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„OKS-lab fragt…“

In der Serie «OKS-lab fragt…» beantworten Dozenten, Fotografen, Macher und Absolventen im Rahmen der Ostkreuzschule Fragen zu ihrer Arbeit, ihrer Beziehung zur Fotografie und Lebensart.

Wenn wir an einen Tunnel denken, kommen Gefühle und Gedanken der Enge, Dunkelheit und des Eingesperrtseins in uns auf. Massimo Branca hat sich unter die Erde in das unterirdische Tunnelsystem von Bukarest begeben, um dort eine Gruppe von Obdachlosen fotografisch zu begleiten. Brancas Bilder erzählen aber nicht von klaustrophobischen Zuständen, sondern zeigen mit Würde und Einfühlungsvermögen das Leben einer Gruppe von Obdachlosen, die sich in der Enge und Abgeschiedenheit ein zu Hause geschaffen hat. Wir trafen Massimo im Mai im Willy-Brandt-Haus in Berlin, wo seine Arbeit Inside Outside Under Bucharest zu sehen war.

OKS-lab: Warum wolltest du Fotograf werden? Wie hast du dich der Fotografie genähert? Ich nehme an, dein Studium der Anthropologie hat entscheidend dazu beigetragen.

Massimo Branca: Seit meiner Kindheit habe ich mich für Kunst begeistert, vor allem für Malerei und Zeichenkunst. Sehr früh habe ich die Fotografie kennengelernt. Mein Grundschullehrer gab uns die Möglichkeit in der Dunkelkammer Erfahrungen beim Bilder entwickeln zu sammeln. Während meines Studiums der Statistik, der zweiten Fakultät, die ich nach Visueller Kunst und Schauspiel besuchte, wurde die Fotografie für mich zu einer ernsten Sache. Damals war ich ungefähr 20 Jahre alt. Ich wollte frei sein, um reisen zu können, wollte Dinge finden, die mich in Erstaunen versetzten und die Welt mit Hilfe visueller Eindrücke beschreiben. Welches Mittel war dafür besser geeignet als die Fotografie? So ist, anders als viele denken, die Wahl Anthropologie zu studieren, die Folge der Entscheidung als Fotograf zu arbeiten gewesen. Ich war überzeugt davon, dass eine gute sozialwissenschaftliche Grundlage sowohl für die Interpretation als auch für die Darstellung anderer Kulturen als meiner nützlich sein könnte.

Aus der Serie: Inside Outside Under Bucharest

Könntest du uns genau erzählen, wie es zu dem Projekt Inside Outside Under Bucharest gekommen ist?

Das Projekt Inside Outside Under Bucharest ist eher zufällig, durch den Vorschlag meines Freundes, Igor Marchesan, zusammen Rumänien zu besuchen, entstanden. Eines Tages, als wir durch die Straßen Bukarests spazierten, sind wir auf eine seltsame Gestalt gestoßen, die sich auf nackten Füßen fortbewegte und eine mit Eisen und Ketten bespickte Lederjacke trug. Ihm folgte eine große Hundeschar. Wir haben erfahren, dass es sich um den Anführer einer Gruppe von Straßenjungen handelte. Aus reiner Neugier haben wir um Erlaubnis gebeten die Gruppe in ihrer unterirdischen Unterkunft besuchen zu dürfen. Der freundliche Empfang und die Tatsache, dass der Tunnel wie eine normale Wohnung sorgfältig eingerichtet war, haben uns bewogen länger dort zu bleiben, um die Dynamik dieses Daseins an der Grenze zur Realität besser zu verstehen.

Aus der Serie: Inside Outside Under Bucharest

Deine Fotografien sind besonders ausdrucksstark und zeigen ein sehr intimes Bild der Personen, die im Untergrund von Bukarest lebten. Wie ist es dir gelungen, dich ihnen so stark zu nähern und eine so große Empathie für die dargestellten Personen zu entwickeln? Welche Bedeutung hat die Zeit, die du mit ihnen verbracht hast, für dich persönlich?

Die gemeinsam in Ehrlichkeit und Offenheit verbrachte Zeit hat zu einer nahen Beziehung geführt. Ich bin nicht in der Lage, deutlich zwischen privatem Leben und Arbeit zu unterscheiden, vor allem wenn die Arbeit darin besteht das Leben zu beschreiben. Es hat sich nicht einfach um ein Projekt über diese Gruppe gehandelt, sondern um eine intensive persönliche Erfahrung, die mich für immer verändert hat. Am Ende habe ich das Ziel erreicht für das ich den Weg der Fotografie eingeschlagen habe: die Entdeckung immer neuer Gesichtspunkte.

Aus der Serie: Inside Outside Under Bucharest

Welche Botschaft sollten die Personen, die dein Projekt gesehen haben mit nach Hause nehmen?

Ich wünsche mir, dass der Betrachter in der Lage ist sich einen Augenblick lang in das extrem harte und am Rande der Gesellschaft liegende Leben der Gemeinschaft der „Gara de Nord“ hineinzuversetzen, ohne Mitleid oder Verachtung, aber mit  Verständnis und vielleicht mit etwas Sympathie. Ich wünschte, es wäre klar, dass unabhängig davon, wie fern eine Realität uns auch scheint, ein anderer Gesichtspunkt die Wahrnehmung der Dinge völlig verändern kann. 

Massimo Branca wurde 1985 geboren. Er studierte Anthropologie. Im Jahr 2009 gründete er Collettivo Fotosocial, eine italienische Vereinigung, die visuelles Geschichtenerzählen verwendet, um einen positiven sozialen Wandel zu bewirken. Seit 2011 arbeitet er am IRFOSS (Lehrstuhl für Sozialwissenschaften) als Lehrer und Fotograf.

Ein Beitrag von Winifred Chiocchia und Anna Merten.