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Tobias Zielony im Ateliergespräch

Vor einem voll besuchten Forum sprach Tobias Zielony über sich und seine Fotografie und warum seine Mutter in Wuppertal darauf angesprochen wird, wann ihr Sohn denn mal „schöne“ Bilder mache.

Tobias Zielony im Ateliergespräch an der Ostkreuzschule, Foto: Nina Straßgütl

Nachdem Zielony in Berlin eine Ausstellung zu britischer Dokumentarfotografie gesehen hatte, war er inspiriert für das Studium der Fotografie. Eine offene, starke Bildsprache, gepaart mit politischem Anliegen – das war sein Ziel.

In seinem ersten Studienjahr in Newport mussten er und seine Kommilitonen jede Woche eine Strecke fotografieren. Das half vor allem zu lernen auf Fremde zuzugehen und einen Zugang zu finden. Das zweite Studienjahr verlief projektbezogener und so fotografierte er zum Thema „Nacht“ seine erste Strecke „Car Park“ (Bristol, 2000): Er zog los, sein Blitz versagte, alles analog – ein Stilmittel war entdeckt. Hinzu kam der 800ASA/4-Schichten-Film von Fuji bei dem sich sehr gut Farbstiche rausdrehen liessen. So entstand als nächstes „Curfew“ (Bristol, 2001), zu Deutsch Ausgangssperre, abgeleitet von dem französischen Begriff der Pariser Polizei „Couvre Feu“ aus dem 17./18. Jahrhundert. Die Ausgangssperre in Bristol galt für bestimmte Jugendliche, die beim Autoklau erwischt worden waren.

Tobias Zielony, Cookie, 2001

Nach Newport entschied sich Tobias Zielony gegen den Fotojournalismus und für die Fotografie in der Kunst und ging zu Timm Rautert nach Leipzig.

Mit Ha Neu wurde ein Kurator auf Zielony aufmerksam und er bekam einen Auftrag: Tankstellen im Osten. Die Tankstelle als Treffpunkt für Jugendliche, ein Ort an dem sich Jugendliche nach ihren Vorbildern selbst inszenieren. Musik und Mode wie z.B. Hip Hop als globalisierte Modekultur und durchgehender Resonanzraum auf den Zielony in England, Frankeich und Deutschland stößt.

Tobias Zielony, Bohne, 2003

Alles ein wenig ähnlich, so fand er auch Parallelen in Kanada und gelangte schließlich an den Senhsuchtsort Los Angeles. Es gab wenig öffentliches Leben auf der Straße, in Downtown nur Gangs oder Obdachlose. Zielony wohnte zu der Zeit in Venice Beach. Alle Siedler zogen schon immer gen Westen, Richtung Sonnenuntergang. In Venice erlebte Zielony den utopischen Moment, wenn sich alles zum Sonnenuntergang am Strand versammelt. Zielony schuf dazu das Umkehrbild des Meeres (Ocean, 2007), eigentlich eine Referenz an den Film noir: Dunkel in der Nacht, menschenleer.

Tobias Zielony, Ocean, 2007

Tobias Zielony, The Cast, 2007

Die Menschen wohnen und schlafen neben dem Strand in ihren Autos: obdachlose Jugendliche, die vom American Dream träumen. So ist auch Skandalous eines der wichtigsten Bilder für Zielony, da man darin die allegorische Zusammenfassung einer enstprechenden Haltung zum Leben zu dieser Zeit vertreten sieht: Skandalous, eine Klamottenmarke für Jugendliche, ein klassisches Kennzeichen einer globalisierten Modekultur, die eine Geisteshaltung repräsentiert.

