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„Es war ein bisschen so, als ob ich in eine andere Welt abtauchte.“

Jane Kaimer, Absolventin der Bildredaktionsklasse an der Ostkreuzschule für Fotografie, kuratierte die Austellung Rückkehr in eine andere Zeit im Juni 2015 in der Friedenskirche der Stephanus – Stiftung in Berlin Weißensee. Der renommierte Ostkreuz Agentur Fotograf Harald Hauswald zeigte hierbei historische Fotografien aus dem Alltagsleben christlich-sozialer Arbeit in der DDR der 80er Jahre.

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Jane Kaimer, Foto: Friederike Göckeler

OKS.lab: Wie kam es dazu, dass du die Organisation und Editierung der Bilder von Harald Hauswalds Ausstellung Rückkehr in eine andere Zeit übernommen hast?

Jane Kaimer: Direkt im Anschluss an meine Ausbildung zur Bildredakteurin an der OKS durfte ich ein dreimonatiges Praktikum bei der Agentur OSTKREUZ machen. Gleich zu Beginn bekannte ich mich dort als absoluter Fan von Harald Hauswalds Fotos. Wie es der Zufall wollte, hatte die Stephanus-Stiftung in Berlin-Weißensee bald darauf kistenweise Negative von Harald Hauswald aus DDR-Zeiten wiederentdeckt und fragte an, ob eine Ausstellung dieser Fotos in ihrer frisch sanierten Friedenskirche möglich wäre. So stöberte ich während des Praktikums in hunderten Kontaktabzügen aus den Jahren 1981 bis 1990, die Harald seit dieser Zeit als Fotograf für die Stephanus-Stiftung selbst nicht mehr gesehen hatte.

Stephanus-Stiftung

Berlin-Weißensee, 80er-Jahre, DDR

Den Fotograf Harald Hauswald kann man als Chronist der DDR bezeichnen. Du hattest die Möglichkeit, tiefe Einblicke in seine Arbeit als Fotograf für die Stephanus-Stiftung zu bekommen. Wie würdest du aus deiner Sicht seine Arbeit beschreiben?

Was mich an dieser Arbeit wie auch an vielen anderen Fotoarbeiten von Harald Hauswald beeindruckt, sind die vielen Ebenen, auf denen die Fotografien wirken. Harald dokumentiert zum einen das Leben zu DDR-Zeiten. Die Fotos geben durch viele scheinbare Nebensächlichkeiten viele Informationen wider. Es sind nicht die großen Momente, in denen weltbewegende Dinge passieren, eher die kleinen Dinge im Alltag. Gleichzeitig sprechen mich die Bilder emotional an, die Menschen haben eine starke Präsenz, man spürt keine Distanz. Die Bilder wirken auf mich so, als ob er in seiner Rolle als Fotograf nicht so stark präsent ist, sondern die Fotografierten ihn vielmehr als einen von ihnen sehen und nicht als jemand Außenstehenden. Die Bilder zeigen Humor und sind obendrein grafisch großartig aufgebaut. Harald schafft es, das alles in einem Bild unter einen Hut zu bringen.

Stephanus-Stiftung

Rüdersdorf bei Berlin, 80er-Jahre, DDR

Wie war es für dich, als Bildredakteurin die Organisation und Kuration einer Ausstellung zu übernehmen? 

Während der Ausbildung zur Bildredakteurin habe ich mit der Klasse viele Ausstellungen besucht und dabei z.B. auch über die Hängung diskutiert. Aber natürlich gab es vieles, was ich erstmal nicht wusste, z.B. was die Kosten und Honorare angeht. Und: Woher bekomme ich gute Rahmen? Welche Hängesysteme gibt es? Bei welcher von den unzähligen Druckereien stimmt das Preis-/Leistungsverhältnis und welches Papier eignet sich am besten für die Schwarzweißfotografien? Dann die vielen kleinen Schritte in Photoshop, um die Bilder für die Druckerei vorzubereiten. Das sind Dinge, die ich erst in der Praxis gelernt habe. Aber das alles war absolut kein Problem, weil ich jederzeit Harald fragen konnte. Außerdem waren die Mitarbeiter der Agentur OSTKREUZ sehr hilfsbereit und haben mich super unterstützt. So konnte ich die Organisation sehr entspannt angehen. Die Hängung der Bilder haben Harald und ich uns dann gemeinsam überlegt. Harald weiß sofort, welche Bilder zusammen funktionieren und welche nicht. Aber trotzdem war ihm meine Meinung wichtig. Für mich war es eine tolle Zusammenarbeit und eine wichtige Erfahrung.

Welche Eindrücke konntest du aus der Zusammenarbeit zwischen dir und Harald Hauswald mitnehmen?

In der kurzen Zeit habe ich wahnsinnig viel lernen können. Ich fand es auch sehr bewundernswert, wie gelassen Harald alles angeht und davon habe ich versucht, mir ein bisschen was abzugucken. Er ist auch gar nicht eitel und nimmt sich selbst und seine Fotografie nicht so bitterernst wie manch anderer – das finde ich toll! Und das sieht man ja auch an seinen Fotos. Er hat eine klare Haltung, aber die zeigt er meiner Meinung nach sympathisch mit subtilem Humor, vor allem ohne sich dabei im negativen Sinne über irgendwen oder irgendwas lustig zu machen.

Stephanus-Stiftung

Berlin-Weißensee, 80er-Jahre, DDR

Wieviel Bildmaterial hattest du zur Verfügung und hast du im Vorfeld eine Vorauswahl bekommen?

