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New York Edited. Bonds and Borders – Art Direction Raby-Florence Fofana

Die Reihe New York Edited ist eine jährlich stattfindende Kooperation zwischen der Bildredaktionsklasse der Ostkreuzschule für Fotografie und den Fotojournalismusstudierenden des International Center of Photography in New York. Die Art Direction für Bonds and Borders übernahm Raby-Florence Fofana vom Off Studio aus Berlin Kreuzberg.

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Raby-Florence Fofana, Foto: Friederike Göckeler

 

OKS-lab: Wie kam es zu der Zusammenarbeit mit den Bildredakteuren/-innen der OKS?
Raby-Florence: Über einen persönlichen Kontakt. Das ist ja oft der Fall im Bereich der Gestaltung. Hamed Eshrat, der die Illustrationen für Bonds and Borders umsetzte und mit einer der Bildredakteurinnen befreundet ist, hat mich weiterempfohlen. Er wiederrum war lange Zeit Nachbar meiner Bürogemeinschaft, dem Off Studio in Kreuzberg.

Zwölf Bildredakteure/-innen editierten zwölf fotojournalistische Abschlussarbeiten aus New York. Was hat Dich an diesem Projekt gereizt?
Ich habe vorher noch nie ein Fotobuch gestaltet, daher habe ich mich natürlich sehr auf diese Aufgabe gefreut. Vor allem auf die Herausforderung, jeder einzelnen Fotostrecke mit einem Layout gerecht zu werden, das am Ende als Einheit funktioniert.

Wie funktioniert die Kommunikation bei zwölf Bildredakteuren/-innen, aber nur einem Buch? Führt das nicht zwangsläufig zu demokratisch undemokratischen Entscheidungen?
Hahaha – also man muss sagen, dass alle echt gut vorbereitet waren. Der dramaturgische Ablauf innerhalb des Buches, in der jeweiligen Strecke selbst und die einzelnen Bildlayouts wurden ja von den Bildredakteuren/-innen erarbeitet. Ich habe hier und da Empfehlungen und vereinzelt Alternativen vorgeschlagen, von denen einige umgesetzt worden sind. Es wurden zwar viele Rückfragen zu Gestaltungsentscheidungen gestellt, aber genau hier ist es wichtig in einen produktiven Dialog zu treten. Letztendlich wurde ein Entwurf ausgewählt, von dem ich vorerst dachte, dass der in keinem Fall allen zusagen kann. Vor allem wegen der farbigen Kapiteltrennseiten. Auf Grund dieser Wahl mussten wir noch einiges ändern und teilweise Bilder herausnehmen oder versetzen, damit wir die reinen Trennseiten umsetzen konnten, die zwischen den Strecken auftauchen. Das haben wir alle gemeinsam am Beamer gemacht – Indesign-live-stream sozusagen.

Auszüge aus "Bonds and Borders"

Auszüge aus Bonds and Borders, Reihe New York Edited, Berlin und New York 2015

Mit vorgegebenem Konzept und geringem finanziellen Spielraum ein gutes Design auf die Beine zu stellen, ist das nicht gerade eine Herausforderung?
Sicher, das ist nicht immer einfach. Oft ist es so, dass man im Alltag Jobs macht, die einem durch ein gutes Budget einen größeren zeitlichen Freiraum bieten und so die Möglichkeit, eben solche besonderen Projekte mit kleinem finanziellen Rahmen umzusetzen. Anders geht es oft leider nicht – das eine Projekt finanziert dann quasi das andere mit. Es ist natürlich immer toll, wenn genügend Geld vorhanden ist, und der Spielraum was Materialität und Produktion angeht voll ausgeschöpft werden kann. Aber ich würde niemals sagen, das die Qualität vom Budget abhängig ist, eher Zeit und das richtige Engagement spielen eine große Rolle.

In vielen Redaktionen und Agenturen wird die Arbeit der Bildredakteure/-innen auf die Grafiker übertragen. Wie stehst Du zu dieser Einstellung und inwieweit hat die Zusammenarbeit mit den Bildredakteuren/-innen deinen Workflow bereichert?
Wenn ich in der Vergangenheit bei der Bildredaktion miteinbezogen worden bin, habe ich immer Neues entdecken können. Ich denke hier oft sehr grafisch und weniger redaktionell. Wie man eine gute Geschichte in Bildern erzählt, das finde ich richtig spannend – Dramaturgie, Einführung, Kontraste, Gegenüberstellungen und Assoziationen, all das geht wunderbar im Zusammenspiel von Grafik und Bildredaktion.

Hannes Wanderer, der mit seinem Verlag Peproni Books als Printexperte im Feld publizistischer Fotografie geschätzt wird, hat das Buch begleitet. Was war neu für Dich und was konntest Du dazulernen?
Ich habe über Hannes schon meine Abschlussarbeit produzieren und drucken lassen. Er ist wie ein wandelndes Lexikon — man lernt immer etwas dazu. Diesmal hat er mir ein paar kleine Tricks in Sachen Bildbearbeitung verraten.

