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OKS-lab fragt…

In der Serie «OKS-lab fragt…» beantworten Dozenten, Fotografen, Macher und Absolventen der Ostkreuzschule Fragen zu ihrer Arbeit, ihrer Beziehung zur Fotografie und Lebensart.

Ein Gespräch mit:

Nancy Borowick, Fotografin.

Foto: Anna Merten

„Das Leben ist wertvoll, wage das Abenteuer, wage das Risiko und schätze das, was du im Leben hast. Wenn es dir nicht gefällt, ändere es!“ Nancy Borowick

In ihrer Arbeit „The Family Imprint“ begleitete Nancy Borowick ihre schwer an Krebs erkrankten Eltern bis zu deren Tod. Ihre Fotografien zeigen jedoch mehr als Tod und Krankheit. „The Family Imprint“ ist die bewegende Geschichte einer Tochter über das Leben, die Liebe und ihre Familie.

Nancy Borowicks Arbeit ist zurzeit im f3 – freiraum für fotografie in Berlin zu sehen. Wir treffen Nancy einen Tag nach der Eröffnung ihrer Ausstellung in einem kleinen Café in Kreuzberg. Sie sieht müde aus, aber sie strahlt. Nach einer herzlichen Begrüßung steigen wir ein in ein Gespräch über das Leben, den Tod und die Fotografie.

Nancy, wie war der Eröffnungsabend deiner Ausstellung gestern? 

Es war großartig! Es ging auch eine Weile und ich bin ziemlich erschöpft. Ich habe mich mit vielen Besuchern unterhalten, um zu erfahren, welche Verbindung sie zu meiner Geschichte haben. Eine Frau hat mir erzählt, dass sie das Bild meiner toten Mutter, wie sie aus dem Haus getragen wird, besonders berührt hat. Sie hat die gleiche Situation auch erlebt. Ich hatte das Gefühl, dass es ihr geholfen hat, dass sie damit nicht alleine ist. Da wurde mir wieder klar, wie sehr uns Fotografie als universelle Sprache verbindet – egal wo du herkommst und welche Sprache du sprichst. Die Ausstellung und ein Buch über meine Familiengeschichte zu machen, war die schönste und zugleich komplizierteste Erfahrung, die ich bisher mit meinen 31 Jahren erlebt habe.

Wie war es für deine Eltern fotografiert zu werden? 

Sie fühlten sich von Anfang an ziemlich wohl dabei. Sie waren es gewohnt mich mit der Kamera in der Hand zu sehen. Das war für sie kein unbekanntes Bild. Tatsächlich hatte mein Vater als erster die Idee, seine Krankheit fotografisch dokumentieren zu lassen. Meine Eltern wollten ihre Geschichte erzählen und mit anderen Betroffenen teilen. Sie hofften, dass es Leuten helfen könnte, die in einer ähnlichen Situation sind. Von daher waren beide von Anfang an ziemlich offen, was natürlich nicht selbstverständlich ist.

Bildtitel: The Embrace, Foto: Nancy Borowick

War dir und deinen Eltern von Anfang an klar, dass du die Arbeit veröffentlichen würdest? 

Nicht von Anfang an, nein. Das hat sich alles eher von alleine entwickelt. Die Idee, die Bilder zu veröffentlichen, kam letztendlich, als die New York Times mich fragte, ob sie die Bilder drucken dürfen. Ich fragte meine Eltern, was sie davon hielten und sie sagten, dass sie mich in dem was ich tue unterstützen möchten. So kam eins zum anderen. Am Anfang fotografierte ich meine Eltern einfach für mich. Ich wusste nicht, wieviel Zeit ich noch mit ihnen haben werde. Also hielt ich das fest, was wir hatten.

Hat dir das Fotografieren deiner sterbenden Eltern geholfen, mit der Situation umzugehen? 

Auf jeden Fall. Während des Fotografierens konnte ich mir über Bildaufbau und Gestaltung Gedanken machen. Das lenkte mich wahrscheinlich von der realen Situation ab. Es gab einen Moment, in dem ich ganz besonders realisierte, wie viel Schutz ich hinter meiner Kamera vor der eigentlichen Situation hatte: Ich begleitete meinen Vater ins Krankenhaus und legte meine Kamera zur Seite. Als er einen Zugang in seine Vene bekam, wurde ich ohnmächtig und erwachte einige Zeit später in einem Nebenraum. Ich fragte mich, warum das ausgerechnet jetzt passierte. Ich hatte das und ähnliche Situationen doch schon so oft fotografiert. Bis mir klar wurde, dass ich meine Kamera in dem Moment nicht vor der Nase hatte und der Situation komplett ausgeliefert war. Es war auf einmal alles in Farbe und real.

