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Ein schönes Bild – Teil 1

„Wer professionell mit Bildern zu tun hat, sollte in der Lage sein, artikuliert über diese zu sprechen. Ein Bild als “schön” zu charakterisieren, ist nur ganz am Anfang des Kurses erlaubt, denn eine der ersten Fragen, die in der Klasse Bildredaktion behandelt werden ist: Was macht ein gutes Bild und eine spannende, überzeugende Geschichte aus? Die Klasse lernt anhand eines Kriterienkatalogs Fotos zu analysieren und eine Terminologie zu benutzen, in der das Wort “schön” nicht vorkommt. Jede/r der Bildredakteur/-innen sollte ein Bild auswählen, das er/sie in dem vergangen Jahr “entdeckt” hat und begründen, warum ihm/ihr dieses Foto im Gedächtnis geblieben ist und  es ihn/sie nachhaltig beeindruckt hat. Hier ihre gedankenvolle Auswahl der Bilder und ihre aufschlussreichen Texte.“
Nadja Masri, Leiterin der Klasse Bildredaktion

Foto: Andrejs Strokins

Aus der Serie People in the Dunes, fotografiert von Andrejs Strokins. Ausgewählt von Anna Digovec.

Andrejs Strokins fängt in seiner Bilderserie People in the Dunes jene Szenen ein, die von dem Leben in Bolderāja und Daugavgrīva in Lettland übrig bleiben. Waren die zwei Stadtteile Rigas einst am Aufblühen, veränderten sich die Orte mit den Ereignissen der zwei Weltkriege und die Auswirkungen sind bis heute zu spüren. Zunächst mutet der Augenblick in dem Bild sehr idyllisch an. Man sieht dem Sommertreiben der Menschen zu. Alles scheint gut zu sein, so als hätten sich die Uhren seit der ersten Hälfte des letzten Jahrhunderts nie weiter gedreht. Inmitten eines Gewässers ragt ein Holzgerüst heraus, das die Menschen für sich gebaut haben. Man stelle sich nur vor, welche Mühen es gekostet haben muss, um die Hölzer im Boden unter Wasser zu verankern und alle einzelnen Teile fest miteinander zu verbinden. Es zeugt von Willenskraft, von Visionen und von Zusammenhalt. Die Menschen steigen hoch, helfen sich dabei. Zärtliche, Kraft bringende Gesten werden ausgetauscht. Schaut man aber genauer hin, wird schnell klar, dass das Gerüst nicht alle tragen kann und dass auch nicht jeder drauf steigt, manche wirken zögernd. Denn nicht zu übersehen ist, wie die Menschen improvisieren mussten, um das Gerüst aufzubauen – es wirkt in Teilen fragil. Und so steht das Bild vielleicht stellvertretend für das Leben der Bewohner in Bolderāja und Daugavgrīva. Eine Situation, in der die Leute nicht von der Vergangenheit loslassen und in der Geschichte stehenbleiben. Aber wiederum auch einen Schritt in die Gegenwart und Zukunft wagen, auch wenn diese ihre Kraft und Ausdauer beansprucht. Am Ende bleibt es dem Betrachter selbst überlassen, was er aus dem Bild mitnimmt: Steht es symbolisch für Aufbruch, Zusammenhalt und Zukunft oder ist es einfach nur ein „schönes“ Bild?

Foto: Mathias Depardon

Aus dem Projekt To be killed by a woman fotografiert von Mathias Depardon. Ausgewählt von Cale Garrido.

Die Region, in der dieses Bild aufgenommen wurde, kenne ich nicht. Ich erkenne sie hier auch nicht. Ich frage mich: Ist dieses Bild denn beiläufig entstanden? Die Farbigkeit, die Linien. Die Munition, die wie wertvoller Schmuck auf beiden Decken drapiert ist. Parat, jederzeit einsatzbereit. Wer wird sie nutzen? Und Wofür? Jedes Detail macht mich neugierig. Ich spüre die Hitze, Mut und Willen. Und auch wenn Fragen offen bleiben, so gibt es trotzdem Elemente in diesem Stillleben, die viel verraten. An diesem Ort kämpfen kurdische Frauen der PKK-Truppen gegen den IS, geschätzt einen Kilometer von der Frontlinie entfernt. Ich reise schon etwas länger durch das Bild, dann entdecke ich den unbedeckten Sand mit leeren Patronenhülsen, der sich der Wüste öffnet. Die Wirklichkeit: jetzt begreife ich sie. Da ist der Boden, auf dem gekämpft wird.

