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New York Edited. Bonds and Borders – Theo Zierock im Interview

Das Fotobuch New York Edited. Bonds and Borders  ist ein Gemeinschaftsprojekt der Bildredaktionsklasse der Ostkreuzschule in Berlin und der Fotojournalismus-Studierenden des International Center of Photography (ICP) in New York. Es erschien am 14. Februar 2015. „Aqueduct – Temple of Luck“, fotografiert von dem aus Südtirol stammenden Theo Zierock, ist eine der Geschichten darin. Der Fotograf interessierte sich für die von der Schließung bedrohte Pferderennbahn namens Aqueduct im Stadtteil Queens. Dort begleitete er die meist älteren Besucher und Spieler in ihrem Rennbahnalltag.

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Ein Buchmacher läuft über den Paddock, um eine Wette zu platzieren.

 

OKS-lab: Die wohl bekannteste aller Städte ist stets die prominente Themengeberin für eure Abschlussarbeiten am ICP und damit auch für unsere Fotobuchreihe New York Edited. Theo, Du selbst wohnst nun seit über einem Jahr in New York. Könntest Du versuchen, diese besondere Stadt mit wenigen Worten zu charakterisieren?
Theo Zierock: Für nahezu alles vereinigt New York beides in sich, das Beste und das Schlechteste. Hier schert sich niemand sonderlich um so etwas wie die Bewahrung von Werten und Geschichte, alles dreht sich um Innovation, um Begriffe wie Neunutzung und Modernität. Man kommt sich wie in einem Traum italienischer Futuristen vor: permanente Fluktuation, überall Maschinen, Lärm und Beschleunigung. Die Stadt ist extrem fordernd und bereichernd zugleich; sie macht süchtig. Sie bietet kaum Platz für alte Menschen. Wer hier nach etwas sucht, ist ebenfalls am falschen Ort gelandet: es gibt einfach zuviel Auswahl. Leute, die wissen, was sie wollen und das möglichst schnell, sind hier dagegen bestens aufgehoben. Man lernt schnell und altert dafür auch schnell. In dieser Stadt geht es um Gelegenheiten, Erfahrung zählt wenig. Es ist einfach brutal und alles im stetigen Fluss. Es ist der letzte Ort auf der Welt, an dem Du obdachlos sein möchtest.

Wie kam es zu Deinem Interesse für Aqueduct, dieser traditionsreichen, aber ziemlich abgehalfterten Pferderennbahn in Queens? Spielte da auch der Wunsch eine Rolle, der Schnelllebigkeit der Stadt etwas entgegen zu setzen und noch einmal einen Ort zu zeigen, der vielleicht sehr bald nicht mehr existieren wird?
Ich hatte mich schon seit Jahren mit Rennbahnen auseinandergesetzt und wollte ein neues Thema – nichts, was mit Spielern und Pferderennen zu tun hatte. Denn eigentlich ist das ganze Ding mit den Wetten nie eine besondere Leidenschaft von mir gewesen. Aber dann, unmittelbar vor der Weihnachtspause, bin ich mehr oder weniger über diesen Ort gestolpert, als ich dabei war, für den Weihnachtsurlaub die Heimreise nach Italien anzutreten. Der Flughafen JFK liegt nämlich sehr nahe an der Rennbahn. Und dort konnte ich kaum glauben, wie sehr sich das, was ich zu sehen bekam, von meinen bisherigen Erfahrungen unterschied. Jeder hier erschien mir wie ein waschechter New Yorker. Woher auch immer diese Leute ursprünglich stammten, ob sie nun chinesische, karibische, europäische oder arabische Wurzeln hatten, alle hatten sie unheimlich viel gemein. Sowas hatte ich zuvor noch nie in New York gesehen. Normalerweise versuchen die Menschen hier immer, möglichst individuell und speziell zu sein, aber auf der Rennbahn kümmerte es keine Sau. Weil man dort nicht mehr wirklich etwas zu verlieren hatte, waren die Leute wieder ganz sie selbst. Aqueduct war also keine bewusste Wahl von mir, ich wurde vielmehr von Aqueduct ausgewählt.

