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Ein schönes Bild – Teil 2

„Wer professionell mit Bildern zu tun hat, sollte in der Lage sein, artikuliert über diese zu sprechen. Ein Bild als “schön” zu charakterisieren, ist nur ganz am Anfang des Kurses erlaubt, denn eine der ersten Fragen, die in der Klasse Bildredaktion behandelt werden ist: Was macht ein gutes Bild und eine spannende, überzeugende Geschichte aus? Die Klasse lernt, anhand eines Kriterienkatalogs Fotos zu analysieren und eine Terminologie zu benutzen, in der das Wort “schön” nicht vorkommt. Jede/r der Bildredakteure sollte ein Bild auswählen, das er/sie in dem vergangen Jahr “entdeckt” hat und begründen, warum ihm/ihr dieses Foto im Gedächtnis geblieben ist und nachhaltig beeindruckt hat. Hier ihre gedankenvolle Auswahl der Bilder und ihre aufschlussreichen Texte.
Nachtrag: Die Bilder von Nancy Borowick und Magnus Wennman wurden jeweils mit einem World Press Photo Award 2016 ausgezeichnet. Die Auswahl der Bilder erfolgte vor den Auszeichnungen.“
– Nadja Masri, Leiterin der Klasse Bildredaktion.

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Foto: Nancy Borowick

Aus der Serie Cancer Family, fotografiert von Nancy Borowick.  Ausgewählt von Caro Bräuer

Cancer Family ist ein Langzeitprojekt von Nancy Borowick. Es ist eine einfühlsame Arbeit über das Leben und Sterben ihrer Eltern, die beide an Krebs erkrankten. Die Fotografin begleitete erst ihre Mutter und dann beide Elternteile fotografisch und portraitierte ihren Alltag mit viel Respekt und Mitgefühl.
 Die ausgewählte Fotografie aus der Schwarz-Weiß-Serie zeigt einen äußerst vertraulichen und ruhigen Moment – eine Umarmung. Das Bild strahlt für mich eine große Intimität aus ohne dabei voyeuristisch zu wirken. In der Bildmitte erheben sich von Krankheit gezeichnete Körper in inniger Haltung. Durch gezielten Lichteinsatz strahlt die Szene viel Ruhe und Geborgenheit aus. Licht und Schatten erzeugen einen Rahmen für eine harmonische Geste der Nähe des Paares untereinander, als auch der Fotografin zu ihren Eltern. Unterstützt wird diese Verbundenheit durch geschlossene Augen beider, was in mir den Eindruck erweckt, dass die Liebe der Eltern zueinander eine sehr innige ist, die ganz und gar in der Kraft der Umarmung zum Ausdruck kommt.

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Foto: José Pedro Cortes

Aus der Serie Costa, fotografiert von José Pedro Cortes. Ausgewählt von Natascha Schaefer

Das flirrende Licht und die vor Hitze stehende Luft im Zusammenspiel mit dem verlassenen Ort erzeugen ein Gefühl von innerer Ruhe, aber auch Leere und Einsamkeit. Das Bild entstammt aus der Fotoserie Costa, die von José Pedro Cortes südlich von Lissabon in Costa da Caparica aufgenommen wurde. Dort streifte er durch die entlegene Gegend und hielt in seinen Fotografien die Stille und Menschenleere spürbar fest.
Die gleißende Helligkeit und die ausgeblichenen Farben füllen den Raum mit einer unwirklichen, irrealen Atmosphäre und versetzen den Betrachter in einen hypnotischen, leicht melancholischen Zustand. Dieses Bild zeigt die Abgeschiedenheit und Verlassenheit des Landstriches sehr eindrücklich. Der durch die Stoffe eingeschränkte Blick begrenzt die Sichtweite des Betrachters und verdeutlich damit auch das Ende der menschlichen Zivilisation an diesem Ort. Ein Ort, der in der Vergangenheit möglicherweise Sicherheit und Schutz vor Sonne, Wind und Wetter geboten hat und nun selbst schutzlos dem Zerfall und der Verwahrlosung aufgrund der Witterungsverhältnisse ausgeliefert ist.

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Foto: Clarissa Bonet/courtesy Catherine Edelman Gallery, Chicago

Aus der Serie City Space, fotografiert von Clarissa Bonet. Ausgewählt von Nadine Torneri

In der Stadt leben Menschen dicht zusammen. In Strömen treffen sie täglich aufeinander. Doch wie nehmen sie diese Begegnungen wahr? Clarissa Bonets fortlaufende Serie City Space beschäftigt sich mit dem Thema Identität im urbanen Raum.
Architekturen bieten das Gerüst, auf das sich das Schicksal der Menschen stützt. Darin gibt sich eine anonyme Koexistenz zu erkennen, in der weder Straßenzüge noch Individuen ihre Gesichter zeigen.
Die dargestellte Szene zeigt die Begegnung zweier Herren an einer Straßenecke. Am Fuß eines großen Gebäudes erkennt man das Wort “Street“ eingraviert, das den Kontext zur Großstadtlandschaft eröffnet.
Die Männer treffen sich zufällig, voneinander abgewandt, jeweils an den Rändern des Bildes. Sie kreieren hiermit eine Bildmitte, in der sich eine Bühne für eine neue Begegnung aufbaut. Licht und Schatten schaffen eine geheimnisvolle Atmosphäre: Wer sind sie? Wohin gehen sie? Die Männer im Geschäftsanzug scheinen ihren Weg zu kennen. In ihrer Routine sind sie in eigene Gedanken vertieft und sehen einander nicht.
Das gesichtslose Gebäude nimmt nun die Schattenzeichnung einer Ampel auf, die das Bild in zwei Hälften trennt. Genau in diesem Augenblick treffen auf der Straßenkreuzung zwei Existenzen aufeinander, der filmische Moment gefriert: Der Mann links scheint den Unbekannten wahrzunehmen. Und gleich schon geht es auf ihren Wegen weiter. Den beiden Fremden ziehen ihre Schatten hinterher, ausgeliefert dem immerwährenden Puls der Stadt.