Foto: Frederyk Lerneryd

Aus dem fortlaufenden Projekt Slum Ballet von Fredrik Lerneryd. Ausgewählt von Miriam Zlobinski.

Schwerelos, so scheint es, heben die barfüßigen Jungen und Mädchen vom Boden ab. Einem matschigem, dunklen Grund, in dem sich die Spuren ihrer Fußabdrücke abzeichnen, während sich ihre Körper gerade und gestreckt in die Luft schrauben. Ihre wehenden bunten Shirts und Röcke verstärken diese aufsteigende Dynamik, so als ob sie nie wieder landen werden. In der Leichtigkeit des Tanzes verliert sich die Schwere des Alltags in Kibera, dem größten Slum Afrikas. Jeden Mittwoch räumen die Schüler für ihre Ballettstunde die Bänke und Stühle aus dem Klassenzimmer. Es ist ein kleiner Raum und die Kinder passen gegenseitig auf, dass jeder seinen Platz hat. Wenn ihr Tanzlehrer in den Raum kommt, gehen die Studenten in Position und platzieren eine Hand auf die imaginäre Ballettstange an der Wand. Klassische Musik ertönt aus kleinen portablen Lautsprechern und die Stunde beginnt. Ausgerechnet Ballett, ein Tanz mit so vielen Regeln, mit Disziplin und Strenge bereitet ihnen Freude. Es gibt den Schülern Halt, Hilfslinien auf einem ungewissen wie vorgeschriebenen Lebensweg innerhalb erbarmungsloser Armut. Mitten in den unendlichen Wegen des Slums geben sie diese Ausgangsposition auf und heben ab.

Foto: Armin Smailovic

Aus der Schaffensperiode am Thalia TheaterArmin Smailovic. Ausgewählt von Waldemar Salesski.

Ein Mann schwebt schwerelos durch das Wasser, während der Kopf der Frau scheinbar von oben ins Wasser ragt. Unterwasserbilder sind schon lange nichts Neues mehr, oder gar Außergewöhnliches, doch irgendwas stimmt mit diesem Bild nicht. Glaubt man auf den ersten Blick es mit einer Unterwasseraufnahme zutun zu haben, ist man nach genauer Betrachtung verwirrt, denn die Szene ist gar nicht unter Wasser. Die Wasseroberfläche ist an der Decke, der Körper der Frau ist unter Wasser, der Mann fällt von unten nach oben ins Wasser. Für einen Moment verliert man die Orientierung und im Kopf wird ein neuer Dechiffrierprozess losgetreten. Das Wasser kann nicht an der Decke sein, der Mann nicht von unten nach oben schweben und die Frau hängt auch nicht kopfüber. Eine Erkenntnis breitet sich im Bewusstsein aus, man ist der Verwirrung auf die Schliche gekommen. Während das Unterbewusstsein immer noch verzweifelt und orientierungslos im Bild gefangen ist, triumphiert stolz die Ratio – das Bild muss gedreht sein. Die Fotografie von Armin Smailovic spielt wie viele seiner Bilder mit der Wahrnehmung des Betrachters und führt spielerisch vor Augen, welche Gefahren dieses Medium in sich trägt. Die Aufnahme beweist, dass es keiner Retusche oder aufwendiger Manipulation bedarf, um den Betrachter zu täuschen, denn die Szene hat es gegeben, es ist so gewesen und gleichzeitig auch nicht. Smailovic demonstriert eindrucksvoll, dass der Wahrheitsgehalt einer Fotografie vom Fotografen definiert wird – nicht von der Realität.

Foto: Jérôme Sessini

Aus der Serie SYRIA.Aleppo, fotografiert von Jérôme Sessini. Ausgewählt von Elisabeth Jaletzke.