Das indirekte Druckverfahren des Offsetdrucks ist bekannt für seine hohe Qualität, ist aber leider nur bei hoher Auflage kostengünstig. Kann man heute guten Gewissens Fotobücher digital drucken lassen?
Es gibt immer mehr hochwertige Papiere für den Digitaldruck. Man kann mittlerweile sogar Pantone-Töne digital drucken, aber das ist dann auch nicht mehr wirklich günstig. Das lohnt sich eher, wenn man einen Dummy anfertigen muss und vorab dem Kunden schon zeigen will, wie es final aussehen soll. Wenn es um Digitaldruck geht, bin ich ein großer Fan von Indigo-Druck, weil dabei die Farbe direkt ins Papier zieht. Das macht einen großen Unterschied.

Die zwölf Geschichten im Buch sind in und um New York verortet und geben subtile Einblicke in unterschiedliche soziale Milieus. Wir erfahren vom Alltag einer Drogengang in Brooklyn, stehen inmitten einer heruntergekommenen Pferderennbahn und denken beim Aufmacher dieser Strecke an eine Kirchenkapelle für Senioren. Wie wird man diesen unterschiedlichen Inhalten und Ansätzen gestalterisch gerecht?
Für mich war es wichtig, die verschiedenen Geschichten in eine Einheit zu bringen. Jeder Strecke Raum geben zu können, Schrift und Layout so einzusetzen, dass sie die Bilder unterstützen. Die farbigen Trennseiten und der von den jeweiligen Bildstrecken separierte Anfang hat vieles einfacher gemacht. Jede Geschichte bekam so ihre ganz eigene Farbstimmung, die mit der Thematik korrespondiert – außer bei der Fotografin Laura McClintock, die sich der Erinnerung und Sichtbarmachung des brutalen Mordes an insgesamt zehn Frauen in Long Island widmet, eine Entscheidung, die aus Sensibilität zum Thema und wegen des Bildformates getroffen wurde.

In allen Geschichten geht es vor allem um Grenzerfahrungen im Leben, ob physisch, psychisch oder kulturell, sie alle verbindet die gleiche Verortung. An welche Grenzen bist Du während des Projekts gestoßen?
Zum Schluss ist die Zeit etwas knapp geworden. Ich hätte gerne noch eine Woche Luft gehabt für die Produktion. Gut ist auch, wenn die Möglichkeit besteht, vor Ort zu sein. Das war einfach etwas eng bemessen vom Zeitplan her.

2013 warst Du mit Lisa Pepita Weiss Teil des Grafikteams vom Dummy Magazin NO. 38, die Gefahr-Ausgabe, aktuell hast Du gerade an dem Jubiläumskatalog für den Kunstraum Alexander Bürkle gearbeitet. Wie bedingen und beeinflussen sich Magazin und Buchdesign?
Die Dummy war das erste Magazin für Lisa und mich. Eben auch ein Gesellschaftsmagazin, kein Fanzine. Unser Fokus lag auf der Lesbarkeit und auf dem sorgfältigen Umgang mit der inhaltlichen Thematik. Natürlich wollten wir auch zeitgenössisch damit umgehen, ein Magazin dokumentiert ja den Moment, eben die Zeit, in der es erscheint. Viele Beiträge in der Gefahr-Ausgabe waren tragisch, traurig und sehr berührend – da muss man eine gewisse Feinfühligkeit im Umgang mit Inhalten entwickeln. Ein Buch ist viel mehr Objekt als ein Magazin. Man geht hier auch anders an den Inhalt heran, nimmt sich anders Zeit im Vergleich zum Magazin. Ich würde aber sagen, dass viele Magazine oder besser Fanzines heute auch immer objekthafter werden was die Komplexität, die Ausstattung und die Formate angeht. Es gibt auch viele Bücher, die ein magazinhaftes Erscheinungsbild haben. Hier sind die Grenzen fließend geworden.

In der dokumentarischen Fotografie gilt der gewählte Ausschnitt eines Bildes als individueller Ausdruck des Fotografen und ist unantastbar. In der Magazinwelt, darf geschnitten und vergrößert werden, damit es zum Layout passt. Wie denkst Du darüber? 
Ich denke, dass dies in jedem Fall abgesprochen werden muss, das kann ja auch ein sehr wesentlicher Punkt des visuellen Gesamtkonzeptes sein. Daher total notwendig. Aber ich glaube, dass hier auch oft Eitelkeiten eine Rolle spielen. Auf beiden Seiten. Und hier gilt es meiner Meinung nach, immer das umzusetzen, was am besten funktioniert und das Ziel unterstützt. Es kommt auch darauf an, ob es sich um eine Bildstrecke handelt oder eben einen Beitrag, zu dem Bilder gesetzt werden. Ich finde es gut, wenn man produktive Dialoge und Diskussionen führen kann.