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Foto: Bryan Schutmaat

Aus der Serie Grays the Mountain Sends, fotografiert von Bryan Schutmaat, vertreten durch die Sasha Wolf GalleryAusgewählt von Caroline Meyer-Jürshof

Ted lebt in einer Mienenstadt im Westen der USA. Ausweglosigkeit und Tristesse beherrschen hier das alltägliche Leben.
Die feucht glänzenden Augen, die Arbeitskleidung, das eingefallene Gesicht – das alles scheint nicht zusammen zu passen. Es irritiert. Einerseits ist da das vom Leben gezeichnete Gesicht eines alternden Mannes, andererseits ein Blick, der einem Ted sofort nahbar zu machen scheint.
Durch die Perspektive des Fotografen, der von oben auf den Porträtierten blickt, sowie den unscharfen Hintergrund, intensiviert sich der Blick. Bei näherer Betrachtung wird aber deutlich, dass Ted einen nicht ansieht, sondern in die Ferne schaut und in seinen Gedanken weit weg ist.

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Foto: Jan Grarup/laif

Aus der Serie Caught Between War and Famine, Mogadischu, Somalia, 2012.
Fotografiert von Jan Grarup. A
usgewählt von Michaela Stout

 Seit Jahren reist der dänische Fotograf Jan Grarup immer wieder nach Somalia, um das Leben in einem Land zu dokumentieren, das seit über 20 Jahren von Krieg und Hunger bestimmt wird. Sein Langzeitprojekt trägt den Titel Caught Between War and Famine – Gefangen zwischen Krieg und Hungersnot.
Mogadischu, die Hauptstadt Somalias, in der das Foto aufgenommen wurde, gilt als einer der gefährlichsten Orte der Welt. Neben Grarups Mut, immer wieder an das Horn von Afrika zu reisen und dabei exzellente fotografische Arbeit zu leisten, beeindruckt mich dieses Bild besonders auch formal.
Ein junger Mann trägt einen Hai auf seinen Schultern zum Fischmarkt, um ihn dort zu verkaufen. Sein Blick ist starr auf die Kamera gerichtet und durchdringt mich. Der Hai, von vielen als nimmersatte, menschenfressende Bestie der Meere assoziiert, wirkt hilflos – wie er da tot auf den Schultern des schmächtigen Jungen liegt. Die Ruinen im Hintergrund machen das Ausmaß des Bürgerkriegs deutlich. Mich fasziniert Fotografie vor allem dann, wenn sie mir eine andere, mir fremde, Lebenswirklichkeit zeigt. Denn ein Foto ist für mich nicht nur dann stark, wenn es formal gelungen ist. Ein gutes Bild regt Denkprozesse an und bleibt dadurch im Gedächtnis hängen. Es sollte sich dem Betrachter nicht auf den ersten Blick erschließen, sondern neugierig machen. Es soll faszinieren – meinetwegen auch, weil es grausam ist. Diese Kriterien erfüllt das Foto von Jan Grarup und macht es in meinen Augen daher zu einem „schönen“ Bild.

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Foto: Magnus Wennman

Aus der Serie Where the children sleep, fotografiert von Magnus Wennman. Ausgewählt von Tine Hutzel

Ein Mädchen liegt auf einer weißen Decke in einem Wald und schläft. Sie hat die Schuhe ausgezogen und die bunten Socken ragen über die knappe Unterlage hinaus auf den kalten Waldboden. Neben ihr liegt eine weitere, blaue Decke, unter der noch jemand gelegen haben könnte, der nun aber fort ist. Das Mädchen ist alleine.
Die Szenerie wirkt auf den ersten Blick friedlich, fast idyllisch und erinnert an Gemälde aus der Spätromantik wie z.B. Lenbachs Hirtenknaben. Bei näherer Betrachtung lässt sich aber erkennen, wie dünn die Decke ist, wie das nackte Kinderbein daraus hervorragt, man erkennt den Plastikmüll auf und neben dem Schlafplatz. Durch den Fokus auf das Mädchen verschwimmt der Wald im Hintergrund zu einem endlos wirkenden dunkel-kalten Dickicht, welches undurchdringbar und bedrohlich wirkt. Das Laub kriecht auf die Unterlage und das Gefühl von Kälte und Unbehagen in den Betrachter.
Im Gegensatz zu der täglichen Bilderflut von Motiven mit Militär, Trümmern, Toten und Verletzten zeigen Wennmans Bilder von schlafenden Flüchtlingskindern in aller Stille und Schlichtheit die ganze Wucht und den Irrsinn des Krieges und bringen ihn dem Betrachter so nahe, dass es schmerzt.