Zwischen Trümmern und Steinen steht ein Spiegel auf einer zweckentfremdeten Staffelei, eingefasst von einem edlen, barocken Holzrahmen. Die Szenerie erscheint absurd und irritierend, erwartet man doch ein derartiges Symbol von Schönheit vielmehr in einem Schlafzimmer als zwischen zerstörten Häusern. Auch schafft das Licht eine ruhige und warme Atmosphäre, obwohl man schnell die bittere Realität erkennt: Die Trümmer stammen von zerbombten Häusern und die noch stehenden Hausfassaden sind übersät mit Einschusslöchern. Es wird klar, dass der Spiegel hier keine ästhetische Verwendung findet, keine Frau wird sich hier ihre Lippen röten oder Rouge auf ihre Wangen auftragen. Vielmehr dient der Spiegel dazu, Scharfschützen im Hinterhalt schneller zu erkennen. Unbehagen macht sich breit. Die Vorstellung, wie viele Menschen dem Terror zum Opfer gefallen sind, löst Beklemmung aus. Diese menschenleere Straßenszene aus einer zerstörten Stadt verdeutlicht die Absurdität des Krieges.

Foto: Tadao Cern

Aus der Arbeit Comfort Zone von Tadao Cern. Ausgewählt von Claudia Konerding.

„Comfort Zone“ – so lautet der Titel einer Arbeit von Tadao Cern. Er fotografiert aus der Vogelsperspektive Menschen, die am Strand sonnenbaden. In unserem täglichen Leben versuchen wir unsere Mängel zu verbergen, sowohl physisch als auch psychisch. Wenn wir an den Strand gehen, vergessen wir diese. Wir richten dort unsere „Comfort Zone“ ein. Liegt es daran, weil alle anderen um uns herum das Gleiche tun? Die Menschen werden in einem privaten Moment gezeigt, der wiederum doch öffentlich ist. Die Stärke des Bildes liegt für mich in seiner fast liebevollen Ausstrahlung. Tadao Cern stellt seine Protagonisten nicht zur Schau, sondern lädt den Betrachter zum Entdecken und zum Nachdenken ein. Ich erkunde, wie die beiden älteren Damen sich eingerichtet haben. Ich frage mich: Wer mögen die beiden sein? Mache sie einen Mittagsschlaf? Warum hat die Dame rechts perfekt geschminkte Lippen? Wem gehört der Stock? Wem die Schuhe, die verhindern sollen, dass der Wind das Handtuch wegweht? Der Strand wird zur Comfort Zone im öffentlichen Raum, in dem wir uns mit unseren Makel so freizügig zeigen, wie sonst nur im privaten häuslichen Umfeld.

Foto: Cody Cobb

Eine Arbeit von Cody Cobb. Ausgewählt von Alba Morassutti.

Cody Cobb ist ein amerikanischer Fotograf, dessen sensibles Auge für Landschaften seine Arbeit bestimmt. Seine Fotografie versucht ein Abbild der Erde einzufangen, das unberührt von Menschenhand ist. Einen kurzen Moment des Innehaltens innerhalb der chaotischen Dynamiken der Natur. Er setzt Fotografie als therapeutischen Ausbruch aus dem Stress dieser Dynamiken ein. Seine Bildkomposition mutet an, wie die eines Malers der Romantik. Sein Blickwinkel ermöglicht ihm, eine annähernd perfekte Komposition aus Farbe und Licht zu schaffen, um die Mystik der Natur und ihre Wirkung auf die Betrachter zu schaffen. Das Bild, das ich ausgewählt habe, ist aus der „Serie Islands”, in der er Fotografien mehrerer Inseln aus der ganzen Welt zeigt. Ich habe das Bild auf Grund seiner exotischen Natur und seiner luxuriösen Farbsättigung ausgewählt. Der Pfad führt uns zum Wasser. Die zentrale Perspektive lässt Raum für das Auge, um sich auszuruhen. Das Bild verdeutlich für mich die Angst vor dem Unbekannten in uns selbst, dem Unbewusstem im Urwald und die Sehnsucht nach Frieden und Spiritualität, die vom Wasser symbolisiert wird. Es bringt mich dazu, die Welt wieder mit meinen furchtlosen Kinderaugen zu sehen, wie damals, als ich Entdeckerin spielte, die neue Welten eroberte. Für einen Augenblick bin ich wieder Robinson Crusoe. Cody Cobb hat mich mit der Natur versöhnt.

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