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„Ostkreuz – Agentur der Fotografen“ ein Film von Maik Reichert

Maik Reichert ist Fotograf, Filmemacher und Dozent an der Ostkreuzschule. Er hat über Jahre mit seiner Kamera die Agentur OSTKREUZ begleitet. Am Sonntag den 5. Oktober 17:35 Uhr zeigt Arte seine 52 minütige Dokumentation Ostkreuz – Agentur der Fotografen (Produktion: nachtaktivfilm mit rbb/arte). Aus diesem Anlass trafen wir uns für ein Interview.

Foto: Julian Röder Maik Reichert in Seoul G20 Gipfel 2010

Maik Reichert in Seoul, G20 Gipfel 2010, Foto: Julian Röder OSTKREUZ

Man hat Dich über Jahre bei fast jeder OSTKREUZ-Veranstaltung getroffen. Wie lange hast Du die Agentur OSTKREUZ begleitet?
OSTKREUZ habe ich seit Sommer 2009, also jetzt insgesamt fünf Jahre begleitet. Tatsächlich wurde ich sehr schnell zu den Veranstaltungen eingeladen, eigentlich sofort. Gleich im August 2009 habe ich bei der wichtigen OSTZEIT-Ausstellung gefilmt, Aufbau, Fotos, Besucher und Interviews. Und bei der Finissage saßen Sibylle Bergemann, Harald Hauswald, Thomas Hoepker und Ingo Schulze auf dem Podium im HKW. Großartig! Für mich bleibt unvergessen, wie Sibylle sagte: „Wir wohnten zuerst im Hinterhof in eineinhalb Zimmern und wir haben zehn Jahre lang jeden Abend Besuch gehabt. Wirklich! Ich glaube kein Abend war frei. Und wir haben immer über Fotografie geredet! Hauptsächlich…“ Die Zuschauer lachten. Ja, ich finde es wichtig, sich in sein Thema richtig reinzuarbeiten! Und die OSTKREUZ-Fotografen haben es mir mit ihrer Art sehr leicht gemacht.

War Dir von Anfang an klar, dass Du einen langen Film aus dem Material schneiden willst?
Nein. Tatsächlich habe ich das Projekt aus Neugierde und Eigeninteresse begonnen. Das heißt 2009 war ich noch Student an der TFH, der heutigen Beuth Hochschule, Berlin. Damals wollte ich eigentlich nie wieder Film machen. Lieber fotografieren! Mein Professor für Dramaturgie Titus Faschina und der Kameramann Bernd Fischer haben aber großen Anteil an dem Ganzen. Ihre damalige Aufgabe im Film-Seminar hieß: Dokumentiert das Gebiet um (den S-Bahnhof) Ostkreuz. Und ich dachte: super Gelegenheit, weil super Vorwand! Innerhalb meiner Hochschule sagte ich dann: OSTKREUZ ist doch auch Ostkreuz. Und gegenüber der Agentur konnte ich sagen: Ich habe einen Auftrag! Ich bin Filmstudent! Das Filmen war zunächst nebensächlich. Ich wollte aus nächster Nähe erfahren, wie diese Fotografen ihre Bilder machen. Denn die kannte ich aus Magazinen. Die kleinen OSTKREUZ-Credits an den Bildrändern waren mir öfters aufgefallen. Ich mochte ihre Fotos.

Wie viel Material hattest Du am Ende?
Es sind über 100 Stunden. Für mich sagt diese Zahl nicht viel aus. Vielleicht sind „100 Stunden Material“ zu abstrakt?! Mehr sagt mir die Anzahl der Drehtage. Es müssen insgesamt etwa ebenso viele Tage gewesen sein, an denen ich mit OSTKREUZ unterwegs war. Das war immer richtig spannend und das habe ich auch zweifellos bewusst so erlebt! Ich hatte auch viel gute Unterstützung bei der Umsetzung. Betty Fink und Werner Mahler haben irgendwann gesagt: „Jetzt mach das doch mal zu einem ´richtigen´ Film!“ Bisher hatte ich aus dem Material mehrere „Filmchen“ geschnitten – so hießen meine kurzen Videos in der Agentur. Dieser Impuls hat geholfen. Meine Großeltern haben auch in den Film investiert. Die Reise mit Julian Röder nach Seoul, Südkorea, hätte ich mir ansonsten nicht leisten können. Wichtig dafür, dass am Ende wirklich ein Film entstand, waren meine beiden Produzenten Brigitte Kramer und Jörg Jeshel, die vor allem selber Filmemacher sind und das Medium kennen und lieben. Natürlich meine Editorin Bettina Blickwede, die ich-weiss-nicht-wie-viele Stunden gesehen und gesehen und immer wieder gesehen hat. Und immer so begeistert! Last but not least war auch Dagmar Mielke (rbb/arte) von Anfang an voll für diesen Film und tat, was sie konnte, für mich. Ich würde jetzt gern noch mein ganzes Team aufzählen und weiter danken, weil Film Teamarbeit ist. Sprengt jetzt den Rahmen, oder? Naja ihr guckt einfach den Film bis ganz zum Schluss und lest die Credits.