Eine Vorauswahl habe ich nicht bekommen. Harald schenkte mir volles Vertrauen und ließ mich die knapp 20.000 Bilder auf 200 Bilder reduzieren. Anschließend halbierte ich dann zusammen mit Harald und Mitarbeitern der Stephanus-Stiftung diese Auswahl noch mal auf 100 Bilder, um gemeinsam zu schauen, welche Bilder für sie eine besondere Bedeutung haben. Einige der Porträtierten leben oder arbeiten heute noch in der Stiftung. Es war für die Bewohner und auch für die Mitarbeiter sehr schön und auch spannend, sich oder Freunde auf den Bildern wiederzufinden und sich an alte Zeiten zu erinnern.

Wie war das Sichten des Materials für dich, gab es Besonderheiten?  

Die Kontaktbögen zu sichten hat mir Riesenspaß gemacht. Es war ein bisschen so, als ob ich in eine andere Welt abtauchte. Harald hatte ja über viele Jahre für die Stiftung fotografiert. Es war spannend zu sehen, wie sich schon bald seine Hemmung, Menschen zu fotografieren abbaute. Am Ende sind viele sehr intime Momente entstanden. Man fühlt sich den porträtierten Menschen nahe und spürt die Atmosphäre des eingefangenen Moments. Eine Besonderheit bei diesen Fotos ist Haralds Kunst, Situationen fotografisch so einzufangen, wie ich es vorher noch nicht gesehen hatte. Maurice Weiss von der Agentur OSTKREUZ beschrieb dieses Phänomen bei einem Gespräch über die Ausstellung als etwas „Bühnenhaftes“. Beim Betrachten des Fotos beginnt man in Gedanken einen Film abzuspulen. Die Situation wird lebendig und im Kopf entsteht eine Geschichte drumherum. Die Bilder wirken nicht gestellt, sondern absolut authentisch.

Stephanus-Stiftung

Heringsdorf, 80er-Jahre, DDR

Nach welchen Kriterien hast Du die Ausstellung zusammengestellt?

Bei der Zusammenstellung war es wichtig, eine gute Mischung zu präsentieren, die möglichst viele Aspekte des Alltags in der Stephanus-Stiftung zeigt. Ob Veranstaltungen wie das Jahresfest, der eigene Wohnraum der Bewohner, Personal wie auch Bewohner/-innen bei der Arbeit sowie Einzelportraits in Nahaufnahme. Außerdem war mir die Ausgewogenheit bei der Auswahl wichtig, damit Senioren, Kinder, Menschen mit Behinderungen, Besucher/-innen sowie Mitarbeiter/-innen und Stiftungsleitung gleichermaßen gezeigt werden.

Gab es Momente, in denen du Kompromisse eingehen musstest oder gar an deine Grenzen gestoßen bist?

Es gab Bilder, die ich sehr gerne gezeigt hätte, die Stiftung aber nicht, was mir auch plausibel ist. Die Fotos waren einfach nicht für diese Ausstellung in den Räumen der Stephanus-Stiftung passend. Ich denke, das sind Momente, die Bildredakteure/-innen immer wieder erleben. Persönlich fasziniert einen das Foto absolut, aber für den Ausstellungs- oder Veröffentlichungsrahmen ist es leider unpassend.

An die Grenzen meiner Geduld bin ich nur einmal gestoßen, als ich über mehrere Tage hinweg die 200 Negative selbst eingescannt habe, weil es für meinen Zeitrahmen zu lange gedauert hätte, sie zum Scannen wegzugeben.

Stephanus-Stiftung

Berlin-Weißensee, 80er-Jahre, DDR

rdest du rückblickend auf deine Arbeit etwas anders machen?

Im Nachhinein sind mir einige Kleinigkeiten aufgefallen, die ich hätte besser machen können. Aber ich denke, das ist normal, wenn man zum ersten Mal eine Ausstellung macht. Insgesamt bin ich sehr glücklich darüber, wie alles gelaufen ist. Die Fotos sind einfach stark, von daher konnte auch nicht viel schiefgehen.

Die Ausstellung ist noch bis 31.12.2015 in der Friedenskirche der Stephanus-Stiftung zu besichtigen.

Darüber hinaus kann man sich bis zum 19.12. Bilder von Harald Hauswald in der Stillen Straße 10 in Hamburg ansehen, sowie bis zum 18.12. im Goethe-Institut Paris DDR-Fotografien der Ostkreuz-Gründer.

Jane Kaimer, geboren 1984 in Langenfeld, studierte Mehrsprachige Kommunikation an der FH Köln. Sie arbeitete u.a. für den WDR und den RBB im Bereich der Untertitelung. Nach dem erfolgreichen Abschluss ihrer Ausbildung zur Bildredakteurin an der OKS im Februar 2015, machte sie ein Praktikum in der Agentur Ostkreuz und kuratierte im Anschluss die Ausstellung „Rückkehr in eine andere Zeit“ des Fotografen Harald Hauswald. Sie arbeitet in Berlin als freie Bildredakteurin, z.B. für das Magazin me.MOVIES.

Harald Hauswald, geboren 1954 in Radebeul, ist Gründungsmitglied der Agentur Ostkreuz. Mehr als 250 Einzelausstellungen von ihm waren u.a. zu sehen in der DDR, BRD, USA, Frankreich, Schweiz, Italien und den Niederlanden. Seine Fotoreportagen sind u.a. veröffentlicht in GEO, Stern, Zeitmagazin und Das Magazin. 1997 wurde Hauswald mit dem Bundesverdienstkreuz und 2006 mit dem „Einheitspreis – Bürgerpreis zur Deutschen Einheit“ geehrt.

Dieser Beitrag ist in Zusammenarbeit mit Caro Bräuer entstanden.

Beitragsbild: Friederike Göckeler