Die Form folgt dem Inhalt. Diese Regel gilt vor allem beim Fotobuch-Design, um der eigentlichen Kunst und dem narrativen Element Raum zu gewähren. Es darf sich nicht gegen die Bilder stellen. Traditionsbrüche erschaffen aber auch neue Ansätze, oder ist diese Regel unantastbar?
Grundsätzlich denke ich, dass Regeln durchaus in Frage gestellt werden können, es kommt einfach darauf an, wie und zu welchem Zweck dies geschieht. Das kann ja auch ein konsequentes Mittel sein, wenn es der Sache dient. In jedem Fall sollte ein Konzept auf den Inhalt eingehen, aber hier gibt es auch tausend Möglichkeiten. Erstmal geht es um die Auseinandersetzung mit dem Content und was dieser vermitteln soll. Daraus ergibt sich dann wieder die Form. Hier ist man sicher noch etwas freier, wenn es sich um Kunst oder Fotobücher handelt. Ich finde es aber auch anstrengend, wenn ich etwas in der Hand halte, das ich nicht lesen kann, weil die Gestaltung dem Inhalt einen riesigen Mantel übergestülpt hat. Ohne Sinn und Zweck. Aber das merkt man doch recht schnell, wenn etwas gar nicht funktioniert und nur Effekthascherei ist.

Gibt es in deiner Arbeit bestimmte Design-Maximen, die Du immer wieder anwendest?
Produziere viel! Ich habe mir angewöhnt, zu Beginn viele Ideen und Konzepte zu skizzieren und das möglichst frei dann nochmal zu hinterfragen: Was funktioniert wirklich? Was dient der Sache? Oft wird das auch noch mit Kollegen diskutiert. Dann siebt man aus, finalisiert die Auswahl und zeigt dem Kunden nur das, von dem man wirklich überzeugt ist.

Hast Du Vorbilder, Lieblingsbücher auf dem Gebiet des Buchdesigns?
Eine Freundin von mir schenkte mir einen Katalog, den sie zufällig auf der Straße fand. Ich fasste auf Plexiglas mit fetten Schrauben, die Bindung glich einem Teppichmusterbuch, robust, präsent und schwer. Jahre später entdeckte ich, dass er als kleiner Schatz der Buchgestaltung gilt. Eine aufwendige Produktion mit einer Vielzahl von Materialien und visuellen Tiefen: Naturpapier, Kunststoff, Siebdruck auf Folie. Es stammte aus der Sammlung Ludwig im Wallraff-Richartz-Museum in Köln von 1969 mit dem Titel Kunst der sechziger Jahre. Ein unglaublich schönes Objekt.
Ein herrlich merkwürdiges Kinderbuch fällt mir noch ein, das mein Neffe damals zu Weihnachten geschenkt bekommen hatte und ich mich ganz neidisch den ganzen Weihnachtsabend damit verkroch. 1002 Bilder, Bildgeschichten, Rätsel, Fotos, Gedanken, Zahlen, Hasen, Elefanten, Gedichte und Geschichten für Kinder von 1982. Komplett in schwarzweiß auf ganz leichtem Papier produziert — sehr einfach, aber stimmig. Und in jedem Fall nicht nur für Kinder ein Erlebnis, vielleicht sogar etwas düster, aber auf eine gute Art.

Auszüge aus Kunst der Sechziger Jahre, Sammlung Ludwig, Köln 1969

Auszüge aus Kunst der Sechziger Jahre, Sammlung Ludwig, Köln 1969

Ist eine gelungene Gestaltung vielleicht eine Art Rettung für das Fotobuch oder wird das Buch der Zukunft hauptsächlich digital sein?
Ich glaube es wird immer beides geben. Digital gibt es unzählige Umsetzungsmöglichkeiten mit tausenden von Ebenen, die auch alle gleichzeitig funktionieren können und die sich fern ab vom statischen Buch bewegen. Ich glaube nicht, dass hier eine wirkliche Konkurrenzsituation entsteht. Es wird immer Neues geben, das das Alte weiter entwickelt. Aber ein Buch in der Hand zu haben, ein Buch als Objekt, ist immer noch ein ganz anderes Erlebnis.

Vielen Dank für das Gespräch.

Raby-Florence Fofana ist in Berlin geboren und aufgewachsen. Sie studierte Grafik- Design an der freien Hochschule für Kunst und Design in Freiburg im Breisgau. Ihr Praxissemester verbrachte sie in Barcelona bei der Agentur Twopoints, mit der sie anschießend an verschiedenen Projekten zusammengearbeitet hat. 2012 übernahm sie mit Lisa Pepita Weiss die Art Direction der Dummy (Ausgabe Gefahr). Sie arbeitet als freie Grafikerin in Berlin in den Bereichen Buchgestaltung, Illustration und Corporate Design.

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Hamed Eshrat, geboren 1979 in Tehran, studierte Visuelle Kommunikation an der Kunsthochschule Berlin Weißensee und an der Massey Universität in Wellington Neuseeland. Er arbeitet als Designer, freischaffender Künstler und Autor in Berlin. In seinem ersten Buch „Tipping Point – Téhéran 1979″ befasste er sich in Form einer grafischen Novelle mit dem politischen Umbruch im Iran der 1970er Jahre aus der Sicht seiner eigenen Familie. Sein Comicbuch „Venustransit“ erscheint noch in diesem Jahr.

Hier geht es zur Webseite von Hamed.