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Nahaufnahme

In der Rubrik Nahaufnahme stellen ab sofort und in unregelmäßiger Folge Fotografen und Dozenten der Ostkreuzschule eines ihrer Bilder vor, zu dem sie besonders viel zu sagen haben. Den sehr schönen Auftakt dieser Serie macht Sibylle Fendt mit dem Portrait „Margot“. Es stammt aus ihrer 2001 entstandenen Diplomarbeit „Uneins“.

uneins_margot

„Dieses Bild von 2001 hat eine ganz besondere Bedeutung für mich. Im Sommer 2001 begann ich mit meiner Diplomarbeit an der Fachhochschule Bielefeld. Ich wollte eine Arbeit über sogenannte Messies anfertigen. Während meiner vergangenen 5 Jahre an der FH hatte ich mich fotografisch oft mit Themen beschäftigt, in denen ich einen distanzierten, ironischen Blick auf unsere Gesellschaft warf. Irgendwie begann ich mich im Laufe der Zeit zu langweilen – und spürte immer deutlicher, dass ich nach neuen Inhalten suchte. Im Jahr 2000 hielt Gueorgui Pinkhassov einen Gastvortrag an unserer Schule und im Anschluss daran zeigte ich ihm meine letzte Arbeit „Nie Ohne Seife Waschen“ – eine Reise zu den 4 Eckpunkten Deutschlands. Er fand darin viel Traurigkeit, worüber ich mich sehr wunderte, weil ich noch nie darüber nachgedacht hatte.

Ich entschied mich also, eine Arbeit zu einem sehr schwierigen Thema zu machen, ohne zu wissen, worauf ich mich da einließ. Ich hatte bereits viel über Messies gelesen und ich hatte auch ein ausführliches Interview mit einer Frau, die sich um Messies kümmerte und die den Leidensweg aus eigener Erfahrung kannte. Ich wusste, was ich erzählen wollte, es ging mir um Themen wie Einsamkeit, Sucht, der Mensch als passives Wesen, Kapitulation, selbstzerstörerische Tendenzen usw. Ich knüpfte dann einen ersten Kontakt zu Margot, der Frau auf dem Foto. Ich stellte mich als Fotografin vor und sprach ganz offen darüber, was ich vorhatte und worüber meine Bilder erzählen sollten. Ich besuchte sie unzählige Male – nur packte ich dabei nie meine Kamera aus.

Nachdem etwa 4 Wochen vergangen waren und ich ziemlich frustriert war, rief ich meine Eltern an, um ihnen mitzuteilen, dass ich mich wieder von meinem Diplom abmelden würde, ich hätte mir ein Thema gesucht, dem ich nicht gewachsen sei. Beim Prüfungsamt erfuhr ich, dass ich noch 2 Wochen Zeit hatte, mich abzumelden. Als ich dann das nächste Mal zu Margot fuhr, nahm ich mir fest vor, wenigstens einmal zu versuchen, ein Foto zu machen. Nach etwa einer Stunde sagte ich zu ihr, ich würde nun gerne ein Foto machen. Sie meinte nur, es habe sie sowieso schon die ganze Zeit gewundert, warum ich nie fotografiere, ich sei ja schließlich Fotografin. Wir gingen gemeinsam in ihr Haus und ich entschied mich, sie im Treppenhaus zu fotografieren.

Dieses erste Bild von Margot hat meine Art zu fotografieren und den Blick auf die Dinge und die Menschen dahinter bis heute geprägt. Ich sah das Foto im Labor und verstand, dass das Portrait eines Menschen so viel über diesen erzählen kann – was ich zuvor überhaupt nicht begriffen habe. Ich hatte das Gefühl, dass sie mir durch das Bild etwas über sich erzählen wollte, was sie sich im Gespräch nicht getraut hätte. Mir wurde bewusst, wie psychologisch das Portrait eines Menschen sein kann, wie tief man mit einer Fotografie in einen Menschen blicken kann, und welch wunderbare und einzigartige Sprache die Fotografie ist. Ich lernte, dass es noch viele andere Qualitäten (außer Technik und Bildwitz etc.) eines Fotografen braucht, um ein gutes Bild zu machen. Ich entschied mich also doch dazu, meine Arbeit über Messies in Angriff zu nehmen. Diese Arbeit und der 10-monatige Prozess bis dahin waren für meinen fotografischen Werdegang, ich würde sagen, sie waren schicksalhaft.“

 

Sibylle Fendt wurde 1974 in Karlsruhe geboren und studierte Fotografie an der FH Bielefeldt. Nach Lehraufträgen an verschiedenen Hochschulen unterrichtet sie seit 2008 an der Ostkreuzschule für Fotografie in Berlin. Seit 2010 ist sie Mitglied der Agentur Ostkreuz.

www.sibyllefendt.de