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OKS-lab fragt…

In der Serie «OKS-lab fragt …» beantworten Dozenten, Fotografen, Macher und Absolventen der Ostkreuzschule Fragen zu ihrer Arbeit, ihrer Beziehung zur Fotografie und Lebensart.

Ein Gespräch mit:

Elena Anosova, Fotografin, Gewinnerin des zweiten Platzes in der Kategorie Daily Life der World Press Photo Awards 2017 über ihre Serie »Out-of-the-way«.

Jedes Jahr werden in der Bildredaktionsklasse die Fotografien der Preisträger und Nominierten des World Press Awards besprochen. Am 12. April werden nun wieder die Gewinner des 2018 Photo Contest und 2018 Digital Storytelling Contest bekannt gegeben. Dies nehmen wir zum Anlass noch einmal auf eine Gewinnerin des letzten Jahres zurück zu blicken. In der Bildredaktionsklasse 2017/18 Klasse wurde sich darüber Gedanken gemacht, wie man Reportagen anders erzählen kann. Dabei stach die Serie Out-of-the-way von Elena Anasova besonders heraus. Beim Besuch des World Press Festivals in Amsterdam hatte oks-lab die Möglichkeit bei einem Vortrag der Fotografin dabei zu sein und konnte sie für ein Interview gewinnen.

OKS-lab: Elena, vor dem Interview hast Du mir gesagt, dass es mit Deinen Antworten vielleicht eine Weile dauern wird. Ist der Grund dafür, dass Du Deine Arbeit an der Serie Out-of-the-way fortgesetzt hast?

Elena Anosova: Richtig. Anfang April habe ich in Sibirien und im Mai im Hohen Norden Russlands fotografiert und meine Arbeit an Out-of-the-Way fortgesetzt.

Wie lange dauert es bis man in der kleinen Siedlung in der Nähe vom Nizhnyaya Tunguska Fluss ankommt?

Irkutsk liegt ca. fünf bis sechs Flugstunden von Moskau entfernt. Das sind ca. 5000 km. Von Irkutsk aus muss man ein Flugzeug zu einer Kleinstadt mit 11.000 Einwohnern in den Hohen Norden nehmen. In dieser Stadt muss man auf den Hubschrauber warten, der nur zweimal im Monat zu mehreren abgelegenen Ortschaften fliegt. Der Hubschrauber hat keinen Zeitplan. Der Flug dauert ein bis zwei Stunden, je nach Wetter und Anzahl der Passagiere, die zu diesen abgelegenen Ortschaften wollen. Von Mitte Dezember bis März kann man auch die Winterstraße nutzen, aber es dauert ca. 36 Stunden, wenn man ohne Pause durchfährt.

Vortrag von Elena Anosova auf dem World Press Photo Festival 2017. Foto: Nina Straßgütl

Wie fühlt es sich an, an einen so abgelegenen Ort zurückzukehren, gerade wenn man von dem belebten World Press Photo Festival in Amsterdam kommt?

In meinem Alltag führe ich eher ein zurückgezogenes Leben. Die Stille in Sibirien beruhigt mich im Gegensatz zu den lärmenden Großstädten. Ich fühle mich dort sehr gut.

Weshalb fühlst Du Dich in der Isolation so wohl? Wie bereichert es Dein Leben im Gegensatz zum Leben in den Großstädten?

Ich mag die Stille und die Geräusche der Natur sowie klare Luft und klares Wasser. An solchen Orten fällt es mir leicht meine Gedanken zu sortieren. Aber ich mag schon auch Großstädte. Dort gibt es interessante berufliche Kontakte, gutes Essen und tolle Museen. Ich halte die Kombination aus Abgeschiedenheit und Großstadt in dosierter Form für die Passendste für mich.

Inwiefern sind die Ängste, Träume, Sorgen und Wünsche der Menschen in Metropolen anders, als die Bewohner der kleinen Siedlung im hohen Norden?

Die Bewohner meines kleinen Dorfes denken viel weniger über Politik, Krieg und Wirtschaft nach. Sie hoffen, dass das Wetter gut wird und dass der Hubschrauber rechtzeitig angekommt – aber überall träumen die Menschen von Gesundheit.

Hast Du Angst, dass dieser Ort irgendwann auch von der Zivilisation und der Globalisierung eingeholt wird?

