Facebook

Ein schönes Bild – Teil 1

„Wer professionell mit Bildern zu tun hat, sollte in der Lage sein, detailliert und dezidiert zu beschreiben, warum ein Bild gut ist. Ein Bild als schön zu charakterisieren, ist nur ganz am Anfang des Kurses erlaubt, denn eine der ersten Fragen, die in der Klasse Bildredaktion behandelt wird ist: Was macht ein gutes Bild und eine spannende, überzeugende Geschichte aus? Die Klasse lernt anhand eines Kriterienkatalogs Fotos zu analysieren und eine Terminologie zu benutzen, in der das Wort “schön” nicht vorkommt. Jede/r der Bildredakteur/-innen sollte ein Bild auswählen, das er/sie in dem vergangen Jahr “entdeckt” hat und begründen, warum ihm/ihr dieses Foto im Gedächtnis geblieben ist und es ihn/sie nachhaltig beeindruckt hat. Hier ihre gedankenvolle Auswahl der Bilder und ihre aufschlussreichen Texte.“
Nadja Masri, Leiterin der Klasse Bildredaktion

Foto: Benjamin Rasmussen for Time Magazine

Eine Reportage von Benjamin Rasmussen für Time. Ausgewählt von Jana Voigt.

Trotz der verankerten Tradition der Fotografie Vorhandenes oder Gesehenes realistisch abzubilden und darzustellen, ist ihr Ergebnis, das Bild, stets uneindeutig: ein Bild letztendlich lebt von Abstraktion und Interpretation. Das Wechselspiel zwischen dem scheinbaren Erkenntnisgewinn einer abbildenden Fotografie und ihrem uneindeutigen Bild interessiert mich.

Die Fotografie von Benjamin Rasmussen fasziniert mich, weil es dieses Wechselspiel eindeutig bedient. In den letzten Monaten hat man kaum einen anderen Mann öfter abgebildet gesehen als Donald Trump. Seine Gestalt hat sich nahezu in unsere Augen eingebrannt. Dieses Bild ist jedoch anders. Trump ist dem Fotografen und dem Betrachter mit dem Rücken zugewandt. Die statische Figur von Donald Trump wirkt puppenartig und unecht. Seine Augen bleiben mir verborgen. Seine Mimik erkenne ich lediglich durch die leichte Spiegelung am glatten Holz. Sie ist für mich der menschlichste Hinweis in diesem Bild. Benjamin Rasmussen schafft dadurch eine irritierende Stimmung, die ich unter anderem aus den Filmen von David Lynch kenne: Surreal, beklemmend und kurz vor dem Moment, dass etwas Schlimmes passiert. Es wird unheimlich und düster. So düster wie der Gedanke, dass Donald Trump derzeit einer der mächtigsten Menschen der Welt ist.

Foto: Ksenia Kuleshova

Aus der Serie ABKHAZIA von Ksenia Kuleshova. Ausgewählt von Lena Sikorski.

Das Bild von Ksenia Kuleshova hat mich beim ersten Betrachten zum Schmunzeln gebracht. Die Kartoffeln scheinen das Zimmer zu überschwemmen. Sind sie vielleicht durch das Fenster geschüttet worden? Mit diesem subtilen Humor steige ich in das Lesen des Bildes ein. Die große Ruhe und Stille, die von dem Bild ausgeht und die ich förmlich spüren kann, lässt mir Zeit, mich dem Rätsel des Bildes langsam zu nähern. Das Zimmer wirkt wie aus der Zeit gefallen. Die Einrichtung ist einfach und irgendwie anachronistisch, was mich vermuten lässt, dass wir uns in einem osteuropäischen Land, in einer ländlichen Region befinden. Es ist keine Küche, denn der Raum sieht nicht so aus, als ob er täglich genutzt wird.

Sowohl kompositorisch, als auch inhaltlich liegt der Mittelpunkt in der hinteren, linken Ecke des Bildes. Die provisorisch zurück geklemmte Gardine leitet den Blick in diese Richtung. Ich, als Betrachterin, stehe selber in den Kartoffeln und blicke ohne Umschweife in diese Ecke. Erst dann gucke ich nach rechts und links und sehe leere Gläser, die auf einer Anrichte stehen. Auf dem geschlossenen Herd stehen Schüsseln und Töpfe. Ich komme zu dem Schluss, dass es sich um einen ungenutzten Raum handelt, der wahrscheinlich als Lagerraum dient.

