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Ateliergespräch: „Das Wichtigste ist der Augenkontakt“

Der renommierte Fotojournalist Kai Wiedenhöfer ist zu Gast an der Ostkreuzschule für Fotografie, um über sein Leben und Arbeiten zu berichten. Dabei stellt er den jungen Ostkreuz-Fotografen insbesondere sein neuestes Projekt „Forty out of One Million. The human cost of the Syrian war“ vor. 

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Kai Wiedenhöfer mit seiner Landkarte von Kobane.

Kai Wiedenhöfer ist ein bescheidener Mann. Trotz zahlreicher Auszeichnungen (darunter unter anderem der Getty Grant für Dokumentarfotografie, den Fuji Euro Press Award, den Alexia Grant, zweimal den World Press Photo Award, den W.-Eugene-Smith-Preis und die Leica Medal of Excellence) erinnert er im ersten Augenblick mehr an einen Studenten als an einen Star-Fotografen. Mit Karohemd, festen Wanderstiefeln und der Nickelbrille auf der Nase, rückt er zuerst den für ihn bereitgestellten gepolsterten Sessel zur Seite, um auf einem spärlichen Holzstuhl zum Gespräch Platz zu nehmen. Danach bittet er das Publikum mehrmals, näher zu rücken, damit er der ersten Reihe in die Augen blicken kann. Augenkontakt ist ihm wichtig. Erst dann kann der Kunsthistoriker und Ostkreuzschulen-Dozent Dr. Enno Kaufhold das Gespräch eröffnen.

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Kai Wiedenhöfer diskutiert mit Dr. Enno Kaufhold.

Der Fotograf zeigt an diesem Abend vor allem Bilder aus seinem Projekt Forty out of One Million.  Wiedenhöfer will darin jener Gruppe Gesicht und Stimme geben, die sonst keine große Beachtung in den Medien erfährt: Den Kriegsverletzten und ihrem Kampf mit den Langzeitfolgen. 2013 wurde in den Medien von 200.000 Toten in Syrien berichtet, das bedeute nach einer allgemeinen Faustregel, so Wiedenhöfer, ca. eine Millionen Verletzte. Eine Millionen, über die niemand spricht, deren Geschichten niemand kennt. Also macht sich Wiedenhöfer auf, um 40 von ihnen zu interviewen und zu portraitieren.

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Portrait aus Forty out of One Million

Die Bilder zeugen von einer großen Intimität und Nähe, die Menschen zeigen offen ihre Verletzungen, Narben und Prothesen, wobei diese nie im Vordergrund des Bildes stehen. Wiedenhöfer will die Menschen zeigen, die Persönlichkeiten, die Blicke.
Wie schaffte er es, den Menschen so nahe zu kommen? Der Fotograf spricht selbst fließend arabisch. „Aus einer Verlegenheit heraus“, so sagt er, weil ihm das Geld für ständige Übersetzter gefehlt habe, studierte er Arabisch in Damaskus. So findet man neben jedem Bild auch ein Interview des Portraitierten, das der Fotograf selbst führte und übersetzte.

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Wiedenhöfer arbeitet in einer komplexen, unübersichtlichen, verfahrenen und gefährlichen Umgebung. Er berichtet von Festnahmen durch den syrischen Geheimdienst, seiner Zeit mit Rebellen in Aleppo, den Trümmern, den  zerstörten Lebensräumen und Hoffnungen.  Seine Panoramen aus Kobanê zeigen eine Ästhetik der Zerstörung, die in Farben und Formen schön anmuten und im Inhalt Grauenhaftes offenbaren.  Auf der Landkarte der Stadt, die er für die Zuhörer auseinander faltet, sind hunderte Einzeichungen, Grenzen, Treff- und militärische Standpunkte. Man muss sich auskennen, um in diesem Wirrwar überleben zu können. Ob er manchmal Angst habe, wird er gefragt. Nein. „Ich bin mir der Gefahr bewusst, aber nicht verängstigt“. Sonst könne er diese Arbeit nicht mehr machen. Er ist ein Vollblutfotograf, der bereits seine nächste Reise plant. Wieder zurück nach Syrien.

Das Buch Forty out of One Million kann für 10€ direkt beim Fotografen bestellt werden.  (kai.wiedenhoefer@t-online.de).

Kai Wiedenhöfer geboren 1966 in Schwenningen am Neckar studierte Photographie und  Buchgestaltung an der Folkwangschule/Universität Essen und Arabisch in Damaskus. Seit 1989 ist der Naheosten sein Arbeitsschwerpunkt. Er erhielt verschiedene Stipendien und Preise, wie die Leica Medal of Excellence, den Alexia Grant für Weltfrieden und Verständigung, World Press Awards, den Eugene Smith Grant für humanistische Photographie und den Carmignac Gestion Photojournalism Award. Im Steidl Verlag veröffentlichte er 2002 „Perfect Peace“, 2007 Buch „Wall“, 2010 „The Book of Destruction“, das im Musée d´Art Moderne de la Ville de Paris ausgestellt wurde sowie 2013 Confrontier über Grenz und Separationsmauern weltweit. Im gleichen Jahr wurden zu dem Buch u. a. Panoramaaufnahmen auf der Berliner Mauer als Open-Air-Ausstellung Wall on Wall gezeigt.

Alle Bilder: Janet Riedel