War das auch ein Grund die Bilder in schwarzweiß zu zeigen? 

Ja, ich habe die RAWs von der Kamera direkt in schwarzweiß entwickelt. Ich habe sie nie in Farbe gedacht. Für mich war damals nichts farbig. Farbe hat mir nichts bedeutet in einer Welt, in der meine Eltern sterben. Dass es auch therapeutisch war, realisierte ich, als ich das Foto meines toten Vaters im Sarg in Farbe sah. Ich musste total heulen und reagierte körperlich sehr heftig darauf. Ich hatte die Bilder meiner krebskranken Eltern und ihrer Beerdigung so oft gesehen – immer in schwarzweiss – und konnte durch diesen Filter damit gut umgehen. Die Farbfotos allerdings brachten mich sofort wieder in die Situation und das damalige Gefühl zurück. Die Fotos in schwarzweiß zu halten war also keine Entscheidung der Dramatik, sondern es half mir, sie von der Realität zu trennen.

Kannst du uns etwas über den Prozess des Editierens deiner Geschichte im Buch erzählen? Hattest du Unterstützung? 

Vor dem Buch hatte ich bereits die verschiedensten Edits gemacht. Meistens ging es dabei um eine Art „Best Of“. Als ich mich entschied, ein Buch zu machen, fing ich an, nochmal alle Bilder anzusehen, die ich gemacht habe. Auch die, die ich bisher nicht veröffentlicht oder übersehen hatte. Ich fing an, die für mich besten Bilder in die Reihenfolge unserer Geschichte zu bringen. Wenn ich Bilder sah, die das gleiche erzählten, versuchte ich, meine persönliche Verbindung zu ihnen außen vor zu lassen und mich für das stärkere Bild zu entscheiden. Das war nicht immer ganz einfach.

Irgendwann wollte ich nicht nur die Schwarzweiß-Fotografien im Buch haben. Ich wollte nicht nur das letzte Kapitel meiner Eltern dokumentieren, sondern dieses Kapitel als Teil meiner Eltern und unserer Familie zeigen. So kam die Idee, altes Familienmaterial mit einzubauen. Ich wollte kein gewöhnliches Fotobuch – ich wollte ein Familienalbum machen. Es war toll, sich durch all die alten Familienfotos, Karten, Objekte zu wühlen und dadurch herauszufinden, wer wir als Familie waren und sind. Es war ein bisschen wie ein Puzzle, das ich nach und nach zu einem Bild meiner Familie zusammenfügte.

Beim Editieren des Buches merkte ich, dass es total wichtig ist, diesen Prozess bei einem so persönlichen Projekt mit jemandem zu teilen. Ich brauchte unbedingt die Meinung und Perspektive von Außen. Deswegen fragte ich meine ehemalige Dozentin Alison Morley. Sie ist die Vorsitzende für Fotojournalismus und dokumentarischer Fotografie am ICP in New York, wo ich studiert habe. Sie kannte mich und meine Geschichte sehr gut und half mir, einen Schritt zurückzutreten und mich auf die Narration zu konzentrieren. Ich habe sehr viel von ihr gelernt. Außerdem wurde mir klar, dass meine Fotos nicht nur von meinen Eltern oder ihrer Krankheit handelten, sondern dass es eine Geschichte über eine Familie war. Mit den persönlichen Familienobjekten im Buch wollte ich den Menschen die Möglichkeit geben, meine Eltern kennenzulernen und sich ein persönliches Bild von ihnen zu machen.

Foto: Nancy Borowick

Hatje Cantz hat dein Buch letztendlich veröffentlicht. Wie frei warst du in diesem Zusammenhang mit der Gestaltung des Buches? 

Hatje Cantz war sehr offen. Das lag vor allem auch daran, dass ich das Buch über eine Kickstarter-Kampagne zu einem großen Teil mitfinanziert habe. Das hat mir erlaubt viele Ideen mit einzubringen und selbst Entscheidungen zu treffen. Die Kickstarter-Kampagne war großartig. Ich hätte nie mit so viel Unterstützung gerechnet. Sie hat insgesamt 65.000 Dollar von 740 Leuten eingebracht. Das Buch ist durch all diese Leute möglich gemacht wurden, die die Geschichte meiner Familie sehen wollten. Es ist das Buch all dieser Menschen und nicht nur meins.

Was bedeutet Fotografie allgemein für dich? 

Für mich liegt die Stärke der Fotografie darin, Gefühle zu teilen. Als universelle Sprache ermöglicht sie es jedem Menschen, eigene Gedanken und Inhalte zuzuordnen. Sie ermöglicht es, sich in Dinge hineinzuversetzen und damit hat sie auch die Kraft, Dinge und Gedanken zu verändern. Letzteres ist für mich die große Motivation immer weiter zu fotografieren. Außerdem sehe ich sie persönlich als großes Geschenk an: Ich kann Geld verdienen mit etwas, das ich liebe.