Der Belmont Park oder Saratoga, die zwei deutlich glamouröseren Rennstrecken im Raum New York, haben Dich aber nicht weiter interessiert, wieso?
Belmont öffnet im Mai, Saratoga sogar erst im Juli-August: Ich konnte beide Strecken daher schon rein zeitlich für unser Abschlussprojekt nicht fotografieren. Später war ich aber dort und habe auch fotografiert, dabei jedoch gemerkt, dass es nicht interessant für mich ist. Die Welt ist herrlich in Belmont und hübsch in Saratoga. Beide Orte haben ungefähr soviel mit der Realität zu tun wie Disneyland. Es sind Vergnügungsparks, wo Leute zwar auch Geld verlieren, danach aber trotzdem mit ihrer Familie nach einem schönen Tag nach Hause zurückkehren.

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John und Billy besprechen ihre schief gelaufenen Wetten, während Anthony das Rennprogramm studiert. Italo-Amerikaner stellen eine der größten ethnischen Gruppen auf der Rennbahn, die ethnisch so gemischt ist wie die Stadt selbst. Jede der Gruppen bleibt meist unter sich.

 

„I love these beasts more than my wife“. Dies ist nur eines von vielen Zitaten aus Gesprächen, die Du auf der Pferderennbahn gesammelt und auch aufgezeichnet hast, als Du mit der Zeit einige der Stammgäste immer besser kennengelernt hast. War es schwer für Dich, vor Ort zu fotografieren und vor allem an die Besucher, die Spieler, heranzukommen?
Ja, das war anfangs wirklich sehr schwierig. Fotografieren ist nur außerhalb des Grundstücks erlaubt, und ich war der einzige junge Typ im Gebäude. Sie haben mich nicht gemocht. Die ersten drei Wochen warfen sie mit Plastikflaschen nach mir oder mit ihrem Ticket, wenn sie gerade verloren hatten. Besonders die Jamaikaner riefen sofort die Sicherheitsleute, sobald sie mich bemerkten. Zu der Zeit habe ich ohne jede Erlaubnis drinnen Bilder gemacht, bin aber dabei nie erwischt worden, da die sogenannten „Peacekeeper“ selbst viel zu sehr mit ihren Wetten beschäftigt waren und schon recht alt sind. Hätten sie mich gekriegt, hätten sie mich wohl einmal verwarnt und beim zweiten Mal rausgeschmissen. Vorbeugend brachte ich daher nur kleine, unauffällige Kameras mit und hab mich währenddessen von Jamaikanern und der Security fern gehalten. Sie verweigerten mir eine Akkreditierung, weil ich nicht im Auftrag einer wichtigen Agentur oder Zeitung unterwegs war (…als ob die ihrerseits irgendjemanden hierher geschickt hätten.) Nach einem Monat begann sich dann alles zu ändern: Ich war ständig auf der Rennbahn und freundete mich deshalb mit den Angestellten und Aufpassern an. Mit etwas Hilfe bekam ich schließlich volle Zugangsrechte von der NYRA (New York Racing Association). Außerdem begannen die Spieler über mich zu reden: Ich war dort, um zu bleiben und nicht bloß so ein Eindringling an den Wochenenden. Sie fingen an, mich zu mögen und gaben mir Hinweise für gute Wetten (während des gesamten Projekts habe ich vielleicht 10 Wetten plaziert, und bei einem Einsatz von circa 20 $ an die 250 $ Gewinn gemacht). Von ihnen bekam ich so auch Hintergrundinformationen über die Rennbahn und die Leute vor Ort. Ich durfte ihre Gespräche aufzeichnen. Im Gegenzug fragten sie mich dann nach Neuigkeiten aus den Ställen und von der Koppel, zu denen sie keinen Zutritt hatten, ich aber schon, weil ich ja jetzt die Akkreditierung hatte. Für alle war ich dort nur „Paesano“ oder „Giovanni“ – keine Ahnung wieso.