Für mich ist dieses Bild ein Stillleben, welches bei längerem Betrachten eine große Entfaltungskraft besitzt. Die Auflösung ist am Ende sehr simpel wie unspektakulär: Der Raum ist in einem Haus, in Eshera, Abchasien, zufällig von der Fotografin beim Besichtigen des Hauses entdeckt und fotografiert worden. Die Kartoffeln werden auf dem Boden gelagert, damit sie trocken bleiben.

Foto: Daniel Castro Garcia

Aus der Serie I Peri N’Tera von Daniel Castro Garcia. Ausgewählt von Magnus Pölcher.

Als ich dieses Porträt zuerst sah, war ich irritiert und neugierig zugleich. Wer ist dieser Typ, wieso guckt er mich so an und was bedeutet der rote Tüll um seinen Kopf? Der Protagonist heißt Madia, ist 28 Jahre alt und kommt aus dem Senegal. Das Bild ist in Sizilien entstanden, nachdem er auf der Flucht Augenzeuge wurde, wie seinem besten Freund Sana von Menschenhändlern in den Kopf geschossen wurde. Gemeinsam mit dem britischen Fotografen Daniel Castro Garcia wollte er diese Augenzeugenschaft mit dem Betrachter seines Porträts teilen. Seit Mai 2015 begleitet Garcia mit seinem Projekt Foreigner Menschen, die nach ihrer Flucht vor Krieg und Verfolgung versuchen, in einem fremden Land Fuss zu fassen. Dabei füllt Garcia eine riesige Leerstelle in den medialen Zerrbildern der ‚Flüchtlingskrise’: unabhängig von ihrem gegenwärtigen Status als ‚Flüchtling’ geben seine Bilder den Personen, die er porträtiert, ihre Identität zurück, zeigen Menschenleben, komplexe Persönlichkeiten. Seine Arbeit wird dadurch im besten Sinne zu humanistischer Fotografie mit menschlichem Antlitz.

Foto: Emile Ducke

Aus der Serie Diagnosis von Emile Ducke. Ausgewählt von Miriam Klingl.

Eine Fotografie, die wie aus der Zeit gefallen scheint. Ein Moment, der so wirkt, als ob er fernab unserer Zeit und Realität angesiedelt sei, und der gerade deshalb den Betrachter fesselt. Man fragt sich, wohin das Mädchen blickt und wohin es fahren wird – man will verstehen, was vor sich geht. Wir halten inne und unsere laute Umwelt verblasst.

Die kinematographische und surrealistische Wirkung des Bildes lädt dazu ein, eine Geschichte zu spinnen. Diese Geschichte bahnt sich einen Weg in unsere Realität, unbewusst und ungewollt löst sie Emotionen aus – Verunsicherung, Ängstlichkeit und Angespanntheit. Dies scheint auch der Blick des Mädchens zu zeigen, das gedankenverloren und unsicher, fast schon resigniert aus dem Fenster blickt.

Das Bild stammt aus der Serie „Diagnosis“ des 23-jährigen Fotografen Emilie Ducke, der fast ein ganzes Jahr lang an dieser Strecke gearbeitet hat. Mit seiner ganz eigenen ruhigen und zurückgenommenen Bildsprache erzählt er die Geschichte des Krankenhauszugs „Heiliger Lukas“ in Sibirien, der die medizinische Versorgung auch  in den abgelegensten Orten dieses weiten und unwirtlichen Landes sichert. Ein gutes Foto bleibt in unserem Gedächtnis hängen und gibt Einblick in Welten, die uns ansonsten verschlossen blieben. Es macht neugierig und erschließt sich nicht sofort – es lässt den Betrachter fragend zurück und bewirkt subtil, sich mit ernsten und wichtigen Themen auseinanderzusetzen. Das Foto von Emilie Ducke bringt mich dazu, mich damit zu beschäftigen, was in einer Region geschieht, die wie eingefroren in der Zeit wirkt, seit die Sowjetunion zerfiel und die Blütezeit Sibiriens endete – eine Region, die aus der Zeit gefallen zu sein scheint.

Foto: Aleksey Kondratyev

Aus der Serie Ice Fishers von Aleksey Kondratyev. Ausgewählt von Nina Straßgütl.

