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Nahaufnahme

In der Rubrik Nahaufnahme sprechen Fotografen und Dozenten der Ostkreuzschule über Bilder, die ihnen besonders am Herzen liegen. In diesem Teil der Serie erzählt Hannes Wiedemann die Geschichte seines Bildes. Es zeigt einen Mann mit einem Moskitonetz über dem Kopf.

Foto: Hannes Wiedemann

„Hochsommer, am Ende meines ersten Studienjahres: Am frühen Morgen stand ich auf dem Vorfeld des Flughafens Duschanbe, mein erster Eindruck galt der dicken, erdigen Luft, die auch nachts nicht leicht wird. Die folgenden Wochen im Gebirge waren dazu bestimmt, eine Herausforderung für meine Sinne zu werden. Die Luft wird zunehmend dünn, die Nächte werden kalt, der Himmel tiefblau.
Nur wenige Straßen führen durch den Pamir, einem Hochgebirge in Zentralasien, das die Hälfte der geographischen Fläche Tadschikistans einnimmt. Sie waren der Stolz der Sowjets – heute fahren auf ihnen Lastwagen aus China, Taxis, sowie die Fahrräder und Motorräder der Reisenden aus dem Westen.

Einen Monat lang lag das Land zu meiner Linken, die Flussgrenze zu Afghanistan und der Hindukusch zu meiner Rechten. Ich bewegte mich wesentlich langsamer als in Europa und folgte dem Rhythmus der dort lebenden Menschen. Für eine eingehende Unterhaltung mit ihnen reichten meine Sprachkenntnisse jedoch nicht aus. So blieb mir Zeit zum Fotografieren und Nachgrübeln. Die Frage, die ich aus Europa mitbrachte, lautete: Wird es mir möglich sein, irgendetwas zu erzählen, was über mich selbst hinausweist, was mehr ist als ein Starren aufs Fremde?

Die ersten Bilder zeigen Details – nebensächlich, oberflächlich. Die Reisenden, die mich umgaben, boten zwar ein naheliegendes Thema, doch erschien mir das als Ausweichen vor der eigentlichen Herausforderung. Unverhofft fand ich meinen Zugang und meine Inspiration nach einigen Wochen an einem Ort tief im Gebirge: Wir fuhren durch die Hochebene auf ein Dorf zu, in der Hoffnung, einen Platz in einer der Unterkünfte zu finden, die zu dieser Jahreszeit oft belegt sind. Als wir an den ersten Häusern vorbeifuhren, merkte ich sofort, dass ich bleiben und fotografieren musste. Auch hier würde ich wohl keine ‚Geschichte‘ finden können, doch musste ich bleiben und schauen. Ich fand mich auf einer Bühne wieder, wo nur Oberflächen, Kulissen und Statisten zu sein schienen – zum Staunen genug. Denn der Fremde war ich, alles kehrte sich um, die Landschaft und die Menschen schauten mich an.

Noch am Abend und am darauf folgenden Tag fotografierte ich die Häuser, sprach die Menschen an, machte Porträts von einzelnen Dorfbewohnern, von Kindern, von einer Familie. Den Mann mit der Sense traf ich morgens, er war auf dem Weg ins spärliche Grün, um Futter fürs Vieh zu holen. Kurz nach diesem Porträt löste sich durch die Hitze ein winziger Tropfen Öl in der Mechanik meiner Kamera und verklebte den Verschluss. Ich bemerkte den Defekt nicht sofort und fotografierte zunächst weiter. Analoge Technik stirbt langsam – vier Belichtungen auf dem Film sind noch zu erahnen, da ich schnell weitergespult hatte. Einige weitere Bilder gab es nur als Anblick im Lichtschacht, ich kann mich noch an sie erinnern.“

Hannes Wiedemann wurde 1991 in Hof geboren. Derzeit studiert er Fotografie in der Fachklasse der Ostkreuzschule.

http://www.hannes-wiedemann.de/