der Bilder entsteht meist gemeinsam mit dem Fotografen oder der Fotografin. Für mich in der Rolle des Bildredakteurs ist es immer wichtig, die Hintergründe und Ideen der Fotografen mit einzubeziehen und aus einer großen Auswahl eine stringente Strecke zu editieren.

Wie kam es zu der Zusammenarbeit mit der Ostkreuzschule für Fotografie?

Durch meinen langjährigen Kontakt mit Nadja Masri wusste ich um die Bildredaktionsklasse der Ostkreuzschule und deren Offenheit für verschiedene Projekte. ​Da die Klasse selbst in Berlin sitzt, fand ich es eine passende Ergänzung zu einem Workshop, der sich von Grund auf mit Berlin und der Geschichte der Stadt beschäftigt.

Woran arbeitest Du aktuell?

​Einige größere Fotoprojekte halten mich zur Zeit auf Trab. Ich arbeite an mehreren Langzeit-Beobachtungen über die Gesellschaft und Geschichte in Estland und Österreich und ebenso an einer Publikation zu meinem Langzeitprojekt Dreamland über Migration innerhalb der Europäischen Union. Daneben bin ich mit dem Verein FROH! sehr aktiv und arbeite hier an einem Buchprojekt mit dem Titel ‚Tbilisi – Archive of Transition‘, das zur Buchmesse 2018 erscheinen wird. Als Herausgeber habe ich hier zusammen mit einem internationalen Team Positionen zum sozialen, politischen und architektonischen Wandel der georgischen Hauptstadt gesammelt – mithilfe ganz unterschiedlicher Materialien von Zeichnungen und Fotografien über Essays und andere künstlerische Herangehensweisen.

Vielen Dank für das Interview, Fabian!

 

Fabian Weiss (geb. 1986) ist freier Fotograf, Kameramann und visueller Geschichtenerzähler und arbeitet vorwiegend in Österreich, Osteuropa und weiter östlich. In seinen Fotostrecken erforscht er kulturelle und persönliche Veränderungen unserer turbulenten Zeit. Fabian ist Mitglied der Bildagentur laif und des Vereins FROH!, der innovative Projekte im Bereich des partizipativen Journalismus entwickelt. Seine Fotografien wurden mit einigen der renommiertesten Preise ausgezeichnet, darunter der CNN Journalist Award, der BFF Förderpreis und der Deutsche Fotobuchpreis. Ebenso wurden seine Projekte in vielen Solo- und Gruppenausstellungen in ganz Europa ausgestellt.