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OKS-lab fragt…

In der Serie «OKS-lab fragt …» beantworten Dozenten, Fotografen, Macher und Absolventen der Ostkreuzschule Fragen zu ihrer Arbeit, ihrer Beziehung zur Fotografie und Lebensart.

Ein Gespräch mit:

Claudia Bühler, Fotografin, Studentin an der Ostkreuzschule über ihre Serie „wirf weg“.

Ein Drittel aller produzierten Lebensmittel werden durch Produzenten, Zwischenhändler sowie dem Endverbraucher weggeworfen. In den vergangenen Jahren haben sich mehrere gut vernetzte Szenen mit oftmals beträchtlichem politischem Aktivismus rund um das Thema Lebensmittelverwertung gebildet. Claudia Bühler widmet sich mit ihrer Serie „wirf weg“ dem Thema Lebensmittelverschwendung und zeigt das „Containern“ auf meist nächtlichen Supermarkt-Touren und die dazugehörige Beute.

OKS: In deiner Serie „wirf weg“ setzt du dich mit dem Thema „Containern“ auseinander. Was genau verbirgt sich hinter dem Begriff ?

Claudia Bühler: Beim Containern geht es darum, weggeworfene Lebensmittel aus Abfallcontainern zu retten. In der Regel passiert dies bei Supermärkten oder Nahrungsmittelfabriken. Die Lebensmittel werden oft aufgrund abgelaufener Mindesthaltbarkeitsdaten, Druck- oder Gammelstellen oder einfach wegen Überschuss weggeschmissen, sind jedoch oft noch gut genießbar. Die Gründe für das Containern können persönlich prekärer Natur, aber ebenso ein Protest gegen die wahnsinnige Lebensmittelverschwendung sein.

Was hat dich inspiriert eine Serie über das Retten von Lebensmitteln zu machen?

Ich selber setze mich schon seit Jahren für eine größere Wertschätzung von Lebensmitteln ein, containere aus diesem Grund auch regelmäßig und deshalb war es für mich einfach naheliegend, daraus eine eigene fotografische Arbeit zu entwickeln.

Wie bist du an das Thema herangegangen?

Das Vorgehen war simpel: Ich habe über meinen Freundeskreis und über die Sozialen Medien verschiedene Menschen angefragt, ob sie jemanden kennen, der containert und ob ich die/den vielleicht mit der Kamera begleiten darf. Ganz so einfach war es dann aber doch nicht; denn Containern tun einige, sich dabei fotografieren lassen jedoch nicht.

Zum einen führen uns deine Bilder an den Ort, an dem die weggeworfenen Lebensmittel gerettet werden und zum anderen sind die Lebensmittel als Stillleben zu sehen. Wie kam es zu dieser Idee?

Einerseits wollte ich das Containern als Aktion zeigen, andererseits aber auch ein Bewusstsein für die Normabweichungen und Schönheitsfehler von weggeschmissenen und dann geretteten Lebensmitteln schaffen. Sozusagen, um das Image aufzubessern. Deshalb sind die Stillleben mit dem cleanen weißen Hintergrund auch bewusst an die klassische Produktfotografie angelehnt.

Gibt es bestimmte Lebensmittel, die du besonders oft in Müllcontainern gefunden hast?

Brot, Brot und nochmal Brot. Und sonst bunt gemischt alles denkbare Gemüse und Obst.

Wie reagieren die Menschen, wenn du vom Containern erzählst?

Sehr unterschiedlich! Einige zeigen ehrliches Interesse, sind vielleicht eher ängstlich veranlagt, anderen steht der Ekel ins Gesicht geschrieben, sie können wenig bis gar nichts damit anfangen. Da gibt es natürlich auch noch Zwischentöne, oft abhängig von der jeweiligen Sozialisierung. Ich missioniere damit jedoch im persönlichen Rahmen auch nicht, sondern weise lediglich meine Freunde und Bekannte darauf hin, wenn ich sie gerade mit geretteten Lebensmitteln verköstige.

Hat diese fotografische Arbeit einen direkten Einfluss auf deinen eigenen Umgang mit Lebensmitteln?

Nein, denn in diesem Fall hatte wohl eher mein Umgang mit Lebensmitteln Einfluss auf die Fotografie. Ist bei mir eigentlich eine Appel-oder-Ei Frage.

Was würdest du dir wünschen, dass die Besucher aus der Ausstellung „Halt Machen“ für sich mitnehmen?

An erster Stelle würde ich mir wünschen, dass sich die Besucher Gedanken zu ihrem eigenen Umgang mit Lebensmitteln machen, da immerhin ein Drittel der Nahrungsmittel in privaten Haushalten weggeschmissen werden. Weiter wäre es natürlich sehr schön, wenn sich grundsätzlich in unserer Gesellschaft wieder ein größeres Bewusstsein für einen nachhaltigen Umgang mit unserer Ernährung entwickelt und meine Arbeit dazu vielleicht einen kleinen Beitrag leistet.

Woran arbeitest du aktuell?

Gerade stecke ich mitten in der Recherche für meine Abschlussarbeit; im Thema habe ich mich noch nicht definitiv festgelegt, es soll aber auf jeden Fall eine fotografische Auseinandersetzung mit einem politisch- und/oder gesellschaftlich relevanten Thema werden!

Die Serie „wirf weg“ von Claudia Bühler ist als Teil der Ausstellung „Halt Machen“ zusammen mit den Arbeiten von zwei weiteren Fotografen vom 13. Mai – 09. Juni 2017 im ORi in der Friedelstraße 8 in 12047 Berlin zu sehen.

Claudia Bühler wurde 1991 in St. Gallen in der Schweiz geboren. Dort kam sie neben einem Studium an der Kunsthochschule auch erstmals zur Fotografie. Seit 2015 studiert sie in Berlin Fotografie an der Ostkreuzschule. Nebenbei arbeitet sie als Aushilfe bei „RESTLOS GLÜCKLICH„, ein Verein der sich für mehr Wertschätzung von Lebensmitteln einsetzt.

Alle Fotos von Claudia Bühler.