Hast du ein Lieblingsbild im Buch? 

Es gibt so viele Bilder, die ich mag. Eines davon ist das Bild meiner Eltern am Pool. Es erinnert mich daran, dass die beiden in einer Zeit, die von Stress, Krankheit und Angst geprägt war, diese kleinen schönen Momente miteinander teilen konnten. Und es zeigt mir jedes mal, wie sehr sie sich immer noch geliebt haben.

Bildtitel: The Getaway, Foto: Nancy Borowick

Ein weiteres Lieblingsbild zeigt meine Eltern während der Chemotherapie. Bei dem Bild muss ich daran denken, welche Einstellung die beiden zu ihrer Krankheit hatten. Die war sehr unterschiedlich. Meine Mutter hat ihre Krankheit als einen weiteren Punkt auf ihrer Liste betrachtet. Sie hatte einen starken Willen weiterzuleben. Mein Vater dagegen hat eher aufgegeben oder sich schneller mit dem Tod abgefunden. Er wusste, dass der Moment irgendwann kommen wird, da seine Eltern auch sehr früh an Krebs starben. Trotz der unterschiedlichen Erfahrung mit der Krankheit waren sie immer füreinander da und haben sich gegenseitig unterstützt.

Bildtitel: His and Hers, Foto: Nancy Borowick

Wir mögen die Sequenz deiner Eltern in der Küche. Kannst du uns dazu noch etwas erzählen? 

Oh ja, die ist toll! Manchmal schaue ich mir die Fotos am Computer ganz schnell hintereinander an und dann sieht es so aus, als ob meine Eltern tanzen würden. Dieser Abend war wieder ein Abend an dem es meinem Vater sehr schlecht ging. Er war so unglaublich kraftlos. Aber plötzlich fing er einfach an zu tanzen. Meine Eltern haben immer viel gelacht, aber den Lachanfall, den sie in diesem Moment hatten, war unglaublich. Ich finde es sind nicht meine besten Bilder, aber den Rhythmus und die Bewegung find ich toll und ich mochte diesen Moment sehr.

Foto: Nancy Borowick

Aus: The Family Imprint, Nancy Borowick, Foto: Jana Voigt

Was denkst du über den Tod? Hat sich deine Einstellung zum Thema Tod durch das Projekt über deine Eltern verändert? 

Auf jeden Fall. Als Kind habe ich nie wirklich über den Tod nachgedacht. Ich habe mich unbesiegbar gefühlt. Durch meine Erfahrung habe ich sehr viel über den Tod gelernt. Ich denke, ich habe heute weniger Angst vor dem Tod. Wenn ich Krebs bekomme, dann ist es einfach so. Wenn ich vom Bus überfahren werde, dann soll es so sein. Durch die Erfahrung meine Eltern zu verlieren, habe ich gelernt Glück zu erkennen und zu schätzen. Wenn man über den Tod nachdenkt, merkt man, was im Leben wichtig ist. Wenn die Heizung kaputt ist, dann ist das nervig, aber es geht nicht um Leben oder Tod. Ich habe außerdem das Bewusstsein dafür, dass die Zeit nicht unendlich ist. Mein Mann und ich haben aus diesem Grund entschieden ein Abenteuer zu wagen: Wir haben unsere Taschen gepackt und sind 8000 Meilen weiter auf die Insel Guam gezogen, dort leben wir jetzt. Es ist traumhaft schön. Natürlich schaue ich in solchen glücklichen Momenten, auch wie gestern auf der Ausstellungseröffnung, zurück und wünsche mir, dass meine Eltern noch da wären und dass das alles nicht passiert wäre. Ich versuche den Rest meines Lebens mit Bedeutung zu leben. Das Leben ist kurz. Es muss nicht gleich der Umzug auf eine Insel sein, aber: wage das Abenteuer, wage das Risiko und schätze das, was du im Leben hast. Wenn es dir nicht gefällt, ändere es!

 

Die Ausstellung „A Life in Death“ ist noch bis zum 31.5.2017 im f3 – freiraum für fotografie zu sehen. Finissage: 31. Mai, 19 – 21 Uhr

Nancy Borowick wurde 1985 in New York geboren. Sie studierte Dokumentarfotografie und Fotojournalismus am International Center of Photography in New York unter anderem bei der Ostkreuzdozentin Nadja Masri. Im Mai war sie zu Gast an der Ostkreuzschule und hat einen Vortrag über ihre Arbeit „The Family Imprint“ gehalten. Ihr gleichnamiges Buch ist im Mai bei Hantje Cantz erschienen.

Ein Beitrag von Anna Merten und Jana Voigt