Zu erkennen sind in Plastik umhüllte menschliche Umrisse mitten im Nirgendwo. Durch die verschneite Umgebung ist keine Orientierung möglich und es entsteht ein Gefühl der Isolation, Verlorenheit und des Ausgeliefertseins aus dem es kein Entkommen gibt.

Durch die Zentralperspektive und die Leere um den Menschen herum, wird der Blick des Betrachters zum Bildmittelpunkt auf die Person gelenkt. Die Helligkeit und der geringe Kontrast lassen die Szenerie traumartig und beinahe unwirklich erscheinen. Eine Hand, die sich gegen die Folie drückt, wirkt als wäre sie ein zaghafter Versuch mit der Außenwelt in Kontakt zu treten.

Die Natur ist übermächtig stark, grausam und zugleich rein, unendlich und still. Ein Gefühl des Erstickens breitet sich aus. Aber ist es kein Kampf gegen die Natur. Im Gegenteil: es ist ein Leben von Ihr. Und es geht bei dem Geschehen tatsächlich um das Atmen.

Der Fotograf Aleksey Kondratyev zeigt die Überreste der einst nomadischen Lebensform der Fischer. Durch Schutzhüllen, zusammengeflickt aus den Überresten des modernen Konsums, versuchen sie der unmenschlichen Kälte zu trotzen. Ihr warmer Atem und ihre Körperwärme sammelt sich in den improvisierten Zelten. Zusammen mit den unscharfen Umrissen des Fischers und seiner Werkzeuge wirkt sie ästhetisch und gespenstisch zugleich.

Aber die Aufnahme zeigt nicht nur auf ästhetische Weise einen Fischer im Plastiksack, sondern erzählt gleichzeitig auf subtile Weise vom Effekt globaler Einflüsse auf uralte, lokale Traditionen. Die Improvisation des Fischers, die für ihn aus einem wirtschaftlichen Zwang heraus entsteht, ist eigentlich ein Abfallprodukt postmoderner Hysterie und krankhaften Konsums.

Mit diesem Wissen sieht die Figur nun eher meditativ, zurückgezogen und bei sich aus. Kondratyev gelingt es, durch seine statischen Aufnahmen den Fischern und ihrer aussterbenden Tradition ein Monument zu setzen.

Foto: Mimi Cherono Ng’ok

Eine Arbeit von Mimi Cherono Ng’ok. Ausgewählt von Sebastian Stamatopoulos.

Seitdem ich das Bild von Mimi Cherono Ng`ok entdeckte, lässt es mich nicht mehr los. Der geschmückte Schimmel steht im Bildvordergrund und ist bis zum Beinansatz zu sehen. Sein zur Seite geneigter Kopf scheint am prägnantesten. Im Hintergrund sehe ich das Meer, Strand und Himmel. Dieses Pferdeportrait fasziniert und berührt mich.

Ich führe die Faszination auf das mystische, fast geisterhafte Aussehen des Pferdes zurück. Einerseits ist es nur ein Pferd, auf mich wirkt es jedoch als wäre da vielmehr als nur ein Pferd. Ich sehe in ihm eine alte Seele und assoziiere griechische Mythen, es erinnert mich an Pegasos, das dem Meer entstieg. Ähnlich wie das geflügelte Pferd aus der Mythologie wirkt das Pferd auf dem Foto stark, schön und doch unnahbar und ein bisschen unheimlich.

So wie es fotografiert wurde, ist es möglicherweise aus einem größeren Kontext gerissen, vermeintlich raum- und zeitlos. Ich beginne mich zu fragen, was um das Pferd herum passiert. Wofür ist es so festlich geschmückt? Wo ist sein Reiter? Gibt es überhaupt einen?

Das Bild spiegelt für mich den Kontrast zwischen der ursprünglichen Wildheit des Pferdes und seiner Domestizierung wieder und erzeugt eine Spannung. Durch die zusätzlichen Informationen, wie beispielsweise den Aufnahmeort, entstehen bei mir Bilder des Kontextes und der Umgebung im Kopf. Ich sehe dann einen bevölkerten Strand in Accra, Ghana mit wildem und buntem Treiben.

Schnell merke ich, dass ich das nicht möchte, ich nähere mich dem Pferd allein – nur das Pferd steht für mich im Vordergrund. Ich blende alles aus und gehe vorsichtig und ehrfürchtig auf das Pferd zu.

Hier geht’s zu „Ein schönes Bild – Teil 2″