Was waren die Kriterien, nach denen Du die Protagonisten ausgesucht hast? 
Am Anfang habe ich mir viele Fotos und Fotoserien aller Fotografen der Agentur angesehen. Zu jedem Fotografen oder jeder Serie fiel mir spontan mindestens eine Frage ein. Ich hatte einen Zettel mit Namen, Fragen und ganz vielen Notizen – den Zettel habe ich heute noch. Ich wusste: 18 Fotografen kann ich nicht ernsthaft um ein Interview bitten, also alle auf einmal! Ich habe dann versucht, die Fotografen in jünger-älter und nach persönlichen Themen und Stilen zu sortieren. Aus jeder „Gruppe“ sollte einer dabei sein. Dann habe ich die Agentur kontaktiert, mich vorgestellt und um Interviews gebeten. Ich wollte zu Beginn mit den jüngeren anfangen, weil ich natürlich noch nicht genügend gute Fragen für die älteren Fotografen hatte. Mein erstes Interview mit Harald Hauswald war erst Ende 2012. Da fühlte ich mich dann einigermaßen angemessen vorbereitet.

Du bist auch selbst Fotograf, wie war es für Dich, die Kamera auf so viele teils sehr renommierte Fotografen zu halten?
Zur Beruhigung dachte mir: Ich muss ja nicht deren Bilder machen! Normalerweise sind Fotografen natürlich hinter der Kamera und eher kamerascheu, aber ich war wohl erträglich. Was geholfen hat, war meine Neugier. Ich wollte einfach irgendwie dabeisein. Sicher war gut, dass ich immer mit einer kleinen Kamera und im kleinen Team gefilmt habe. Teilweise war sogar zweimal der gleiche Kameratyp im Einsatz: einmal als OSTKREUZ-Fotokamera und einmal in meiner Hand als Filmkamera. Auch das war von Vorteil. Meine Technik war den Fotografen vertraut.

Wenn man so viel Zeit miteinander verbringt, entsteht ein sehr enges Verhältnis. Hattest Du mal Angst, am Ende einen Werbefilm über OSTKREUZ zu drehen?
Angst vor einem Werbefilm? Nein. Anfangs ging es mir vor allem um ihre Fotos, und die bewerben sich ja bereits selbst sehr gut, in den Ausstellungen und Veröffentlichungen. Aber mit der Zeit wurde mir klar, dass ich gerade die Herangehensweise und die Werte der Fotografen teile. Für Ute Mahler zum Beispiel ist die „klassische Fotografie der Ausgangspunkt“ und damit meint sie auch „eine humanistische Fotografie“. Für mich ist das eine Fotografie, welche aufrichtig, respektvoll und mit Haltung entsteht. Dafür mache ich doch sehr gern Werbung! Für was denn sonst? Also falls Werbung, dann für diese Mitmenschlichkeit. Bei OSTKREUZ wird engagiert und mit vollem Einsatz gearbeitet. So habe ich das erlebt. Die Fotografen sind sich im Idealfall gegenseitig sowohl Kritiker als auch Inspiration. Die Möglichkeit der Auseinandersetzung wird vielleicht erst mit so einem Kollektiv geschaffen. Es begeistert und reisst mit und das kann so gern auch in meinem Film transportiert werden.

Du hast mit der Canon Mark II (5D) gedreht, wie kamst Du zu der Wahl?
Sie war die Kamera, die 2009 oder 2010 „meinen Blick“ am ehesten abbilden konnte. Ich habe mit der 5D (dem Vorgänger der 5D Mark II) viel fotografiert. Wie bereits gesagt, sie ist recht klein, den Fotografen vertraut und kann vielleicht sogar auch ihre fotografische Sicht simulieren. Viele sagten mir, dass das keine richtige Filmkamera sei und dass man damit auf keinen Fall dokumentarisch arbeiten kann. Alles ist immer so lange unmöglich, bis es jemand einfach macht.

Maik Reichert arbeitet als freier Fotograf und Filmemacher. Er studierte Elektrotechnik an der TU Berlin, Fotografie an der UdK Berlin sowie Audiovisuelle Medien/Kamera an der Beuth-Hochschule für Technik Berlin. Von 2006 bis 2009 war er als Kameraassistent tätig, 2006 absolvierte er ein Praktikum als Fotografieassistent bei Anke Jacob. Seit 2009 recherchiert er für die Dokumentation „Ostkreuz – Agentur der Fotografen“. Maik Reichert lebt in Berlin.

www.maikreichert.com

www.arte.tv/guide/de/050786-000/ostkreuz-agentur-der-fotografen