Woraus glaubst Du hat sich eigentlich deine Leidenschaft für die Fotografie entwickelt?
So genau kann ich das gar nicht sagen. Wahrscheinlich, weil sie sich von den Voraussetzungen her einfach sehr gut mit meinen Stärken deckt: unabhängig zu sein, und gut in stressigen Situationen improvisieren zu können zum Beispiel, oder auch, in der Lage zu sein, verschiedene Themenfelder wie Politik, soziale oder ökonomische Zusammenhänge verstehen und einordnen zu können. Dann auch der Umstand, mich nicht in der Einsamkeit unwohl zu fühlen sowie verschiedene Sprachen zu sprechen. Das ist sicherlich nur eine ganz persönliche Aufzählung von Gründen. Denn tatsächlich ist es doch so, dass sich die Fotografie von ganz unterschiedlichen Persönlichkeitstypen ausüben lässt. Die einzige Voraussetzung, die man mitbringen sollte, ist, eine visuelle Person zu sein. Diese Begabung kannst du dann überall zum Einsatz bringen, egal, was deine Interessen im Einzelnen auch sein mögen.
Einen großen Teil meiner Kindheit habe ich allein bei meinem Vater verbracht, was im Endeffekt allerdings allein mit mir selbst zu sein bedeutete. Als Beschäftigung beobachtete ich deshalb ständig andere Menschen, versuchte ihr Verhalten und ihre nächsten Schritte zu verstehen. Das war mein Spiel im Kampf gegen die Langeweile. Dabei begriff ich, dass du deine Meinung über eine Situation oder eine Person binnen einer Sekunde zum Ausdruck bringen kannst, und dieser kurze Moment einmalig ist. Erwischt man den richtigen Moment, der diese Beobachtung verstehbar macht und gleichzeitig vermittelt, wie du dabei gefühlt hast, dann hast du deinen Job gemacht. Es steht nicht unbedingt im Vordergrund, ob der Rest der Welt das nachvollziehen kann. Aber wenn es dazu kommt, dann fühlt sich das gleich doppelt so großartig an.

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Ein Mann schaut aus dem Fenster im Erdgeschoss von Aqueduct, nachdem er gerade eine Wette verloren hat.

 

Hast Du vor deiner Zeit am ICP bereits professionell mit Fotografie zu tun gehabt?
Nicht wirklich. Sobald ich das Abitur in der Tasche hatte, bin ich nach Zürich gezogen, um Politikwissenschaften zu studieren. Seit dem Gymnasium war Politik meine Leidenschaft, aber nicht, um Politiker zu werden, sondern um besser verstehen zu können, wie die Politik mit all ihren Einflüssen funktioniert. In 2010 habe ich dann ein Praktikum bei AFP (Agence France-Press) in New York gemacht und erstmals professionellen Kontakt zur Fotografie bekommen. Die zahlreichen Einblicke und Möglichkeiten zur Beobachtung, die ich dort bekam, haben meine Zukunftspläne entscheidend geprägt. Zurück in Zürich habe ich für die Unizeitung gearbeitet und bin dort bald Bildchef geworden. Ich blieb dort für zwei Jahre und lernte immer mehr über Fotografie und fotografierte auch stetig selbst. Währenddessen habe ich Espressos in einem Café zubereitet, um mir ein paar gute Objektive leisten zu können. Ich lernte, Fotoprojekte zu realisieren, die über das, was für das journalistische Tagesgeschäft einer Zeitung erforderlich ist, hinausgehen. Ich schrieb mich daraufhin am Fachbereich für Fotogeschichte ein, studierte aber weiterhin auch Politik, der nach wie vor mein Hauptinteresse galt. Als mein ganz persönliches Projekt verbrachte ich jeden Sommer meinen Urlaub damit, in ganz Italien den Niedergang der Pferderennkultur zu verfolgen und zu dokumentieren, um zu sehen, wie unterschiedlich stark die Rennbahnen landauf landab betroffen waren. Als ich schließlich meinen Abschluss hatte, waren bereits die meisten Rennbahnen, die ich fotografiert hatte, aufgrund der wirtschaftlichen Krise geschlossen. Die Zeitung La Repubblica veröffentlichte meine Arbeit, und ich entschloss mich, bei Paolo Verzone (Agence VU) in Paris zu assistieren. Hinterher begleitete ich den Fotografen Patrick Russo kurz vor den Wahlen nach Bangladesch, um zu begreifen, was es konkret bedeutet, sich als Photojournalist mit politischen Themen auseinanderzusetzen. Kurz danach hat es dann auch schon mit meiner Bewerbung für das Jahr am ICP geklappt.

Auch im Hinblick auf Aqueduct als ein relativ frisch abgeschlossenes Projekt, meinst Du, Du hast mittlerweile so etwas wie eine spezifische oder auch individuelle fotografische Arbeitsweise entwickelt?
Bei meiner fotografischen Arbeit versuche ich sehr oft Sachen nachzugehen, die sich im Zerfall befinden, die gerade dabei sind, für immer aus der Welt zu verschwinden und einer letzten Dokumentation bedürfen. Ich versuche, mit einer gewissen Distanz und mit Respekt zu fotografieren und den unmittelbaren Kontakt zu den Protagonisten zu begrenzen. Ich möchte sie lieber möglichst in ihrer normalen Umgebung belassen und ihre Gefühle, die sie gegenüber dem Ort haben, zum Ausdruck bringen. Ich fühle und fotografiere eher wie ein Außenseiter. Ich bin ein rationaler Voyeur. Ich maße mir nicht an, mal eben für zwei Wochen in den Alltag von Menschen zu schlüpfen, um dann so zu tun, als ob ich nun verstünde, wie sie sich in ihrer Haut fühlen. Ich halte lieber etwas Abstand. Ich bin ruhig.

