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Nahaufnahme

In der Rubrik Nahaufnahme sprechen Fotografen/-innen und Dozenten/-innen der Ostkreuzschule über Bilder, die ihnen besonders am Herzen liegen. Hier verrät die Fotografin und OKS-Studentin Jasmin Wolff, wie ihre Gefühlswelt sich in ihren Bildern widerspiegelt.

Was ich fotografiere, benutze ich dazu, um Seiten meiner Verletzlichkeit ans Licht zu bringen. Ich manipuliere, transformiere und inszeniere meine Bilder, um für Evidenz meiner Emotionen zu sorgen, um sie auszuleben und schlussendlich loszulassen. Ich wage zu behaupten, dass alle meine Bilder Selbstporträts sind, denn erst wenn ich mich in dem Menschen vor meiner Kamera erkenne, drücke ich ab. Genauso bei diesem Bild. Wenn ich es mir anschaue, sehe ich nicht den Menschen, den ich letzten Sommer in Amerika kennengelernt habe, sondern was dieser Mensch in mir ausgelöst hat. In diesem Fall rede ich von einem Traum, den ich im November 2015 hatte. Zu jener Zeit stellte mir Werner Mahler die Aufgabe, das Leben eines Menschen über mehrere Monate zu dokumentieren. Doch während der ganzen Zeit habe ich eigentlich nur mein eigenes Leben anhand des Körpers eines anderen dokumentiert. Das Bild spielt mit den Grenzen zwischen Traum und Realität und mit dem Versuch, das eine in das andere fließen zu lassen, um zu verstehen, dass beide sehr wohl voneinander abhängig existieren, jedoch in der jeweiligen eigenen Form. Jedenfalls solange bis jemand kommt und das Ganze in einem Bild festhalten möchte.

learning how to die Foto: Jasmin Wolf

learning how to die, Foto: Jasmin Wolff

Seit meiner frühen Kindheit begleitet mich eine wenig verbreitete neurotische Störung; Depersonalisation. Das Gefühl, gefangen im eigenen Körper zu sein, der einem leblos, anormal und ferngesteuert vorkommt. Die gesamte Umgebung und derer Menschen, einschließlich meiner Familie und Freunden, wirken für wenige Sekunden fremd, unwirklich und künstlich. Danach wird man zurück in die „Realität“ geworfen, und das mehrmals täglich. Im Gegensatz zu wahnhaften Veränderungen der Selbstwahrnehmungen entsteht bei der Depersonalisation nie der Eindruck, dass das Erlebte der Wirklichkeit entspricht. Man ist sich in dem Moment bewusst darüber, dass die Wahrnehmung gestört ist, was alles nur noch unerträglicher macht, weil es einem das Gefühl gibt, keine Kontrolle über sich selbst zu haben. Es ist eigentlich unmöglich, dieses Syndrom einem Menschen durch Worte näher zu bringen. Als im November 2015 die Depersonalisation zu einem täglichen Alptraum mutierte, stellte ich mich ihr zum ersten Mal in meinem Leben mit Hilfe dieses Langzeitprojekts.

Wenn einen die Depersonalisation mehrmals täglich heimsucht, verliert man den kompletten Bezug zur Realität. Man hinterfragt die Existenz von allem, auch von sich selbst. Die Eine-Million-Dollar-Frage für mich war also: Was ist wirklich? Und was ist nicht? Durch die Auseinandersetzung mit solchen Fragen entstand unter anderem dieses Bild, welches bis heute mein Favorit dieser Serie ist. Zu jener Zeit träumte ich viel und intensiv. In einer Zeit wie die letzten Jahres, in der sich alles aufgelöst hatte, wo keine Beziehung zu irgendwas oder irgendwem aufrecht gehalten werden konnte, waren meine Träume einer der wenigen Bezugspunkte zu mir selbst. Ich hatte diesen einen Traum, wo ich mich in meinem Treppenhaus befand. Eine Gestalt, in schwarzer Aschenwolke umhüllt, gleitet die Treppen runter, und ich weiß, dass ich ihr folgen muss. Ich verspüre den Drang weg zu rennen, doch es geht nicht, denn ich fange an zu realisieren, dass ich diese dunkle Gestalt bin und dass die Person, die ich glaube zu sein und die ich im Traum tatsächlich bin, nur ein Schatten meines Selbst ist. Je weiter ich die Treppen runter steige, desto mehr nähere ich mich einer Wahrheit, die ich noch nicht kenne. Sie liegt im Keller. Ehe ich dort ankomme, füllt sich das Treppenhaus mit Wasser. Ich tauche und suche nach der Gestalt und finde sie vor meiner Haustür wieder, doch nun ist sie ein pochendes Herz. Ich beginne zu weinen. Das Bild handelt von diesem Traum.

Jasmin Wolff wurde 1994 in der Schweiz geboren. 2014 zog sie nach Berlin. Derzeit studiert Jasmin in der Fachklasse der Ostkreuzschule für Fotografie. 

www.jasminwolff.com