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OKS-lab fragt…

In der Serie «OKS-lab fragt … » beantworten Dozenten, Fotografen und Macher der Ostkreuzschule Fragen zu ihrer Arbeit, ihrer Beziehung zur Fotografie, zur Lebensart.

Ein Gespräch mit:

Judith Levitt – Bildredakteurin, Fotografin, Fotofilmproduzentin und Dozentin am International Center of Photography in New York. 

Judith Levitt

Foto: Andreas Obermann

OKS: Was ist Ihr Lieblingsfotofilm?
Levitt: Besonders beeindruckt hat mich der Fotofilm La Jetée des französischen Filmemachers Chris Marker aus dem Jahr 1962. An ihm kann man sehen, dass es sich bei Fotofilmen nicht um eine neue Internet-Erzählweise handelt, sondern um ein eigenes Genre, das sich im Kunstbereich entwickelt hat. Kingsley’s Crossing von Olivier Jobard war ein “Game-changer.” Als Brian Storm von Mediastorm mir den Beitrag geschickt hat, habe ich ihn mir sofort in einem Rutsch durchgeschaut, obwohl er über 20 Minuten lang ist. Jobard hat es mit seiner Erzählstruktur geschafft, mich die ganze Zeit unter Spannung zu halten.

Was macht einen guten Fotofilm aus?
In erster Linie gute Fotos. Die Bilder müssen verschiedene Aspekte einer Geschichte erzählen. Der Ton ist ein tolles Werkzeug, die Bilder zum Leben zu erwecken. Die O-Töne bringen Nuancen in die Geschichte, die Fotos alleine nicht erreichen. Zusätzliche Hintergrundtöne können die Atmosphäre noch verdichten.
 Mit Ton werden beim Zuschauer dauerhaft mehrere Sinne gleichzeitig angesprochen. Das Wichtigste ist natürlich, dass die Geschichte interessant ist und die Zuschauer fesseln kann. Wenn sich Leute zehn Minuten Zeit nehmen, um einen Fotofilm anzuschauen und sich danach unterhalten und/oder besser informiert fühlen, dann war der Fotofilm gut.

Wo schauen Sie neue Fotofilme an?
Natürlich online, beispielsweise auf der Webseite von Mediastorm oder der New York Times. Außerdem informiere ich mich, welche Multimediaproduktionen bei Picture of the Year oder bei Best Of Photojournalism gewonnen haben. Dann suche ich noch auf Homepages von Fotografen.

Wie viele Personen braucht es für eine perfekte Fotofilmproduktion?
Das ist schwer zu beantworten. Es gibt sehr gute Fotofilme, die von einer einzelnen Person produziert wurden, wie zum Beispiel Hungry von Maisie Crow. Aber wenn ich es mir wünschen könnte, bestünde das perfekte Produktionsteam aus einem Regisseur/in, einem Fotografen, einem Kameramann/frau und einem Redakteur. Dazu kämen noch Ton, Grafikdesigner und Cutter. Das ist leider wirtschaftlich völlig unrealistisch.

Was muss ein Fotograf beachten, wenn er für eine Fotofilmproduktion fotografiert?
Im Prinzip geht der Fotograf genauso vor, als wenn sie für eine Fotostrecke für ein Magazin fotografieren würde. Sie braucht am Ende nur mehr Bilder. Für einen fünfminütigen Fotofilm muss sie ungefähr 40 Fotos einplanen. Dadurch hat sie den Vorteil, dass sie die Geschichte aus mehreren Perspektiven erzählen kann. 
Anders als bei gedruckten Fotostrecken muss nicht jedes Bild als Einzelbild überzeugen oder gar ein Kunstwerk sein. Beim Fotofilm müssen die Fotos gut zusammenpassen, die die Geschichte tragen, damit der gesamte Film ein “Gesamtkunstwerk” wird.

Ein guter Fotofilm lebt durch informative und emotionale O-Töne. Wie bekommen Sie diese von Ihren Gesprächspartnern?
Ein gutes Interview zu führen, muss genauso gelernt sein, wie gute Fotos zu machen. Und dann entwickelt man noch seinen eigenen Stil – wie beim Fotografieren eben auch. Vielen Fotografen fällt das intuitiv leichter, da sie wissen, wie sie zu Menschen Vertrauen aufbauen und Vertrauen ist der erste Schritt zu einem guten Gespräch. Aber dafür gibt es kein festgelegtes Schema, das muss jeder für sich herausfinden.

Wie sieht die Zukunft der Fotofilme aus?
Keine Ahnung. Fotofilme sind ein schwieriges wirtschaftliches Modell. Am Anfang haben sie sich als Alternative zu Videos entwickelt, was heute durch schnelle Internetverbindungen nicht mehr notwendig ist. Fotofilme eignen sich sehr gut für Tagesjournalismus, da sie das Potential haben, effektiver und tiefer zu gehen als klassische Fernsehnachrichten. Mit einem guten Team ist die Production auch sehr schnell und effektiv. Ich halte Fotofime für eine starke Alternative zu flachen Videoclips im Tagesjournalismus. Aber, mal ganz ehrlich, für mich haben Fotofilme ein unwahrgenommenes Potential, Erzählerfahrungen zu schaffen die uns Fotografien in einer neuen Dimension erleben lassen.

Vielen Dank für das Gespräch!

Judith Levitt arbeitet als freie Bildredakteurin, Fotografin und Fotofilmproduzentin. Zusätzlich unterrichtet sie am International Center of Photography in New York und an der Ostkreuzschule für Fotografie in Berlin.