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Spieler stehen auf, um der zur Mittagszeit gespielten Nationalhymne ihren Respekt zu bekunden.

 

Ein besonderes, um nicht zu sagen ikonographisches Bild gelang Dir, als Du eine große Gruppe von Rennbahnbesuchern frontal in einem Saal fotografiert hast, der an einen Tempel oder eine Kirche erinnert. Das Bild zeigt diese Menschen, wie sie andächtig der Nationalhymne lauschen und dabei auch ihren Respekt zeigen. Wie kam es zu diesem Bild?
Das war an einem Wochenende. Ich kam auf der Bahn an, bevor die Rennen begonnen hatten. Auf einmal kündigten die Lautsprecher die Nationalhymne für zwölf Uhr mittags an. Den Grund dafür weiß ich bis heute nicht. Als es dann soweit war, stand mit einem Mal jeder auf, um seine Achtung zu bekunden. Wie absurd, dachte ich. Niemand hier mag eigentlich die Regierung, die Behörden oder gibt was auf Nationalstolz. Aber alle standen sie auf. Da bin ich rumgerannt und fotografierte für 30 Sekunden, bevor es auch schon wieder vorbei war. Ich fragte nicht um ihr Einverständnis, und es störte auch niemanden bis auf einen offenbar sehr patriotischen Spieler, der es nicht akzeptieren konnte, dass nicht auch ich den Vereinigten Staaten meinen Respekt zollte.

Lässt sich eigentlich für Dich nach der Beschäftigung mit Aqueduct so etwas wie eine Erkenntnis oder Essenz aus der Beschäftigung mit dem Rennbahnleben ziehen?
Im Leben kommt es größtenteils aufs Glück an. Gewinner und Verlierer trennt kein rationaler Grund. Das Glück wechselt beständig die Seiten. Einige Typen auf der Bahn machten ein Vermögen und verschwanden, andere spielten ebenso und verloren…Sie sind heute noch da.

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Elektronische Wettschalter, die nach einem langen Renntag bereits geschlossen sind, während auf den Bildschirmen noch auswärtige Rennen übertragen werden.

 

Zunächst veröffentlichten die online-Plattform emerge, dann die New York Times und schließlich wir deine Bilder zu Aqueduct. Geht es bei Dir jetzt weiter mit Geschichten von der Rennbahn oder steht ein Themenwechsel bevor?
Pferderennbahnen haben mich stets automatisch angezogen, und ich gehe davon aus, dass mich diese Welt auch weiterhin beschäftigen wird. Zudem findet man kaum einen Ort ohne Pferdekultur. Die Menschen mögen Wettkampf, Kraft, Schnelligkeit. Und Pferde waren nun einmal die einzigen Formel-1-Wagen für Jahrtausende. Wo auch immer es mich hinzieht, werde ich stets nach Hippodromen fragen. In Kuba bin ich im Dezember mehrmals auf illegale Rennen gestoßen, teilweise in unfassbaren Szenarien. In Kingston, Jamaika, soll es scheinbar auch eine beeindruckende Strecke geben, auf die mich meine Freunde in Aqueduct hingewiesen haben. Das wäre definitiv eine Reise wert! In den nächsten Jahren werde ich mich jedoch den politischen Geschehnissen im Mittelmeerraum widmen. Es ist an der Zeit für mich, meine Heimat neu kennenzulernen.

Wir dürfen also gespannt sein. Theo, ich danke Dir für das Gespräch! [Das Gespräch wurde schriftlich geführt. – Anm. d. Red.]

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Theo Zierock, Foto: Jacobia Dahm

Theo Zierock, geboren 1990, wuchs in Südtirol auf. Er studierte Politikwissenschaften in Zürich. Während seiner Ausbildung am ICP in New York im Jahr 2014 erhielt er das George and Joyce Moss-Stipendium und nahm am Eddie Adams Workshop teil. Gerade erfährt auch seine jüngste Serie „esperando“, welche das schon paradigmatische Warten an kubanischen Bushaltestellen zeigt, die Aufmerksamkeit der Medien.

Hier geht es zur Webseite von Theo (u.a. mit einem Videoclip zu „Aqueduct-Temple of Luck“).