Der amerikanische Avantgarde-Filmemacher James Benning machte Zielony auf einen Ort namens Trona in Kalifornien aufmerksam. Ein ziemlich unbequemes Plätzchen, eine Crystal Meth Hochburg und Zufluchtsort für alle, die günstig, aber auch vor allem anonym leben möchten. Trona wurde wohl auch die einzige Strecke bei Tag von Zielony, weil das Motel in dem er eigentlich übernachten wollte, nur noch aus dem Frontteil bestand, da der hintere Teil durch einen Unfall einer Crystal Meth Küche weggesprengt wurde. Hinzu kam, dass es den einzigen Handyempfang auf dem lokalen Baseballfeld gab; so war es sogar Zielony etwas zu unheimlich und er entschied sich bei Anbruch der Dunkelheit diesen Ort zu verlassen, um am nächsten Morgen wiederzukehren.

Tobias Zielony, Dirt Field, 2008

Mit Jenny Jenny (2013) geht Zielony weg von der Straße, weg von Jugendlichen, in ein Stundenhotel in Berlin. In seiner Arbeit trifft er die Frauen, die dort arbeiten, auf Augenhöhe. Ohne Information über die Biographien der Frauen, löst er dadurch verstörte Reaktionen beim Betrachter aus. Mit den Bildern sind sie mit den Blicken der Protagonistinnen konfrontiert, ohne sich mit einfachen Erklärungen in komfortabler Sicherheit wiegen zu können. Christiane F. schwingt im Hintergrund immer ein bisschen mit.

Tobias Zielony, Jenny Jenny, 2013

Bald darauf konnte Florian Ebner Zielony für die Bespielung des Deutschen Pavillons der Biennale in Venedig (2015) mit The Citizen gewinnen. Zielony hatte vorher schon mit Flüchtlingsaktivisten gearbeitet und diese Zusammenarbeit hatte ergeben, dass es für die zurückgebliebenen Familien und Freunde der Flüchtlinge interessant wäre zu erfahren wie es tatsächlich ist, in Deutschland als Flüchtling zu leben. Es geht um eine Zirkulation der Bilder und darum bestehende Wege von Nachrichtenbildern umzudrehen: Zielony macht Bilder in Berlin und Hamburg und kontaktiert Zeitungen in Kamerun, Ruanda, Sudan, Ghana und Nigeria. Er arbeitet mit afrikanischen Autoren zusammen und seine Bilder aus Deutschland werden in afrikanischen Zeitungen gedruckt. Diese Veröffentlichungen, die Zeitungsseiten, werden neben den Bildern im Pavillon ausgestellt. Er setzte dabei nicht nur auf die Kraft der Bilder, da der Idee des Projekts vor allem ein politischer Antrieb zugrunde lag.

Tobias Zielony, The Citizen, 2015

Deutscher Pavillon, Biennale di Venezia, 2015, Foto: Manuel Reinartz

Nachdem Zielony inzwischen drei Monate in Japan verbrachte um dort zu fotografieren, fährt er demnächst zum dritten Mal nach Kiew um seine aktuelle Arbeit fortzuführen. Er selbst sagt, seine neue Arbeit interessiert sich wieder an älteren Serien und einer Konzentration auf das fotografische Bild. Er kehrt nach seiner eigenen Emanzipation zu ursprünglichen Interessen zurück und arbeitet wieder mit jungen Leuten in Kiew, wobei das nächtelange Durchmachen nicht mehr ganz so leicht fällt wie früher. Die Arbeit in der Ukraine wird auch Teil der anstehenden Ausstellung Zielonys Haus der Jugend sein, die ein größer gefasstes Werk von heute bis jetzt zeigen wird und ihren Auftakt im September in Wuppertal, Zielonys Heimatstadt, haben wird.

Mehr Infos dazu hier: http://www.von-der-heydt-kunsthalle.de/Vorschau.html

Es war eine große Freude, einen so durchdachten und doch nicht verkopften Künstler an einem schönen Abend in der Ostkreuzschule zuzuhören und zu sehen wie sich die Dokumentar- mit der Kunstfotografie so einfach und doch tiefgehend verbinden lassen. Wenn man es kann. Und einen Standpunkt hat.

 

Tobias Zielony wurde 1973 in Wuppertal geboren. Er studierte unter anderem an der Akademie der Künste Leipzig und war Meisterschüler von Prof. Timm Rautert. Zielony lebt und arbeitet in Berlin.