Die Zivilisation ist schon da. Bereits seit 7 Jahren haben wir dort Internet. Aber wir alle haben Angst vor den Entwicklungen der Ölindustrie, da es der Natur und den Tieren erheblich schaden wird. Alles wird sich verändern und kann und wird für immer verschwinden.

Auch in deinen Arbeiten beschäftigst Du Dich immer wieder mit den Themen Grenzen und Isolation.  Was reizt Dich daran?

Ich befasse mich schon eine Weile mit diesen Themen. Mein erstes Projekt „Section“ widmet sich der gesellschaftlichen Bedeutung von Grenzen und der Veränderungen von Wahrnehmung und Verhaltens eines Menschen, ausgelöst durch Traumata. Einige Monate fotografierte ich die Insassinnen von Frauengefängnissen in Russland. Der Impuls meines Interesses für diese Themen entstand in der Selbstreflexion meiner Jugendzeit, die ich in einem geschlossenen Rehabilitations-Internat verbracht habe. Bei „Out-Of-The-Way“ interessiert mich der einzigartige Mikrokosmos, der lediglich von den natürlichen Bedingungen beeinflusst ist und so seine Identität in der sich schnell globalisierenden Welt, bewahren konnte. Diese kleine Siedlung in der Taiga wurde vor 300 Jahren von meiner Familie gegründet. Meistens sind meine Werke auf diese Weise mit meiner persönlichen Lebenserfahrung verbunden. Ich stelle Fragen und studiere die Ereignisse, die mich selbst beeinflusst haben.

In unserer Bildredaktionsklasse sprachen wir über die Notwendigkeit einer neuen Erzählweise in der Reportagefotografie. Als wir dann über die Siegerfotos der World Press Awards diskutierten, stach „Out-of-the-way“ als ein Beispiel dafür heraus. Auf welche Weise würdest Du die Bildsprache Deiner Arbeit definieren?

Ich kombiniere gerne mehrere visuelle Zustände in meiner Arbeit. Ich überlege mir vorher genau, wie ich meine Arbeit präsentieren werde – welche Größe sollen die Drucke haben, wie soll die Installation gemacht werden, welche Buchsequenz will ich zeigen – all das ist mir sehr wichtig. Der Prozess der Ideenfindung und die Realisierung dessen ist für mich sehr befriedigend. Künstlerisch begonnen zu arbeiten habe ich als Malerin. Die klassische Malerei hat einen großen Einfluß auf meine Bildsprache. Dokumentarfilmen und Fotografie beschäftige ich mich erst seit drei Jahren und habe vor einem Jahr erst die Rodchenko Kunstschule absolviert. Ich halte meine Bildsprache nicht für einzigartig.

Wie hast Du mitbekommen, dass Du den zweiten Platz bei den World Press Awards belegt hast?

Ich habe es erst viel später herausgefunden, da ich zu der Zeit im Archiv gearbeitet habe. Diese Arbeit erfordert hohe Konzentration, weshalb ich das Handy ausschalte. Die Nachricht hat mich natürlich glücklich gemacht und kam völlig unerwartet.

Wie kam es dazu, dass Du Deine Serie bereits beim World Press Photo Award eingereicht hast, obwohl Du weiterhin daran arbeitest?

Ich arbeite ja nicht nur fotografisch, sondern mache auch Bücher, Installationen und  interessiere mich für Archivprojekte. Als ich mich allerdings für die Einreichung entschied, fand ich, dass ein Teil der Arbeit bereits fertiggestellt sei und auch unabhängig von Archiv, Video und Installation gezeigt werden kann.

Vielen Dank für das Interview, Elena!

Elena Anosova (geb. 1983) stammt ursprünglich aus der malerischen Region Baikal und lebt in Moskau und Irkutsk. Sie hat vor kurzem ihre Ausbildung in der Rodchenko Art School in Moskau abgeschlossen und bereits an einer Reihe von nationalen und internationalen Projekten und Ausstellungen teilgenommen. Anosovas Arbeit konzentriert sich zum Einen auf das Leben von Frauen in geschlossenen Anstalten mit Isolation und sozialer Stigmatisierung. Zum Anderen arbeitet sie auch mit an den Themen Grenzen, Identität und kollektivem Gedächtnis in Gebieten von Sibirien und dem Hohen Norden.

Anosova gewann bereits verschiedene Wettbewerbe, wie die World Press Awards, den World Report Award für das Dokumentieren von Menschlichkeit und Center Project Launch Grant.

Alle Fotos, bis auf Bild 1, von Elena Anosova.